Einsortiert unter: Mal sehen, Geschichten | Schlagwörter: Überraschung, Wasser, Stadt, Handy, Tag, Freund, Angestellte, Hand, Chef, Bier, Menschen, Mann, Hauptstraße, Ekel, Kopf, Auto, Unfall, Alter, Geschichte, Wege, Weg, Boden, Haus, Müdigkeit, Straße, Sorgen, Schritte, Opfer, Fahrer, schauen, Thema, Wind, atmen, Anhänger, Vogel, Deutsch, Schlimmste, Uhr, Tour, Lokal, Hintereingang, Besitzer, Tunnelblick, Gestalten, Nachts, Alkis, Drogis, Crazy, heile Welt, Kranke, Verlogenheit, Theke, Feierabendbier, Abmarsch, Lage, Anhöhe, Auffahrt, Verkehrsspiegel, Benutzung, Stelle, Wette, Vogelkönig, Minivan, Asphalt, Telefon, Junky, Nazi, Hurensohn, Afrika, Afrikaner, Blut, Bewusstsein, Hans Meiser, Horrorstories, innere Blutungen, Halswirbel, Knochenbrüche, indoktriniert, Sanies, Telefonat, Wäsche, blöd, Polizei, Feierabend, drei, Beamte, Hergang, Geschehen, Unterkunft, Befehl, Helfer, Regeln, Herren, partout, egal, Verhalten, Sauerei, regelwidrig, verantwortungslos
Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir vor einigen Jahren passiert ist. Es war gut vier Uhr morgens und ich war ebenso gut mit Bier betankt. Am Ende meiner nächtlichen Tour besuchte ich noch eines dieser Lokale, die man nach vier nur noch über den Hintereingang betreten kann. Natürlich muss man dazu den Besitzer kennen, aber ich kenne eh jeden…
Mein Tunnelblick erfasste einige Gestalten, denen man besser nicht des Nachts begegnen möchte. Es waren die üblichen Alkis, Drogis und Crazys, die ich leider ebenso schon kannte. Wer Menschen liebt, scheut die heile Welt der wirklich Kranken. Aber nichts zum Thema “Heile Welt” und deren Verlogenheit, da ich ja eine andere Geschichte erzählen möchte.
Nun, ich setzte mich an die Theke, plauderte mit Cheffe und seiner Angestellten und trank mein Feierabendbier. Nachdem mich die Müdigkeit dann doch überzeugt hatte, meinen anderthalbstündigen Abmarsch anzutreten, verabschiedete ich mich und ging nach draußen.
Ich muss kurz die Lage des Lokals beschreiben: Es befindet sich auf einer kleinen Anhöhe und ist direkt über eine steile und unüberschaubare Auffahrt mit der Hauptstraße verbunden. Ein Verkehrsspiegel ist zwar angebracht, aber selten in Benutzung… Zumindest könnte man das meinen, da an dieser Stelle immer wieder kleinere Unfälle passieren.
Mit lahmen Schritten ging ich also diese Auffahrt hinunter. Der Tag war bereits angebrochen und die Vögel zwitscherten energisch um die Wette: “ich bin der Vogelkönig, twiet twiet!”, “schnauze, ich bin der Vogelkönig, twiiiiet” und so weiter. Als ich die Hauptstraße sehen konnte, bot sich mir ein Bild des Schreckens.
Ein Minivan mit Anhänger stand mitten auf der Straße, dahinter lag ein Mann auf dem Asphalt. Der Fahrer hatte eines dieser kabellosen Telefone in der Hand und redete aufgeregt hinein. Der regungslose Mann am Boden war ein stattbekannter Junky, der mich schon als Nazi, Hurensohn und was weiß ich beschimpft hat und aus Afrika stammt.
Ich scheue Unfälle, aber wenn man damit konfrontiert wird, muss man den Ekel überwinden und helfen. Also ging ich zu dem Afrikaner und schaute ihn an. Er blutete leicht an der Hand und am Kopf. Überwinde den Ekel! Ich beugte mich zu ihm runter um herauszufinden, ob er bei Bewusstsein war. Er atmete noch, aber er reagierte nicht auf mich.
Ich fürchtete das Schlimmste und da ich von Hans Meiser mit Horrorstories über innere Blutungen und Knochen- (Halswirbel-) brüchen indoktriniert wurde, wollte ich auf die Sanies warten, bevor ich womöglich noch etwas kaputt machen würde.
Derweil beendete der Fahrer sein Telefonat und kam zu mir. Er erklärte mir, dass der Afrikaner bereits auf dem Boden lag, als er mit dem Auto ankam. Wie als hätte dieser gehört, dass über ihn gesprochen wurde, stand er plötzlich kreuzfidel neben mir und hörte dem erschrockenen Fahrer aufmerksam zu. Ich denke, ich habe bei dieser positiven Überraschung genauso blöd aus der Wäsche geschaut wie der Fahrer.
Wir überredeten den Afrikaner, zu warten, bis die Polizei eintraf. Dies war nicht einfach, da er zwar deutsch sprach, aber trotzdem nicht verstand, warum der arme Fahrer total durch den Wind war. “Alles ok, alles ok! Ich geh in Stadt.”.
Währenddessen kam die Angestellte zum Feierabend die Auffahrt herunter und ließ sich von mir über alles aufklären. Sie ging nochmals zurück und holte Wasser für uns drei. Dann kam die Polizei. Die Polizei, das waren zwei Beamte mittleren Alters, kannte das vermeindliche Opfer bereits und befragte ihn zum Hergang des Geschehens. Dem Fahrer wurde versichert, dass er wegen nichts belangt werden konnte und sich keine Sorgen mehr machen musste.
Dann traten die Beamten auf mich zu. Sie erklärten mir, wo der Afrikaner seine Unterkunft hatte. Dann stiegen sie ins Auto ein und befahlen mir, den Mann gut nach Hause zu bringen. Mein Freund und Helfer fuhr einfach davon. What!? Das verstößt gegen die Regeln, meine Herren!
Der Afrikaner wollte partout nicht heim und mir war es ehrlich gesagt auch egal, da er wieder fit zu sein schien und ich derjenige war, der gerne heimwärts begleitet worden wäre. Also ging er weiter in die Stadt und ich begleitete ihn, bis sich unsere Wege trennten… Um auf dem langen Weg nicht einzuschlafen, rief ich mir immer wieder das verantwortungslose und regelwidrige Verhalten der Polizei in den Kopf. Sauerei, nicht wahr?
Einsortiert unter: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: Anfrage, Angebot, Arbeit, Aufmerksamkeit, Augen, Auswahl, Bezeichnung, Code, Discounter, Elektro-Discounter, Empfänger, englisch, Entwicklung, Erinnerung, Freund, Geräte, Glück, Hände, Hoffnung, kompetent, Konversation, Kopf, Kundschaft, Lautsprecher, Lächeln, lernen, Missverständnisse, MP3, MP3 Abspielgeräte, MP3 Player, MP3-Spieler, mysteriös, Niveau, PC, Portable Entertainment, Regale einräumen, Schlagwort, Selbstbescheidenheit, Sender, Service, stupide, Suchaufwand, Suchen, Triumpf, Vakuum, Verkaufsraum, Verkaufsraummitarbeiter, Verkäufer, Videokammeras, Vokabular, Weg, Zeigefinger, Zweifel
Vor ein paar Tagen war ich zu Gast in einem großen planetaren Elektro-Discounter, um mit einem Freund Lautsprecher für seinen PC zu kaufen.
Während er die Auswahl begutachtete, machte ich mich auf die Suche nach Abspielgeräten für MP3-Musik. Jetzt sind diese Discounter ja so rießig und verfügen über ein so breites Angebot, dass ich mir den Suchaufwand sparen und einen der kompetenten Verkaufsraummitarbeiter nach dem direkten Weg fragen wollte.
Gesagt getan ging ich zum Erstbesten hin und stellte ihn mit einem freundlichen “Entschuldigung, können Sie mir kurz sagen, wo ich MP3-Spieler finden kann” zu Rede und Antwort. Der Mann war sofort bereit dazu, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. Jedoch bemerkte ich schon an einem Blick in seine knopfrunden Augen, dass sich bei meiner Anfrage nur ein Vakuum in seinem Kopf bildete.
Also wiederholte ich schnell meine Frage, um peinliche Stille und eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: “Wo sind denn die MP3-Spieler?”. Weiterhin verdutzt dreinblickend wiederholte er bruchstücksweise meine Anfrage: “MP3-Spieler?”. Woraufhin ich das Niveau unserer Konversation hielt, indem ich sagte: “Ja! MP3-Spieler.” Sein Blick wurde jedoch keineswegs klarer. Seine Hände wurden feucht und sein Kopf begann, sich hilflos im Verkaufsraum zu orientieren. Ich wiederholte also nochmals das Schlagwort, in der Hoffnung, dass ihm dann die Erinnerung an diese kleinen, mysteriösen Geräte zum Abspielen von MP3-Dateien kommen würde.
Doch von Mal zu Mal schien er ahnungsloser. Was war los? Hatte ich etwa das unheimliche Glück, an einen Mitarbeiter zu geraten, der die letzten zehn Jahre verschlafen und die rasante Entwicklung auf dem Portable-Entertainment-Markt versäumt hatte? Aus reiner Selbstbescheidenheit heraus, begann ich den Fehler bei mir zu suchen. Und siehe da: Was, wenn ich das falsche Vokabular benutzt hatte? Sollte ich besser nach einem “MP3-Player” fragen?
Also tat ich, wie mir mein Zweifel befahl und wiederholte die ganze Ansage noch einmal, dieses Mal aber, mit der englischen Bezeichnung für MP3-Spieler. Und siehe da, der überforderte Mitarbeiter begann sich zu beruhigen, sammelte sich und gab mir mit gestrecktem Zeigefinger und einem typisch überheblichen Verkäufer-Lächeln die Antwort: “Da hinten, gleich neben den Videokammeras!”.
Ich lies ihm den Triumpf und begab mich zu besagter Stelle, während er sich wieder, wie als wäre nichts geschehen, der stupiden Arbeit des Regaleeinräumens widmete. So lernte ich an diesem Tag im Elektro-Fach-Discounter zwei Dinge: A) Sender und Empfänger bedürfen des gleichen Codes und 2. Englisch sprechen und verstehen sind zweierlei Dinge und last-but-not-least IV. Der Service solcher Discounter ist, wie immer, nett, allumfassend und allwissend, wenn da nur die dumme Kundschaft nicht wäre.
Einsortiert unter: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: Alkohol, Alkoholiker, alleinerziehend, Angst, Anwesende, arm, Ärmere, Bambusstock, blond, Boden, Dackel, Dackelwelpen, Eltern, Entschuldigung, Familie, Fehler, Freund, Gebrüll, Geisterhand, Geruch, Geschwister, Gestank, Geständnis, Großkotz, Haare, Handlungen, Haus, Häuschen, Hilflosigkeit, Jahr, Kerlchen, Kindergarten, Kontakt, Lachen, Liebe, Lopf, Minusgrade, misshandeln, Misshandlung, Mutter, quicklebendig, Rassismus, rassistisch, Raucher, reich, Revolver, Säber, schimpfen, schlagen, Schläge, Schmerzen, Schreie, Schuldgefühle, Sofa, Sozialhilfe, spielen, Stimmung, Stock, Straßenkreuzung, Türke, Temperatur, Tochter, Tränen, trinken, Vater, Verantwortung, verstört, Vorderlader, Waffen, Waffennarr, Weinen, Wohnzimmer, Wohnzimmerwand, Zigarettenrauch
Als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war, hatte ich einen guten Freund, dessen Familie und er in einem winzigen, heruntergekommenen Häuschen direkt an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung wohnten. Der Vater war starker Alkoholiker, Raucher und Waffennarr. An der Wohnzimmerwand hiengen allerlei Revolver, Vorderlader, Säbel und andere Waffen. Ob die Mutter auch trank, weiß ich heute zwar nicht mehr, aber ich gehe davon aus. Sie war ruhig und zurückhaltend, aber immer sehr nett zu mir. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob die Eltern gearbeitet hatten.
Ich wusste schon damals, dass diese Familie zu den Ärmeren gehörte und ich fühlte mich oft ein bisschen fehl am Platz, da ich mir wie ein “Großkotz” vorkam. Wobei man dazu sagen muss, dass meine alleinerziehende Mutter uns drei Kinder zu Anfang auch nur mit Sozialhilfe durchbrachte. Vielleicht war es aber allein die Liebe, die sie uns gab, die mich im Gegensatz zu dieser Familie reich erscheinen ließ.
Insgesamt waren es drei Geschwister. Die älteste Tochter, mein Freund und der kleinste, ich denke sein Name war Dennis. Alle drei lagen ungefähr ein Jahr auseinander und der Jüngste war damals ungefähr vier Jahre alt. Ein quicklebendiges Kerlchen mit großem runden Kopf, blonden Haaren und einem wirklich sehr ansteckenden Lachen.
Eines Tages war ich also bei meinem Freund und wir spielten mit den Dackelwelpen, die im Wohnzimmer gehalten wurden und deren Geruch, vermischt mit Zigarettenrauch und dem fahlen Gestank von Alkohol das ganze Haus einnahm. Es war wohl ungefähr zwei Uhr, als der Jüngste nach Hause kam. Der Vater begann sofort zu schimpfen: “Wo kommst du jetzt her?”. “Vom Kindergarten.”, antwortete der Kleine. Die Stimmung fiel plötzlich wie von Geisterhand gedrückt bis unter den Boden, obwohl niemand der sonstigen Anwesenden seine Handlungen unterbrach oder sich dem Streit zuwandte. Der Vater lies nicht locker und so stellte es sich dann heraus, dass der Kleine nach dem Kindergarten noch mit einem türkischen Freund spielen war, was dem Vater besonders übel aufstieß, “Ich habe dir gesagt, nicht mit dem Türken!”.
Als dieses Geständnis unter Tränen endlich raus und die Temperatur im Wohnzimmer und den Körpern der Anwesenden auf Minusgrade gesunken war, zog der Vater einen Bambusstock hinter dem Sofa hervor und befahl meinem Freund, mit mir in den oberen Stock zu verschwinden. Wir gingen hinauf und wandten uns anderen Dingen zu.
Von unten drangen Schreie nach oben. Schmerzen, zugeführt mit einem Bambusstock. Weinen. Gebrüll. Weitere Schreie. Mein Freund spielte weiter. Ich erinnere mich nur noch, dass ich verstört war und nicht anders reagieren konnte wie er, indem auch ich einfach unberührt weiter spielte. Ich weiß, dass wir beide nur “spielten” weiterzuspielen. Ich habe nie jemandem davon erzählt!
Viele Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass der Vater gestorben war. Heimlich, still und leise hat sich der dumme rassistische Sack der Verantwortung entzogen. Genauso heimlich, still und leise habe ich nach diesem Erlebnis den Kontakt zu meinem Freund abgebrochen. Es war zu viel für mich. Zu viel von dem, was mir Angst machte. Zu viel Hilflosigkeit. Zu viele Schuldgefühle. Weil ich wusste, dass es falsch war, aber nicht wusste, was ich zu tun hatte.
Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte es daheim erzählen sollen. Ich hätte es melden sollen! Es ist zu spät für eine Entschuldigung.
Einsortiert unter: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: Abnormalität, Art, Chance, charmant, Charme, Ekel, Frankreich, Franzose, Frau, Frauen, Freund, Fuß, Insurance, kennenlernen, Kind, naiv, Naturell, Schuh, Socken, Sympathie, Urlaub, Versicherung, Zeh, Zehe, Zehen
Vor etwas mehr als zehn Jahren war ich mit einem Freund im Urlaub in Frankreich. Wir schlossen schnell Kontakte zu gleichaltrigen Leuten und so lernte ich einen jungen französischen Mann kennen, der an seinem rechten Fuß sechs Zehen hatte. Zwischen dem kleinen Zeh und dem “Ringfinger”-Zeh stand noch ein Zeh hervor.
Abends, wenn wir Frauen kennen lernen wollten, saß er bei uns. Er war groß, dunkelhaarig, hatte braune Augen und war seinem Naturell entsprechend sehr charmant. Die Frauen unterhielten sich sehr gerne mit ihm und liesen sich von seiner freundlichen Art fesseln. Nachdem er so spielend leicht ihre Sympathie gewonnen hatte, zog er seine Schuhe aus. Dann die Socken. Während er das tat, redete er von einer Überraschung, von einem lustigen Ding, und strahlte über beide Wangen, wie ein kleines Kind. Die Frauen waren natürlich sehr gespannt und verfolgten seine ungewöhnliche Tat mit regem Interesse.
Aber als sie sahen, dass er am rechten Fuß sechs Zehen hatte, verflog ihre positive Neugier. Naiv präsentierte er ihnen seine Abnormalität. Und so nach und nach distanzierten sich die Frauen. Sie hatten ersichtlich große Mühe, ihren Ekel nicht zur Schau zu stellen, doch es gelang ihnen nicht. Selbst als er die Schuhe wieder an hatte, wollte sich keine Frau mehr auf ihn einlassen. Ich wunderte mich damals, wie er sich so naiv seine Chancen verbauen konnte.
Am späteren Abend redeten wir über seine sichtlich misslungene Aktion. Ich wollte ihm den Rat geben, seinen sechsten Zeh so lange geheim zu halten, bis es darum ging, nicht mit Socken zu einer Frau ins Bett zu steigen. Er schaute mich an, wie als hätte ich ihn beleidigt. Aber er war clever genug, um zu wissen, dass ich es nicht böse gemeint hatte. Da sagte er zu mir, dass sein sechster Zeh seine Insurance, seine Versicherung ist. Der sechste Zeh bewahre ihn davor, die falsche Frau kennen zu lernen.
Mal ehrlich, es ist ja nur ein kleiner Zeh zu viel. Aber leider reicht das oft aus. Heute bin ich mir sicher, dass er die Richtige getroffen hat.
Einsortiert unter: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: Überlegung, Begegnung, Besäufnis, beste Freunde, Bus, Danke, Durststrecke, Fahrzeug, Freund, Gespräch, Handeln, Hauptstraße, Junge, Konsequenz, Kontakt, Lebensfreude, Lebensmüde, Mann, Respekt, Schönheit des Lebens, Selbstbewusstsein, Selbstmord, Spaß, tiefgründig, Treffen, Unterhaltung, Wochenende
Es liegt nun bestimmt schon knapp 13 Jahre zurück und ich hätte die ganze Sache auch schon längst vergessen, denn ich hatte damals noch keine Ahnung, welche Konsequenz mein Handeln haben würde.
Ich war gerade auf dem Weg zu einem Freund, damit wir unser regelmäßig wiederkehrendes Wochenendbesäufnis zelebrieren konnten. Meine “Durststrecke” führte mich entlang der Hauptstraße, die meinen Stadtteil mit dem nächsten verbindet. Da kam aus einer Seitenstraße ein Junge, den ich erst Wochen zuvor kennenlernte und kaum etwas von ihm wusste. Er ist ungefähr vier Jahre jünger als ich und zu dieser Zeit war der Altersunterschied zwischen uns noch prägnant. Er war mir gleich sympathisch, weil er ruhig und achtsam war, und, wie es mir damals schon erschien, nicht aus mangelndem Selbstbewusstsein heraus, sondern aus Überlegung und Respekt.
Wie es so meine Art ist, redete ich mit ihm über alles Mögliche. Ich versuchte ihn zu unterhalten. Und weil er darauf einging, standen wir eine ganze Weile an der Hauptstraße und hatten auch tiefgründigere Gespräche und natürlich viel Spaß. Dann musste ich wohl weiter und ließ ihn zurück. Wie mein restlicher Abend ausging, kann ich nur noch vermuten.
Viele Jahre später erzählte mir der Junge von damals, der wahrscheinlich schon viel früher ein Mann geworden war, als ich es damals dachte, dass er durch unser Gespräch “seinen” Bus verpasste und auch die Lust daran verlor, sich vor diesen oder überhaupt ein Fahrzeug zu werfen. Ich weiß, dass er es auf jeden Fall ernsthaft versucht hätte, sich das Leben zu nehmen. Er sagte, unsere Begegnung hätte ihn wieder aufgebaut und meine Art hätte ihm wieder Lebensfreude bereitet.
Wir wurden beste Freunde und hatten über sehr lange Zeit sehr viel Kontakt. Leider können wir diesen aus zeitlichen, örtlichen und finanziellen Gründen nicht mehr so aufrecht erhalten, aber er bleibt für mich einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Denn er hat mir ebenso schon geholfen, den Blick wieder für die Schönheit des Lebens zu finden. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch herzlich bedanken!
Einsortiert unter: Gedanken, Mal sehen | Schlagwörter: beste Freunde, Freund, Freunde, Geheimnisse, Menschen, Nähe, reden, Unterhaltung, Vertrauen
Weißt Du, ich habe viele Freunde. Ich rede gerne mit Menschen und genieße jede gute Unterhaltung. Wenn es sich ergibt, erzähle ich Dir alles über mich. Auch das, was Du gegen mich verwenden könntest. Aber wenn Du mir näher kommen willst, musst Du mir vertrauen. Dann vertraue ich Dir auch.
Einsortiert unter: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: Abfahrt, Alkohol, Bahnhof, Beobachter, Buch, Chefanimateur, Disko, Freund, Gang, Gesellschaft, Getränke, Glück, GLücksklee, Globus, gratis, halbe Stunde, Hauptstatt, Heimat, Joint, Kleeblatt, Koffer, Leben, lesen, Projekte, Reise, Südkorea, Schoß, selten, Sitz, Sitzgruppe, tanzen, Tasche, vierblättrig, Wagon, Wiese, Zeitraffer, Zufall, Zug, Zugabteil
Dieses Wochenende war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs durch Deutschland. Auf meiner Heimreise musste ich einmal umsteigen. Mein erster Zug hielt am Bahnhof, ich nahm meinen Koffer und betrat das Abteil. Alles voll besetzt. Also bahnte ich mir meinen Weg vorbei an den Sitzplätzen durch den engen Gang. Ich zog von Wagon zu Wagon und konnte keinen freien Sitzplatz mehr ergattern. Zumindest keinen, der in Fahrtrichtung und mit genügend Platz für mein Gepäck war. Gerade hatte ich beschlossen, mich einfach irgendwo dazwischen zu quetschen, da bemerkte ich im Augenwinkel hinter mir eine Sitzgruppe mit genügend Platz für mich und meinen Koffer. Und genau auf dieser Sitzgruppe sah ich ein mir bekanntes Gesicht sitzen.
Es war ein alter Freund aus meiner alten Heimat, den ich eigentlich nur vom Ausgehen her kannte, aber wir verstanden uns dann immer sehr gut. Er war eine Zeit lang der Barchef der größten Disko dort und lies mich immer rein, gab mir gratis Getränke und ab und zu drückte er mir auch einen Joint in die Hand. In seinen Augen war ich der Chefanimateur des Ladens, denn ich konnte bis zu acht Stunden durchtanzen, ohne dass dem Beobachter langweilig wurde. Heute arbeitet er nicht mehr in der Disko, sondern hat sich selbstständig gemacht, entwickelt Konzepte für Südkoreas Hauptstadt und arbeitet an weiteren Projekten rund um den Globus. Wir redeten über die alten Freunde, die alte Heimat, die verlorene Gesellschaft, die gewonnene Zukunft und das Leben an sich. Am nächsten Bahnhof trennten sich unsere Wege, jedoch nicht ohne Austausch der Kontaktdaten.
Ich schlenderte gut unterhalten zu meinem nächsten Zug, der bereits auf den Gleisen auf mich wartete. Der Zug war noch nicht sehr voll und bis zur Abfahrt dauerte es noch rund eine halbe Stunde. Ich entschied mich dafür auf einem der Dreierplätze in diesem “modernen” und vollkommen unpraktischen Zug Platz zu nehmen. Während der Zug noch im Bahnhof stand schloss ich meine Augen und öffnete sie nur, wenn ich neben mir Passagiere gehen hörte. Schließlich will man ja wissen, wer eventuell gegenüber Platz nimmt. Und bei besonders hübschen Frauen denkt man energisch “bitte bitte”. Durch die kurzen Augenblicke füllte sich der Zug wie in Zeitraffer.
Dann setzte sich mir gegenüber eine junge Frau auf einen der zwei noch leeren Plätze. Sie kramte ein Buch aus ihrer übergroßen Tasche und begann zu lesen. Ich schloss wieder meine Augen. Der Zug fuhr los. Nach einigen Zwischenstopps an irgendwelchen Bahnhöfen, bemerkte ich, dass der jungen Frau zwei getrocknete Kleepflanzen auf dem Schoß lagen und zu zerknittern drohten. Sie waren wohl aus dem Buch gefallen. Ich sagte: “Entschuldigung, Sie haben zwei Kleepflanzen auf ihrem Schoß”. Die junge Frau sah mich an, nahm das Buch zur Seite und hob die Kleepflanzen auf. Es waren zwei vierblättrige Kleepflanzen. Sie bedankte sich für meine Aufmerksamkeit und fragte, ob ich eine der Kleepflanzen, die sie selbst auf einer Wiese gepflückt hatte, haben wollte. Nun sollen diese vierblättrigen Kleepflanzen ja angeblich Glück bringen, auf jeden Fall aber sind sie sehr selten. Also bejahte ich ihre Frage und sie gab mir freundlicherweise eine der getrockneten Pflanzen.
Ich habe sie zu meinen sehr persönlichen Erinnerungsstücken gelegt und freue mich über das Glück, welches man nicht nur auf Wiesen, sondern auch in Zügen finden kann.