mal sehen


Im Irrenhaus

Ich lebe in einem Irrenhaus. Das ist kein Witz und auch kein Spaß, das ist der helle Wahnsinn. Hier leben so verrückte Menschen, Paradiesvögel, Junkies und so wenige normale Menschen, dass ich dieses Haus als Irrenhaus bezeichne, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein bisschen!

Und weil ich ganz unten im Erdgeschoss lebe, begegne ich zwangsläufig früher oder später jedem Bewohner mindestens einmal. Bei manchen bleibt es bei diesem einem Mal, bei anderen würde ich es mir wünschen. Ich würde, aber nur „würde“, denn wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es mein letzter Wunsch, dieses Irrenhaus und all seine Einwohner nie gesehen zu haben. Insgesamt gibt es hier 84 Mietparteien auf 14 Stockwerken zu je sechs Wohneinheiten. Im Treppenhaus stehen Pflanzen und im Aufzug lustige Sprüche sexgeiler Naseweise und spätpubertierender Revoluzzer. „Viva Fidel vs. Bums Fidel“, zum Beispiel. Oder „Fighting For Peace Is Like Fucking For Virginity“, welcher mir persönlich am Besten gefällt.

Wenn man mit dem Aufzug ganz nach oben fährt, erreicht man über eine Treppe die Dachterrasse, kurz „Terrasse“ genannt. Hier findet man im Sommer zahlreich die Bewohner des Hauses, auf Liegestühlen und Sofas sitzend, grillend oder in Planschbecken liegend. Auf den ersten Blick scheint alles normal in dieser Oase, aber auf den Zweiten entdeckt man zum Beispiel Sergej, der eine riesen Tüte raucht, oder Bob aus den Staaten, der seinen siebten Absinth hinunter spült, oder Simone, die anderen, staunenden Mädels ihre Nagellacke präsentiert. Das alles findet nebeneinander und mit jeglicher Normalität statt, so dass Sergej, mit Tüte in der Hand, zu Simone geht und sich über die neuesten Trends der Nagellackindustrie informieren lässt. Dann kommt die alte Frau Katarina daher, stellt eine ihrer verwirrten Fragen, nimmt sich ein Glas Fruchtbowle, die die Mädels zubereitet haben und geht weiter zu Bob, um ihn nach seiner Meinung über die Bedeutung des Wortes „interrogation“ auszuquetschen. Bob steigt natürlich sofort darauf ein, schüttet sich aber noch einen Schluck Absinth ins Glas, damit die Kehle feucht bleibt. So ungefähr findet das Leben in diesem Haus statt. Es ist wie eine große Familie. Man kennt sich, akzeptiert sich und hat sich sogar lieb.

Probleme gibt es nur mit unserem Hausverwalter. Dieser lässt sich immer neue Schikanen und Witze einfallen, mit denen er sein mickriges Ego auf Vordermann bringen kann. Leider nimmt ihn niemand mehr ernst. Nicht einmal Sergej, der ab und zu mehrere Tage am Stück auf LSD durch das Haus geistert. Er ist harmlos und von Herzen gut. Eines unserer Sorgenkinder. Wenn er trippt, klingelt er mal hier mal dort, wird hereingelassen und erzählt Geschichten, die entweder psychotisch oder total hirnverbrannt daher kommen.

Als ich Sergej das erste Mal sah, war ich gerade dabei, meine Möbel in meine Wohnung im Erdgeschoss zu bringen. Ich wuchtete einen viel zu überdimensionierten Sessel durch die Eingangstür, während Sergej meinen Gesundheitszustand zu analysieren versuchte. Erschöpft ließ ich mich auf den Sessel, der nun zumindest im Eingangsbereich meiner neuen Wohnung stand, nieder und hörte mir seine Rede an. Sergej starrte mir in die müden Augen, ließ mich meine Zähne blank zeigen und fasste mir an die Brust. Das einzige was ich von diesem seltsamen Typ mit seinem seltsamen Blick und dem rastlosen Körper bis dahin wusste, war, dass er sich Sergej nannte und auch in diesem Haus lebte. Was er über mich wusste und analysierte war jedoch noch viel weniger. Mir mangele es an Calcium, an Magnesium, an allem, insbesondere an Ionen. Lediglich meine Leber sein tipp topp in Form, was mich überraschte, weil ich vor allem deshalb so erschöpft und apathisch seinen wirren Worten folgte, weil ich am Vorabend meinen Auszug mit Pauken und Trompeten und zu viel Alkohol gefeiert hatte.

Da stand also plötzlich Sergej vor mir und ich wusste nicht, ob er mich provozieren oder verarschen will. Mir war es egal und ich fing an, ihn zu testen. „Ob er Ionen kaufen wolle“, habe ich ihn gefragt. „Oder Calcium in großen Mengen“. Sein Blick wurde plötzlich wild. Seine Augen fixierten mich, fraßen sich in mich und sein Mund wurde trocken. „Reinstoffe! Wenn ich Reinstoffe haben will, gehe ich zu meinem Freund. Der besorgt mir alles. Amphetamin, LSD, Silizium, Koks.“. Mit diesen Worten war mir klar, dass ich in die richtige Richtung getestet hatte. Wäre ich Polizist gewesen, sein Freund hätte ihm den Hals umgedreht. Aber Sergej hat keine Angst vor Konsequenzen mehr. Zum einen, weil er keine Ziele mehr hat und zum anderen, weil er ständig zugedrönt ist. Er lebt im hier und jetzt und hier und jetzt und hier und jetzt. Was aus Neugier und Spaß begann wurde zum Alltag, dann zum Alibi und schließlich zum Auffangbecken seiner gescheiterten Existenz. Nur seiner Intelligenz und seiner Herzensgüte hat er es zu verdanken, dass er immer wieder gerade noch die Kurve kriegt, bevor man ihn auf die Straße setzt. Zwar bezahlt ihm das Amt die Wohnung, aber ab und zu leistet er sich doch ein paar Dinge, die nicht tragbar sind. Und nur weil wir alle im Irrenhaus auch ein bisschen Irre sind, setzen wir uns für ihn ein und verschonen ihn vor der harten Realität, die ihn womöglich total ruinieren würde. Abgesehen von einem Entzug. Aber den will er nicht und so wäre er sicherlich nicht dauerhaft.

Ich tue mir schwer damit, ihn nicht dem eiskalten Psychatriesystem auszuliefern, aber andererseits fehlt mir die Energie, weil ich dann diesen Freund nicht alleine lassen wollen würde. Nach all der Zeit in diesem Haus, bin ich ein Teil von ihm geworden. Ich habe hier Dinge erlebt, die ich noch nie zuvor erlebt habe. Viele waren großartig, aber manche eben nicht. Und weil man hier nie seine Ruhe hat, findet man selten die Zeit, das Erlebte richtig zu verarbeiten. Für mich ist das Schreiben deshalb sehr wichtig geworden. Genauso wie die Zeit außerhalb, die ich mit Freunden und Bekannten aus aller Welt und überall genießen kann.

Jetzt ist es spät und ich werde ins Bett gehen. Wenn ich Lust habe, erzähle ich mal wieder was über das Irrenhaus, in dem ich Lebe. Es gibt auf jeden Fall noch viele spannende Geschichten. Allein Sergej könnte Bücher füllen, aber auch unser Hausvorstand haut viele unterhaltsame Vögel raus…

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Nur nicht aufs Oktoberfest!

Letztes Wochenende war ich, pünktlich zur Oktoberfesteröffnung, in München. Allerdings mache ich zehn Kreuze vor solchen Veranstaltungen, da ich in meiner Jugend genug Zeit und Geld auf solchen Sauffesten vergeudet habe. Mein Reisegrund war ein Freund, der erst seit wenigen Wochen in der bayerischen Landeshauptstadt lebt und arbeitet. Über einen Bekannten habe ich noch eine Mitfahrgelegenheit vermittelt bekommen, so dass ich in den Genuss eines kleinen Roadtripps quer durch die deutschen Lande kam.

Ich muss ja gestehen, ich liebe München und jeder, der noch nie da war, sollte sich die 1,4 Millionen-Stadt einmal anschauen.  Mit Ausnahme des Oktoberfests natürlich. Die berühmt berüchtigte Münchner Schickeria gehört genauso zum Charme der Stadt, wie die abertausend Hasen, die sich entlang der Bahntrasse und in den Parkanlagen tummeln. Wer Glück hat, kann sogar den Surfern an der stehenden Welle im Eisbach bei ihren waghalsigen Maneuvern zu sehen. München ist schön so wie es ist und es darf so sein, weil es so sein muss.

Nun, wie es mir eben so geht, treffe ich ja überall Menschen, die ich kenne. So also auch in München. Mein Gastgeber und ich waren im Backstage, einem Club, der für nur sieben Euro Eintritt eine jede Menge Abwechslung und Unterhaltung für wirklich jeden Geschmack auf verschiedenen Floors bietet. Von Metal über Punk bis 80er/90er, Elektro und Dubstep. Alles gleichzeitig und an einem Abend und quasi für Umme, wenn man den Preis betrachtet. Genug der Werbung, zurück zum Geschehen.

Ich ging gerade zu einer der unzähligen Bars, um mir ein Bier zu bestellen, da dachte ich mir noch, wo sind die bekannten Gesichter? An der Bar blickte ich nach links und tatsächlich sah ich ein mir bekanntes Gesicht. Ein Typ aus meiner alten Heimat, den ich allerdings nur vom Sehen her kannte. Also fragte ich vorsichtshalber, ob er auch von dort sei. Er antwortete, dass er aus Spanien komme. Ich habe keine Ahnung, warum er seine Heimat verleugnet, denn so schlecht ist’s da ja auch nicht. Ein bisschen verärgert, weil ich mir so sicher war, wiederholte ich meine Frage. In dem Moment fiel auch schon mein Name. Drei andere Landsleute waren zu uns gestoßen und zwei davon kannten mich. Dem Typ aus Spanien warf ich einen „wusst-ichs-doch“-Blick zu und ignorierte ihn für den Rest des Abends. Verkackt eben, selber schuld…

Die anderen beiden freuten sich aber, genauso wie ich, über das Wiedersehen. Einen von ihnen kenne ich, seit er vier oder sogar drei Jahre alt war. Seine Schwester war mit mir im Kindergarten und in der Schule. Mittlerweile wohnt er im fernen Genf, um dort seinen Doktor in Astrophysik zu machen. Mein Gott, wie doch die Zeit vergeht. Die ganze Truppe war auch nur aus Zufall und aus Oktoberfesthass im Backstage gelandet, um den Junggesellenabschied des Doktoranten zu feiern. Das war natürlich noch ein Grund, warum wir unser glückliches Wiedersehen noch überschwinglicher feierten.

Auf die Frage, wie er sich so kurz vor seiner Hochzeit fühle, sagte er „gut!“. Nach all den Jahren, in denen er sich seine Freundinnen nach irgendwelchen Kriterien ausgesucht hatte, traf er diese Frau, die so garnicht in sein Schema passte, und – zack – nun heirateten sie und waren glücklich. Das Andere, Ungewollte und Gegensätzliche schweißte sie zusammen. Schön, wenn jemand so glücklich ist! Gratulation!

Gegen fünf Uhr morgens trennten sich unsere Wege und mein Gastgeber und ich gingen zu Fuß nach Hause. Es war ein sehr entspanntes und erholsames Wochenende!



Tag Cloud Update
September 15, 2012, 12:21 am
Filed under: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: ,

An diesem Abend hatte ich keine Lust auf Alkohol und so fuhr ich um halb elf wieder nach Hause. Meine Augen waren auf den dreckigen Boden im Bus gerichtet. In meinem Kopf schwirrten viele Dinge und Fragen umher. Ist es ein Fehler einer befreundeten Frau den Freund abzuschwatzen? Aber teilen Freunde nicht alle Gedanken?

Auch wenn er ihr gerne ein Gedicht schreibt, ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie nur hinter seinem Geld her ist. Eine verzwickte Geschichte. Gerne würde ich ihr das in einem Gespräch erläutern: jedes Glück hat seinen Grund, den man sich mit der Hand erarbeiten muss und der nicht einfach zugeflogen kommt. Kinder haben es noch im Kopf. Nämlich dass das Leben und die Liebe mit einem ehrlichen Lächeln verbunden sein sollten. Obwohl ich ein erwachsener und erfahrener Mann bin, bin ich noch immer dieser Meinung.

Dann hielt der Bus an einer Haltestelle an. Ich wunderte mich, weil dort weit und breit kein Mensch zu sehen war. Plötzlich stürmten aber ganz viele Menschen, begleitet von Musik in den Bus. Es waren alles Männer und sie feierten die Nacht. Einer kam zu mir und sprach mich direkt mit meinem Namen an: „Junge, heute muss sich keine Person mehr Sorgen machen! Lass uns Spaß haben! Fahr mit uns in die Stadt und lass uns feiern, bis der Tag einbricht! Denn morgen gibt es für uns alle wieder nur ein Thema: der Tod!“.

Ein lautes Hupen riss mich aus dem Schlaf. Der Busfahrer schaute nach hinten zu mir und sprach: „Endstation!“. Benommen verließ ich den Bus. Ich kam mir vor wie in einem Video von Pink Floyd. Wie ein Hammer im Gleichschritt. Ich wusste nicht genau, wo ich jetzt war, aber ich sah den Wald und ich hörte das Wasser eines Flusses. Ich musste in der Nähe des alten Wäschereibetriebs am Rande der Stadt sein.

Schon bald fand ich den Weg zurück in die Siedlung. Ich atmete tief durch, denn ich wusste mit Sicherheit, mir gehört die Welt und ich habe alle Zeit!

(Siehe links: Tag Cloud; Stand: 15.09.12)

Wer die erste Tag Cloud Geschichte lesen will, der soll hier klicken.



Guck-Augen

Gerade war ich auf dem Heimweg, als ich in einer Seitenstraße einer älteren Dame mit Krücken begegnete, die sich die Giebel der alten Fachwerkhäußer ansah und vor sich hin sprach. Ich blickte ebenfalls nach oben, um zu sehen, was sie betrachtete. Dann sagte sie: „Das ist schön!“. Ich blieb stehen und pflichtete ihr freundlich bei.

Natürlich begann die Dame daraufhin ein Gespräch mit mir. Natürlich deshalb, weil sie als älteres Semester nicht nur redebedürftig, sondern vor allem noch gewohnt daran war, mit ihren Mitmenschen in Kontakt zu treten. Schließlich sind MP3-Spieler und Kopfhörer erst neuere Erfindungen.

Das Gespräch begann über das schöne hölzerne Fachwerk und die Erker sowie die vielen Fenster, die man leider auch putzen müsse, wobei sie erklärte, dass dieser Aspekt eher fraulicher Natur sei. Sofort mussten wir beide lachen. Dann erzählte sie mir, dass sie nicht von hier sei und nur für drei Wochen in einem Pflegeheim in dieser Straße untergebracht war, bis es ihr besser gehen würde. Sie ist Jahrgang 1925, was mich überraschte, da sie bis auf ihre Krücken einen sehr agilen Eindruck hinterließ. Die habe sie wegen ihrem Wirbelsäulenkrebs. Brustkrebs hatte sie auch schon.

Sie erzählte mir von ihrem Heimatdorf, von ihrem Kater Felix und von ihrem, vor drei Jahren verstorbenen Mann, den sie Papa nannte. Außerdem von ihren vier Kindern und ihren Enkelkindern. Alles nicht sehr ausführlich, aber dass musste auch nicht sein und war mir ebenso recht… Ich hörte ihr aber gerne zu. Ich kann sogar sagen, wieviel Rente sie monatlich erhält und dass die Kasse den Heimaufenthalt bezahlt.

Nachdem sie mir etwas über ihr Leben erzählt hatte, fing sie wieder von den schönen Häußern an. Es mache sie glücklich, solche Häußer zu sehen. Keine grauen Betonklötze. Bunte, verzierte, mit verschiedenen Materialien gebaute Häußer. Die grauen Blöcke töteten die Fantasie. Aber der Mensch brauche Fantasie. Und der Mensch brauche offene Augen, um das Schöne in der Welt zu sehen. „Guck-Augen“ nannte sie diese. „Sie haben auch Guck-Augen“, sagte sie zu mir. Das sei sehr wichtig. Einfach nur seinen Weg zu gehen, ohne zu sehen, dass sei traurig.

Genauso wichtig sei Freude. Freude trägt man in sich. „Sie haben auch Freude in sich“, stellte sie wieder fest, „Freude kann man nicht kaufen und Glück kann man auch nicht kaufen. Die sind unbezahlbar! Geld ist nur dazu da, um zu kaufen, aber nicht um glücklich zu sein.“. Sie habe die Freude von ihrer Mutter geerbt, die habe viel Freude gehabt und gesungen und gepfiffen. Meine Freude hätte ich wohl auch von jemandem geerbt. Das sähe sie in meinen Augen, dass ich ein freundlicher Mensch sei, dass ich Freude am Leben habe. Freude halte am Leben. Außerdem sagte sie, dass der richtige Partner entscheident sei. Man solle jemanden lieben, der einen glücklich macht. „Mein Mann hat mich glücklich gemacht!“, sagte sie.

Sie muss es ja wissen, mit 87 Jahren, einer Brustkrebsoperation und einem tödlichen Wirbelsäulenkrebs. Weil ich selbst gerne pfeife, dafür sogar bekannt bin, bat ich sie, mir ein Lied vorzupfeifen. Sie pfiff ein Stück, dass sie von ihrer Mutter gelernt hatte und danach war sie sehr glücklich. Noch bevor ich sagen musste, dass mir die Zeit eilt, verabschiedete sie sich von mir und wünschte mir weiterhin alles Gute und viel Freude im Leben. Ich tat das Gleiche und bedankte mich, dann ging ich weiter und lächelte, ohne zu wissen, warum. Vielen Dank für dieses tolle Gespräch!



Eine Geschichte meines Großvaters

Als kleiner Junge sprach mein Opa sehr oft zu mir über sein Leben. Bevor mein Opa das Studium der evangelischen Glaubenslehre begann, war er Bomberpilot unter Adolf Hitler. Nach dem Krieg arbeitete er hier und dort, bis er sich im Klaren über seine Berufung war.

Während er mir Bilder seiner Dienstzeit, seines Flugzeugs und seiner Reisen zeigte, erzählte er mir seine erschreckenden Geschichten über den zweiten Weltkrieg. Eines Tages wurde ihm befohlen, mit seiner Manschaft einsatzbereit im Flugzeug zu warten, bis weitere Instruktionen folgen sollten. Er trommelte seine Männer zusammen, außer dem glücklichen Erwin, der für die Wartung der Fallschirme und die Sicherheit an Bord zuständig war, und zwei Tage zuvor seinen Fronturlaub angetreten hatte. Stattdessen meldete sich ein junger Gefreiter zu seinem ersten Einsatz. So gingen die Männer also zum Flugzeug und machten sich, jeder auf seinem zugeteilten Platz, bereit für den Abflug. Die Bomben mit den Sprengsätzen wurden von den Technikern an Bord gebracht. Ganze 14 Stunden mussten sie warten, bis der Befehl zum Abflug erteilt und das Ziel bekannt gegeben wurde. Es war kurz nach Mitternacht und draußen war es dunkel.

Mein Opa und die Mannschaft machten sich startklar. Dem jungen Gefreiten wurde befohlen, ruhig sitzen zu bleiben, da er die routinierten Männer nur aufhalten würde. Keine fünf Minuten nach Einsatzbefehl war die Maschine in der Luft, auf dem Weg zu einer Stadt im Osten Frankreichs. Während das Flugzeug dem Ziel näher kam, stieg die Nervosität an Bord. Zwar waren alle, bis auf den Gefreiten, schon viele solcher Einsätze geflogen, aber jeder der Männer, die im Krieg bereits starben, taten dem gleich. Können und Erfahrung waren nichts wert, wenn man unter starkem Abwehrbeschuss stand. Eine Kugel in den Tank reichte aus, um das Leben von mehreren Männern auszulöschen. Vorne im Cockpit konnte mein Opa die anderen hören, wie sie Gebete und sich gegenseitig Mut und Hoffnung zu sprachen. Dann sah er die Lichter der Stadt und die ersten Explosionen, verursacht von gleichgesinnten Bombern, die wie sie den gleichen Befehl erhielten. Der Lärm des Kampfes drang nun bereits bis zum Flugzeug und die Lichtblitze erhellten den Innenraum. Der Soldat am Maschinengewehr machte sich auf den Weg in die Kanzel am unteren Teil der Maschine. Die Männer, die für den Abwurf der Bomben zuständig waren, überprüften nochmals alle Rohre und Zündköpfe. Nur der junge Gefreite blieb regungslos auf seinem Platz und klammerte sich, schweißüberströmt, an den Sitz.

Die ersten Flakgeschosse brausten mit einem grellem Pfeifen vom Boden in den Himmel und hinterließen Rauchspuren, bis sie mit einer gewaltigen Wucht und einem hellen Feuerball in tausende Splitter zerfetzt wurden, die ihrerseits rasend schnell durch die Luft schnitten. Der Lärm war ohrenbetäubend. Über dem Ziel angekommen warfen die Männer die ersten Bomben ab. In der Maschinengewehrkanzel knatterte das MG ununterbrochen. Hektik und Geschrei brachen an Bord aus. Während mein Opa versuchte, die Flakstellungen am Boden ausfindig zu machen und zu umfliegen. Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Maschine erzitterte. Manche der Soldaten wurden zu Boden gerissen und das MG verstummte. Nach kurzer Zeit war klar, dass eine Flakrakete in der Nähe der Kanzel explodierte und den Soldaten darin in den Tod riss. Für die Besatzung ein Schock, aber nur ein kurzer, da der Einsatz und der Wille zu überleben wichtiger waren, als die sofortige Trauer um den Kameraden. Noch ein gewaltiger Knall und wieder erbebte das ganze Flugzeug. Während alle Männer zurück auf ihre Position sprangen, stand der junge Gefreite auf, ging zur Tür, riss sie auf und sprang aus dem Flugzeug heraus. Der plötzliche Druckabfall und der starke Wind im Innern der Maschine zwangen den Einsatz zu beenden. Mein Opa kehrte um. Hinter dem Sitz des Gefreiten hing noch immer dessen Fallschirm, den er nicht anlegte, weil der glückliche Erwin nicht an Bord war, um ihn einzuweisen. Ob sich der junge Mann bewusst darüber war, dass er den unausweichlichen Freitod wählte oder ob er dachte, er hätte einen Fallschirm am Rücken, weiß bis heute niemand.

Mein Opa starb vor vielen Jahren, aber viele seiner Geschichten sind mir im Kopf geblieben. Kurz nach seinem Tod träumte ich von ihm und wie wir zusammen, am Lagerfeuer sitzend, über unser Leben sprechen…



Der 16. Juli ist der „Tag der hübschen Frau“!

Ich erkläre hiermit den 16. Juli zum offiziellen „Tag der hübschen Frau“.  Ich weiß, ich hätte das durchaus früher erklären können, aber die Idee ist mir eben erst im Nachhinein gekommen. Was dahinter steckt, ist folgendes…

Jede Frau, die mir heute über den Weg gelaufen ist, hat von mir ein Kompliment bekommen. Ganz simpel und ganz unverfänglich. Ganz oberflächlich, dass sie hübsch ist. Und es hat rundum dazu geführt, dass sie nett und freundlich zu mir waren. Nicht dass das was neues ist, aber heute habe ich dafür ein Knoppers bekommen! Genau! So ein Schokowaffelding wie Hanuta, aber eben anders.

Ich war am Mittag spazieren. Auf einer langen Geraden und ohne Ausweichmöglichkeiten quatschte mich ein Promotion-Fuzzi an, ob ich ein Knoppers haben wolle. Klaro wollte ich ein Knoppers haben, aber damit war ich schon beinahe in seine Falle getappt. Ich solle ein Probeabo einer Zeitung annehmen, dann würde ich das Knoppers mein Eigen nennen dürfen. Meine Adresse und der Kündigungsstress sind mir aber leider etwas mehr wert, als ein Knoppers, weshalb ich dankend abgelehnt habe. Ich schlenderte weiter und keine 20 Meter später wartete schon eine junge Dame, mit Knoppers und Adresskarten, auf den nächsten Naschhasen.

Ich ging zielstrebig auf sie zu und fragte: „Hey, kann ich ein Knoppers haben, weil du so hübsch bist?“. Ein Lächeln und zwei überraschte Augen später hielt ich mein Knoppers in der Hand und hatte nebenbei noch jemanden erfreut! Ich muss zugeben, die Dame war hübsch, aber nicht mein Geschmack. Im Gegensatz zum Knoppers. Aber was hindert einen daran, ganz unverfänglich eine objektive Tatsache zu benennen? Mit Sicherheit nicht das zu erwartende Lächeln oder ein zerfließendes „Dankeschön“ noch die überraschten Augen einer Frau.

Und damit mehr Männer in diesen Genuss kommen, erkläre ich ab sofort den 16. Juli zum „Tag der hübschen Frau“ und befehle, an diesem Tag jeder Frau zu sagen, dass sie hübsch ist!



Sommerbrezel Macht Mir Ein Hochgefühl

Gerade gehe ich mit Taschen voller Gummibärchen und einem Golfschläger – ein Neunereisen – inkl. Ball und einem gemütlichen Cross-Golfgame durch die Nacht. Deutschland hat verloren, mir egal, hab eh nur drei Bier getrunken… Ich genieße den Abend und ich genieße es, allein genießen zu können. In der schwülen Sommernacht den Hauch der Geborgenheit zu spüren und mich von der warmen Luft gehn Himmel drücken zu lassen. Das Wetterleuchten zeigt mir den Weg zum Loch, indem es meine Umwelt in weiß umrissene Schatten taucht.

Zwei umtriebige Katzen tümmeln sich im Dunst der glänzenden Nacht. Sie tapsen den Ball über das Grün und machen mein eigentlich perfektes Spiel interessanter. Zuerst ein Schnurren, dann ein Fauchen und dann verschwinden sie wieder im Gebüsch. Mein Ball jedoch landet zwischen Bordstein und Opel. Ich habe und nehme mir die Freiheit, hebe ihn auf und stecke ihn in meine Tasche, bevor noch etwas zu Bruch geht. Zuhause angelangt, nehme ich den Ball aus der Tasche und suche ein geeignetes Plätzchen, wohin ich ihn rollfrei legen kann, während die feucht-warme Luft durch das Zimmer schwappt. Meine Haut fängt sie auf, wie die klebrige Fliegenfalle ein Insekt.

Ich habe einen sicheren Platz für den Ball gefunden. Ein Becher, in dem mir vor zwei Wochen, von einer Zirkusartistin ein Schwarztee gereicht wurde. Der Ball passt optimal hinein und kann so auch nicht davon rollen. Auf dem Becher steht mit Filzstift geschrieben: „Aus der Luft gegriffen – einfach so, weil es so schön ist“. Niemand ist da, der meine Geschichte hören kann, aber mir ist es der Moment einfach wert, ihn zu teilen und festzuhalten. Weil ich das Leben spüren kann – einfach so, weil es so schön ist.



Lindbergh überquert den Atlantik!

Rüdiger stand am Ende des Billardtisches und beobachtete die fremde Brünette am Kamin.

„Nun meine Dame, wollen sie mir denn nicht endlich ihren Namen nennen?“

Sie lächelte leicht.

„Nein mein Herr, ich habe mich ihnen bereits vorgestellt!“

Rüdiger wurde unruhiger. Er nahm eine Kugel vom Tisch und ballte eine Faust um sie. Er konnte sich nicht im Geringsten an die geheimnisvolle Frau erinnern, die da vor ihm stand. Seit Anbeginn des Abends verfolgte sie ihn auf Schritt und Tritt durch das Haus der Sternbergs. Egal ob in der großzügigen Lounge oder auf dem Weg zu einem der goldblau-gekachelten Bäder, mit wem er sich unterhielt oder einfach nur in der Menge der Gäste unterging, wann immer er den Kopf drehte, sah er sie in seinem Augenwinkel.

Da öffnete sich die Tür des Salons und Sven betrat schwungvoll die angespannte Szenerie. Er schloß die Tür mit einer adretten Drehung, blinzelte den beiden Anwesenden kurz zu, tänzelte leichtfüßig zum Kamin und blieb hinter der Dame stehen. Seine Hände umfassten ihre Hüften, die in ein rotes Abendkleid geschwungen waren und sein Mund küsste ihren Nacken.

„Rüdiger! So sieht man sich wieder. Gerade noch an der Bar und nun bei einer Partie Billard!“

„Ja richtig, so ist das wohl. Sven, entschuldigen sie, aber würden sie mir ihre freundliche Partnerin bitte vorstellen?“

„Nein Rüdiger! Warum sollte ich das tun?“

Die Dame gab ihm einen Kuss auf den Mund. Dann begab sie sich zum Billardtisch. Rüdiger trat einen Schritt zurück, wobei ihm leicht schwarz vor den Augen wurde. Er taumelte. Seine Hand ergriff die Lehne eines Sessels und er ließ sich fallen. Das alles war ein wenig zu viel für ihn. Noch vor drei Tagen hätte er nicht annähernd an seinem Verstand gezweifelt. Jetzt war er sich dabei aber gar nicht mehr so sicher. Die Ereignisse der letzten Tage vermochten ihn daran zu zweifeln.

„Sven, bitte! Was für ein Spiel wird hier gespielt?“

„Ach Rüdiger“, mischte sich die elegante Dame ein, „seit wann spielen wir den ein Spiel?“

„Dann bitte sagen sie mir doch endlich, woher wir uns kennen sollten! Ich versichere ihnen, sie noch nie zuvor gesehen zu haben.“

„Dämmert es ihnen den gar nicht, Rüdiger?“.

Sven sah ihn beinahe besorgt an. Mit einer weiteren Drehung und einem langsamen Ausfallschritt gleitete er zum Kamin. Dort ließ er seine Finger auf die schwere Marmorplatte trommeln. Und mit einem weiteren Tanz flog er weiter zu Rüdiger. Vor dem Sessel ging er in die Knie und fasste Rüdigers Arm.

„Erinnern sie sich denn wirklich an nichts? Rüdiger, sind sie den verrückt?“

„Nein, nein! Ich bin sehr wohl bei klarem Verstand! Aber selbst wenn, so sollten sie nun endlich ihre Geheimniskrämerei unterlassen!“

Es war am Mittwoch, da hatte Rüdiger zum ersten Mal den Zweifel, dass jemand ein Spiel mit ihm treibt. Der Morgen war bereits ganz gewöhnlich gewesen. Im Büro gab es keine Zwischenfälle und auf dem Weg zum Mittagessen im Jungen Bär begegneten ihm die üblichen Männer, die, wie er, um ein Uhr zu Mittag aßen. Erst beim Zahlen der Rechnung geschah etwas ungewöhnliches.

Der Kellner überbrachte das Tablett mit der Rechnung. Als Rüdiger den üblichen Betrag aus der Tasche holte, um das Essen zu bezahlen, stellte der Kellner jedoch fest, dass es zu viel Geld war. Zu zahlen war nur der Kaffee. Rüdiger nahm die Rechnung und tatsächlich war nur eine Tasse Kaffee aufgelistet. Keine Suppe, kein Mittagessen. Als er den Kellner auf die vergessenen Posten ansprach, antwortete dieser nur, dass der Gast des Herren bereits den Rest bezahlt hatte. Mit diesen Worten verschwand der Kellner und Rüdiger blieb verwundert zurück.

„Nun Rüdiger, warum erzählst du uns denn nicht, wer du wirklich bist?“.

Sven drückte Rüdigers Arm etwas fester.

„Wieso wer ich wirklich bin!? Ich verstehe nicht.“

„Siehst du nicht, dass der arme Rüdiger Angst hat?“

Die Dame lächelte süffisant und zwinkerte Sven schälmisch zu. Rüdiger hatte wirklich Angst. Seine Gedanken drehten sich im Kreise. Er war nicht mehr Herr seines Kopfes.

„Ich bin Rüdiger Meinert. Ich lebe in dieser Stadt seit 28 Jahren. Und ich kenne sie, Sven, seit ungefähr einem Jahr, aber ich habe keine Ahnung, wer die Dame ist, die mir den ganzen Abend nachstellt! Dabei kenne ich jedes Gesicht, mit dem ich jemals Kontakt hatte.“

„Pah! Ich denke nicht, dass ich dies als Kompliment verstehen kann.“

Die Dame wurde lauter. Rüdiger wollte aufstehen, aber Sven, der immernoch seine Hand auf seinem Arm hatte, drückte ihn zurück in den Sessel.

„Ich denke nicht, dass du in der richtigen Verfassung bist, um zu gehen. Außerdem sollten wir doch noch klären, was du am Donnerstag in der Straßenbahn andeutetest.“

„Am Donnerstag in der Straßenbahn? Ja, ich war an diesem Tag, wie an jedem Tag, in der Straßenbahn. Aber ich war wie immer alleine unterwegs und hatte keinerlei Begleitung! Ich habe nichts angedeutet! Keiner von euch war dort!“

Plötzlich fiel Rüdiger der zweite Vorfall ein, der ihn in dieser Woche stutzig werden ließ. Er bestieg die Straßenbahn und nahm einen freien Platz am Ende der Seitensitzreihe. Wie gewöhnlich laß er die Tageszeitung, um sich über die aktuellen Geschehnisse in der Welt zu informieren. Ein gewisser Charles Lindbergh war in New York gestartet, um als erster Mensch das Wagnis einer Atlantiküberquerung mit dem Flugzeug zu meistern. Rüdiger laß den Artikel sehr interessiert. Die Technik der Luftfahrt war fantastisch. Als er die Zeichnung mit der voraussichtlichen Flugroute Lindberghs betrachtete, wurde er von einer älteren Frau angesprochen.

„Darf ich neben ihnen Platz nehmen?“

„Natürlich, bitte nehmen sie doch Platz.“

„Vielen Dank. Ich dachte nur, falls ihre Frau das sieht. Nicht, dass ich in meinem Alter noch als Konkurrenz erscheinen werde.“

Für Rüdiger war diese Bemerkung nicht sehr außergewöhnlich, da ein Mann in seinem Alter normalerweise schon verheiratet war und Kinder hatte. Die meisten Fremden konnten nicht wissen, dass er bisher noch nicht das Glück hatte, eine Frau kennen zu lernen, die bei ihm bleiben wollte.

„Machen sie sich keine Sorgen, ich habe keine Frau.“

„Oh! Dann meine ich wohl ihre Verlobte. Eine hübsche Frau.“

„Wer ist eine hübsche Frau?“

„Ihre… Die Frau, die hier saß. Sie haben sich geküsst, also bin ich davon ausgegangen, dass sie ihre Ehefrau sein muss. Oder ihre Verlobte.“

„Ich habe die ganze Zeit diesen Artikel gelesen. Da war niemand. Entschuldigung, aber sie müssen irren.“

In diesem Moment hielt die Straßenbahn und Rüdiger musste aussteigen. Er verabschiedete sich von der älteren Dame, die verwundert den Kopf schüttelte und nicht antwortete. Für ihn war das Gespräch ebenso verwunderlich, aber er schob das Missverständnis auf das Alter der Dame und machte sich keine weiteren Gedanken darüber.

„Sven, ich bitte sie, beantworten sie mir die Frage, worauf wollen sie hinaus?“

„Worauf ich hinaus will, ist doch offensichtlich. Ich will wissen, wer sie wirklich sind. Womit wir es hier zu tun haben. Warum sie sich so seltsam verhalten. Warum sie sich nicht mehr erinnern können.“

„Aber ich kann es wirklich nicht! Und ich stelle mir die gleichen Fragen, bezüglich ihnen beiden!“

Die Dame trat neben Sven. Sie blickten sich kurz in die Augen und nickten einander zu. Svens Griff wurde lockerer. Rüdiger glaubte sich, diese Szene bereits in ähnlicher Form erlebt zu haben. Dann müsste er sich aber eingestehen, sie tatsächlich schon einmal gesehen zu haben. Er konnte nicht irren. Und wenn doch? Plötzlich kam ihm ein Gedankenblitz. Es sah Sven und die Dame. Sie hatte ein Messer in der Hand. Sven drückte ihn auf den Boden. Silvia war ihr Name! Rüdiger vermochte seinem eigenen Hirn nicht mehr zu trauen. War das ihr Name?

„Silvia?“

„Er kann sich erinnern!“

Noch bevor Silvia den Satz beendet hatte, packte Sven auch Rüdigers zweiten Arm. Er sprang ihm mit dem Knie auf den Brustkorb, so dass Rüdiger die Luft weg blieb. Silvia zog ein Messer aus ihrer Handtasche und rammte es dem Überwältigten in den Bauch. Dieser vernahm einen brennenden Schmerz, der sich von der Bauchdecke bis ins Rückenmark zog. Silvia zog das Messer nach oben zum Brustkorb. Rüdiger wurde schlagartig schwach und sackte auf dem Sessel zusammen. Der Schmerz schien unendlich weit weg zu sein.

Er beobachtete, wie Sven seine Hand in die offene Wunde steckte. Ihre Blicke trafen sich. Rüdiger konnte eine Träne in seinem Auge sehen. Dann zog Sven einen silbernen Quader aus der blutenden Wunde. Genau diesen Gegenstand hatte Silvia bei ihrer ersten Begegnung vor einem Jahr in der Hand. Als sie und Sven den Probanten auf den Boden seines Wohnzimmers dürckten, um ihm den Quader einzupflanzen.

„Es tut uns Leid, Rüdiger. Es tut uns Leid.“

„Sag Sternberg, er soll diesen Bereich des Hauses für die Party sperren. Der Reinigungstrupp wird in drei Stunden alles wieder entfernt haben.“

„Ich mochte Rüdiger. Zu Beginn schien er so vielversprechend. Er war so charmant und großzügig.“

„Silvia, das ist ein Job und keine Vergnügungsgesellschaft.“

„Habe ich Tränen in den Augen oder du?“

Rüdigers Sinne wurden schwächer bis er nur noch Dunkelheit und Stille warnahm.

„Um ein Haar hatte ich geglaubt, dass es endlich funktioniert.“



Maschinenstopp in Halle 7

Als Herr Schneider Halle 7, „Abteilung für dehnbare Kunststoffe“, betrat, leuchtete noch immer das rote Licht, welches den kompletten Produktionsstopp signalisierte. Für den gelernten Maschinenwart kein unbekanntes Signal, da er es schon etliche Male während seiner 38-jährigen Laufbahn mit störrischen, bockigen, kaputten und überalteten Maschinen zu tun hatte.

Er saß in seiner Werkstatt, bekam einen Anruf, eilte los und für gewöhnlich behob er den Schaden binnen weniger Minuten zur vollsten Zufriedenheit aller und seiner selbst. An jenem Tag jedoch bekam Herr Schneider keinen Anruf, sondern eine Statusmeldung auf seinem neuen Computer. Und weil das alles so neu war, entdeckte er die Meldung erst um 13:20 Uhr, also drei Minuten nach Maschinenausfall.

Erschrocken kleckerte er den Kaffee auf die Hose und die Marmelade seines Brotes auf die Schuhe. Beinahe wäre ihm der Werkzeugkasten heruntergefallen und beim Verlassen der Werkstatt musste er gerade wieder umdrehen, um noch einmal einen Blick auf den Monitor zu werfen, da ihm der Maschinenstandort entfallen war.

So kam es also, dass der Maschinenwart im Schein des Rotlichts beinahe kreideweiß zu sein schien, da sich die peinliche Röte seines Kopfes und die des Lichts gegenseitig aufhoben. Wohingegen die Gesichter der pausierenden Arbeiter wie rote Lampignons den Hallengang begleiteten. Hier und da konnte Herr Schneider ein „wie lange dauerts noch“, ein Räuspern oder das Ausatmen von Rauch hören.

Bei der ausgefallenen Maschine warteten bereits zwei Männer in Anzügen auf Herrn Schneider. Der eine war noch sehr jung und trug einen gepflegten Kurzhaarschnitt, der andere war bereits mittleren Alters und hatte gar keine Haare mehr auf dem Kopf. Die beiden schauten immer wieder nervös auf ihre Uhren. Als sie den heraneilenden Maschinenwart sahen, wurden sie noch hektischer und redeten gleichzeitig auf ihn ein.

„Wo bleiben Sie denn?“, „Wir müssen schnell das Problem lösen!“, „Haben Sie den keinen Computer?“, „Sie müssen das schleunigst reparieren!“. Herr Schneider ignorierte zunächst die Fremden, ging zur Maschine und begann die Ölstände zu prüfen. „Gestatten, Meier, Workflow-Management.“, stellte sich der ältere Herr vor, „Frankert mein Name“, sagte der Jüngere. Herr Schneider nahm indessen die Stromverbindungen unter die Lupe.

„Nun Herr Schneider, wir sind etwas besorgt, da diese Maschine wichtig für die gesamte Produktion dieser Halle ist. Wir wollen sicher sein, dass möglichst kein Ausfall mehr eintritt.“. Es lag weder am Öl, noch am Strom, also konnte nur noch ein mechanischer Getriebeschaden in Frage kommen. „Herr Schneider, warum schauen Sie denn nicht auf das Maschinenterminal? Es hat eine automatische Fehlererkennung.“.

Jetzt unterbrach Herr Schneider seinen Prüfvorgang, denn von einem Terminal hatte er noch nie gehört. Tatsächlich befanden sich an der Maschine ein Monitor und eine Tastatur. Er hatte wohl von gewissen Neuerungen erfahren, die die Wartung und Bedienung vereinfachen sollten. Aber noch gab es keine Schulung, in der dem Maschinenwart erklärt wurde, wie er damit zu arbeiten hatte.

„Frankert mein Name. Ich bin der Computerspezialist an Bord.“. „Aha“, sagte Schneider, „ein Computerspezialist!“. „Diplom Informatiker um genau zu sein.“. Herr Schneider fühlte sich ein bisschen übergangen und es verärgerte ihn, dass er nicht informiert wurde. „Also Herr Frankert, was sagt uns dieser Computer?“, meldete sich Herr Meier zu Wort. „Sehen Sie her. Um 13:17 Uhr exakt war Maschinenstopp. Die gelb leuchtenden Bereiche sind als mögliche Ursachenquellen gekennzeichnet.“.

Herr Schneider beobachtete die gelben Flecken auf einem groben Umrissplan der Maschine. Er erkannte die Ölleitungen und die Stromzufuhr wieder, die er ja bereits geprüft hatte. Zudem waren ein paar gelbe Flecken auf der Rotation und im hinteren Antrieb zu sehen. Er nahm sein Werkzeug und machte sich daran, die Rotation frei zu legen. „Herr Schneider, was machen Sie da?“, fragte Herr Meier.

„Ich prüfe die Rotation. Das gelbe Ding da auf dem Computer.“. „Aber Herr Schneider nun lassen Sie doch den Computer machen. Er wurde extra programmiert!“, gab Herr Frankert, ein bisschen enttäuscht, dazu. Schneider ging zurück zu den beiden Männern, die sich vor dem Monitor aufgebaut hatten und wie aufgeregte Schulkinder darauf warteten, noch mehr gelbe Flecken zu entdecken. Der Informatiker klapperte auf der Tastatur herum und Herr Meier nickte seinen Kopf dazu, wie bei einem Konzertbesuch.

Die drei Männer standen vor dem Terminal, beobachteten Tabellen, Schaltpläne, gelbe, grüne und blaue Flecken und Frankerts flinke Finger auf der Tastatur, die englische Begriffe und komische Abkürzungen auf den Monitor zauberten. „Sehen Sie, um 13:17 Uhr könnten folgende Faktoren für den Ausfall einschlägig sein.“. Eine Liste mit mindestens zehn Zeilen rollte über den Bildschirm. Herr Schneider wurde bereits ganz nervös, weil er die Rotation überprüfen wollte, aber nicht durfte.

Herr Meier kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Herr Frankert bemerkte, dass sogar andere Maschinen in den Ausfall einbezogen sein könnten, woraufhin Herr Meier ein Telefon aus der Tasche zückte und bei einem Herrn Scholarek anrief, welcher zwei Minuten später bei ihnen war und mit auf den Monitor starrte. „Nun meine Herren,“ sprach Herr Scholarek, „was wir bisher wissen ist, dass der Ausfall der Maschine, der Fehler quasi, von mehreren Faktoren abhängig sein kann und dass die Maschine immernoch still steht.“.

Die anderen Herren stimmten ihm zu. Herr Schneider wurde noch unruhiger, da er den Stillstand gerne behoben hätte. Während die drei anderen den Computer beobachteten, zündete er sich eine Zigarette an und ging ein paar Meter weiter zu einem der wartenden Arbeiter. „Was machen die Herren da?“, wollte der Maschinist vom Maschinenwart wissen. „Ich weiß es nicht, aber ich denke, sie machen eine Wissenschaft daraus. Ihr könntet schon lange wieder produzieren, wenn man mich nur an die Maschine lassen würde.“, erwiderte Herr Schneider.

„Und warum schickt man uns nicht einfach nach Hause?“. „Das ist unnötig, ich kann die Maschine reparieren, sobald die Herren dieses Computerding verstanden haben.“. Als die Zigarette zu Ende geraucht war, ging der Maschinenwart zurück zu den Herren Meier, Frankert und Scholarek. Diese notierten sich bereits irgendwelche Daten auf Zettel und stellten Rechnungen mit mehreren Unbekannten und Faktoren auf, die sie allesamt nicht sicher beantworten konnten.

„Nun meine Herren, was wäre wenn der ursächliche Zusammenhang für zukünftige Probleme der gleichen Art eben diese verhindern könnte und wir nun nicht wissen, wie sie lauten, nur, wann sie eingetreten sind? Das ist doch die Frage!“, stellte Herr Scholarek fest. „Richtig erkannt!“, stimmte ihm Herr Meier zu. „Herr Frankert, bitte fragen Sie den Computer, welche Fehlerquellen zu welchem Zeitpunkt ausschlaggebend waren und wie diese voneinander abhängig sind“.

Herr Frankert klapperte die Tasten der Tastatur rauf und runter, grübelte und dachte nach. Dann drückte er auf eine große rote  Taste und auf dem Monitor erschienen endlose Zeichenketten. Faktoren wurden genannt, zu anderen Faktoren in Verbindung gesetzt, Unbekannte hypotetisch bekannt und Ergebnisse zu weiteren Fragen formuliert. „Oh mein Gott, wir haben eine Endlosschleife hervorgerufen!“, rief Herr Frankert plötzlich.

Herr Schneider ging zur Maschine, schlug heftig gegen die Rotation und plötzlich setzte sich das Getriebe wieder in Gang und das Rotlicht der Produktionsstopplampen erlosch. Die Arbeiter in der Halle atmeten auf und machten sich an die Arbeit, wie als wäre nichts geschehen. Die drei Männer in ihren Anzügen schauten sprachlos zu Herrn Schneider.

„Als ich hier angefangen habe, hatten wir keine Computer. Ich kenne mich mit Maschinen aus. Ich repariere sie. Ich muss nicht wissen, warum etwas schief ging, sondern wie ich es wieder zum laufen bringe. Sonst sitzen wir noch morgen hier und niemand kann arbeiten.“. Mit diesen Worten verließ Herr Schneider die Gruppe und ging zufrieden wieder in seine Werkstatt um Kaffee zu trinken.



Urlaub am Meer
Mai 11, 2012, 2:37 am
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Aloha Leute! Heuer habe ich mir, nach harter Arbeit, 5 Tage Urlaub gegönnt. Am Montag gings los. Mein spontaner Entschluss eine Freundin zu besuchen wurde verstärkt durch den Umstand, dass ich, mittlerweile nur noch mit den Öffentlichen unterwegs, für ein paar Tage das Auto eines Freundes „bewachen“ musste. Audi, mehr sag ich nicht… Born 2 be wild, man – wild!

Meine Spritztour in die Unabhängigkeit führte mich hinab ins schöne Allgäu. Ich ließ das Navi aus, notierte mir im Voraus nur die wichtigsten Städte, vergaß natürlich meine Notizen, kämpfte mit der Alarmanlage, verlor beinahe; wunderte mich über das Piepsen beim Rückwärtsfahren, verfuhr mich nur zwei mal um insgesamt 2 Kilometer – jawoll – und genoss meinen Trip über die kurvenreiche Schwäbische Alb, die zwischen mir und dem Allgäu liegt, wie Monika Lewinsky in der Präsidentensuite. Musikalisch untermalt von den Beastie Boys (Album: Check Your Head).

Wir vebrachten einen schönen Abend, an dem wir unser Wiedersehen gebührend feierten. Meine Gastgeberin gehört zu den Frauen mit Charakter, den man nicht versteht, ihn nicht verstehen kann, aber auch gar nicht muss. Man muss nur verstehen, dass sie verstanden werden will und dabei legt sie viel Selbstverständnis an den Tag. Da auch ich zu diesen Menschen gehöre, plauderten wir fast nur über uns und erhielten dadurch sehr intime Einsichten. Ich würde es als eines dieser Gespräche bezeichnen, die man als konstruktiv im Gedächtnis behält. Wären da nicht zwei Flaschen Prosecco, ein Sekt und ein Wein gewesen… Spaß hat es mit Sicherheit gemacht!

Am nächsten Tag verabschiedete sie mich mit dem Tip, den Trip zum Bodensee zu vergolden. Keinen Gedanken verschwendet, brauste ich mit 200 Sachen auf der Autobahn in Richtung Lindau. Lindau liegt in Deutschland und direkt im Anschluss an Bregenz und Bregenz liegt in Österreich. Und beide liegen am östlichen Bodensee. In Lindau angelangt, schlenderte ich zuerst in die Innenstadt und redete ein paar Fremde an, indem ich mir Auskunft über die nächste Bank verschaffte. Ein Audi auf 200 verbraucht viel Sprit.

Dann ging ich ans Bodenseeufer und ließ mich darnieder. Ich zelebrierte meinen Aufenthalt durch das Bewusstsein, Urlaub zu haben. Und natürlich wegen dem See. Ich liebe Wasser. Dazu muss es in größeren Dimensionen vorhanden sein, weshalb mich ein Glas Sprudel nicht umhaut. Aber wenn es bis zum Horizont reicht, wenn es Wellen macht und wenn die Möven am Ufer chillen, dann geht mir einer ab wie Lutzi. Von Zeit zu Zeit brauche ich das. Es weckt das Kind in mir, welches viel zu oft erwachsen sein muss.

Ich saß also am Ufer, rief meiner Mom an und hielt das Telefon zur rauschenden Brandung. An diesem Tag ließ die Brandung so sehr zu wünschen übrig, dass die Frau Mama absolut keinen Dunst hatte, wo ich da war. Überraschungseffekt dahin, aber was soll’s. Ihr Neid über meinen Aufenthaltsort war auf jeden Fall rießig. Danach verbrachte ich noch beinahe zwei Stunden am Wasser. Ich schloss die Augen und hörte das sanfte Pflätschern der Wellen auf den Ufersteinen. Ich roch den Duft von Fischgrund und stellte mir vor, ich wäre am Meer. Absolute Freiheit. Der ich und der Ozean.

Dann bestieg ich mein Stahlgeschoss und fuhr zurück nach Hause. Kaum war ich zuhause, fing der warme Sommerregen an. Das nenne ich Glück, weil Autofahren ohne offene Fenster wie Aufzugfahren ist. Oder Flugzeug fliegen. Trockene Gebläßeluft gegen den frischen Fahrtwind, der meine Halbglatze durcheinander wirbelt wie Heavy Metal. Get your Motor runnin‘!

Zuhause setzte ich meinen Urlaub fort, indem ich mit Freunden die warmen Sommerabende auf der Terrasse genoss, eine Flußkahntour startete und die Strandlatschen bei jedem Schritt über den Boden schleifen lies. Hang Loose, Dude!

Heute Nacht wollte ich ins Bett fallen und schlafen wie ein Stein, aber lautes Gebrüll brachte mich um die Nachtruhe. Einer meiner Nachbarn war wütend auf die Gesellschaft, betrunken und zum Glück trotzdem Gesprächsbereit, als ich mich in Boxershorts und T-Shirt auf ihn zubewegte.

Er wollte reden, das war klar, aber ich musste ihm ausdrücklich zu verstehen geben, dass er sein Maul zu halten hatte, bis ich mit Hosen an, wieder kam. Er hielt sich daran und die andern Nachbarn, die ihr Licht angeschaltet hatten, machten es wieder aus und gingen zurück ins Bett. Wir redeten gut eine Stunde, bis er wieder ruhig war und verstanden hatte, dass er sich im Endeffekt nur zum Affen machte. Motiv hin oder her, sternhagelvoll auf einer Party, aus dem Nichts heraus, andere Gäste zu beleidigen, ist affig.

Ich schloss meine Rede ab mit des Meisters schlauen Worten: „Furcht, Zorn, aggressive Gefühle führen auf die Dunkle Seite der Macht, Dude. Die dunkle Seite.“ (Anm.: grammatikalisch verändert durch den Autor). Mein Urlaub war ein voller Erfolg! Die Kur, die ich brauchte.

Aloha und schlaft gut! Ich sicherlich…