mal sehen


Mein Schwesterchen

Am Wochenende war ich mal wieder in einer alten Heimatstadt unterwegs. Ich traf mich mit guten alten Freunden in einer Kneipe und wir plauderten, tranken, kickerten und kicherten über die good old days. Nachdem wir all das getan hatten, entschieden wir uns, die nächste Location aufzusuchen, um gegen das verfassungswidrige Tanzverbot am Karfreitag zu verstoßen.

Ich huschte mehrmals über die Tanzfläche, wollte bei der seltsamen Musik aber nicht so richtig in Fahrt kommen. Während ich das Treiben also am Rande beobachtete, kam plötzlich eine gutaussehende Frau zu mir, umarmte mich und sagte: „Ich bin ein Fan von dir!“. Ich schaute sie verblüfft an, denn ich konnte sie einfach nicht einordnen. „Ich finde dich super, weil du immer so bist, wie du bist!“. Nach diesem Satz war ich echt erstaunt, zumal sie meinen Namen kannte, den ich hier natürlich ausspare.

„Ich fühle mich echt geschmeichelt und stell mich mal schnell da rüber ins Eck zum rot werden.“, war meine Antwort. Ich bin im Umgang mit Komplimenten sehr schlecht und ich wusste immer noch nicht, wie ich sie und ihre Worte einordnen sollte. Da kam eine Bekannte zu uns, die sich als gemeinsame Freundin entpuppte und erinnerte mich an die Geschichte, wie wir drei uns kennen lernten:

Ich war mal wieder on tour und meine Bewegungslust trieb mich in jene Absturzkneipe mit der unübersichtlichen Auffahrt, von der ich schon einmal berichtet habe. Aus den Lautsprechern schallte Reaggea-Musik und die freien Räume zwischen Theke, Toilette und Ausgang waren gefüllt mit tanzenden Party-People. Die meisten auf der Droge Alkohol, aber ein paar Mischkonsumenten waren auch dabei, denn die Augen gingen von ganz groß bis ganz klein. Natürlich fand ich mich sofort mitten auf dem Dancefloor und kreiste meine Hüften zu den kräftigen Rhythmen. Let it flow, swing it low!

Irgendwann muss auch ein Kamel zur Tränke und so kam auch ich denn an die Theke. Neben mir standen zwei Mädels und lächelten mich an. Da ich ja nichts Besseres zu tun hatte, startete ich das Gespräch. Kurze Zeit später drängelte sich so ein Zwei-Meter-Hüne an uns vorbei. Er gab mir kurz die Hand, da ich ihm schon mehrmals begegnet bin – diese Partytiere teilten sich schon einige Nächte den gleichen Tanzkäfig – und wendete sich dann zugleich den beiden Mädels zu.

Mir fiel auf, dass sein Selbstbewusstsein nicht seiner Körpergröße entsprach, denn seine Anmachsprüche waren erste Scheiße. So Zeug, was man Dorfischen zum Fasching auftischen kann, damit sie im Suff das Gefühl haben, begehrt zu sein. Ich war bedient und ging zurück auf den Dancefloor. Johnny T wäre stolz auf mich gewesen. So nach und nach wurde die Kneipe leerer, die Schatten auf der Tanzfläche kleiner und als mich das Licht direkt anstrahlte, entschied ich mich für ein weiteres Getränk.

An der Theke standen noch immer die beiden Mädels und der Riesentyp, dessen Anmache nun bereits handgreiflich wurde. Er begrabschte eine der beiden mit seinen großen Händen, schob seinen Oberschenkel gegen ihren Po und seine Hüfte gegen ihren Rücken. Sie war sichtlich bedrängt und ihr Gesichtsausdruck war alles andere als erfreut. Dennoch schien sie nicht den richtigen Dreh zu finden, um sich aus der misslichen Lage zu befreien.

Also ging ich zu ihr und sagte, „Hey Schwesterchen, alles ok?“. Nach diesem einleitenden Satz drehte ich mich zu dem Schrank und meinte, „Du Kollege, wie ich seh, gefällt dir meine Schwester. Ich hab sie heute mal mitgenommen, aber ich musste unserer Mom versprechen, dass ich auf sie aufpasse. Also du kannst ihr gerne sagen, dass sie dir gefällt, aber Fummeln geht nicht!“. Der Typ schaute mich mit großen Augen an und versprach mir, sich zurück zu nehmen, wobei er seine Hand wieder auf ihre Hüften legte. Ich packte die Hand, die so groß war wie mein Kopf und mich mit einem Schlag zu Bob Marley hätte schicken können. „Hey Kollege, ich mein’s ernst! Can’t touch this!“. Wenn man schon damit angefangen hat, muss man es eben auch zu Ende bringen. In der Zwischenzeit kam mein Getränk und ich war zufrieden. Da der Hüne auf mich hörte, drehte ich mich wieder um und widmete mich den restlichen Klängen der Musik.

Aber kaum drehte ich mich wieder – im Schwung einer Drehung – zur Theke, konnte ich sehen, wie der Riese wieder Hand anlegte. Ich ging zurück, quetschte meinen kleinen Körper zwischen die Hohlräume, die er noch frei lies, bevor er sie ganz besprungen hätte, schaute sie an und sagte, „Komm Schwesterchen, lass uns gehen.“. Sie war natürlich sofort dabei. Ihre Freundin ebenso. Und zum Glück war sie mit dem Auto da und konnte tatsächlich auch noch fahren.

Leider ließ sie mich nur einen halben Kilometer später wieder raus. Vermutlich war jegliche männliche Anwesenheit zu viel für sie an diesem Abend. Ich vernahm noch ein kurzes Dankeschön und dann nur noch die Musik aus meinem MP3-Spieler, die mich auf meinem anderthalbstündigen Heimweg begleitete.

Nachdem mir die Geschichte also wieder einfiel, konnte ich das Mädel wieder einordnen. Warum sie mich so toll fand, wurde mir dann auch klar. Und wie als hätte sie noch ein schlechtes Gewissen, gab sie mir einen Kuss auf die Wange und sagte nochmals, dass sie ein Fan von mir sei. Manchmal reicht das schon aus und so bedankte ich mich nur und ging den Abend alleine zu Ende genießen.

Das schöne ist, dass mir in letzter Zeit wieder öfter solche Begegnungen passieren. Erst vor einer Woche wurde ich von einer Frau umarmt und links und rechts abgeknutscht, die anscheinend nur wegen mir die Kraft fand, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen. Eine Ex, die sich aus dem fernen Italien meldete, und mir Hilfe bei der Trauerbewältigung anbot. Eine andere Frau, die sich ebenso plötzlich nach Jahren wieder meldete und mich zu ihr einlud. Und noch eine Frau, die mir Dankte, weil ich ihr geholfen hatte. Eine gute alte Freundin, die sich entschuldigte, weil sie mich mal blöd in der Öffentlichkeit gedisst hatte – schon längst vergessen.

Es ist schön, wenn man weiß, dass man alles in allem positiv in den Köpfen anderer Menschen hängen bleibt und dass man zu denen gehört, denen man ohne Scham Danke oder Entschuldigung sagen kann. Ich bin Bushidos Plattenlabel!



Was hindert uns daran, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten?
April 4, 2012, 5:30 pm
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Diese Frage würde ich gerne in einer Art Diskussion beantworten. Also seid ihr alle herzlich dazu eingeladen, eure Meinung dazu zu schreiben.

Zunächst aber meine eigenen Überlegungen:

Was hindert uns daran, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten?

Bevor ich auf Hinderungsgründe eingehe, will ich versuchen, zu skizzieren, wie ich gerne behandelt werden möchte. Und ich denke, viele Menschen wollen ähnlich oder gleich behandelt werden.

Ich selbst möchte gut behandelt werden. Was heißt gut und warum gut?

Also mein Verständnis vom Sinn des Lebens ist, dass ich ein glückliches und zufriedenes Leben führe. Zum einen will ich, dass meine Grundbedürfnisse gestillt sind, zum anderen will ich dabei ein gutes Gefühl haben, also rundum glücklich sein.

Zu den Grundbedürfnissen gehören z.B. körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit und soziale Beziehungen. Körperliche Grundbedürfnisse sind banal gesehen die Atmung,Wärme, Trinken, Essen, Schlaf. Unter Sicherheit fallen Unterkunft, Gesundheit, Schutz vor Gefahren und Ordnung. Soziale Beziehung umfassen Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Nächstenliebe, Sexualität, Fürsorge und Kommunikation. In der Psychologie werden vier Grundbedürfnisse aufgezählt: Bindungsbedürfnis, Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, Bedürnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung. (Quelle: Wikipedia Grundbedürfnis)

Manche dieser Ziele kann ich natürlich ganz egoistisch im Alleingang erreichen. Dafür beschneide ich aber andere Grundbedürfnisse, die ich durch eine egoistische Bedürfnissstillung behindere. Einfach ausgedrückt, was habe ich von all dem Spaß, wenn ich ihn nicht mit jemandem teilen kann?

Ich unterteile deshalb in Glück und Zufriedenheit. Zufriedenheit sind all die Bedürfnisse, die ich auch egoistisch erreichen kann. Also körperliche Grundbedürnisse und Bedürfnisse der Sicherheit, bzw. das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und das Bedürfnis nach Selbstwertehöhung und Selbstwertschutz. Bei genauer Betrachtung stellt man aber bereits fest, dass selbst diese egoistischen Bedürfnisse nur durch Stillung der Glücks-Bedürfnisse zufriedenstellend sind. Wie soll ich in anbetracht psychosomatischer Auswirkungen körperlich zufrieden sein, wenn ich Stress mit anderen Menschen habe? Wie soll mein Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung gestillt sein, wenn ich weiß, dass ich Feinde habe? Wie soll ich volle Kontrolle erreichen, wenn ich weiß, dass es Leute gibt, die meine Kontrolle unterwandern?

Glück und Zufriedenheit geben sich also die Klinke in die Hand und sind voneinander abhängig. Aus eigener Erfahrung kann ich dies nur bestätigen.

Jetzt sieht man ja bereits, dass die eigenen Bedürfnisse von anderen abhängig sind. Was ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist, ist dass jeder Mensch solche Grundbedürfnisse hat und jeder diese Bedürfnisse stillen möchte.

Daraus ergeben sich einfache Verhaltensweisen, die uns Menschen auf Grund unserer evolutionären Entwicklung immanent sind. Interpretiert man zum Beispiel Teile der Bibel als sozialen Verhaltensratgeber, so könnte man die zehn Gebote als recht sinnvoll erachten. Andererseits sind diese sicherlich von damaligen Moralvorstellungen geprägt und lassen menschliche (animalistische) Bedürfnisse außer Acht. Solche Moralvorstellungen begegnen uns aber auch bei der heutigen Interpretation von Bedürfnissen. Hier ist ganz klar von erlernter und angeborener Moral zu unterscheiden. Hier ist zum Beispiel darauf hinzuweisen, dass bereits Kinder das Töten anderer nicht gut finden, oder dass Altruismus auch bei Tieren und Kleindkindern vorhanden ist.

Ich hoffe, ich konnte jetzt kurz, aber nachvollziehbar darstellen, warum die Stillung meiner Grundbedürfnisse in mir das einfache Bedürfnis erwecken, gut behandelt zu werden.

Nun dazu, wie man erreicht, gut behandelt zu werden. Wer ein Restaurant besucht oder eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, erwartet, gut behandelt zu werden. Aber auch bei alltäglichen Begegnungen mit Fremden, hat man solche Erwartungen.

Was ist eine gute Behandlung? Am einfachsten ist die Antwort wohl, wenn man die schlechten Behandlungsmöglichkeiten ausgrenzt. Will man angestresst werden? Will man einen unfreundlichen Blick kassieren? Will man beleidigt werden? Kurz, will man respektlos behandelt werden? Nein. Respektlos behandelt zu werden macht nicht glücklich. Will man belogen werden? Will man gespielte oder geheuchelte Sympathie ernten? Will man verarscht werden? Kurz, will man unehrlich behandelt werden? Nein, unehrlich behandelt zu werden macht ebenfalls nicht glücklich.

Fazit ist also, ich will respektvoll und ehrlich behandelt werden.

Ich muss also die Menschen in meinem Umfeld und auch Fremde dazu bringen, mich respektvoll und ehrlich zu behandeln. Die Ehrlichkeit setzt voraus, dass der Respekt nicht geheuchelt ist und der Respekt erfordert, mit Ehrlichkeit auf mich zuzugehen. Erzwungener Respekt und erzwungene Ehrlichkeit widersprechen also meiner Meinung nach den beiden Anforderungen, da sie sich gegenseitig einschließen. Respekt durch Terror zu erzwingen bedeutet, den anderen zum Lügner zu machen, weil der Respekt nicht auf ehrlicher Sympathie beruht, sondern auf Selbstschutz.

Ich kann wohl kaum davon ausgehen, dass mir Ehrlichkeit und Respekt entgegengebracht werden, wenn ich nicht ebenso Respekt und Ehrlichkeit entgegenbringe. Sowieso muss ich davon ausgehen, dass meine Mitmenschen auf mich reagieren. Am Beispiel des Restaurants würde man sagen, der Kellner war so unfreundlich, dass ich ihm kein oder wenig Trinkgeld gebe. Beziehungsweise, der Kellner war so super, dass ich gerne Trinkgeld gebe.

Denn wie bereits erläutert, stillt eine gute Behandlung die Grundbedürfnisse. Werden diese gestillt, nehmen Glück und Zufriedenheit zu. Ist man glücklich und zufrieden, strahlt man dieses auch nach außen aus. Wie wichtig diese Ausstrahlung ist, sieht man daran, dass allein die Kommunikation zwischen den Menschen größtenteils non-verbal funktioniert. Wie ich also den anderen gegenübertrete, wie ich sie behandle, ist ausschlaggebend dafür, wie sie mich wahrnehmen, ob sie sympathisieren oder meiner Person aus dem Weg gehen möchten, weil sie eine Störung ihrer eigenen Grundbedürfnisse fürchten.

Ein einfaches Beispiel für eine solche positive non-verbale Ausstrahlung ist das Lächeln. Lächeln macht glücklich. Wer dazu gerne mehr erfahren will, findet eine nette Zusammenstellung auf Brigitte.de! Hehe. Nicht umsonst wird Verkäufern gesagt, dass sie möglichst lächelnd kassieren sollen. Die Körpersprache ist aber nur ein Teil, wie man positiv mit anderen umgehen kann, um wiederum selbst gut behandelt zu werden. Je enger eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist, desto häufiger und expliziter müssen Respekt und Ehrlichkeit zum Ausdruck gebracht werden, um die Enge, das Vertrauen, aufrecht zu erhalten. Wird man also ständig nur beschimpft oder als Lügner bezeichnet, verliert man schnell die Lust, sich respektvoll und ehrlich zu verhalten.

So denke ich, müsste einfach ausgedrückt klar sein, warum es sinnvoll ist, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Was hindert und also daran? Warum behandeln manche Menschen andere schlecht? Worin liegt deren Motivation?

Zuerst muss man als Hindernis wohl Erkrankungen nennen. Diese können sowohl psychischer als auch physischer Art sein. Da solche Erkrankungen ein wenig mehr Platz in Anspruch nehmen, spare ich mir einzelne Aufzählungen und bleibe bei einem bekannten Beispiel. Wer einen Mangel in der Wahrnehmung hat, kann sich nicht sicher sein, woran er beim andern ist und wird deshalb seine Selbstschutzmechanismen nutzen. Dies ist bei Alkohol oft der Fall, der die Wahrnehmung stark verändert. Betrunkene reagieren oftmals überzogen auf Dinge, die sie verfälscht wahrnehmen und denen sie dann alkoholbedingt eine falsche Gewichtung zuordnen.

Psychologisch wichtig sind Traumata und Depressionen. Erlebnisse, die einschneidende Erfahrungen waren und nicht bewältigt wurden. Durch sie findet quasi eine Umgewichtung der Grundbedürfnisse statt. Daraus können also auch Erwartungen an soziale Grundbedürfnisse verzerrt werden. Erwartungen an die Mitmenschen, Toleranzen und Launen können verändert sein.

Zum zweiten hängt eine Schlechtbehandlung auch von Erziehung und Erfahrung ab. Uns wurden mit Sicherheit gewisse Maßstäbe beigebracht, an denen wir messen, ob wir jemanden respektieren sollen oder ob nicht. Hier spielen wieder Moralvorstellungen und Werte eine große Rolle. Jemand, der gelernt hat, dass das Dienstpersonal minderwertig ist, wird diesem schwerlich mit vollem Respekt gegenübertreten. Wer HartzIV-Empfänger für faul hält, wird sie nicht so respektieren, wie einen erfolgreichen Arbeitnehmer. So kann zum Beispiel die Bewertung einer Eigenschaft an der einen Person positiv und an einer anderen Person negativ stattfinden, obwohl die Eigenschaft vollkommen gleich ist und zudem nicht einmal Charakterbestimmend.

So!

Soviel mal vorerst zu meiner Meinung. Ich würde mich über andere Meinungen sehr freuen. Behandelt mich gut! Hehehe… Spaß, ich denke mein Karma-Konto sieht ganz gut aus. Auf das Thema bin ich übrigens durch Politik gestoßen.

Vielleicht bieten sich durch die Diskussion also auch Gedanken zur Überwindung solcher Hindernisse an. Utopie…?



Tag Cloud

Neulich war ich auf einer Vernissage. So ein Treffen von In-Hippster-Hippies, die sich angeregt über AlkoholArt unterhielten. Glücklicherweise gab es neben „Kunst“ auch hiebfesten Alkohol. Nice. Wie es so meine Art ist, brauch ich im Suff Action, sonst schlaf ich ein oder mach selbst Action. Damit wollte ich die Leute nicht belästigen.

Draußen war es schon dunkel, aber eine Passantin auf dem Gehweg leuchtete so hell, dass ich nur noch Augen für sie hatte – ihre Augen, ihr Mund, ihr Hubba-Bubba platzte, „blog“ – und beinahe vor einen Bus gestolpert wäre.

Im Deutsch der Vernisage-Gäste wäre der Unfall dann vielleicht eine „Erfahrung“ gewesen – ganz wertungsfrei, aber immer in Erinnerung an den fatalen Fehler, den man begehen kann, wenn man einer besonderen Frau hinterherschaut.

Frauen„, sagte ein Freund einmal, „können schlechte Freunde sein.“. Bei diesem Gedanken musste ich kurz lächeln, denn da fiel mir eine Geschichte ein: Sie war das Glück meiner Jugend und aus irgendeinem Grund hielt sie beim Schulausflug ins Museum plötzlich meine Hand. In meiner Hilflosigkeit verhielt ich mich wie ein Freund. Lange ist es her, wir waren ja fast noch Kinder ohne Hintergedanken im Kopf und so wurden wir gute Freunde für’s Leben – nicht nur für die Liebe… Andere Geschichte.

Die Frau, die mir aber gerade fast das Leben genommen hatte, war mit Sicherheit keine Freundin – Devil in Disguise. Wie als hätte sie meinen beinahe Unfall genossen, zogen ihre zarten Lippen ein erregtes Lächeln hervor.

„Ja Lady, ich bin ein Mann und in erster Linie ein Mensch! Und es ist nicht cool, wenn Menschen wegen dir vom Bus überfahren werden.“. Das dachte ich mir zumindest bei meinem zögerlichen Weiterweg über die dunkle Straße.

Vor meiner Stammkneipe begegnete ich einem ehemaligen Mitarbeiter und wir rauchten noch schnell eine vor der Spelunke. Üble Spelunke. Von drinnen drang Live Musik an unsere Ohren. Also zogen wir die Zigaretten schnell runter und stürmten den Event.

Jetzt wird meine Erinnerung leider etwas lückenhaft, aber alles, was es nicht in die Top Ten geschafft hat, war sowieso nicht merkenswert. Das nenne ich Alkohol-Art!

Wir waren Backstage mit der Band und ich erzählte Gina (Bass) die Geschichte, wie ich beinahe Musiker geworden wäre. Sie erzählte auch viel und wir redeten die ganze Nacht. Um halb vier trennten sich unsere Wege und sie gab mir noch ihren Namen, ihre Nummer und ein Bier aus. Frauen können auch gute Freunde sein.

Der Morgen war im Anbruch und ich entschied mich für einen Spaziergang durch den Park. Volltrunken und happy beschloss ich, mich der Natur von meiner schönsten Seite zu zeigen – ich entblößte meinen alkoholgetränkten Körper und zog in aller Ruhe durch die Wildnis. Tarzan, der König des Urwalds, Janes Nummer im Gepäck und Cheetah im Kopf. Ua-a-a-ah!

Wie ich das Schicksal forderte, ging es mir am nächsten Tag natürlich nicht sonderlich. Und wieder einmal entging mir der Sinn an all dem Partygetue. Bin ich etwa Teil eines Systems, dass jeden Tag mit dem Tod rechnet und deshalb alles ausschöpft, bis ans absolute Limit – vor Geilheit ja sogar beinahe bis in den Verkehrsunfalltod? Wo bleibt die Vernunft!?

Von soviel gedanklicher Anstrengung überfordert, entschied ich mich für ein Video. Beim anschauen schlief ich ein und träumte ich wäre in einem Wald unter Wasser. Wie ein Fisch konnte ich durch die Bäume schwimmen, in ihnen verweilen und das saftige Moos vom Boden graßen.

Ein lautes Brummen riss mich gewaltig vom Moosboden weg, zurück in die reale Welt. Meine Türklingel! Ich rannte total benommen zur Tür und öffnete sie. „Hallo, ich bin ihre neue Nachbarin.“!

„Gina!?“, sagte ich. Es war Gina (Bass) von der Band. Hinter ihr mühte sich ein älterer Herr mit einem Bettpfosten die Treppe hoch. Sie war gerade dabei einzuziehen. Ich half ihr und ihren Eltern, die restlichen Möbel in die Wohnung zu bringen. Drei Stockwerke!

Für den Abend lud sie mich zu einem Bier ein und wir verbrachten wieder viel Zeit miteinander. Was für ein Zufall, nicht war!?

Ja so war das mit der Tag Cloud (siehe links; Stand: 20.2.2012)…



Der betrunkene Bahnbeamte im Wald

Gestern ist mir mal wieder eine dieser Geschichten eingefallen, die mir vor ein paar Jahren passiert ist. Beim Joggen, mitten im Wald, begegnete ich einem volltrunkenen Mann, der anhand seiner Berufskleidung klar als Angestellter der Deutschen Bahn zu identifizieren war.

Ich habe ihn erst von weitem gesehen. Sein Gang war super ausfallend, wodurch er locker das dreifache der normalen Strecke zurücklegte. Rund um mich herum, wie gesagt, nur Wald. Also habe ich mein Lauftempo verringert und vorsichtshalber meine Reaktionsmöglichkeiten durchdacht, je nach dem, wie der Betrunkene drauf ist. Bei denen kann man ja nie wissen, was ich aus eigener Erfahrung mit und als Betrunkener weiß. Als er ungefähr fünf Meter von mir entfernt war, sprach ich ihn an, ob alles bei ihm ok sei. Eine rein rethorische Frage, aber ich denke, es ist so besser, als wie wenn ich ihm sage, dass bei ihm nichts mehr ok ist.

Er hat einen sehr gefassten Eindruck gemacht. Zumindest wusste er, dass er jenseits von Gut und Böse war. Ich fragte ihn, woher er kam und wohin er wollte. Das Woher habe ich nicht wirklich verstanden, weil er keinen Unterschied daraus zu machen schien, wo er wohnte, was sehr weit weg war und wo er sich so sehr die Kante gegeben hatte. Ich erfuhr aber zumindest, dass er im nächsten Dorf seine Frau anrufen wollte, damit sie ihn abholen konnte. Und dass er sich mit zwei Flaschen Wein und aus Frust bei der Arbeit besoffen gemacht hatte. Auf meine Frage, ob ich ihn begleiten sollte, sagte er lallend nein danke.

Ich ließ ihn ziehen, behielt ihn aber noch im Blick. Und tatsächlich, nachdem er stolpernd, schwankend, torkelnd immer wieder nur knapp dem harten Boden entgehen konnte, kam er doch noch seinem eigenen Bein in den Weg und fiel unsanft ins Gestrüpp. Also ging ich zu ihm, half ihm auf und entschied mich ihn bis zum nächsten Dorf zu beleiten. Die Entscheidung war sicherlich die Richtige, auch wenn es angenehmere Begleitpersonen gibt.

Er erzählte mir von seiner Arbeit und das er ständig unter Leistungsdruck stünde. Wohlgemerkt, er ist Bahnmitarbeiter und anscheinend arbeit er an einem Schalter in einem Bahnhof. Aber wer leidet heute denn eigendlich noch nicht unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen? Ob das so ist und warum das so ist (obgleich früher die Arbeitsbedingungen sicherlich härter waren), muss jetzt ungeklärt bleiben. Auf jeden Fall war dies der Grund für sein spontanes Besäufnis im Wald.

Ich musste ihn mit beiden Armen stützen, was sehr anstrengend war. Während ich mit ihm lief, bedankte er sich, entschuldigte er sich, bedauerte er die Situation und bewunderte meinen Einsatz fortwährend und beinahe im Sekundentakt. Einmal sagte er mir, er würde für mich beten wollen. Normalerweise reagiere ich auf so etwas grundsätzlich allergisch. Aber einem Besoffenen klar zu machen, dass er sich seine Religion sonst wo hinstecken könnte, ist nicht unbedingt das Beste.

Als wir dann, nach mehreren kurzen Pausen in dem Dorf und an der Telefonzelle angekommen sind, stellte sich uns das Problem, dass wir zusammen den Telefonaparat bedienen mussten, weil er alleine dazu nicht mehr in der Lage war. Zuerst zog er die falsche Telefonkarte aus dem Geldbeutel (Mitgliedsbonuskarte eines Supermarktes). Dann nuschelte er mir die Telefonnummer so undeutlich zu, dass ich mich prompt mehrmals verwählte. Als ich dann die richtige Nummer gewählt hatte, stellte sich heraus, dass seine Frau, bzw. niemand zu hause waren. Was nun? Gleich neben der Telefonzelle war ein Spielplatz mit einer Bank. Dorthin schleppte ich ihn.

Ich machte ihm klar, dass er es später noch einmal bei sich zuhause versuchen sollte. Ich gab ihm die Telefonkarte so, dass er sie ohne Probleme finden und sie nicht wieder mit einer anderen Karte verwechseln konnte. Dann versicherte ich mich noch seines Zustandes, der meines Erachtens nicht gefährlich war und gab ihm zu verstehen, dass ich jetzt gehen werde. Er war damit einverstanden, ließ mich aber erst gehen, nachdem er mir nochmals ca. 1000 Mal Danke sagte und mich umarmte.



Man in the Moon

Ein gute Freundin erinnerte mich neulich an eine uralte Geschichte:

Ich war gerade auf dem Heimweg von der Disko. Entsprechend betrunken, aufgedreht, freudig und unvoreingenommen war ich unterwegs.

So begegnete ich einem Mann, gute zehn Jahre älter als ich, der langsam und bedacht den gleichen Weg ging, den ich zu gehen hatte. Mir meiner selbst bewusst, sprach ich ihn vornehm und offenherzig an: „Hallo! Wie ich sehe, gehen wir den gleichen Weg. Also warum alleine gehen, wenn wir auch zu zweit gehen können. Ich heiße so. Und wer bist du?“.

Die Antwort fiel sehr kurz aus: „Hm.“. Im Sinne der Höflichkeit bot ich mich nochmals als Weggefährten an. Dazu nannte ich ein zweites Mal meinen Namen und die unausweichliche Tatsache, dass wir den selben Weg gehen würden und wohl auch mussten. Seine Reaktion war wiederum nur ein kurzes „Hm“.

Aus irgendeinem Grund – nennen wir ihn getrost Alkohol – ließ ich mich von diesen beiden „Hm“ nicht sonderlich beeindrucken und behielt meine freundlich aufdringliche Art bei. Ich spürte zwar, dass der Mann alles andere als begeistert von meiner Gesellschaft war, aber ich hatte nichts Böses im Sinn und deshalb ein reines Gewissen auf meiner Seite.

So schlenderten wir beide sichtlich betrunken und mitgenommen des vorherigen Abends weiter des Wegs. Seine Stille ließ mir Raum für Rede. Ich erzählte ihm von meinem Abend: die Disko, die Musik, das Tanzen, die Menschen, mein Zustand, alles. Alles offen und ehrlich und ehrlich verletzlich. Ich mimte absolute Naivität. Absolutes Vertrauen.

Nachdem wir so eine Weile gegangen waren – er schweigend, ich redent – passierten wir den städtischen Friedhof. Plötzlich rannte er auf die Friedhofsmauer zu, kletterte über den gut zwei Meter hohen Absatz auf die dunkle Seite hinter der Mauer und ließ mich verdutzt alleine stehen.

Wütend wurde ich. Aber ich wollte nicht warhaben, dass völlige Offenheit so mieß belohnt würde. Also blieb ich stehen und redete vor mich, aber für alle höhrbar hin: „Na an was für einen seltsamen Typ bin ich denn da geraten?“. Mir war klar, dass ich ihn mit meinem ständigen Gerede gereizt haben musste. Ich wusste sehr wohl, dass er nicht nur älter, sondern auch zwei Köpfe größer und vierzig zentimeter breiter als ich war. Entsprechend unwohl fühlte ich mich, aber da ich offen, ehrlich, freundlich und reinen Gewissens war, wollte ich den Schwanz nicht einfach so einziehen.

Und nach ungefähr fünf Minuten konnte ich zwei Arme sehen, die, gefolgt vom restlichem Menschen, wieder über die Friedhofsmauer zurück auf meine Seite kletterten. Der Mann schritt auf mich zu, schaute mich an und bemerkte nur: „Ich würde dir am Liebsten eine reinschlagen! Wirklich! Aber ich werde das nicht tun.“.

Ich schwieg. Dennoch trat ich keinen Schritt zurück. Ich bewieß ihm mein Gewissen. Und so gingen wir Seite an Seite weiter. Die Nacht war sternenklar und der Mond schien voll. Nach einhundert Metern blieben wir stehen. Er starrte auf den Mond und plötzlich begann er zu reden. Seine Verlobte ließ ihn im Stich. Seine Eltern ließen ihn im Stich. Sein Leben beschrieb er auf dem Höhepunkt der gesammelten Scheiße eines ganzen Jahrhunderts.

Der helle Mond am Nachthimmel schien auf uns herab und sein reines Licht gebahr uns die Vertrautheit, die er benannte, als ihm klar wurde, dass ich sein Kompagnion in dieser schweren Stunde war.

Nachdem er mir offenbarte, was ihm auf dem Herzen lag – mir, den er nicht kannte und dessen Geplapper ihn beinahe zu Gewalt gezwungen hatte – blieben wir eine Zeit lang schweigend im Angesicht des Mondes stehen. Vielleicht wurde uns beiden bewusst, dass wir nur ein kleiner Teil einer vollkommenen Schöhnheit waren, die es nicht Wert ist aufzugeben, nur weil einmal alles schief zu laufen scheint.

Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Komm Junge, bevor wir den Weg weiter zu Fuß gehen, rufe ich uns ein Taxi.“. Er nahm sein Handy, orderte uns einen Wagen zur nächstgelegenen Bushaltestelle und ging mit mir dorthin. Kaum waren wir dort, kam das Taxi auch schon an. Ich stieg auf der rechten Rücksitzseite ein. Er öffnete die Beifahrertür, gab dem Fahrer fünf Euro und befahl ihm, mich gut nach Hause zu bringen.

So überrascht und erstaunt ich von der Wendung des Geschehens war, blieb ich sitzen, kurbelte das Fenster runter und bedankte mich. Ich nannte ihm nochmals meinen Namen und streckte ihm meine Hand entgegen. Dann blickte er mir zum ersten Mal in meine Augen, ergriff meine Hand und nannte ebenfalls seinen Namen. So verabschiedeten wir uns mit Respekt und der Taxifahrer brachte mich direkt vor die Haustür.



Meskalin…

Ich sitze gerade auf einem Sitz in einem Bus und döse vor mich hin. Die Müdigkeit, der Alkohol, der viel zu lange Abend… Meine Lider drücken so schwer auf meine Augäpfel, dass ich Azeton bräuchte um sie abschälen zu können. Der Sitz ist breit, aber irgendwie viel zu schmal! Egal wie ich meinen Hintern platziere, der Sitz drückt gegen meine lahmen Oberschenkel. Ja, die Sitzfläche ist nicht für schlappe Alkoholkostgenießer gemacht! Lall ich? Iwo! Seit wann kann man denn beim Denken lallen!? Mein Rücken ist außerdem viel zu breit für den Sitz. Der Sitz ist also weder breit noch schmal. Ich revidiere! Der Sitz ist einfach scheiße…

Der Busfahrer denkt auch, nachts sind die Straßen frei – na da heitze ich doch mal wieder wie eine gesenkte Sau durch die Straßen. Los! Zackig! Beschleunigen auf mindestens 60 Km/h! Zackig! Kurve! Haltet euch fest Kammeraden! Bing – Haltestelle! Zackig bis an die Bus-Markierung auf dem Straßenbelag heranfahren und – Zackig – in die Bremsen steigen! Betet meine Brüder und Schwestern! In Bezug auf meinen Mageninhalt würde ich die Fahrbewegungen eher als so beschreiben: zum Kotzen! Der scheiß Sitz sah aber auch so bequem aus, da hab ich in Kauf genommen, gegen die Fahrtrichtung zu schlafen… Ein Gutes hat der apprupte Geschwindingkeitsverlust aber doch! Für den Bruchteil einer Sekunde schrecke ich auf und sehe! Ich sage, „ und es ward Licht“! Und so war es! Was wollte ich jetzt sagen? Ach so! Das Licht. Genau…

Also würde der Bus nicht so ungeahnt sein Gewicht auf die Vorderachse verlagern, dann würde ich nicht mal mehr zu den Haltestellen die Augen öffnen und somit bis zur Endstation auf diesem hammersunbequemen Sitz rumhängen. Bing! Der vorletzte Nachtbus und ich hänge schon halb tot im Sitz. Die anderen Fahrgäste scheinen noch sehr fit zu sein, was ich so an Geblöke hören kann. Sollen sie denken, was sie wollen, ich hatte meinen Spaß. Ob die anderen noch im Kuckuck sind? War der Stefan noch da, als ich gegangen bin? Tja, wen juckts!? Sowieso ein komischer Typ. Zack! Mageninhalt hemmert gegen die Rückseite der Höhle und schwappt genauso ruckartig zurück gegen die Bauchseite. Der Bus steht still! Licht!

Meine Haltestelle! Die hintere Tür öffnet sich schon. Steh auf du fauler Sack! Karusell… Mein Bein??? Was geht denn nun!? Mein Bein ist eingeschlafen! Tutto completti! Ich stolpere! Ich muss raus hier. Ich stolpere bei jedem Schritt. Ich spüre mein komplettes linkes Bein nicht mehr! Total eingeschlafen! Mit den Haltestangen hangele ich mich auf einem normalen und einem tauben Bein zum Ausgang. Ich setze mein waches Bein hinunter auf den Gehweg und breche beinahe zusammen, weil mein schlafendes Bein keine Ahnung hat, was gerade angesagt ist! Eine Frau greift mir unter den Arm und hält mich fest. Noch jemand packt meinen anderen Arm. Puh! Was für ein Stress! Beide reden auf mich ein. Langsam – jeder einzeln! Mir geht es doch gut! Keine Panik…

„Maaain Bein is voll eingeschlafn.“. Ich lalle ja tatsächlich… Scheiß Sitz!

So ungefähr könnte der junge Mann gedacht haben, dem ich heute Nacht geholfen habe, weil sein Bein eingeschlafen ist. Er erinnerte mich an Johnny Depp in dem Film „Fear and Loathing in Las Vegas“, in der Szene, in der er auf Meskalin im Hotel einchecken möchte. Übrigens hatte der hastige Busfahrer die Geduld auf mich zu warten, bis ich wieder zurück in den Bus gestiegen bin. Ein Lob auf die Öffentlichen Verkehrsmittel.



Heimlich, still und leise…

Als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war, hatte ich einen guten Freund, dessen Familie und er in einem winzigen, heruntergekommenen Häuschen direkt an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung wohnten. Der Vater war starker Alkoholiker, Raucher und Waffennarr. An der Wohnzimmerwand hiengen allerlei Revolver, Vorderlader, Säbel und andere Waffen. Ob die Mutter auch trank, weiß ich heute zwar nicht mehr, aber ich gehe davon aus. Sie war ruhig und zurückhaltend, aber immer sehr nett zu mir. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob die Eltern gearbeitet hatten.

Ich wusste schon damals, dass diese Familie zu den Ärmeren gehörte und ich fühlte mich oft ein bisschen fehl am Platz, da ich mir wie ein „Großkotz“ vorkam. Wobei man dazu sagen muss, dass meine alleinerziehende Mutter uns drei Kinder zu Anfang auch nur mit Sozialhilfe durchbrachte. Vielleicht war es aber allein die Liebe, die sie uns gab, die mich im Gegensatz zu dieser Familie reich erscheinen ließ.

Insgesamt waren es drei Geschwister. Die älteste Tochter, mein Freund und der kleinste, ich denke sein Name war Dennis. Alle drei lagen ungefähr ein Jahr auseinander und der Jüngste war damals ungefähr vier Jahre alt. Ein quicklebendiges Kerlchen mit großem runden Kopf, blonden Haaren und einem wirklich sehr ansteckenden Lachen.

Eines Tages war ich also bei meinem Freund und wir spielten mit den Dackelwelpen, die im Wohnzimmer gehalten wurden und deren Geruch, vermischt mit Zigarettenrauch und dem fahlen Gestank von Alkohol das ganze Haus einnahm. Es war wohl ungefähr zwei Uhr, als der Jüngste nach Hause kam. Der Vater begann sofort zu schimpfen: „Wo kommst du jetzt her?“. „Vom Kindergarten.“, antwortete der Kleine. Die Stimmung fiel plötzlich wie von Geisterhand gedrückt bis unter den Boden, obwohl niemand der sonstigen Anwesenden seine Handlungen unterbrach oder sich dem Streit zuwandte. Der Vater lies nicht locker und so stellte es sich dann heraus, dass der Kleine nach dem Kindergarten noch mit einem türkischen Freund spielen war, was dem Vater besonders übel aufstieß, „Ich habe dir gesagt, nicht mit dem Türken!“.

Als dieses Geständnis unter Tränen endlich raus und die Temperatur im Wohnzimmer und den Körpern der Anwesenden auf Minusgrade gesunken war, zog der Vater einen Bambusstock hinter dem Sofa hervor und befahl meinem Freund, mit mir in den oberen Stock zu verschwinden. Wir gingen hinauf und wandten uns anderen Dingen zu.

Von unten drangen Schreie nach oben. Schmerzen, zugeführt mit einem Bambusstock. Weinen. Gebrüll. Weitere Schreie. Mein Freund spielte weiter. Ich erinnere mich nur noch, dass ich verstört war und nicht anders reagieren konnte wie er, indem auch ich einfach unberührt weiter spielte. Ich weiß, dass wir beide nur „spielten“ weiterzuspielen. Ich habe nie jemandem davon erzählt!

Viele Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass der Vater gestorben war. Heimlich, still und leise hat sich der dumme rassistische Sack der Verantwortung entzogen. Genauso heimlich, still und leise habe ich nach diesem Erlebnis den Kontakt zu meinem Freund abgebrochen. Es war zu viel für mich. Zu viel von dem, was mir Angst machte. Zu viel Hilflosigkeit. Zu viele Schuldgefühle. Weil ich wusste, dass es falsch war, aber nicht wusste, was ich zu tun hatte.

Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte es daheim erzählen sollen. Ich hätte es melden sollen! Es ist zu spät für eine Entschuldigung.



Glücklicher Zu(g)fall

Dieses Wochenende war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs durch Deutschland. Auf meiner Heimreise musste ich einmal umsteigen. Mein erster Zug hielt am Bahnhof, ich nahm meinen Koffer und betrat das Abteil. Alles voll besetzt. Also bahnte ich mir meinen Weg vorbei an den Sitzplätzen durch den engen Gang. Ich zog von Wagon zu Wagon und konnte keinen freien Sitzplatz mehr ergattern. Zumindest keinen, der in Fahrtrichtung und mit genügend Platz für mein Gepäck war. Gerade hatte ich beschlossen, mich einfach irgendwo dazwischen zu quetschen, da bemerkte ich im Augenwinkel hinter mir eine Sitzgruppe mit genügend Platz für mich und meinen Koffer. Und genau auf dieser Sitzgruppe sah ich ein mir bekanntes Gesicht sitzen.

Es war ein alter Freund aus meiner alten Heimat, den ich eigentlich nur vom Ausgehen her kannte, aber wir verstanden uns dann immer sehr gut. Er war eine Zeit lang der Barchef der größten Disko dort und lies mich immer rein, gab mir gratis Getränke und ab und zu drückte er mir auch einen Joint in die Hand. In seinen Augen war ich der Chefanimateur des Ladens, denn ich konnte bis zu acht Stunden durchtanzen, ohne dass dem Beobachter langweilig wurde. Heute arbeitet er nicht mehr in der Disko, sondern hat sich selbstständig gemacht, entwickelt Konzepte für Südkoreas Hauptstadt und arbeitet an weiteren Projekten rund um den Globus. Wir redeten über die alten Freunde, die alte Heimat, die verlorene Gesellschaft, die gewonnene Zukunft und das Leben an sich. Am nächsten Bahnhof trennten sich unsere Wege, jedoch nicht ohne Austausch der Kontaktdaten.

Ich schlenderte gut unterhalten zu meinem nächsten Zug, der bereits auf den Gleisen auf mich wartete. Der Zug war noch nicht sehr voll und bis zur Abfahrt dauerte es noch rund eine halbe Stunde. Ich entschied mich dafür auf einem der Dreierplätze in diesem „modernen“ und vollkommen unpraktischen Zug Platz zu nehmen. Während der Zug noch im Bahnhof stand schloss ich meine Augen und öffnete sie nur, wenn ich neben mir Passagiere gehen hörte. Schließlich will man ja wissen, wer eventuell gegenüber Platz nimmt. Und bei besonders hübschen Frauen denkt man energisch „bitte bitte“. Durch die kurzen Augenblicke füllte sich der Zug wie in Zeitraffer.

Dann setzte sich mir gegenüber eine junge Frau auf einen der zwei noch leeren Plätze. Sie kramte ein Buch aus ihrer übergroßen Tasche und begann zu lesen. Ich schloss wieder meine Augen. Der Zug fuhr los. Nach einigen Zwischenstopps an irgendwelchen Bahnhöfen, bemerkte ich, dass der jungen Frau zwei getrocknete Kleepflanzen auf dem Schoß lagen und zu zerknittern drohten. Sie waren wohl aus dem Buch gefallen. Ich sagte: „Entschuldigung, Sie haben zwei Kleepflanzen auf ihrem Schoß“. Die junge Frau sah mich an, nahm das Buch zur Seite und hob die Kleepflanzen auf. Es waren zwei vierblättrige Kleepflanzen. Sie bedankte sich für meine Aufmerksamkeit und fragte, ob ich eine der Kleepflanzen, die sie selbst auf einer Wiese gepflückt hatte, haben wollte. Nun sollen diese vierblättrigen Kleepflanzen ja angeblich Glück bringen, auf jeden Fall aber sind sie sehr selten. Also bejahte ich ihre Frage und sie gab mir freundlicherweise eine der getrockneten Pflanzen.

Ich habe sie zu meinen sehr persönlichen Erinnerungsstücken gelegt und freue mich über das Glück, welches man nicht nur auf Wiesen, sondern auch in Zügen finden kann.