mal sehen


Hip Hop (3 G’s)
August 21, 2012, 6:30 pm
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Gedanken, Gedichte, Geschichten, drei G’s gingen weg um zu unterrichten.
Ein G auf der Straße, ein G im Hinterhof und ein G am Bahnhof.
Gedichte,Geschichten, Gedanken, drei G’s schrien laut um zu danken.
Ein G bei seinem Dad, ein G bei seiner Mom und ein G bei God.
Geschichten, Gedanken, Gedichte, drei G’s wachten auf vor Gericht, he.
Ein G rotzte Koks, ein G stahl einen Pelz und ein G klaute Beats.

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Der betrunkene Bahnbeamte im Wald

Gestern ist mir mal wieder eine dieser Geschichten eingefallen, die mir vor ein paar Jahren passiert ist. Beim Joggen, mitten im Wald, begegnete ich einem volltrunkenen Mann, der anhand seiner Berufskleidung klar als Angestellter der Deutschen Bahn zu identifizieren war.

Ich habe ihn erst von weitem gesehen. Sein Gang war super ausfallend, wodurch er locker das dreifache der normalen Strecke zurücklegte. Rund um mich herum, wie gesagt, nur Wald. Also habe ich mein Lauftempo verringert und vorsichtshalber meine Reaktionsmöglichkeiten durchdacht, je nach dem, wie der Betrunkene drauf ist. Bei denen kann man ja nie wissen, was ich aus eigener Erfahrung mit und als Betrunkener weiß. Als er ungefähr fünf Meter von mir entfernt war, sprach ich ihn an, ob alles bei ihm ok sei. Eine rein rethorische Frage, aber ich denke, es ist so besser, als wie wenn ich ihm sage, dass bei ihm nichts mehr ok ist.

Er hat einen sehr gefassten Eindruck gemacht. Zumindest wusste er, dass er jenseits von Gut und Böse war. Ich fragte ihn, woher er kam und wohin er wollte. Das Woher habe ich nicht wirklich verstanden, weil er keinen Unterschied daraus zu machen schien, wo er wohnte, was sehr weit weg war und wo er sich so sehr die Kante gegeben hatte. Ich erfuhr aber zumindest, dass er im nächsten Dorf seine Frau anrufen wollte, damit sie ihn abholen konnte. Und dass er sich mit zwei Flaschen Wein und aus Frust bei der Arbeit besoffen gemacht hatte. Auf meine Frage, ob ich ihn begleiten sollte, sagte er lallend nein danke.

Ich ließ ihn ziehen, behielt ihn aber noch im Blick. Und tatsächlich, nachdem er stolpernd, schwankend, torkelnd immer wieder nur knapp dem harten Boden entgehen konnte, kam er doch noch seinem eigenen Bein in den Weg und fiel unsanft ins Gestrüpp. Also ging ich zu ihm, half ihm auf und entschied mich ihn bis zum nächsten Dorf zu beleiten. Die Entscheidung war sicherlich die Richtige, auch wenn es angenehmere Begleitpersonen gibt.

Er erzählte mir von seiner Arbeit und das er ständig unter Leistungsdruck stünde. Wohlgemerkt, er ist Bahnmitarbeiter und anscheinend arbeit er an einem Schalter in einem Bahnhof. Aber wer leidet heute denn eigendlich noch nicht unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen? Ob das so ist und warum das so ist (obgleich früher die Arbeitsbedingungen sicherlich härter waren), muss jetzt ungeklärt bleiben. Auf jeden Fall war dies der Grund für sein spontanes Besäufnis im Wald.

Ich musste ihn mit beiden Armen stützen, was sehr anstrengend war. Während ich mit ihm lief, bedankte er sich, entschuldigte er sich, bedauerte er die Situation und bewunderte meinen Einsatz fortwährend und beinahe im Sekundentakt. Einmal sagte er mir, er würde für mich beten wollen. Normalerweise reagiere ich auf so etwas grundsätzlich allergisch. Aber einem Besoffenen klar zu machen, dass er sich seine Religion sonst wo hinstecken könnte, ist nicht unbedingt das Beste.

Als wir dann, nach mehreren kurzen Pausen in dem Dorf und an der Telefonzelle angekommen sind, stellte sich uns das Problem, dass wir zusammen den Telefonaparat bedienen mussten, weil er alleine dazu nicht mehr in der Lage war. Zuerst zog er die falsche Telefonkarte aus dem Geldbeutel (Mitgliedsbonuskarte eines Supermarktes). Dann nuschelte er mir die Telefonnummer so undeutlich zu, dass ich mich prompt mehrmals verwählte. Als ich dann die richtige Nummer gewählt hatte, stellte sich heraus, dass seine Frau, bzw. niemand zu hause waren. Was nun? Gleich neben der Telefonzelle war ein Spielplatz mit einer Bank. Dorthin schleppte ich ihn.

Ich machte ihm klar, dass er es später noch einmal bei sich zuhause versuchen sollte. Ich gab ihm die Telefonkarte so, dass er sie ohne Probleme finden und sie nicht wieder mit einer anderen Karte verwechseln konnte. Dann versicherte ich mich noch seines Zustandes, der meines Erachtens nicht gefährlich war und gab ihm zu verstehen, dass ich jetzt gehen werde. Er war damit einverstanden, ließ mich aber erst gehen, nachdem er mir nochmals ca. 1000 Mal Danke sagte und mich umarmte.



Glücklicher Zu(g)fall

Dieses Wochenende war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs durch Deutschland. Auf meiner Heimreise musste ich einmal umsteigen. Mein erster Zug hielt am Bahnhof, ich nahm meinen Koffer und betrat das Abteil. Alles voll besetzt. Also bahnte ich mir meinen Weg vorbei an den Sitzplätzen durch den engen Gang. Ich zog von Wagon zu Wagon und konnte keinen freien Sitzplatz mehr ergattern. Zumindest keinen, der in Fahrtrichtung und mit genügend Platz für mein Gepäck war. Gerade hatte ich beschlossen, mich einfach irgendwo dazwischen zu quetschen, da bemerkte ich im Augenwinkel hinter mir eine Sitzgruppe mit genügend Platz für mich und meinen Koffer. Und genau auf dieser Sitzgruppe sah ich ein mir bekanntes Gesicht sitzen.

Es war ein alter Freund aus meiner alten Heimat, den ich eigentlich nur vom Ausgehen her kannte, aber wir verstanden uns dann immer sehr gut. Er war eine Zeit lang der Barchef der größten Disko dort und lies mich immer rein, gab mir gratis Getränke und ab und zu drückte er mir auch einen Joint in die Hand. In seinen Augen war ich der Chefanimateur des Ladens, denn ich konnte bis zu acht Stunden durchtanzen, ohne dass dem Beobachter langweilig wurde. Heute arbeitet er nicht mehr in der Disko, sondern hat sich selbstständig gemacht, entwickelt Konzepte für Südkoreas Hauptstadt und arbeitet an weiteren Projekten rund um den Globus. Wir redeten über die alten Freunde, die alte Heimat, die verlorene Gesellschaft, die gewonnene Zukunft und das Leben an sich. Am nächsten Bahnhof trennten sich unsere Wege, jedoch nicht ohne Austausch der Kontaktdaten.

Ich schlenderte gut unterhalten zu meinem nächsten Zug, der bereits auf den Gleisen auf mich wartete. Der Zug war noch nicht sehr voll und bis zur Abfahrt dauerte es noch rund eine halbe Stunde. Ich entschied mich dafür auf einem der Dreierplätze in diesem „modernen“ und vollkommen unpraktischen Zug Platz zu nehmen. Während der Zug noch im Bahnhof stand schloss ich meine Augen und öffnete sie nur, wenn ich neben mir Passagiere gehen hörte. Schließlich will man ja wissen, wer eventuell gegenüber Platz nimmt. Und bei besonders hübschen Frauen denkt man energisch „bitte bitte“. Durch die kurzen Augenblicke füllte sich der Zug wie in Zeitraffer.

Dann setzte sich mir gegenüber eine junge Frau auf einen der zwei noch leeren Plätze. Sie kramte ein Buch aus ihrer übergroßen Tasche und begann zu lesen. Ich schloss wieder meine Augen. Der Zug fuhr los. Nach einigen Zwischenstopps an irgendwelchen Bahnhöfen, bemerkte ich, dass der jungen Frau zwei getrocknete Kleepflanzen auf dem Schoß lagen und zu zerknittern drohten. Sie waren wohl aus dem Buch gefallen. Ich sagte: „Entschuldigung, Sie haben zwei Kleepflanzen auf ihrem Schoß“. Die junge Frau sah mich an, nahm das Buch zur Seite und hob die Kleepflanzen auf. Es waren zwei vierblättrige Kleepflanzen. Sie bedankte sich für meine Aufmerksamkeit und fragte, ob ich eine der Kleepflanzen, die sie selbst auf einer Wiese gepflückt hatte, haben wollte. Nun sollen diese vierblättrigen Kleepflanzen ja angeblich Glück bringen, auf jeden Fall aber sind sie sehr selten. Also bejahte ich ihre Frage und sie gab mir freundlicherweise eine der getrockneten Pflanzen.

Ich habe sie zu meinen sehr persönlichen Erinnerungsstücken gelegt und freue mich über das Glück, welches man nicht nur auf Wiesen, sondern auch in Zügen finden kann.