mal sehen


Wie ich einmal einem anderen Menschen das Leben rettete.

Es liegt nun bestimmt schon knapp 13 Jahre zurück und ich hätte die ganze Sache auch schon längst vergessen, denn ich hatte damals noch keine Ahnung, welche Konsequenz mein Handeln haben würde.

Ich war gerade auf dem Weg zu einem Freund, damit wir unser regelmäßig wiederkehrendes Wochenendbesäufnis zelebrieren konnten. Meine „Durststrecke“ führte mich entlang der Hauptstraße, die meinen Stadtteil mit dem nächsten verbindet. Da kam aus einer Seitenstraße ein Junge, den ich erst Wochen zuvor kennenlernte und kaum etwas von ihm wusste. Er ist ungefähr vier Jahre jünger als ich und zu dieser Zeit war der Altersunterschied zwischen uns noch prägnant. Er war mir gleich sympathisch, weil er ruhig und achtsam war, und, wie es mir damals schon erschien, nicht aus mangelndem Selbstbewusstsein heraus, sondern aus Überlegung und Respekt.

Wie es so meine Art ist, redete ich mit ihm über alles Mögliche. Ich versuchte ihn zu unterhalten. Und weil er darauf einging, standen wir eine ganze Weile an der Hauptstraße und hatten auch tiefgründigere Gespräche und natürlich viel Spaß. Dann musste ich wohl weiter und ließ ihn zurück. Wie mein restlicher Abend ausging, kann ich nur noch vermuten.

Viele Jahre später erzählte mir der Junge von damals, der wahrscheinlich schon viel früher ein Mann geworden war, als ich es damals dachte, dass er durch unser Gespräch „seinen“ Bus verpasste und auch die Lust daran verlor, sich vor diesen oder überhaupt ein Fahrzeug zu werfen. Ich weiß, dass er es auf jeden Fall ernsthaft versucht hätte, sich das Leben zu nehmen. Er sagte, unsere Begegnung hätte ihn wieder aufgebaut und meine Art hätte ihm wieder Lebensfreude bereitet.

Wir wurden beste Freunde und hatten über sehr lange Zeit sehr viel Kontakt. Leider können wir diesen aus zeitlichen, örtlichen und finanziellen Gründen nicht mehr so aufrecht erhalten, aber er bleibt für mich einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Denn er hat mir ebenso schon geholfen, den Blick wieder für die Schönheit des Lebens zu finden. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch herzlich bedanken!



Begegnungen und Trennungen

Das Leben treibt uns. Manchmal zusammen und manchmal auch wieder auseinander. So sollten wir Trennungen akzeptieren und Begegnungen respektieren. Obwohl nicht jede Begegnung und jede Trennung von uns erwünscht sind, manchmal sogar gerne darauf verzichtet worden wäre, und sie eventuell als Rückschlag gedeutet werden könnten, so bringen sie uns doch jedesmal ein bisschen weiter. Denn das Leben baut auf sich selbst auf.

Jede Begegnung, jede Trennung zu jeder Zeit meines Lebens steckt in mir – und wenn auch nur unterbewusst. Man nennt das Erfahrung. Und es lohnt sich immer, Erfahrungen zu machen. Bei annähernd 7 Mrd. Menschen auf der ganzen Welt, also wahrscheinlich auch ca. 7 Mrd. individueller Erfahrungssammlungen, verändert sich die eigene Erfahrung mit jeder Begegnung und jeder Trennung, mit und von einem dieser Menschen, so wie sich dessen Erfahrung ändert. Reagiere ich jetzt so auf etwas, begegne ich später einer Person und trenne mich von ihr wieder, kann es sein, dass ich morgen zwar nicht ganz anders, aber leicht verändert auf das selbe Etwas reagieren werde. Begegne ich der gleichen Person wieder, der ich am Vortag bereits begegnet bin, kann es also auch sein, dass diese wiederum anders reagieren wird. Durch die erneute Begegnung und die erneute Trennung können sich plötzlich andere Möglichkeiten von Reaktionen ergeben.

Dieses System der Beziehungen (hier nur am simplen Beispiel der menschlichen Begegnung, Trennung und der daraus resultierenden Erfahrung) ist teilweise so sensibel, dass sich Veränderungen vom Einzelnen auf alle ausbreiten können.

Mal sehen, was wir daraus machen.