mal sehen


30 ist das neue 20

Ich kann mich noch daran erinnern, als ich 25 Jahre alt wurde. Voller Freude schaute ich dem Älterwerden entgegen. Einer der herausragendsten Vorteile am „Vierteljahrhundert“ war für mich, dass ich das Gefühl hatte, mich nicht mehr mit den Problemen und Sorgen der Jugend beschäftigen zu müssen. Keine Charts mehr im Kopf haben zu müssen, keine angesagten Klamotten mehr tragen zu müssen, eine eigene und gefestigte Meinung zu haben und mich nicht mehr in Schlägereien verwickeln lassen zu müssen… Schön wär’s!

Viele Jahre, blaue Augen, TopTen-Hits und Lifestyle-Trends später muss ich feststellen, dass alles anders gekommen ist, als ich es mir beim Ausblasen der 25 Kerzen auf der Geburtstagstorte gewünscht hatte. Nicht nur, dass meine gleichaltrigen Freunde jeden Trend, der angesagt wird, mitmachen, nein, auch ich bin ein Trend-Opfer geblieben! Zwar kann ich voller Stolz behaupten, dass ich nicht in allen Bereichen dem Diktat der Mode folge, aber bei genauer Betrachtung muss ich zugeben, dass manche der Dinge, die ich mit 25 hinter mir lassen wollte, immernoch in meinem Repertoir zu finden sind.

Und dann sitze ich vor dem verhassten Fernseher, der uns eine konfliktbeladene Welt von hübschen Ellbogenträgern in ständigem Konkurrenzkampf vorspielt, und zweifle an dem Verstand meiner Mitmenschen. Bis ich merke, dass ich mich in dieser Welt befinde, ein Kind meiner Zeit und selbst nicht frei von Unterhaltungslust und Geltungsdrang bin. Als Mensch sollte ich mir keine Vorwürfe machen. Schließlich sind wir auf’s Überleben ausgerichtet. Mit Erfolg. Weltweit, egal ob Eis oder Wüste. Jede Konkurrenz stellt eine Gefahr für das eigene Leben dar und muss übertrumpft werden.

Und dennoch muss ich sagen, dass mir die Entwicklung schwer im Magen liegt. Ich habe das Gefühl, dass Äußerlichkeiten zunehmend im Vordergrund stehen. Nicht dass das schon immer so gewesen wäre, aber die Umgebungsfaktoren haben sich verändert. Früher wurde oberflächliche Attraktivität durch wenige Medien und mit wenigen Personen präsentiert. Heute ist das Internet voll von oberflächlichen Momentaufnahmen von Personen, die uns auf jeder beliebigen Homepage zeigen, wie Erfolg aussehen soll. In meiner Jugend gab es die wöchentlich erscheinende Bravo oder die POP-Rocky, in denen Stars gezeigt wurden, die größtenteils noch Inhalte transportieren wollten. Für die 68er oder gar unsere Großeltern muss auch das schon ein extremer Kontrast zu ihrer eigenen Jugend gewesen sein.

Jetzt kann ich, in Anbetracht der Elektrobewegung zwar verstehen, warum meine Oma Heavy Metal als Nichtmusik bezeichnete, aber andererseits verstehe ich meine gleichaltrigen Freunde nicht, die in den angesagtesten Klamotten aus dem angesagtesten Fitnessstudio kommen und Elektro als Nichtmusik bezeichnen. Diese Form der Engstirnigkeit ist mir ebenso fremd, wie das heuchlerische Eingeständnis, mich dennoch der Mode zu beugen und trotzdem auf meine Individualität zu pochen. Ich bin nicht bei Facebook. Das alleine ist für mich ein Ausdruck meiner Individualität, weil ich mich nicht in eine Timeline zwengen lasse.

Ich bin doch alt geworden und ich habe mich wohl mit 25 einfach überschätzt. Das Schöne ist, dass ich zu den Jungen sagen kann, dass ich meine eigene Jugend hatte und damals genauso geil auf Trends war, wie sie heute. Ob sie das verstehen, ist mir egal. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass ich älter geworden bin. Und dennoch folge ich den Trends, die für meine Altersgruppe entwickelt wurden. Solange sie bezahlbar bleiben… Aber ich spüre es: 30 ist das neue 20 und manchmal bin ich sogar gerne noch ein Kind!



Occupied – Besetzt

Es bewegt sich was. Hunderttausende Menschen demonstrieren aktiv gegen die unbedingte Macht der Banken und Finanzmärkte. Es ist ein friedlicher Protest. Es ist der Unmut der Leute über sanktionsfreie Handlungen einzelner Spekulanten, die enorme Nachteile für uns alle haben.

An der Wall Street in New York ging es los. Die Bewegung „Occupy Wall Street“ hat mittlerweile Anhänger auf der ganzen Welt gefunden und am Wochenende wurden auf aller Welt Finanzmärkte besetzt. Der Protest richtet sich nicht in erster Linie gegen die einzelnen Spekulanten, sondern gegen die Politik, die Freiräume zulässt, in denen unvorstellbare Geldsummen für unvorstellbare Güter umhergeschoben werden. Mehr Kontrolle solcher „Fantasiegeschäfte“ wird gefordert.

Der Protest ist ein weltlicher, denn das Problem ist ein weltliches. Der Papst, der auch als steinreicher Staatschef zu Millionen spricht, rügt zwar durchaus das Verhalten der Politik gegenüber den Finanzhaien, aber damit erreicht er eben nur die Gläubigen und die scheinen keine Berge mehr versetzen zu können. Aber wenn er sich sein Designerfood von einem 4-Sterne-Koch zubereiten lassen kann, wird er wohl nicht sonderlich begeistert davon sein, in Zukunft seine „hartverdienten“ Kohlen gerecht zu teilen.

Überhaupt sind nur wenige bereit, ihren Reichtum gerecht und dadurch eben wirtschaftlich zu nutzen. Seltsamerweise wird das Thema von vielen tabuisiert. Aber was ist daran denn so ungerecht? Eine Gesellschaft wie die unsere, ein sozialer Staat, nutzbare Chancen für jeden, Gewinner und Verlierer – all das hat den wenigen mit dem Meisten nicht geschadet. Im Gegenteil, ihr Profit ist auch Teil unseres Verdienstes. Aber auch das ist Sache der Politik, denn eine „Reichensteuer“ muss gesetzlich verankert werden.

Die Politik muss handeln. Weltweit. Wir befinden uns ohnehin in einer Zeit, in der es unheimlich einschneidende Veränderungen in unheimlich kurzer Zeit gibt. Politische Reaktionsmöglichkeiten sind von einem Tag auf den anderen veraltet. Der Protest in New York und überall auf der Welt ist keine Eintagsfliege und bestimmt auch keine linke Spinnerei. Es ist der deutliche Fingerzeig an die Politik, dass das Volk keinen Bock mehr auf die Rat- und Tatenlosigkeit der Politiker hat. Keinen Bock mehr auf Lobbyismus und das Diktat der Wirtschaft. Daran ist nichts verwerfliches und nichts unmoralisches. Und schon garnicht etwas kommunistisches. Es ist schlicht und einfach etwas soziales. Und wer das nicht begreift, ist wohl asozial.