mal sehen


Die Strumpfhose
Februar 21, 2012, 4:31 pm
Filed under: Geschichten, Mal sehen | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Diese Geschichte handelt von einem Mädchen, welches sich in der Welt der Erwachsenen zurechtfinden muss, weil es nur noch eine kranke und schwache Mutter hat, die nicht mehr vor die Tür gehen kann. Also geht das Mädchen die Dinge erledigen, die so anfallen. Dabei erlebt sie den Ernst und die Zweckgerichtetheit der Erwachsenen.

Einmal muss sie für die Mutter eine neue Strumpfhose kaufen. Denn die Mutter hat einen alten Bekannten, der eine exquisite Damenboutique in der Innenstadt betreibt und immer die besten Strumphosen auf Lager hat. Kein „Zweimal-getragen-und-schon-sind-Laufmaschen-drinn“ -Scheiß. Gute Ware. Zwar nicht billig, aber auf Zeit rechnet sich der Kauf eben doch.

Die Mutter sagt ihr, welchen Bus sie nehmen und wohin sie gehen muss. Das Mädchen war aber schon einmal dort. Mit der Mutter, als diese noch gut auf den Beinen war. Aber die Mama macht sich eben Sorgen. Und sie ist unendlich dankbar und weiß um die Schwierigkeiten, die sie ihrer Tochter bereitet. Nun geht die Tochter also aus dem Haus und zur Bushaltestelle.

Auf dem Weg, den sie verantwortungsbewusst schnell und direkt geht, trifft sie eine Klassenkammeradin. Diese erzählt ihr, dass sie und andere Mädels spielen gehen werden. Eine Freundin habe ein Barbie-Haus geschenkt bekommen und sie hat auch voll viele Puppen und Zubehör. Es wird bestimmt viel Spaß machen. Das Mädchen aber weiß, dass sich die Mutter Sorgen machen würde, wäre sie nicht in einer halben Stunde wieder zuhause. Sie atmet einmal durch, erhebt den Kopf und sagt, dass es ihr leid täte, aber sie könne nicht mitkommen. Die Schulfreundin geht ohne sie weiter.

Das Mädchen kommt zur Bushaltestelle. Sie wartet ein paar Minuten. Kein Bus. Jetzt wartet sie noch einmal ein paar Minuten. Sie ist schon etwas ungeduldig und streckt den Kopf immer wieder in die Richtung, aus der der Bus kommen sollte. Aber es kommt kein Bus. Da kommt ein älterer Herr und fragt sie, auf welchen Bus sie warten würde. Das Mädchen antwortet mit der Liniennummer und der Uhrzeit, zu der der Bus kommen sollte. Der Mann schaut auf seine Uhr und zieht mitfühlend die Mundwinkel nach unten. Der Bus ist schon weg, es ist schon zehn Minuten später.

Das Mädchen merkt, dass es wohl zu lange mit der Schulfreundin gesprochen hat. Sie bekommt ein schlechtes Gewissen. Sie will nicht ohne Strumpfhose nach Hause kommen. Die arme Mutter hat ein großes Loch in der Verse der alten. Aber sie will auch nicht zu spät nach hause kommen. Mit dem Zeigefinger an der Unterlippe denkt sie nach. Der nächste Bus kommt laut Plan erst in 25 Minuten. Der Weg in die Stadt dauert zu Fuß ungefähr 15 Minuten. Sie denkt, wenn sie zu Fuß gehen würde, dann wäre sie auf jeden Fall schneller in der Stadt. Und dann könnte sie immernoch sehen, wann der Bus von dort zurück fährt. Eine durchweg logische Idee, die nur dem Faulen unlogisch erscheint. Sie will aber nicht faul sein, weil ihr der spätere Ärger bei der Mutter und das Ausredensuchen schwieriger scheinen, als der Fußweg in die Stadt. So läuft sie also schnellen Schrittes davon in Richtung Stadt.

Auf der Straße sieht sie einen kleinen roten Ball. Er liegt an der Kante des Bordsteins. Er muss wohl schon länger dort liegen, denn er ist schmutzig vom Staub den das Regenwasser auf ihn geschwemmt hat. Das Mädchen steigt auf die Straße, natürlich nicht, ohne zuvor nach rechts und links geschaut zu haben, so wie es ihr die Mutter bei früheren gemeinsamen Spaziergängen gesagt hatte. Das Mädchen nimmt den Ball und trippelt ihn ein paar Mal auf den Boden. Er springt super! Sie schaut sich noch einmal um, dann geht sie mit dem Ball trippelnd weiter.

Plötzlich schreit ihr eine aufgebrachte Stimme hinterher, sie solle den Ball sofort wieder zurück geben. Das Mädchen dreht sich herum und sieht eine Frau, die mit den Händen an der Hüfte und einem hochroten Kopf vor einem Gartentürchen steht und sie mit bösen Blicken mustert. Das Mädchen ist erschrocken und will die Situation erklären, aber die Frau strotzt nur so von Ungeduld und eilt auf das Mädchen zu. Sie packt ihren Arm, geift sie an und zieht sie mit sich mit. Unser Mädchen weiß gar nicht, wie ihr geschieht. Sie ist zu schwach um sich loszureißen. Und sie ist zu erschrocken um vernünftig zu reden. Die Frau geift weiter. Ihr Kopf sieht fast so aus, wie der kleine rote Ball, nur eben größer. Und mit Haaren dran. Sie sprüht, sie werde jetzt die Eltern informieren, was das kleine Mädchen doch für eine unartige Diebin sei.

Jetzt bekommt die kleine Angst. Ihre Mutter wäre unheimlich enttäuscht von ihr. Außerdem würde so doch herauskommen, dass sie nicht schnurstraks zum Bus ging, sondern noch geplaudert hatte. Ohne zu wissen warum, lässt sie den Ball einfach fallen und schreit. Aber es musste sein. Die Frau hält endlich still. Sie dreht sich erschrocken zu dem Mädchen, dann schaut sie sich um. Ein Nachbar ist auf sie aufmerksam geworden. Er sieht zu ihnen herüber. Die Frau bemerkt ihre Hand am Arm des Mädchens. Ihre gewaltvolle Reaktion auf die Tat. Sie lässt den Arm los. Das Mädchen, verängstigt und verwirrt, rennt so schnell sie kann davon. Sie rennt und rennt und schlägt den Weg in die Seitenstraße ein, der sich nach rechts eröffnet. Sie blickt nach hinten und sieht, dass ihr niemand gefolgt ist.

Sie rennt in den Eingang eines Mehrfamilienhauses und drückt sich an die Wand. Dann bricht es aus ihr heraus. Sie weint. Ihre Knie werden schwach und sie sackt zusammen auf den Boden. Dort kauert sie und weint. Die Zeit vergeht, aber die Zeit ist dem Mädchen nicht mehr wichtig. Sie fühlt eine große Ungerechtigkeit. Sie wollte nichts und niemandem etwas Böses. Aber sie werde diejenige sein, die für alles verantwortlich gemacht werden würde. Sie hat Angst vor der Mutter. Obwohl diese Angst sicherlich größtenteils unbegründet ist. Aber sie kann ihrer Mutter nicht in die Augen schauen, ohne die Strumpfhose zu haben.

Die Strumpfhose! Jetzt fällt dem Mädchen plötzlich wieder ein, was sie eigendlich wollte. Sie entdeckt eine Uhr im Treppengeschoss des Hauses. Zum Glück konnte sie seit einem halben Jahr die Zeiger einer Uhr lesen. Pech war nur, dass es schon viel zu spät war. Ihre Mutter würde sich auf jeden Fall schon große Sorgen machen. Wenn sie nun noch in die Stadt gehen würde, dann wäre sie sicher nicht vor Einbruch der Dunkelheit zuhause. Und das wäre das Schlimmste. Für ihre Mutter und auch für sie, weil sie Angst im Dunkeln bekam.

Also fasst sie eine sehr mutige Entscheidung. Sie wird heimgehen und ihrer Mutter sagen, dass sie den Bus verpasste, weil sie geschlendert hat. Und dass sie einfach so einen Ball genommen hat, von dem sie nicht wusste, wem er gehörte. Sie würde dafür morgen sofort nach den Schularbeiten losgehen. Kein Spielen, nichts! Sofort! Und für heute Abend würde sie der Mutter eine Strumpfhose von ihr anbieten. Auch wenn sie der Mutter vielleicht zu klein wären, aber man kann es ja probieren.

In Gedanken versunken bemerkt sie nun beinahe nicht, wie ein Mann den Hausflur betritt. Er schaut das kleine Mädchen an und nennt sie beim Namen. Julia. Sie schaut zu ihm und erkennt ihn als den Boutiquenbesitzer. Er weiß noch, wer sie ist, weil ihre Mutter schließlich eine treue Kundin war. Und weil er ein wenig überrascht ist, beugt er sich herunter und fragt, warum sie denn hier sei. Julia erzählt ihm die Geschichte. Alles. Von der Verspätung zum Bus, bis zum Ball und wie sie hier ins Haus gekommen ist. Auch, dass sie nun heimgehen wolle und erst morgen die Strumpfhose kaufen könne. Der Boutiquen-Besitzer streichelt ihr den Kopf und lächelt sie an. Er sagt, er habe eine große Überraschung für sie. Er werde jetzt mit ihr zur Boutique zurückfahren, eine der Strumpfhosen holen, die ihre Mutter bevorzugt und sie dann nach hause bringen. Das Mädchen freut sich wie eine Schneekönigin.

Und so, wie es der Mann versprochen hatte, geschieht es denn auch. Er parkt sogar direkt vor dem Geschäft, springt schnell hinein und kommt mit gleich zwei Packungen der feinsten Strumpfhosen wieder zurück. Der Mann gibt sie dem kleinen Mädchen, das sie ergreift und in den Schoß legt. Behütet wie einen kleinen Schatz. Jetzt strahlt ihr Gesicht vor Freude und Glück. Ihre kleinen Augen scheinen noch heller zu sein als die Scheinwerfer des Autos, welches seine Fahrt in der Dämmerung fortsetzt. Bei dem Mädchen zuhause angekommen will sie ihm das Geld geben, aber der Mann winkt ab und sagt, dass sie die Strumpfhosen als Geschenk bekommt. Und er kommt sogar noch mit an die Tür, um der Mutter zu erklären, wie das tapfere Mädchen alles richtig gemacht hatte. So endet also die Geschichte.

Advertisements


Tag Cloud

Neulich war ich auf einer Vernissage. So ein Treffen von In-Hippster-Hippies, die sich angeregt über AlkoholArt unterhielten. Glücklicherweise gab es neben „Kunst“ auch hiebfesten Alkohol. Nice. Wie es so meine Art ist, brauch ich im Suff Action, sonst schlaf ich ein oder mach selbst Action. Damit wollte ich die Leute nicht belästigen.

Draußen war es schon dunkel, aber eine Passantin auf dem Gehweg leuchtete so hell, dass ich nur noch Augen für sie hatte – ihre Augen, ihr Mund, ihr Hubba-Bubba platzte, „blog“ – und beinahe vor einen Bus gestolpert wäre.

Im Deutsch der Vernisage-Gäste wäre der Unfall dann vielleicht eine „Erfahrung“ gewesen – ganz wertungsfrei, aber immer in Erinnerung an den fatalen Fehler, den man begehen kann, wenn man einer besonderen Frau hinterherschaut.

Frauen„, sagte ein Freund einmal, „können schlechte Freunde sein.“. Bei diesem Gedanken musste ich kurz lächeln, denn da fiel mir eine Geschichte ein: Sie war das Glück meiner Jugend und aus irgendeinem Grund hielt sie beim Schulausflug ins Museum plötzlich meine Hand. In meiner Hilflosigkeit verhielt ich mich wie ein Freund. Lange ist es her, wir waren ja fast noch Kinder ohne Hintergedanken im Kopf und so wurden wir gute Freunde für’s Leben – nicht nur für die Liebe… Andere Geschichte.

Die Frau, die mir aber gerade fast das Leben genommen hatte, war mit Sicherheit keine Freundin – Devil in Disguise. Wie als hätte sie meinen beinahe Unfall genossen, zogen ihre zarten Lippen ein erregtes Lächeln hervor.

„Ja Lady, ich bin ein Mann und in erster Linie ein Mensch! Und es ist nicht cool, wenn Menschen wegen dir vom Bus überfahren werden.“. Das dachte ich mir zumindest bei meinem zögerlichen Weiterweg über die dunkle Straße.

Vor meiner Stammkneipe begegnete ich einem ehemaligen Mitarbeiter und wir rauchten noch schnell eine vor der Spelunke. Üble Spelunke. Von drinnen drang Live Musik an unsere Ohren. Also zogen wir die Zigaretten schnell runter und stürmten den Event.

Jetzt wird meine Erinnerung leider etwas lückenhaft, aber alles, was es nicht in die Top Ten geschafft hat, war sowieso nicht merkenswert. Das nenne ich Alkohol-Art!

Wir waren Backstage mit der Band und ich erzählte Gina (Bass) die Geschichte, wie ich beinahe Musiker geworden wäre. Sie erzählte auch viel und wir redeten die ganze Nacht. Um halb vier trennten sich unsere Wege und sie gab mir noch ihren Namen, ihre Nummer und ein Bier aus. Frauen können auch gute Freunde sein.

Der Morgen war im Anbruch und ich entschied mich für einen Spaziergang durch den Park. Volltrunken und happy beschloss ich, mich der Natur von meiner schönsten Seite zu zeigen – ich entblößte meinen alkoholgetränkten Körper und zog in aller Ruhe durch die Wildnis. Tarzan, der König des Urwalds, Janes Nummer im Gepäck und Cheetah im Kopf. Ua-a-a-ah!

Wie ich das Schicksal forderte, ging es mir am nächsten Tag natürlich nicht sonderlich. Und wieder einmal entging mir der Sinn an all dem Partygetue. Bin ich etwa Teil eines Systems, dass jeden Tag mit dem Tod rechnet und deshalb alles ausschöpft, bis ans absolute Limit – vor Geilheit ja sogar beinahe bis in den Verkehrsunfalltod? Wo bleibt die Vernunft!?

Von soviel gedanklicher Anstrengung überfordert, entschied ich mich für ein Video. Beim anschauen schlief ich ein und träumte ich wäre in einem Wald unter Wasser. Wie ein Fisch konnte ich durch die Bäume schwimmen, in ihnen verweilen und das saftige Moos vom Boden graßen.

Ein lautes Brummen riss mich gewaltig vom Moosboden weg, zurück in die reale Welt. Meine Türklingel! Ich rannte total benommen zur Tür und öffnete sie. „Hallo, ich bin ihre neue Nachbarin.“!

„Gina!?“, sagte ich. Es war Gina (Bass) von der Band. Hinter ihr mühte sich ein älterer Herr mit einem Bettpfosten die Treppe hoch. Sie war gerade dabei einzuziehen. Ich half ihr und ihren Eltern, die restlichen Möbel in die Wohnung zu bringen. Drei Stockwerke!

Für den Abend lud sie mich zu einem Bier ein und wir verbrachten wieder viel Zeit miteinander. Was für ein Zufall, nicht war!?

Ja so war das mit der Tag Cloud (siehe links; Stand: 20.2.2012)…



Man in the Moon

Ein gute Freundin erinnerte mich neulich an eine uralte Geschichte:

Ich war gerade auf dem Heimweg von der Disko. Entsprechend betrunken, aufgedreht, freudig und unvoreingenommen war ich unterwegs.

So begegnete ich einem Mann, gute zehn Jahre älter als ich, der langsam und bedacht den gleichen Weg ging, den ich zu gehen hatte. Mir meiner selbst bewusst, sprach ich ihn vornehm und offenherzig an: „Hallo! Wie ich sehe, gehen wir den gleichen Weg. Also warum alleine gehen, wenn wir auch zu zweit gehen können. Ich heiße so. Und wer bist du?“.

Die Antwort fiel sehr kurz aus: „Hm.“. Im Sinne der Höflichkeit bot ich mich nochmals als Weggefährten an. Dazu nannte ich ein zweites Mal meinen Namen und die unausweichliche Tatsache, dass wir den selben Weg gehen würden und wohl auch mussten. Seine Reaktion war wiederum nur ein kurzes „Hm“.

Aus irgendeinem Grund – nennen wir ihn getrost Alkohol – ließ ich mich von diesen beiden „Hm“ nicht sonderlich beeindrucken und behielt meine freundlich aufdringliche Art bei. Ich spürte zwar, dass der Mann alles andere als begeistert von meiner Gesellschaft war, aber ich hatte nichts Böses im Sinn und deshalb ein reines Gewissen auf meiner Seite.

So schlenderten wir beide sichtlich betrunken und mitgenommen des vorherigen Abends weiter des Wegs. Seine Stille ließ mir Raum für Rede. Ich erzählte ihm von meinem Abend: die Disko, die Musik, das Tanzen, die Menschen, mein Zustand, alles. Alles offen und ehrlich und ehrlich verletzlich. Ich mimte absolute Naivität. Absolutes Vertrauen.

Nachdem wir so eine Weile gegangen waren – er schweigend, ich redent – passierten wir den städtischen Friedhof. Plötzlich rannte er auf die Friedhofsmauer zu, kletterte über den gut zwei Meter hohen Absatz auf die dunkle Seite hinter der Mauer und ließ mich verdutzt alleine stehen.

Wütend wurde ich. Aber ich wollte nicht warhaben, dass völlige Offenheit so mieß belohnt würde. Also blieb ich stehen und redete vor mich, aber für alle höhrbar hin: „Na an was für einen seltsamen Typ bin ich denn da geraten?“. Mir war klar, dass ich ihn mit meinem ständigen Gerede gereizt haben musste. Ich wusste sehr wohl, dass er nicht nur älter, sondern auch zwei Köpfe größer und vierzig zentimeter breiter als ich war. Entsprechend unwohl fühlte ich mich, aber da ich offen, ehrlich, freundlich und reinen Gewissens war, wollte ich den Schwanz nicht einfach so einziehen.

Und nach ungefähr fünf Minuten konnte ich zwei Arme sehen, die, gefolgt vom restlichem Menschen, wieder über die Friedhofsmauer zurück auf meine Seite kletterten. Der Mann schritt auf mich zu, schaute mich an und bemerkte nur: „Ich würde dir am Liebsten eine reinschlagen! Wirklich! Aber ich werde das nicht tun.“.

Ich schwieg. Dennoch trat ich keinen Schritt zurück. Ich bewieß ihm mein Gewissen. Und so gingen wir Seite an Seite weiter. Die Nacht war sternenklar und der Mond schien voll. Nach einhundert Metern blieben wir stehen. Er starrte auf den Mond und plötzlich begann er zu reden. Seine Verlobte ließ ihn im Stich. Seine Eltern ließen ihn im Stich. Sein Leben beschrieb er auf dem Höhepunkt der gesammelten Scheiße eines ganzen Jahrhunderts.

Der helle Mond am Nachthimmel schien auf uns herab und sein reines Licht gebahr uns die Vertrautheit, die er benannte, als ihm klar wurde, dass ich sein Kompagnion in dieser schweren Stunde war.

Nachdem er mir offenbarte, was ihm auf dem Herzen lag – mir, den er nicht kannte und dessen Geplapper ihn beinahe zu Gewalt gezwungen hatte – blieben wir eine Zeit lang schweigend im Angesicht des Mondes stehen. Vielleicht wurde uns beiden bewusst, dass wir nur ein kleiner Teil einer vollkommenen Schöhnheit waren, die es nicht Wert ist aufzugeben, nur weil einmal alles schief zu laufen scheint.

Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Komm Junge, bevor wir den Weg weiter zu Fuß gehen, rufe ich uns ein Taxi.“. Er nahm sein Handy, orderte uns einen Wagen zur nächstgelegenen Bushaltestelle und ging mit mir dorthin. Kaum waren wir dort, kam das Taxi auch schon an. Ich stieg auf der rechten Rücksitzseite ein. Er öffnete die Beifahrertür, gab dem Fahrer fünf Euro und befahl ihm, mich gut nach Hause zu bringen.

So überrascht und erstaunt ich von der Wendung des Geschehens war, blieb ich sitzen, kurbelte das Fenster runter und bedankte mich. Ich nannte ihm nochmals meinen Namen und streckte ihm meine Hand entgegen. Dann blickte er mir zum ersten Mal in meine Augen, ergriff meine Hand und nannte ebenfalls seinen Namen. So verabschiedeten wir uns mit Respekt und der Taxifahrer brachte mich direkt vor die Haustür.



Heimlich, still und leise…

Als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war, hatte ich einen guten Freund, dessen Familie und er in einem winzigen, heruntergekommenen Häuschen direkt an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung wohnten. Der Vater war starker Alkoholiker, Raucher und Waffennarr. An der Wohnzimmerwand hiengen allerlei Revolver, Vorderlader, Säbel und andere Waffen. Ob die Mutter auch trank, weiß ich heute zwar nicht mehr, aber ich gehe davon aus. Sie war ruhig und zurückhaltend, aber immer sehr nett zu mir. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob die Eltern gearbeitet hatten.

Ich wusste schon damals, dass diese Familie zu den Ärmeren gehörte und ich fühlte mich oft ein bisschen fehl am Platz, da ich mir wie ein „Großkotz“ vorkam. Wobei man dazu sagen muss, dass meine alleinerziehende Mutter uns drei Kinder zu Anfang auch nur mit Sozialhilfe durchbrachte. Vielleicht war es aber allein die Liebe, die sie uns gab, die mich im Gegensatz zu dieser Familie reich erscheinen ließ.

Insgesamt waren es drei Geschwister. Die älteste Tochter, mein Freund und der kleinste, ich denke sein Name war Dennis. Alle drei lagen ungefähr ein Jahr auseinander und der Jüngste war damals ungefähr vier Jahre alt. Ein quicklebendiges Kerlchen mit großem runden Kopf, blonden Haaren und einem wirklich sehr ansteckenden Lachen.

Eines Tages war ich also bei meinem Freund und wir spielten mit den Dackelwelpen, die im Wohnzimmer gehalten wurden und deren Geruch, vermischt mit Zigarettenrauch und dem fahlen Gestank von Alkohol das ganze Haus einnahm. Es war wohl ungefähr zwei Uhr, als der Jüngste nach Hause kam. Der Vater begann sofort zu schimpfen: „Wo kommst du jetzt her?“. „Vom Kindergarten.“, antwortete der Kleine. Die Stimmung fiel plötzlich wie von Geisterhand gedrückt bis unter den Boden, obwohl niemand der sonstigen Anwesenden seine Handlungen unterbrach oder sich dem Streit zuwandte. Der Vater lies nicht locker und so stellte es sich dann heraus, dass der Kleine nach dem Kindergarten noch mit einem türkischen Freund spielen war, was dem Vater besonders übel aufstieß, „Ich habe dir gesagt, nicht mit dem Türken!“.

Als dieses Geständnis unter Tränen endlich raus und die Temperatur im Wohnzimmer und den Körpern der Anwesenden auf Minusgrade gesunken war, zog der Vater einen Bambusstock hinter dem Sofa hervor und befahl meinem Freund, mit mir in den oberen Stock zu verschwinden. Wir gingen hinauf und wandten uns anderen Dingen zu.

Von unten drangen Schreie nach oben. Schmerzen, zugeführt mit einem Bambusstock. Weinen. Gebrüll. Weitere Schreie. Mein Freund spielte weiter. Ich erinnere mich nur noch, dass ich verstört war und nicht anders reagieren konnte wie er, indem auch ich einfach unberührt weiter spielte. Ich weiß, dass wir beide nur „spielten“ weiterzuspielen. Ich habe nie jemandem davon erzählt!

Viele Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass der Vater gestorben war. Heimlich, still und leise hat sich der dumme rassistische Sack der Verantwortung entzogen. Genauso heimlich, still und leise habe ich nach diesem Erlebnis den Kontakt zu meinem Freund abgebrochen. Es war zu viel für mich. Zu viel von dem, was mir Angst machte. Zu viel Hilflosigkeit. Zu viele Schuldgefühle. Weil ich wusste, dass es falsch war, aber nicht wusste, was ich zu tun hatte.

Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte es daheim erzählen sollen. Ich hätte es melden sollen! Es ist zu spät für eine Entschuldigung.