mal sehen


Selbstfindung als Teil der inneren Freiheit

Es gibt Zeiten, in denen man sich selbst finden muss. So eine Zeit habe ich gerade mal wieder. Verursacht durch eine Trennung und eine Enttäsuchung. Wer kennt das nicht…

Und so habe ich folgendes erneut feststellen können:
(Die Feststellung basiert nicht auf einer bestimmten Einzelperson.)

Ich brauche eine Frau, die frei ist in sichselbst. Keine Frau, deren einzige Freiheit darin besteht, ihr ganzes Geld für Klamotten auf den Putz zu hauen, drei Mal im Jahr in einer engen Flugzeugkabine von Flughafen zu Flughafen in den Hotelurlaub zu fliegen, und die lieber in den Spiegel schaut, statt in ihre Seele. So eine Frau ist nicht frei selbst zu erkennen, selbst zu entscheiden, selbst zu bestimmen, selbst zu riskieren, selbst zu gewinnen und selbst zu verlieren. Sie ist lediglich frei von Charakter.

Meine Freiheit basiert nicht auf finanziellen Mitteln, auf materiellen Werten oder auf einem glänzenden Äußeren oder auf großen Sprüchen. Sie basiert auf der Akzeptanz meiner Selbst – meiner Stärken und vor allem meiner Schwächen – und dem Wesen meiner Mitmenschen.

Dies führt bei manchen zu Sympathie, weil sie sehen, dass ich echt bin, und bei anderen zu Antipathie, weil sie erkennen, dass sie falsch sind.

Diese Überlegung ist nicht neu für mich. Und trotzdem musste ich sie mir wieder aufs Neue erarbeiten. Schon faszinierend, wie stark Emotionen sein können. Also auf ein Neues, Baby!

Hang Loose!

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MeMyselfAndEye im Interview

Heute Morgen gab ich ein Interview für Kessi Kolumna, der Tochter der berühmten Elefantenflüsterin. Sie war sehr freundlich, intelligent und hübsch noch dazu. Nachdem wir über mich und meine Person und Motivation geredet hatten, gab sie mir die Chance, ihr ein paar Fragen zu meinem letzten Artikel zu stellen.

Kessi K.: Reden wir doch gerne mal über deinen letzten Artikel. Ich finde es voll krass wie du immer wieder im Kreis denkst beim Schreiben. Und natürlich würde mich noch interessieren, ob die Geschichte denn fiktiv oder real ist.

MeMyselfAndEye: Wie meinst du das, im Kreis?

Kessi K.: Naja, es ist irgendwie ziemlich sprunghaft, ziemlich gedankenecht würde ich sagen.

MeMyselfAndEye: Ok. Konntest du dem Text folgen? Also ich kann, aber ich hab’s ja auch geschrieben/gedacht. Ich weiß nur nicht, wie andere das lesen…

Kessi K.: Naja, dem Text… „dem Text“… Also ich muss sagen, dass mir Gedankensprünge nicht viel ausmachen, aber ich glaube generell lässt man sich davon leicht irritieren.

MeMyselfAndEye: Ok… Hmmm. Dabei folgt alles einem Gedanken – habe ich gedacht.

Kessi K.: Ja schon, nur wir verarbeiten Informationen beim Lesen anders als wir sie beim Denken produzieren.

MeMyselfAndEye: Schon. Gibt es „Momente“ in denen du Emotionen spürst? Also im Text?

Kessi K.: Hauptsächlich da wo du rhethorische Fragen stellst und viele Adjektive benutzt, würde ich sagen. Und wo die Sätze länger werden.

MeMyselfAndEye: Hoppla! Ein Frage noch bitte: was findest du voll scheiße daran? Es tut mir leid, wenn ich das Interview an dieser Stelle umdrehe, aber ich brauche mal Kritik, sonst weiß ich nie, was gut ist und was schlecht.

Kessi K.: Voll scheiße find ich nichts, weil es halt nur ein anderer Schreibstil, dein Schreibstil ist, aber ich find es ist ein bisschen abgehackt am Anfang, so plötzlich. Aber ich habe des Gefühl, dass es Absicht ist – es macht einen auch gleich aufmerksamer beim lesen, aber es fällt eben schwerer in den Text reinzukommen.

MeMyselfAndEye: Ok! Das gefällt mir! Jetzt also ob die Geschichte real ist oder nicht?

Kessi K.: Ja?

MeMyselfAndEye: Ich hatte schon mal eine Trennung, die so begründet war. Aber eigentlich will ich damit sagen, dass der Grund für eine Trennung eben einfach nur der ist, dass das Herz nicht mehr lodert. Dass das aber auch die einzige faire und echte Begründung ist und dass man diese akzeptieren muss.

Kessi K.: Da gebe ich dir recht.

MeMyselfAndEye: Danke.

Kessi K.: Aber ich finde andererseits ist es halt oft die Begründung, die am schwersten zu verstehen ist, weil man es nicht irgendwie erklären oder nachvollziehen kann.

MeMyselfAndEye: Da gebe ich dir wiederum recht! Diesen Gedankengang habe ich ebenfalls versucht, mit in den Text zu bringen. Auch die Wut, die so eine Begründung dann erzeugt und die Hilflosigkeit, wenn selbst die Vernunft nicht mehr greift, weil sie nicht der Wahrheit entspricht. Setzt sich das Bild so ein bisschen besser zusammen?

Kessi K.: Gefühle verstehen zu wollen ist halt der Widerspruch schlechthin.

MeMyselfAndEye: Ja, schon. Deshalb akzeptiere ich einfach das Gefühl an sich und spreche ihm unantastbare Wahrheit zu. Sozusagen. So wie mit der Geschmackssache auch.

Kessi K.: Alles andere würde einen dann glaube ich auch nicht weiterbringen.

MeMyselfAndEye: Ja, es kann einen sogar verrückt machen.

Nachdem ich für mehrere Sekunden gedankenversunken aus dem Fenster geblickt hatte, bedankte sich Kessi Kolumna für das Interview und verabschiedete sich zu ihrem nächsten Termin. Ich bedankte mich ebenfalls und ging nach draußen an die frische Luft.



Im Himmel

Ich wache auf und atme tief durch. Mein Blick schweift über saftig grüne Baumkronen. Ich liege auf weichem Waldboden. Die Vögel zwitschern und die Sonne blinzelt durch die Wipfel. Zwei Männer kommen auf mich zu.

„Willkommen Junge.“
„Wo bin ich?“
„Im Himmel. Willkommen im Himmel.“
„Ja. Hallo.“
„Möchtest du jemanden sehen Junge?“
„Ist das ein Witz?“
„Nein. Wenn du jemanden sehen möchtest, sag es einfach Junge.“
„Jetzt nicht, danke.“

Die beiden helfen mir auf die Beine. Sie lächeln die ganze Zeit. Mein Gott wie schlecht ist das!? Sie wollen mir sagen, ich wäre gerade aus dem Leben geschieden und lächeln dabei wie zwei Schuljungen am letzten Tag vor den Ferien. Soll ich das etwa glauben? Die beiden lassen mich einfach so im Wald stehen. Sie gehen und reden und lachen. Hier stehe ich nun… Ist das ein Traum? Ich höre Stimmen. Oh Gott! Eine Gruppe alter Menschen kommt singend und tanzend durch den Wald gesprungen.

„Ist das ein Traum?“
„Haha. Willkommen im Himmel Junge.“

Sie schlängeln sich durch die Bäume hinweg in die Ferne. Ein kleines Kind rennt an mir vorbei. Ist das ein Traum? Ich spüre den Waldboden unter meinen Füßen. Ich rieche den Duft der Bäume. Es tut weh, wenn ich mich kneife. Wenn ich gegen einen Baum spucke, tropft der Speichel davon herunter. Noch ein kleines Kind rennt vorbei.

„Hey Kleiner! Wie komme ich aus dem Wald?“
„Da drüben ist der Weg.“

Ich weiß nicht, wer mich hier verarschen will, aber das muss irgendwo ein Ende haben. Man kann ja unmöglich die ganze Welt dazu bringen, mich zu verarschen. Auch die Truman Show hatte ihre Grenze.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich gegangen bin, aber jetzt stehe ich auf einer Kreuzung. Es gibt einen Wegweiser, auf dem sechs Schilder angebracht sind, die auf sechs Wege in sechs verschiedene Richtungen weisen: Meer, Savanne, Steppe/Wüste, Gebirge, Tundra/Eis, Grasland. Na das erinnert mich doch zu sehr an den Erdkundeunterricht. Wollen wir doch mal sehen, ob sie es geschafft haben, gleich nach dem sommerlich grünen Wald eine winterlich öde Eislandschaft hinzuzaubern! Nach nur wenigen Schritten sehe ich vor mir das Ende der Baumreien. Dahinter ist es weiß. Schneeweiß.

Ich stehe mitten im Schnee. Einen Schritt zurück und ich stehe wieder im Wald. Wahnsinn! Aber der Schnee kann nicht echt sein. Mir ist nicht kalt. Ich empfinde noch die gleiche Temperatur wie im Wald. Egal ob ich nach links oder rechts schaue, die Grenze zwischen Wald und Schnee zieht sich endlos. Optische Tricks. Irgendwo muss das Ende sein. Eine Frau kommt auf mich zu. Ihren Augen nach, scheint sie asiatisch zu sein.

„Hallo Junge. Kommst du mit?“
„Wohin gehen wir?“
„Komm mit.“

Ich kann nicht sagen, wie lange ich mittlerweile schon hier bin. Aber ich habe alle Landschaften besucht. Ich war im Schnee und danach in der Wüste. Sie grenzen haarscharf und endlos aneinander. Danach bin ich zurück und durch den Schnee in den Wald und dann ans Meer. Vom Meer aus bin ich wieder in den Schnee, dieses mal aber ohne den Wald zu durchqueren. Als ich im Gebirge war, bin ich auf den höchsten Berg gestiegen. Ich war dort oben und habe das Ende des Gebirges gesucht, aber ich konnte es nirgends entdecken. Wenn ich querfeldein gehe, scheinen die Landschaften endlos zu sein. Wünsche ich mir jedoch, zurück auf den Weg zu kommen, dauert es keine 500 Schritte und ich stehe wieder auf einer Kreuzung. Von dort aus wiederum sind es keine 2000 Schritte und ich bin an der Grenze zweier Landschaften angelangt. Jede Landschaft scheint an jede andere zu grenzen, aber eine Verbindung existiert nur über den Weg. Das ist kein Trick und kein Traum.

Ich bin tot. Ich werde nicht mehr müde und ich habe keinen Hunger mehr. Ich kann essen was ich will. Ich kann von hohen Felsen auf den Boden springen, unter Wasser atmen – ich bin der Highlander. Der Unterschied zum Film ist, hier gibt es nicht nur einen einzigen, hier gibt es unendlich viele Unsterbliche – beziehungsweise Tote. Und alle scheinen glücklich zu sein. Sie reden miteinander und lächeln die ganze Zeit. Niemand pisst einander an und keiner wird wütend. Wenn ich die Menschen anspreche und ihnen Fragen stelle, dann sagen sie immer wieder das Gleiche: „Das ist der Himmel Junge. Hier hat man keine Sorgen.“.

Letztendlich habe ich mich für das Meer entschieden, weil ich das Meer liebe. Es beruhigt mich. Ich liege am Strand und gehe schwimmen. Ich schaue den Frauen zu, wie sie sich ohne Bekleidung in die mächtigen Wellen stürzen, vom Wasser verschluckt werden und nach wenigen Momenten lachend wieder auftauchen. Ich flirte mit ihnen und verliebe mich so oft. Aber bis jetzt hat sich noch keine wirklich auf mich eingelassen. Sie lächeln nur. Sie plaudern belangloses Zeug. Wenn ich sie streichle, streicheln sie mich auch. Dann stehen sie auf und gehen und wünschen mir einen wunderschönen Tag und lachen. Ich würde sie gerne küssen, aber sie lassen es nicht zu. Ich habe das Gefühl, sie weichen mir aus.

Wer weiß, wie lange ich schon hier bin… Ich habe meine Vorfahren getroffen. Sie scheinen alle so glücklich zu sein. Meine Oma versteht sich sogar wieder mit meiner Mutter, obwohl sie im Leben bis auf den Tod verstritten waren. Bis auf den Tod. Sagt man deshalb so? Ich habe mit alten Klassenkameraden gesprochen, die bei der Fahrt zurück von der Disko ums Leben kamen, weil der Fahrer mindestens so betrunken war, wie die anderen Insassen. Sie haben sich verziehen und lachen herzhaft, wenn sie an die alten Zeiten denken. Ich habe historische Persönlichkeiten getroffen, die allesamt glücklich und zufrieden waren. Ghandi wollte nichts mehr von Krieg und Indien wissen. Er sagte nur: „Junge mach dir keine Sorgen. Du bist im Himmel.“. Übrigens sprechen sie alle meine Sprache. Ich kann jeden treffen, an den ich denke, denn dann weiß ich, wo ich ihn finden kann. Natürlich habe ich Marilyn Monroe getroffen. Und all die anderen verstorbenen Schönheiten. Man könnte es sich hier so richtig gut gehen lassen, aber anscheinend bin ich der einzige, der noch menschliche Bedürfnisse hat. Ich zweifle oft, ob ich hier überhaupt sein sollte. Vielleicht war es ja auch nur ein bürokratischer Fehler. Vielleicht lebe ich noch, obwohl ich tot bin.

Seit einiger Zeit werde ich verfolgt. Ein alter Mann. Ich lasse es mir nicht anmerken, dass ich ihn entdeckt habe. Ich warte bis er mich aus den Augen lässt, dann schleiche ich mich von hinten an ihn heran.

„Hallo alter Mann!“
„Hallo Junge.“
„Warum verfolgst du mich?“
„Machst du dir Sorgen?“
„Ich – warum willst du das wissen alter Mann?“
„Komm mit Junge.“

Wir gehen in den Wald und verlassen dort den Weg.

„Wie heißt du Junge?“
„Markus. Und du?“
„Rea.“
„Rea?“
„Rea, ja Junge. Entschuldige, aber ich kann mir deinen Namen nicht merken. Ich habe aufgehört mir andere Namen zu merken.“
„Ok schon gut alter Mann, was willst du?“

Der alte Mann erzählt mir von seinen über 2000 Jahren im Himmel. Er erzählt mir von seinen ersten Tagen hier. Wie großartig alles war. Doch dann kam die Erkenntnis, dass es immer und immer so sein würde.

„Ja alter Mann. Alle sind glücklich. Immer! Hier gibt es eben keine Probleme.“
„Du hast es erfasst. Keine Probleme. Aber das Glück hier ist die reine Scheinheiligkeit. Das Schlimmste ist, dass du hier von Menschen angelächelt wirst, die hier nicht hergehören. Menschen, die viel Böses getan haben und dann doch noch zu Gott gefunden haben. Diebe, Betrüger, Kinderficker. Viele dieser gefickten Kinder sind nicht hier, weil sie im Leben keine Chance hatten, einen Glauben an das Gute zu finden. Verstehst du Junge? Hier ist alles so verdammt scheinheilig!“

Er erzählt mir, dass ich wie er einer der wenigen bin, die etwa alle eintausend Jahre mit einem genetischen Defekt auf die Welt kommen, der dazu führt, dass sie im Himmel noch immer die volle Bandbreite an Emotionen besitzen – dass sie nach dem Tod noch menschlich bleiben. Er erzählt mir von seiner großen Depression, die dazu führte, dass er die anderen anschrie und schlug. Aber sie lächelten weiter. Und er wurde plötzlich älter.

„Weil du die anderen geschlagen hast?“
„Ja Junge. Ich denke, dass war die Strafe. Als ich hier herkam, war ich so alt wie du. Dann habe ich auf einen alten Mann eingeschlagen und plötzlich wurde ich ein alter Mann!“
„Wer macht das? Gott?
„Ich weiß es nicht, aber pass auf dich auf Junge. Er wird dich nicht sterben lassen. Wenn dann schickt er dich in die Hölle.

Wir unterhalten uns noch sehr lange. Dann zieht er weiter. Er sagt, ich könne ihn oben in den Bergen finden. Er lebt dort alleine. So wie alle anderen auch, die denselben genetischen Defekt haben.

Im Himmel ist alles gut. Alle sind glücklich. Grundlos glücklich. Es gibt keine Anstrengung auf die Belohnung wartet. Es gibt keine Probleme, die zur Zufriedenheit gelöst werden können. Es gibt keine Furcht, die durch Geborgenheit bekämpft werden könnte. Es gibt keine gebrochenen Herzen, weil kein Herz mehr erobert werden kann. Es gibt keinen Hass, weil Liebe die Selbstverständlichkeit ist. Für manche ist das der Himmel. Für mich ist es die Hölle. Und ich warte bis in alle Ewigkeit in meinem Versteck tief unten im Meer.