mal sehen


Im Irrenhaus

Ich lebe in einem Irrenhaus. Das ist kein Witz und auch kein Spaß, das ist der helle Wahnsinn. Hier leben so verrückte Menschen, Paradiesvögel, Junkies und so wenige normale Menschen, dass ich dieses Haus als Irrenhaus bezeichne, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein bisschen!

Und weil ich ganz unten im Erdgeschoss lebe, begegne ich zwangsläufig früher oder später jedem Bewohner mindestens einmal. Bei manchen bleibt es bei diesem einem Mal, bei anderen würde ich es mir wünschen. Ich würde, aber nur „würde“, denn wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es mein letzter Wunsch, dieses Irrenhaus und all seine Einwohner nie gesehen zu haben. Insgesamt gibt es hier 84 Mietparteien auf 14 Stockwerken zu je sechs Wohneinheiten. Im Treppenhaus stehen Pflanzen und im Aufzug lustige Sprüche sexgeiler Naseweise und spätpubertierender Revoluzzer. „Viva Fidel vs. Bums Fidel“, zum Beispiel. Oder „Fighting For Peace Is Like Fucking For Virginity“, welcher mir persönlich am Besten gefällt.

Wenn man mit dem Aufzug ganz nach oben fährt, erreicht man über eine Treppe die Dachterrasse, kurz „Terrasse“ genannt. Hier findet man im Sommer zahlreich die Bewohner des Hauses, auf Liegestühlen und Sofas sitzend, grillend oder in Planschbecken liegend. Auf den ersten Blick scheint alles normal in dieser Oase, aber auf den Zweiten entdeckt man zum Beispiel Sergej, der eine riesen Tüte raucht, oder Bob aus den Staaten, der seinen siebten Absinth hinunter spült, oder Simone, die anderen, staunenden Mädels ihre Nagellacke präsentiert. Das alles findet nebeneinander und mit jeglicher Normalität statt, so dass Sergej, mit Tüte in der Hand, zu Simone geht und sich über die neuesten Trends der Nagellackindustrie informieren lässt. Dann kommt die alte Frau Katarina daher, stellt eine ihrer verwirrten Fragen, nimmt sich ein Glas Fruchtbowle, die die Mädels zubereitet haben und geht weiter zu Bob, um ihn nach seiner Meinung über die Bedeutung des Wortes „interrogation“ auszuquetschen. Bob steigt natürlich sofort darauf ein, schüttet sich aber noch einen Schluck Absinth ins Glas, damit die Kehle feucht bleibt. So ungefähr findet das Leben in diesem Haus statt. Es ist wie eine große Familie. Man kennt sich, akzeptiert sich und hat sich sogar lieb.

Probleme gibt es nur mit unserem Hausverwalter. Dieser lässt sich immer neue Schikanen und Witze einfallen, mit denen er sein mickriges Ego auf Vordermann bringen kann. Leider nimmt ihn niemand mehr ernst. Nicht einmal Sergej, der ab und zu mehrere Tage am Stück auf LSD durch das Haus geistert. Er ist harmlos und von Herzen gut. Eines unserer Sorgenkinder. Wenn er trippt, klingelt er mal hier mal dort, wird hereingelassen und erzählt Geschichten, die entweder psychotisch oder total hirnverbrannt daher kommen.

Als ich Sergej das erste Mal sah, war ich gerade dabei, meine Möbel in meine Wohnung im Erdgeschoss zu bringen. Ich wuchtete einen viel zu überdimensionierten Sessel durch die Eingangstür, während Sergej meinen Gesundheitszustand zu analysieren versuchte. Erschöpft ließ ich mich auf den Sessel, der nun zumindest im Eingangsbereich meiner neuen Wohnung stand, nieder und hörte mir seine Rede an. Sergej starrte mir in die müden Augen, ließ mich meine Zähne blank zeigen und fasste mir an die Brust. Das einzige was ich von diesem seltsamen Typ mit seinem seltsamen Blick und dem rastlosen Körper bis dahin wusste, war, dass er sich Sergej nannte und auch in diesem Haus lebte. Was er über mich wusste und analysierte war jedoch noch viel weniger. Mir mangele es an Calcium, an Magnesium, an allem, insbesondere an Ionen. Lediglich meine Leber sein tipp topp in Form, was mich überraschte, weil ich vor allem deshalb so erschöpft und apathisch seinen wirren Worten folgte, weil ich am Vorabend meinen Auszug mit Pauken und Trompeten und zu viel Alkohol gefeiert hatte.

Da stand also plötzlich Sergej vor mir und ich wusste nicht, ob er mich provozieren oder verarschen will. Mir war es egal und ich fing an, ihn zu testen. „Ob er Ionen kaufen wolle“, habe ich ihn gefragt. „Oder Calcium in großen Mengen“. Sein Blick wurde plötzlich wild. Seine Augen fixierten mich, fraßen sich in mich und sein Mund wurde trocken. „Reinstoffe! Wenn ich Reinstoffe haben will, gehe ich zu meinem Freund. Der besorgt mir alles. Amphetamin, LSD, Silizium, Koks.“. Mit diesen Worten war mir klar, dass ich in die richtige Richtung getestet hatte. Wäre ich Polizist gewesen, sein Freund hätte ihm den Hals umgedreht. Aber Sergej hat keine Angst vor Konsequenzen mehr. Zum einen, weil er keine Ziele mehr hat und zum anderen, weil er ständig zugedrönt ist. Er lebt im hier und jetzt und hier und jetzt und hier und jetzt. Was aus Neugier und Spaß begann wurde zum Alltag, dann zum Alibi und schließlich zum Auffangbecken seiner gescheiterten Existenz. Nur seiner Intelligenz und seiner Herzensgüte hat er es zu verdanken, dass er immer wieder gerade noch die Kurve kriegt, bevor man ihn auf die Straße setzt. Zwar bezahlt ihm das Amt die Wohnung, aber ab und zu leistet er sich doch ein paar Dinge, die nicht tragbar sind. Und nur weil wir alle im Irrenhaus auch ein bisschen Irre sind, setzen wir uns für ihn ein und verschonen ihn vor der harten Realität, die ihn womöglich total ruinieren würde. Abgesehen von einem Entzug. Aber den will er nicht und so wäre er sicherlich nicht dauerhaft.

Ich tue mir schwer damit, ihn nicht dem eiskalten Psychatriesystem auszuliefern, aber andererseits fehlt mir die Energie, weil ich dann diesen Freund nicht alleine lassen wollen würde. Nach all der Zeit in diesem Haus, bin ich ein Teil von ihm geworden. Ich habe hier Dinge erlebt, die ich noch nie zuvor erlebt habe. Viele waren großartig, aber manche eben nicht. Und weil man hier nie seine Ruhe hat, findet man selten die Zeit, das Erlebte richtig zu verarbeiten. Für mich ist das Schreiben deshalb sehr wichtig geworden. Genauso wie die Zeit außerhalb, die ich mit Freunden und Bekannten aus aller Welt und überall genießen kann.

Jetzt ist es spät und ich werde ins Bett gehen. Wenn ich Lust habe, erzähle ich mal wieder was über das Irrenhaus, in dem ich Lebe. Es gibt auf jeden Fall noch viele spannende Geschichten. Allein Sergej könnte Bücher füllen, aber auch unser Hausvorstand haut viele unterhaltsame Vögel raus…



Maschinenstopp in Halle 7

Als Herr Schneider Halle 7, „Abteilung für dehnbare Kunststoffe“, betrat, leuchtete noch immer das rote Licht, welches den kompletten Produktionsstopp signalisierte. Für den gelernten Maschinenwart kein unbekanntes Signal, da er es schon etliche Male während seiner 38-jährigen Laufbahn mit störrischen, bockigen, kaputten und überalteten Maschinen zu tun hatte.

Er saß in seiner Werkstatt, bekam einen Anruf, eilte los und für gewöhnlich behob er den Schaden binnen weniger Minuten zur vollsten Zufriedenheit aller und seiner selbst. An jenem Tag jedoch bekam Herr Schneider keinen Anruf, sondern eine Statusmeldung auf seinem neuen Computer. Und weil das alles so neu war, entdeckte er die Meldung erst um 13:20 Uhr, also drei Minuten nach Maschinenausfall.

Erschrocken kleckerte er den Kaffee auf die Hose und die Marmelade seines Brotes auf die Schuhe. Beinahe wäre ihm der Werkzeugkasten heruntergefallen und beim Verlassen der Werkstatt musste er gerade wieder umdrehen, um noch einmal einen Blick auf den Monitor zu werfen, da ihm der Maschinenstandort entfallen war.

So kam es also, dass der Maschinenwart im Schein des Rotlichts beinahe kreideweiß zu sein schien, da sich die peinliche Röte seines Kopfes und die des Lichts gegenseitig aufhoben. Wohingegen die Gesichter der pausierenden Arbeiter wie rote Lampignons den Hallengang begleiteten. Hier und da konnte Herr Schneider ein „wie lange dauerts noch“, ein Räuspern oder das Ausatmen von Rauch hören.

Bei der ausgefallenen Maschine warteten bereits zwei Männer in Anzügen auf Herrn Schneider. Der eine war noch sehr jung und trug einen gepflegten Kurzhaarschnitt, der andere war bereits mittleren Alters und hatte gar keine Haare mehr auf dem Kopf. Die beiden schauten immer wieder nervös auf ihre Uhren. Als sie den heraneilenden Maschinenwart sahen, wurden sie noch hektischer und redeten gleichzeitig auf ihn ein.

„Wo bleiben Sie denn?“, „Wir müssen schnell das Problem lösen!“, „Haben Sie den keinen Computer?“, „Sie müssen das schleunigst reparieren!“. Herr Schneider ignorierte zunächst die Fremden, ging zur Maschine und begann die Ölstände zu prüfen. „Gestatten, Meier, Workflow-Management.“, stellte sich der ältere Herr vor, „Frankert mein Name“, sagte der Jüngere. Herr Schneider nahm indessen die Stromverbindungen unter die Lupe.

„Nun Herr Schneider, wir sind etwas besorgt, da diese Maschine wichtig für die gesamte Produktion dieser Halle ist. Wir wollen sicher sein, dass möglichst kein Ausfall mehr eintritt.“. Es lag weder am Öl, noch am Strom, also konnte nur noch ein mechanischer Getriebeschaden in Frage kommen. „Herr Schneider, warum schauen Sie denn nicht auf das Maschinenterminal? Es hat eine automatische Fehlererkennung.“.

Jetzt unterbrach Herr Schneider seinen Prüfvorgang, denn von einem Terminal hatte er noch nie gehört. Tatsächlich befanden sich an der Maschine ein Monitor und eine Tastatur. Er hatte wohl von gewissen Neuerungen erfahren, die die Wartung und Bedienung vereinfachen sollten. Aber noch gab es keine Schulung, in der dem Maschinenwart erklärt wurde, wie er damit zu arbeiten hatte.

„Frankert mein Name. Ich bin der Computerspezialist an Bord.“. „Aha“, sagte Schneider, „ein Computerspezialist!“. „Diplom Informatiker um genau zu sein.“. Herr Schneider fühlte sich ein bisschen übergangen und es verärgerte ihn, dass er nicht informiert wurde. „Also Herr Frankert, was sagt uns dieser Computer?“, meldete sich Herr Meier zu Wort. „Sehen Sie her. Um 13:17 Uhr exakt war Maschinenstopp. Die gelb leuchtenden Bereiche sind als mögliche Ursachenquellen gekennzeichnet.“.

Herr Schneider beobachtete die gelben Flecken auf einem groben Umrissplan der Maschine. Er erkannte die Ölleitungen und die Stromzufuhr wieder, die er ja bereits geprüft hatte. Zudem waren ein paar gelbe Flecken auf der Rotation und im hinteren Antrieb zu sehen. Er nahm sein Werkzeug und machte sich daran, die Rotation frei zu legen. „Herr Schneider, was machen Sie da?“, fragte Herr Meier.

„Ich prüfe die Rotation. Das gelbe Ding da auf dem Computer.“. „Aber Herr Schneider nun lassen Sie doch den Computer machen. Er wurde extra programmiert!“, gab Herr Frankert, ein bisschen enttäuscht, dazu. Schneider ging zurück zu den beiden Männern, die sich vor dem Monitor aufgebaut hatten und wie aufgeregte Schulkinder darauf warteten, noch mehr gelbe Flecken zu entdecken. Der Informatiker klapperte auf der Tastatur herum und Herr Meier nickte seinen Kopf dazu, wie bei einem Konzertbesuch.

Die drei Männer standen vor dem Terminal, beobachteten Tabellen, Schaltpläne, gelbe, grüne und blaue Flecken und Frankerts flinke Finger auf der Tastatur, die englische Begriffe und komische Abkürzungen auf den Monitor zauberten. „Sehen Sie, um 13:17 Uhr könnten folgende Faktoren für den Ausfall einschlägig sein.“. Eine Liste mit mindestens zehn Zeilen rollte über den Bildschirm. Herr Schneider wurde bereits ganz nervös, weil er die Rotation überprüfen wollte, aber nicht durfte.

Herr Meier kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Herr Frankert bemerkte, dass sogar andere Maschinen in den Ausfall einbezogen sein könnten, woraufhin Herr Meier ein Telefon aus der Tasche zückte und bei einem Herrn Scholarek anrief, welcher zwei Minuten später bei ihnen war und mit auf den Monitor starrte. „Nun meine Herren,“ sprach Herr Scholarek, „was wir bisher wissen ist, dass der Ausfall der Maschine, der Fehler quasi, von mehreren Faktoren abhängig sein kann und dass die Maschine immernoch still steht.“.

Die anderen Herren stimmten ihm zu. Herr Schneider wurde noch unruhiger, da er den Stillstand gerne behoben hätte. Während die drei anderen den Computer beobachteten, zündete er sich eine Zigarette an und ging ein paar Meter weiter zu einem der wartenden Arbeiter. „Was machen die Herren da?“, wollte der Maschinist vom Maschinenwart wissen. „Ich weiß es nicht, aber ich denke, sie machen eine Wissenschaft daraus. Ihr könntet schon lange wieder produzieren, wenn man mich nur an die Maschine lassen würde.“, erwiderte Herr Schneider.

„Und warum schickt man uns nicht einfach nach Hause?“. „Das ist unnötig, ich kann die Maschine reparieren, sobald die Herren dieses Computerding verstanden haben.“. Als die Zigarette zu Ende geraucht war, ging der Maschinenwart zurück zu den Herren Meier, Frankert und Scholarek. Diese notierten sich bereits irgendwelche Daten auf Zettel und stellten Rechnungen mit mehreren Unbekannten und Faktoren auf, die sie allesamt nicht sicher beantworten konnten.

„Nun meine Herren, was wäre wenn der ursächliche Zusammenhang für zukünftige Probleme der gleichen Art eben diese verhindern könnte und wir nun nicht wissen, wie sie lauten, nur, wann sie eingetreten sind? Das ist doch die Frage!“, stellte Herr Scholarek fest. „Richtig erkannt!“, stimmte ihm Herr Meier zu. „Herr Frankert, bitte fragen Sie den Computer, welche Fehlerquellen zu welchem Zeitpunkt ausschlaggebend waren und wie diese voneinander abhängig sind“.

Herr Frankert klapperte die Tasten der Tastatur rauf und runter, grübelte und dachte nach. Dann drückte er auf eine große rote  Taste und auf dem Monitor erschienen endlose Zeichenketten. Faktoren wurden genannt, zu anderen Faktoren in Verbindung gesetzt, Unbekannte hypotetisch bekannt und Ergebnisse zu weiteren Fragen formuliert. „Oh mein Gott, wir haben eine Endlosschleife hervorgerufen!“, rief Herr Frankert plötzlich.

Herr Schneider ging zur Maschine, schlug heftig gegen die Rotation und plötzlich setzte sich das Getriebe wieder in Gang und das Rotlicht der Produktionsstopplampen erlosch. Die Arbeiter in der Halle atmeten auf und machten sich an die Arbeit, wie als wäre nichts geschehen. Die drei Männer in ihren Anzügen schauten sprachlos zu Herrn Schneider.

„Als ich hier angefangen habe, hatten wir keine Computer. Ich kenne mich mit Maschinen aus. Ich repariere sie. Ich muss nicht wissen, warum etwas schief ging, sondern wie ich es wieder zum laufen bringe. Sonst sitzen wir noch morgen hier und niemand kann arbeiten.“. Mit diesen Worten verließ Herr Schneider die Gruppe und ging zufrieden wieder in seine Werkstatt um Kaffee zu trinken.



Die Einweisung

In meiner Rumpelkammer reiben
viele Dinge aneinander.
Holter polter, hin und her,
helter skelter, was, wo, wer?

Ritsch, ratsch, boom, bang,
Lärm, Geräusche,
Tiger, Wölfe, Schlangen, Läuse,
alles in dem Kopf-Gehäuse
schreit und sticht,
mal Nacht, mal Licht,
bin ich eigendlich ganz dicht!?

Klopfen, Pochen, Schieben, Treten,
auf und ab durch Spinnenweben,
als ob dort tausend Dinge leben,
hakend, stechend, knarrend, brechend
versammeln sich meine Gedanken
in dem Schrank, beklemmend, wankend,
ohne Sinn, ohne Verstand,
fühle ich, ich fühl mich krank.

Kippend, klappend steh ich auf
die Dinge nehmen ihren Lauf,
schlagen auf und dann zurück
zuerst die Faust, schon folgt der Kick!

Klirren, Rollen, oben, unten,
stehend, liegend, fliegend, still!

Ruhe macht sich breit in meinem
Hinterstübchen, soll man meinen,
wie ein Bübchen unter seinen,
lächelnd, brüllend, lachend, weinend
fährt der Wagen mit mir weg,
ohne Fragen, Sinn und Zweck.



MeMyselfAndEye im Interview

Heute Morgen gab ich ein Interview für Kessi Kolumna, der Tochter der berühmten Elefantenflüsterin. Sie war sehr freundlich, intelligent und hübsch noch dazu. Nachdem wir über mich und meine Person und Motivation geredet hatten, gab sie mir die Chance, ihr ein paar Fragen zu meinem letzten Artikel zu stellen.

Kessi K.: Reden wir doch gerne mal über deinen letzten Artikel. Ich finde es voll krass wie du immer wieder im Kreis denkst beim Schreiben. Und natürlich würde mich noch interessieren, ob die Geschichte denn fiktiv oder real ist.

MeMyselfAndEye: Wie meinst du das, im Kreis?

Kessi K.: Naja, es ist irgendwie ziemlich sprunghaft, ziemlich gedankenecht würde ich sagen.

MeMyselfAndEye: Ok. Konntest du dem Text folgen? Also ich kann, aber ich hab’s ja auch geschrieben/gedacht. Ich weiß nur nicht, wie andere das lesen…

Kessi K.: Naja, dem Text… „dem Text“… Also ich muss sagen, dass mir Gedankensprünge nicht viel ausmachen, aber ich glaube generell lässt man sich davon leicht irritieren.

MeMyselfAndEye: Ok… Hmmm. Dabei folgt alles einem Gedanken – habe ich gedacht.

Kessi K.: Ja schon, nur wir verarbeiten Informationen beim Lesen anders als wir sie beim Denken produzieren.

MeMyselfAndEye: Schon. Gibt es „Momente“ in denen du Emotionen spürst? Also im Text?

Kessi K.: Hauptsächlich da wo du rhethorische Fragen stellst und viele Adjektive benutzt, würde ich sagen. Und wo die Sätze länger werden.

MeMyselfAndEye: Hoppla! Ein Frage noch bitte: was findest du voll scheiße daran? Es tut mir leid, wenn ich das Interview an dieser Stelle umdrehe, aber ich brauche mal Kritik, sonst weiß ich nie, was gut ist und was schlecht.

Kessi K.: Voll scheiße find ich nichts, weil es halt nur ein anderer Schreibstil, dein Schreibstil ist, aber ich find es ist ein bisschen abgehackt am Anfang, so plötzlich. Aber ich habe des Gefühl, dass es Absicht ist – es macht einen auch gleich aufmerksamer beim lesen, aber es fällt eben schwerer in den Text reinzukommen.

MeMyselfAndEye: Ok! Das gefällt mir! Jetzt also ob die Geschichte real ist oder nicht?

Kessi K.: Ja?

MeMyselfAndEye: Ich hatte schon mal eine Trennung, die so begründet war. Aber eigentlich will ich damit sagen, dass der Grund für eine Trennung eben einfach nur der ist, dass das Herz nicht mehr lodert. Dass das aber auch die einzige faire und echte Begründung ist und dass man diese akzeptieren muss.

Kessi K.: Da gebe ich dir recht.

MeMyselfAndEye: Danke.

Kessi K.: Aber ich finde andererseits ist es halt oft die Begründung, die am schwersten zu verstehen ist, weil man es nicht irgendwie erklären oder nachvollziehen kann.

MeMyselfAndEye: Da gebe ich dir wiederum recht! Diesen Gedankengang habe ich ebenfalls versucht, mit in den Text zu bringen. Auch die Wut, die so eine Begründung dann erzeugt und die Hilflosigkeit, wenn selbst die Vernunft nicht mehr greift, weil sie nicht der Wahrheit entspricht. Setzt sich das Bild so ein bisschen besser zusammen?

Kessi K.: Gefühle verstehen zu wollen ist halt der Widerspruch schlechthin.

MeMyselfAndEye: Ja, schon. Deshalb akzeptiere ich einfach das Gefühl an sich und spreche ihm unantastbare Wahrheit zu. Sozusagen. So wie mit der Geschmackssache auch.

Kessi K.: Alles andere würde einen dann glaube ich auch nicht weiterbringen.

MeMyselfAndEye: Ja, es kann einen sogar verrückt machen.

Nachdem ich für mehrere Sekunden gedankenversunken aus dem Fenster geblickt hatte, bedankte sich Kessi Kolumna für das Interview und verabschiedete sich zu ihrem nächsten Termin. Ich bedankte mich ebenfalls und ging nach draußen an die frische Luft.



Motivation in der Produktion

Lange ist es her, da versuchte ich meine unfreiwillig entstandene Lücke zwischen Abitur und Berufsleben mit einem Job zu füllen. Ich arbeitete in einer großen Fabrik, die noch immer täglich versucht qualitativ hochwertige optische Geräte zu produzieren. Meine Mitarbeiterinnen, denn es waren zumeist die Damen, die diesen Laden produktiv am Laufen hielten, erklärten mir, dass ich aller Vernunft entgegen schwanger sein müsste, da ich täglich die sogenannte „Schwangerenschicht“ von 12 Uhr bis 20 Uhr arbeitete.

Ich verbrachte den Großteil meines Schwangerendaseins in einem Terminbüro im gehobeneren Viertel der Fabrikhalle. Dort flimmerten Aufträge und Bestellungen über die Bildschirme von netten Kaffeekranzdamen, die wiederum telefonisch und über Computer versuchten, den Handwerkern in der Halle klar zu machen, dass der Auftrag so schnell wie möglich durch tausende von Händen und hunderte Maschinen wandern musste.

Dreimal am Tag musste ich dann in einen Reinraum, mit weißem Overall, Haarnetz und Schutzüberschuhen, um dort Aufträge bzw. die Werkstücke zu finden, die gerade von einem der dortigen Maschinisten in eine Maschine gelegt wurden. Die Maschinisten, ein bunter Trupp von Frauen und Männern jeglichen Alters und jeglicher Herkunft, bereiteten die Werkstücke vor, legten sie in ihre Maschinen, bereiteten die nächsten Werkstücke vor, entnahmen die alten der Maschine, fütterten diese wieder mit den neuen Werkstücken und bereiteten die vorherigen auf die noch folgenden drei weiteren Maschinengänge in ihrer eigenen Maschine vor, bevor sie sie dann auf einem Wagen durch eine Schleuse aus dem Reinraum in die Hände der nächsten Maschinisten gaben. Alles in allem dauert der Aufenthalt eines Werkstücks an der Maschine immer rund 1,5 bis 3 Stunden, je nach Maschine und Werkstück. Nie weniger und selten mehr.

Nun musste ich also mit den eiligen Aufträgen, notiert auf einem Zettel in den Reinraum, zu den Maschinisten und ihnen sagen, dass der Auftrag zügig durchgehen sollte. Ich notierte mir die Zeit, die der Auftrag noch dauerte, aber meistens setzte ich ein „Hat sich erledigt“-Häkchen hinter die Auftragsnummer, da das Computersystem, welches die Position eines Werkstücks dank SAP minutengenau anzeigen sollte, nicht pünktlich war. Und da der Reinraum der letzte Bearbeitungsschritt vor Verpackung und Versand war, wurde nur dort den Aufträgen Beine gemacht.

Zu Beginn war ich sehr hektisch und planlos, da ich nach einmaliger Einarbeitung gleich selbst auf die Pirsch gehen musste. Ich hatte keine Ahnung, an welchen der unzähligen Maschinen welche Auftragsnummern bevorzugt zu finden sind, weil sie nur dort oder auch nur selten dort bearbeitet werden konnten. Zudem wollte ich mich nicht ablenken lassen und genausowenig die Maschinisten von ihrer Arbeit ablenken.

Schon bald kam ich bei meinen Rundgängen mit einigen der Maschinisten ins Gespräch. Entweder weil ich sie nach etwas Fragen musste oder weil sie mich anmaulten, weil schon wieder der „Typ vom Terminbüro“ da war. Denn im Gegensatz zu mir, wussten sie von Anfang meiner Arbeit an, dass alles Flehen und Betteln, jedes „Schnell-schnell-schnell“ und jedes „Wann-kommt’s-denn?“ nichts an der Arbeitsgeschwindigkeit der zeitangebenden Maschinen geändert hätte.

Aber schon bald hatte ich ihren Missmut mir gegenüber verstanden. So machte ich ihnen klar, dass ich diesen Job eben auch nur machen musste und dass ich sie nicht weiter unnötig stressen würde, weil ich nun auch ein „Wissender“ war. Ich begann die wechselnden Schichtarbeiter näher kennen zu lernen, mit ihnen zu plaudern und hatte schon schnell Freunde unter ihnen gefunden, die sich ebenso über mein Kommen freuten, wie ich. Im Terminbüro erzählte ich den Damen nur die Hälfte der Geschichte. Ich zeigte ihnen die vielen Häkchen auf meiner Liste und gab ihnen die vermutlichen Fertigstellungszeiten bekannt, die ich mittlerweile selbst berechnen konnte. Die Damen freuten sich und fühlten, dass ihre Arbeit belohnt wurde. Die Maschinisten fühlten sich durch mich verstanden und erlebten durch mein „Lob aus dem Terminbüro“, dass sie Teil eines wichtigen kundenorientierten Prozesses waren. Es lief alles wie am Schnürchen. Aber es wäre auch so gelaufen, wenn mein Job dort nicht gewesen wäre. Und tatsächlich erfuhr ich, dass nach mir diese Arbeitstelle weggekürzt wurde, um Sir SAP die volle Kontrolle zu überlassen.

Ich verstand schon damals, dass ich eine Schnittstelle zwischen zwei verschiedenen Schichten war. Aber ich verstand nicht, dass ich entgegen meiner eigenen Meinung und der Meinung der anderen nicht vollkommen unnötig war. Ich war das Feedback der einzelnen Arbeitsgruppen zueinander. Ich war der Mensch, der den Damen im Terminbüro und den Maschinisten im Reinraum das Gefühl gab, für die eine Sache, dass Produkt, gebraucht zu werden.

Und genau dieses Gebrauchtwerden ist das, was ich als sinnvollste Motivation in der Produktion und auch im Management ansehe. Vermittelt werden kann diese Motivation aber nur durch Zwischenmenschlichkeit. Also ist die Wahrung der Zwischenmenschlichkeit das Ziel. Bislang konnte ich in der maschinellen Produktion größtenteils nur den gegenteiligen Trend erkennen. Und dort, wo ich das beobachten konnte, waren Arbeitnehmer und Arbeitgeber so weit voneinander entfernt, wie der Status-Quo an Qualität vom utopischen Soll.