mal sehen


Man in the Moon

Ein gute Freundin erinnerte mich neulich an eine uralte Geschichte:

Ich war gerade auf dem Heimweg von der Disko. Entsprechend betrunken, aufgedreht, freudig und unvoreingenommen war ich unterwegs.

So begegnete ich einem Mann, gute zehn Jahre älter als ich, der langsam und bedacht den gleichen Weg ging, den ich zu gehen hatte. Mir meiner selbst bewusst, sprach ich ihn vornehm und offenherzig an: „Hallo! Wie ich sehe, gehen wir den gleichen Weg. Also warum alleine gehen, wenn wir auch zu zweit gehen können. Ich heiße so. Und wer bist du?“.

Die Antwort fiel sehr kurz aus: „Hm.“. Im Sinne der Höflichkeit bot ich mich nochmals als Weggefährten an. Dazu nannte ich ein zweites Mal meinen Namen und die unausweichliche Tatsache, dass wir den selben Weg gehen würden und wohl auch mussten. Seine Reaktion war wiederum nur ein kurzes „Hm“.

Aus irgendeinem Grund – nennen wir ihn getrost Alkohol – ließ ich mich von diesen beiden „Hm“ nicht sonderlich beeindrucken und behielt meine freundlich aufdringliche Art bei. Ich spürte zwar, dass der Mann alles andere als begeistert von meiner Gesellschaft war, aber ich hatte nichts Böses im Sinn und deshalb ein reines Gewissen auf meiner Seite.

So schlenderten wir beide sichtlich betrunken und mitgenommen des vorherigen Abends weiter des Wegs. Seine Stille ließ mir Raum für Rede. Ich erzählte ihm von meinem Abend: die Disko, die Musik, das Tanzen, die Menschen, mein Zustand, alles. Alles offen und ehrlich und ehrlich verletzlich. Ich mimte absolute Naivität. Absolutes Vertrauen.

Nachdem wir so eine Weile gegangen waren – er schweigend, ich redent – passierten wir den städtischen Friedhof. Plötzlich rannte er auf die Friedhofsmauer zu, kletterte über den gut zwei Meter hohen Absatz auf die dunkle Seite hinter der Mauer und ließ mich verdutzt alleine stehen.

Wütend wurde ich. Aber ich wollte nicht warhaben, dass völlige Offenheit so mieß belohnt würde. Also blieb ich stehen und redete vor mich, aber für alle höhrbar hin: „Na an was für einen seltsamen Typ bin ich denn da geraten?“. Mir war klar, dass ich ihn mit meinem ständigen Gerede gereizt haben musste. Ich wusste sehr wohl, dass er nicht nur älter, sondern auch zwei Köpfe größer und vierzig zentimeter breiter als ich war. Entsprechend unwohl fühlte ich mich, aber da ich offen, ehrlich, freundlich und reinen Gewissens war, wollte ich den Schwanz nicht einfach so einziehen.

Und nach ungefähr fünf Minuten konnte ich zwei Arme sehen, die, gefolgt vom restlichem Menschen, wieder über die Friedhofsmauer zurück auf meine Seite kletterten. Der Mann schritt auf mich zu, schaute mich an und bemerkte nur: „Ich würde dir am Liebsten eine reinschlagen! Wirklich! Aber ich werde das nicht tun.“.

Ich schwieg. Dennoch trat ich keinen Schritt zurück. Ich bewieß ihm mein Gewissen. Und so gingen wir Seite an Seite weiter. Die Nacht war sternenklar und der Mond schien voll. Nach einhundert Metern blieben wir stehen. Er starrte auf den Mond und plötzlich begann er zu reden. Seine Verlobte ließ ihn im Stich. Seine Eltern ließen ihn im Stich. Sein Leben beschrieb er auf dem Höhepunkt der gesammelten Scheiße eines ganzen Jahrhunderts.

Der helle Mond am Nachthimmel schien auf uns herab und sein reines Licht gebahr uns die Vertrautheit, die er benannte, als ihm klar wurde, dass ich sein Kompagnion in dieser schweren Stunde war.

Nachdem er mir offenbarte, was ihm auf dem Herzen lag – mir, den er nicht kannte und dessen Geplapper ihn beinahe zu Gewalt gezwungen hatte – blieben wir eine Zeit lang schweigend im Angesicht des Mondes stehen. Vielleicht wurde uns beiden bewusst, dass wir nur ein kleiner Teil einer vollkommenen Schöhnheit waren, die es nicht Wert ist aufzugeben, nur weil einmal alles schief zu laufen scheint.

Dann wandte er sich zu mir und sagte: „Komm Junge, bevor wir den Weg weiter zu Fuß gehen, rufe ich uns ein Taxi.“. Er nahm sein Handy, orderte uns einen Wagen zur nächstgelegenen Bushaltestelle und ging mit mir dorthin. Kaum waren wir dort, kam das Taxi auch schon an. Ich stieg auf der rechten Rücksitzseite ein. Er öffnete die Beifahrertür, gab dem Fahrer fünf Euro und befahl ihm, mich gut nach Hause zu bringen.

So überrascht und erstaunt ich von der Wendung des Geschehens war, blieb ich sitzen, kurbelte das Fenster runter und bedankte mich. Ich nannte ihm nochmals meinen Namen und streckte ihm meine Hand entgegen. Dann blickte er mir zum ersten Mal in meine Augen, ergriff meine Hand und nannte ebenfalls seinen Namen. So verabschiedeten wir uns mit Respekt und der Taxifahrer brachte mich direkt vor die Haustür.

Werbeanzeigen


Die Katze in der Konservendose

Während meiner Zeit in der Oberstufe fuhr ich immer mit dem Fahrrad zur Schule durch den Stadtwald, vorbei am großen Fußballstadion und dem städtischen Waldfriedhof. Eines Tages, ich war mal wieder zu spät dran, entdeckte ich ein merkwürdig-futuristisches Tier auf der Straße zwischen Stadion und Friedhof, dass wie eine Mischung aus Robocop und Katze aussah und von Bordstein zu Bordstein torkelte. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass es tatsächlich eine Katze war, die mit dem Kopf bis zu den Schultern in einer Konservendose gefangen war.

Jedesmal, wenn sie am Straßenrand angelangt war, stieß sie mit der Dose gegen den Bordstein und rammte sie somit stärker auf ihren Körper. Es war ein seltsamer Anblick. Ich versuchte sie einzufangen, aber ihre Ohren funktionierten noch so gut, dass sie meinen Versuchen auswich und sodann wieder gegen den Bordstein rammte. Verzweifelt wusste ich nicht weiter. Ich erblickte weit und breit keine Person, die mir helfen konnte, also fuhr ich zur Schule. Dort angelangt musste ich mich für meine Verspätung entschuldigen. Ich fragte die Lehrerin, ob es so etwas wie einen veterinären Notfalldienst gäbe und erklärte meine Frage mit dem soeben Erlebten. Sie verneinte und fuhr mit ihrem Unterricht fort. Mein Gewissen trieb mich um und so hielt ich es kaum noch auf meinem Stuhl aus.

Plötzlich meldete sich eine Mitschülerin und bot an, mit mir in ihrem Auto zu der Stelle im Wald zu fahren und die Katze zu suchen. Ich sprang sofort auf und ging zur Tür, noch ehe die Lehrerin ihre Erlaubnis dazu gegeben hatte. Aber da wir schon alle über 18 Jahre alt waren, hätten wir ohnehin getan, was wir für nötig befanden. Also fuhren wir zu zweit in den Wald, um die hilflose Katze zu suchen. Aus dem Kofferraum ihres Autos nahmen wir einen Wäschekorb mit, den ich aus sicherer Entfernung über die Katze werfen wollte.

Nach wenigen Minuten fanden wir das arme Tier, noch immer den Kopf in der Dose. Das Fell an ihren Schultern war feucht und schimmerte rötlich vom Blut, welches durch die scharfen Kanten der Dose aus ihrem Hals geschnitten wurde. Wie geplant stellte sich meine Mitschülerin vor die Katze, um sie abzulenken, damit ich von hinten den Korb über sie werfen konnte. Nachdem diese Aktion schnell und unspektakulär von Statten ging, suchten wir nach einem Gegenstand, um die Dose zu entfernen. Wir fanden nichts passendes. Ich dachte nach und sagte meiner Mitschülerin, dass ich auf dem Friedhof versuchen wollte, ob ich einen Hausmeister oder ähnliches finden könnte, der eventuell eine Gartenschere hätte.

Tatsächlich fand ich einen Friedhofsgärtner, der mir sogleich seine Mithilfe anbot. Also gingen wir zu der Katze in ihrem Korb, mit der Konservendose auf dem Kopf. Entgegen den wohlgemeinten Ratschlägen meiner Mithelfer nahm ich die Katze  – auf die Gefahr hin, mit ihren spitzen Krallen Bekanntschaft zu schließen – mit bloßen Händen aus dem Korb und hielt sie dem Gärtner hin, der sogleich mit der scharfen Gartenschere die Dose aufschnitt. Kaum war die Katze befreit, blickte sie mir mit ihren weit aufgerissenen Knopfaugen in die meinen, schüttelte sich so sehr, dass ich sie nicht mehr halten konnte und rannte von Dannen in den Wald. Erleichtert und Fröhlich bedankte ich mich im Namen der Katze bei allen beteiligten und wir kehrten stolz in den Unterricht zurück.

Meine hilfsbereite Mitschülerin wurde kurz nach dem Abitur schwanger, fuhr ohne Gurt zu schnell in eine Kurve und verlor ihre beiden Leben ungefähr zehn Meter vom Auto entfernt, aus dem sie ungebremst durch die Frontschutzscheibe geschleudert wurde. Das ist nun schon zwölf Jahre her. In meinem und im Namen der Katze möchte ich mich nochmals von ganzem Herzen bei ihr bedanken.