mal sehen


Maschinenstopp in Halle 7

Als Herr Schneider Halle 7, „Abteilung für dehnbare Kunststoffe“, betrat, leuchtete noch immer das rote Licht, welches den kompletten Produktionsstopp signalisierte. Für den gelernten Maschinenwart kein unbekanntes Signal, da er es schon etliche Male während seiner 38-jährigen Laufbahn mit störrischen, bockigen, kaputten und überalteten Maschinen zu tun hatte.

Er saß in seiner Werkstatt, bekam einen Anruf, eilte los und für gewöhnlich behob er den Schaden binnen weniger Minuten zur vollsten Zufriedenheit aller und seiner selbst. An jenem Tag jedoch bekam Herr Schneider keinen Anruf, sondern eine Statusmeldung auf seinem neuen Computer. Und weil das alles so neu war, entdeckte er die Meldung erst um 13:20 Uhr, also drei Minuten nach Maschinenausfall.

Erschrocken kleckerte er den Kaffee auf die Hose und die Marmelade seines Brotes auf die Schuhe. Beinahe wäre ihm der Werkzeugkasten heruntergefallen und beim Verlassen der Werkstatt musste er gerade wieder umdrehen, um noch einmal einen Blick auf den Monitor zu werfen, da ihm der Maschinenstandort entfallen war.

So kam es also, dass der Maschinenwart im Schein des Rotlichts beinahe kreideweiß zu sein schien, da sich die peinliche Röte seines Kopfes und die des Lichts gegenseitig aufhoben. Wohingegen die Gesichter der pausierenden Arbeiter wie rote Lampignons den Hallengang begleiteten. Hier und da konnte Herr Schneider ein „wie lange dauerts noch“, ein Räuspern oder das Ausatmen von Rauch hören.

Bei der ausgefallenen Maschine warteten bereits zwei Männer in Anzügen auf Herrn Schneider. Der eine war noch sehr jung und trug einen gepflegten Kurzhaarschnitt, der andere war bereits mittleren Alters und hatte gar keine Haare mehr auf dem Kopf. Die beiden schauten immer wieder nervös auf ihre Uhren. Als sie den heraneilenden Maschinenwart sahen, wurden sie noch hektischer und redeten gleichzeitig auf ihn ein.

„Wo bleiben Sie denn?“, „Wir müssen schnell das Problem lösen!“, „Haben Sie den keinen Computer?“, „Sie müssen das schleunigst reparieren!“. Herr Schneider ignorierte zunächst die Fremden, ging zur Maschine und begann die Ölstände zu prüfen. „Gestatten, Meier, Workflow-Management.“, stellte sich der ältere Herr vor, „Frankert mein Name“, sagte der Jüngere. Herr Schneider nahm indessen die Stromverbindungen unter die Lupe.

„Nun Herr Schneider, wir sind etwas besorgt, da diese Maschine wichtig für die gesamte Produktion dieser Halle ist. Wir wollen sicher sein, dass möglichst kein Ausfall mehr eintritt.“. Es lag weder am Öl, noch am Strom, also konnte nur noch ein mechanischer Getriebeschaden in Frage kommen. „Herr Schneider, warum schauen Sie denn nicht auf das Maschinenterminal? Es hat eine automatische Fehlererkennung.“.

Jetzt unterbrach Herr Schneider seinen Prüfvorgang, denn von einem Terminal hatte er noch nie gehört. Tatsächlich befanden sich an der Maschine ein Monitor und eine Tastatur. Er hatte wohl von gewissen Neuerungen erfahren, die die Wartung und Bedienung vereinfachen sollten. Aber noch gab es keine Schulung, in der dem Maschinenwart erklärt wurde, wie er damit zu arbeiten hatte.

„Frankert mein Name. Ich bin der Computerspezialist an Bord.“. „Aha“, sagte Schneider, „ein Computerspezialist!“. „Diplom Informatiker um genau zu sein.“. Herr Schneider fühlte sich ein bisschen übergangen und es verärgerte ihn, dass er nicht informiert wurde. „Also Herr Frankert, was sagt uns dieser Computer?“, meldete sich Herr Meier zu Wort. „Sehen Sie her. Um 13:17 Uhr exakt war Maschinenstopp. Die gelb leuchtenden Bereiche sind als mögliche Ursachenquellen gekennzeichnet.“.

Herr Schneider beobachtete die gelben Flecken auf einem groben Umrissplan der Maschine. Er erkannte die Ölleitungen und die Stromzufuhr wieder, die er ja bereits geprüft hatte. Zudem waren ein paar gelbe Flecken auf der Rotation und im hinteren Antrieb zu sehen. Er nahm sein Werkzeug und machte sich daran, die Rotation frei zu legen. „Herr Schneider, was machen Sie da?“, fragte Herr Meier.

„Ich prüfe die Rotation. Das gelbe Ding da auf dem Computer.“. „Aber Herr Schneider nun lassen Sie doch den Computer machen. Er wurde extra programmiert!“, gab Herr Frankert, ein bisschen enttäuscht, dazu. Schneider ging zurück zu den beiden Männern, die sich vor dem Monitor aufgebaut hatten und wie aufgeregte Schulkinder darauf warteten, noch mehr gelbe Flecken zu entdecken. Der Informatiker klapperte auf der Tastatur herum und Herr Meier nickte seinen Kopf dazu, wie bei einem Konzertbesuch.

Die drei Männer standen vor dem Terminal, beobachteten Tabellen, Schaltpläne, gelbe, grüne und blaue Flecken und Frankerts flinke Finger auf der Tastatur, die englische Begriffe und komische Abkürzungen auf den Monitor zauberten. „Sehen Sie, um 13:17 Uhr könnten folgende Faktoren für den Ausfall einschlägig sein.“. Eine Liste mit mindestens zehn Zeilen rollte über den Bildschirm. Herr Schneider wurde bereits ganz nervös, weil er die Rotation überprüfen wollte, aber nicht durfte.

Herr Meier kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Herr Frankert bemerkte, dass sogar andere Maschinen in den Ausfall einbezogen sein könnten, woraufhin Herr Meier ein Telefon aus der Tasche zückte und bei einem Herrn Scholarek anrief, welcher zwei Minuten später bei ihnen war und mit auf den Monitor starrte. „Nun meine Herren,“ sprach Herr Scholarek, „was wir bisher wissen ist, dass der Ausfall der Maschine, der Fehler quasi, von mehreren Faktoren abhängig sein kann und dass die Maschine immernoch still steht.“.

Die anderen Herren stimmten ihm zu. Herr Schneider wurde noch unruhiger, da er den Stillstand gerne behoben hätte. Während die drei anderen den Computer beobachteten, zündete er sich eine Zigarette an und ging ein paar Meter weiter zu einem der wartenden Arbeiter. „Was machen die Herren da?“, wollte der Maschinist vom Maschinenwart wissen. „Ich weiß es nicht, aber ich denke, sie machen eine Wissenschaft daraus. Ihr könntet schon lange wieder produzieren, wenn man mich nur an die Maschine lassen würde.“, erwiderte Herr Schneider.

„Und warum schickt man uns nicht einfach nach Hause?“. „Das ist unnötig, ich kann die Maschine reparieren, sobald die Herren dieses Computerding verstanden haben.“. Als die Zigarette zu Ende geraucht war, ging der Maschinenwart zurück zu den Herren Meier, Frankert und Scholarek. Diese notierten sich bereits irgendwelche Daten auf Zettel und stellten Rechnungen mit mehreren Unbekannten und Faktoren auf, die sie allesamt nicht sicher beantworten konnten.

„Nun meine Herren, was wäre wenn der ursächliche Zusammenhang für zukünftige Probleme der gleichen Art eben diese verhindern könnte und wir nun nicht wissen, wie sie lauten, nur, wann sie eingetreten sind? Das ist doch die Frage!“, stellte Herr Scholarek fest. „Richtig erkannt!“, stimmte ihm Herr Meier zu. „Herr Frankert, bitte fragen Sie den Computer, welche Fehlerquellen zu welchem Zeitpunkt ausschlaggebend waren und wie diese voneinander abhängig sind“.

Herr Frankert klapperte die Tasten der Tastatur rauf und runter, grübelte und dachte nach. Dann drückte er auf eine große rote  Taste und auf dem Monitor erschienen endlose Zeichenketten. Faktoren wurden genannt, zu anderen Faktoren in Verbindung gesetzt, Unbekannte hypotetisch bekannt und Ergebnisse zu weiteren Fragen formuliert. „Oh mein Gott, wir haben eine Endlosschleife hervorgerufen!“, rief Herr Frankert plötzlich.

Herr Schneider ging zur Maschine, schlug heftig gegen die Rotation und plötzlich setzte sich das Getriebe wieder in Gang und das Rotlicht der Produktionsstopplampen erlosch. Die Arbeiter in der Halle atmeten auf und machten sich an die Arbeit, wie als wäre nichts geschehen. Die drei Männer in ihren Anzügen schauten sprachlos zu Herrn Schneider.

„Als ich hier angefangen habe, hatten wir keine Computer. Ich kenne mich mit Maschinen aus. Ich repariere sie. Ich muss nicht wissen, warum etwas schief ging, sondern wie ich es wieder zum laufen bringe. Sonst sitzen wir noch morgen hier und niemand kann arbeiten.“. Mit diesen Worten verließ Herr Schneider die Gruppe und ging zufrieden wieder in seine Werkstatt um Kaffee zu trinken.

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Glücklicher Zu(g)fall

Dieses Wochenende war ich mal wieder mit dem Zug unterwegs durch Deutschland. Auf meiner Heimreise musste ich einmal umsteigen. Mein erster Zug hielt am Bahnhof, ich nahm meinen Koffer und betrat das Abteil. Alles voll besetzt. Also bahnte ich mir meinen Weg vorbei an den Sitzplätzen durch den engen Gang. Ich zog von Wagon zu Wagon und konnte keinen freien Sitzplatz mehr ergattern. Zumindest keinen, der in Fahrtrichtung und mit genügend Platz für mein Gepäck war. Gerade hatte ich beschlossen, mich einfach irgendwo dazwischen zu quetschen, da bemerkte ich im Augenwinkel hinter mir eine Sitzgruppe mit genügend Platz für mich und meinen Koffer. Und genau auf dieser Sitzgruppe sah ich ein mir bekanntes Gesicht sitzen.

Es war ein alter Freund aus meiner alten Heimat, den ich eigentlich nur vom Ausgehen her kannte, aber wir verstanden uns dann immer sehr gut. Er war eine Zeit lang der Barchef der größten Disko dort und lies mich immer rein, gab mir gratis Getränke und ab und zu drückte er mir auch einen Joint in die Hand. In seinen Augen war ich der Chefanimateur des Ladens, denn ich konnte bis zu acht Stunden durchtanzen, ohne dass dem Beobachter langweilig wurde. Heute arbeitet er nicht mehr in der Disko, sondern hat sich selbstständig gemacht, entwickelt Konzepte für Südkoreas Hauptstadt und arbeitet an weiteren Projekten rund um den Globus. Wir redeten über die alten Freunde, die alte Heimat, die verlorene Gesellschaft, die gewonnene Zukunft und das Leben an sich. Am nächsten Bahnhof trennten sich unsere Wege, jedoch nicht ohne Austausch der Kontaktdaten.

Ich schlenderte gut unterhalten zu meinem nächsten Zug, der bereits auf den Gleisen auf mich wartete. Der Zug war noch nicht sehr voll und bis zur Abfahrt dauerte es noch rund eine halbe Stunde. Ich entschied mich dafür auf einem der Dreierplätze in diesem „modernen“ und vollkommen unpraktischen Zug Platz zu nehmen. Während der Zug noch im Bahnhof stand schloss ich meine Augen und öffnete sie nur, wenn ich neben mir Passagiere gehen hörte. Schließlich will man ja wissen, wer eventuell gegenüber Platz nimmt. Und bei besonders hübschen Frauen denkt man energisch „bitte bitte“. Durch die kurzen Augenblicke füllte sich der Zug wie in Zeitraffer.

Dann setzte sich mir gegenüber eine junge Frau auf einen der zwei noch leeren Plätze. Sie kramte ein Buch aus ihrer übergroßen Tasche und begann zu lesen. Ich schloss wieder meine Augen. Der Zug fuhr los. Nach einigen Zwischenstopps an irgendwelchen Bahnhöfen, bemerkte ich, dass der jungen Frau zwei getrocknete Kleepflanzen auf dem Schoß lagen und zu zerknittern drohten. Sie waren wohl aus dem Buch gefallen. Ich sagte: „Entschuldigung, Sie haben zwei Kleepflanzen auf ihrem Schoß“. Die junge Frau sah mich an, nahm das Buch zur Seite und hob die Kleepflanzen auf. Es waren zwei vierblättrige Kleepflanzen. Sie bedankte sich für meine Aufmerksamkeit und fragte, ob ich eine der Kleepflanzen, die sie selbst auf einer Wiese gepflückt hatte, haben wollte. Nun sollen diese vierblättrigen Kleepflanzen ja angeblich Glück bringen, auf jeden Fall aber sind sie sehr selten. Also bejahte ich ihre Frage und sie gab mir freundlicherweise eine der getrockneten Pflanzen.

Ich habe sie zu meinen sehr persönlichen Erinnerungsstücken gelegt und freue mich über das Glück, welches man nicht nur auf Wiesen, sondern auch in Zügen finden kann.