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30 ist das neue 20

Ich kann mich noch daran erinnern, als ich 25 Jahre alt wurde. Voller Freude schaute ich dem Älterwerden entgegen. Einer der herausragendsten Vorteile am „Vierteljahrhundert“ war für mich, dass ich das Gefühl hatte, mich nicht mehr mit den Problemen und Sorgen der Jugend beschäftigen zu müssen. Keine Charts mehr im Kopf haben zu müssen, keine angesagten Klamotten mehr tragen zu müssen, eine eigene und gefestigte Meinung zu haben und mich nicht mehr in Schlägereien verwickeln lassen zu müssen… Schön wär’s!

Viele Jahre, blaue Augen, TopTen-Hits und Lifestyle-Trends später muss ich feststellen, dass alles anders gekommen ist, als ich es mir beim Ausblasen der 25 Kerzen auf der Geburtstagstorte gewünscht hatte. Nicht nur, dass meine gleichaltrigen Freunde jeden Trend, der angesagt wird, mitmachen, nein, auch ich bin ein Trend-Opfer geblieben! Zwar kann ich voller Stolz behaupten, dass ich nicht in allen Bereichen dem Diktat der Mode folge, aber bei genauer Betrachtung muss ich zugeben, dass manche der Dinge, die ich mit 25 hinter mir lassen wollte, immernoch in meinem Repertoir zu finden sind.

Und dann sitze ich vor dem verhassten Fernseher, der uns eine konfliktbeladene Welt von hübschen Ellbogenträgern in ständigem Konkurrenzkampf vorspielt, und zweifle an dem Verstand meiner Mitmenschen. Bis ich merke, dass ich mich in dieser Welt befinde, ein Kind meiner Zeit und selbst nicht frei von Unterhaltungslust und Geltungsdrang bin. Als Mensch sollte ich mir keine Vorwürfe machen. Schließlich sind wir auf’s Überleben ausgerichtet. Mit Erfolg. Weltweit, egal ob Eis oder Wüste. Jede Konkurrenz stellt eine Gefahr für das eigene Leben dar und muss übertrumpft werden.

Und dennoch muss ich sagen, dass mir die Entwicklung schwer im Magen liegt. Ich habe das Gefühl, dass Äußerlichkeiten zunehmend im Vordergrund stehen. Nicht dass das schon immer so gewesen wäre, aber die Umgebungsfaktoren haben sich verändert. Früher wurde oberflächliche Attraktivität durch wenige Medien und mit wenigen Personen präsentiert. Heute ist das Internet voll von oberflächlichen Momentaufnahmen von Personen, die uns auf jeder beliebigen Homepage zeigen, wie Erfolg aussehen soll. In meiner Jugend gab es die wöchentlich erscheinende Bravo oder die POP-Rocky, in denen Stars gezeigt wurden, die größtenteils noch Inhalte transportieren wollten. Für die 68er oder gar unsere Großeltern muss auch das schon ein extremer Kontrast zu ihrer eigenen Jugend gewesen sein.

Jetzt kann ich, in Anbetracht der Elektrobewegung zwar verstehen, warum meine Oma Heavy Metal als Nichtmusik bezeichnete, aber andererseits verstehe ich meine gleichaltrigen Freunde nicht, die in den angesagtesten Klamotten aus dem angesagtesten Fitnessstudio kommen und Elektro als Nichtmusik bezeichnen. Diese Form der Engstirnigkeit ist mir ebenso fremd, wie das heuchlerische Eingeständnis, mich dennoch der Mode zu beugen und trotzdem auf meine Individualität zu pochen. Ich bin nicht bei Facebook. Das alleine ist für mich ein Ausdruck meiner Individualität, weil ich mich nicht in eine Timeline zwengen lasse.

Ich bin doch alt geworden und ich habe mich wohl mit 25 einfach überschätzt. Das Schöne ist, dass ich zu den Jungen sagen kann, dass ich meine eigene Jugend hatte und damals genauso geil auf Trends war, wie sie heute. Ob sie das verstehen, ist mir egal. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass ich älter geworden bin. Und dennoch folge ich den Trends, die für meine Altersgruppe entwickelt wurden. Solange sie bezahlbar bleiben… Aber ich spüre es: 30 ist das neue 20 und manchmal bin ich sogar gerne noch ein Kind!



Frei sein…
April 14, 2012, 2:14 pm
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Freiheit ist dieses Gefühl, zu wissen, dass man nicht mehr mit anderen verglichen wird.
Freiheit ist dieses Gefühl, Fehler machen zu dürfen, lernen zu können und verstehen zu dürfen.
Freiheit ist dieses Gefühl, jemandem eine Chance geben zu können, weil man keine Angst mehr davor hat, angegriffen zu werden.
Freiheit ist dieses Gefühl, nicht mehr kämpfen zu müssen, sondern lieben zu dürfen.

Freiheit ist geil!



Mein Schwesterchen

Am Wochenende war ich mal wieder in einer alten Heimatstadt unterwegs. Ich traf mich mit guten alten Freunden in einer Kneipe und wir plauderten, tranken, kickerten und kicherten über die good old days. Nachdem wir all das getan hatten, entschieden wir uns, die nächste Location aufzusuchen, um gegen das verfassungswidrige Tanzverbot am Karfreitag zu verstoßen.

Ich huschte mehrmals über die Tanzfläche, wollte bei der seltsamen Musik aber nicht so richtig in Fahrt kommen. Während ich das Treiben also am Rande beobachtete, kam plötzlich eine gutaussehende Frau zu mir, umarmte mich und sagte: „Ich bin ein Fan von dir!“. Ich schaute sie verblüfft an, denn ich konnte sie einfach nicht einordnen. „Ich finde dich super, weil du immer so bist, wie du bist!“. Nach diesem Satz war ich echt erstaunt, zumal sie meinen Namen kannte, den ich hier natürlich ausspare.

„Ich fühle mich echt geschmeichelt und stell mich mal schnell da rüber ins Eck zum rot werden.“, war meine Antwort. Ich bin im Umgang mit Komplimenten sehr schlecht und ich wusste immer noch nicht, wie ich sie und ihre Worte einordnen sollte. Da kam eine Bekannte zu uns, die sich als gemeinsame Freundin entpuppte und erinnerte mich an die Geschichte, wie wir drei uns kennen lernten:

Ich war mal wieder on tour und meine Bewegungslust trieb mich in jene Absturzkneipe mit der unübersichtlichen Auffahrt, von der ich schon einmal berichtet habe. Aus den Lautsprechern schallte Reaggea-Musik und die freien Räume zwischen Theke, Toilette und Ausgang waren gefüllt mit tanzenden Party-People. Die meisten auf der Droge Alkohol, aber ein paar Mischkonsumenten waren auch dabei, denn die Augen gingen von ganz groß bis ganz klein. Natürlich fand ich mich sofort mitten auf dem Dancefloor und kreiste meine Hüften zu den kräftigen Rhythmen. Let it flow, swing it low!

Irgendwann muss auch ein Kamel zur Tränke und so kam auch ich denn an die Theke. Neben mir standen zwei Mädels und lächelten mich an. Da ich ja nichts Besseres zu tun hatte, startete ich das Gespräch. Kurze Zeit später drängelte sich so ein Zwei-Meter-Hüne an uns vorbei. Er gab mir kurz die Hand, da ich ihm schon mehrmals begegnet bin – diese Partytiere teilten sich schon einige Nächte den gleichen Tanzkäfig – und wendete sich dann zugleich den beiden Mädels zu.

Mir fiel auf, dass sein Selbstbewusstsein nicht seiner Körpergröße entsprach, denn seine Anmachsprüche waren erste Scheiße. So Zeug, was man Dorfischen zum Fasching auftischen kann, damit sie im Suff das Gefühl haben, begehrt zu sein. Ich war bedient und ging zurück auf den Dancefloor. Johnny T wäre stolz auf mich gewesen. So nach und nach wurde die Kneipe leerer, die Schatten auf der Tanzfläche kleiner und als mich das Licht direkt anstrahlte, entschied ich mich für ein weiteres Getränk.

An der Theke standen noch immer die beiden Mädels und der Riesentyp, dessen Anmache nun bereits handgreiflich wurde. Er begrabschte eine der beiden mit seinen großen Händen, schob seinen Oberschenkel gegen ihren Po und seine Hüfte gegen ihren Rücken. Sie war sichtlich bedrängt und ihr Gesichtsausdruck war alles andere als erfreut. Dennoch schien sie nicht den richtigen Dreh zu finden, um sich aus der misslichen Lage zu befreien.

Also ging ich zu ihr und sagte, „Hey Schwesterchen, alles ok?“. Nach diesem einleitenden Satz drehte ich mich zu dem Schrank und meinte, „Du Kollege, wie ich seh, gefällt dir meine Schwester. Ich hab sie heute mal mitgenommen, aber ich musste unserer Mom versprechen, dass ich auf sie aufpasse. Also du kannst ihr gerne sagen, dass sie dir gefällt, aber Fummeln geht nicht!“. Der Typ schaute mich mit großen Augen an und versprach mir, sich zurück zu nehmen, wobei er seine Hand wieder auf ihre Hüften legte. Ich packte die Hand, die so groß war wie mein Kopf und mich mit einem Schlag zu Bob Marley hätte schicken können. „Hey Kollege, ich mein’s ernst! Can’t touch this!“. Wenn man schon damit angefangen hat, muss man es eben auch zu Ende bringen. In der Zwischenzeit kam mein Getränk und ich war zufrieden. Da der Hüne auf mich hörte, drehte ich mich wieder um und widmete mich den restlichen Klängen der Musik.

Aber kaum drehte ich mich wieder – im Schwung einer Drehung – zur Theke, konnte ich sehen, wie der Riese wieder Hand anlegte. Ich ging zurück, quetschte meinen kleinen Körper zwischen die Hohlräume, die er noch frei lies, bevor er sie ganz besprungen hätte, schaute sie an und sagte, „Komm Schwesterchen, lass uns gehen.“. Sie war natürlich sofort dabei. Ihre Freundin ebenso. Und zum Glück war sie mit dem Auto da und konnte tatsächlich auch noch fahren.

Leider ließ sie mich nur einen halben Kilometer später wieder raus. Vermutlich war jegliche männliche Anwesenheit zu viel für sie an diesem Abend. Ich vernahm noch ein kurzes Dankeschön und dann nur noch die Musik aus meinem MP3-Spieler, die mich auf meinem anderthalbstündigen Heimweg begleitete.

Nachdem mir die Geschichte also wieder einfiel, konnte ich das Mädel wieder einordnen. Warum sie mich so toll fand, wurde mir dann auch klar. Und wie als hätte sie noch ein schlechtes Gewissen, gab sie mir einen Kuss auf die Wange und sagte nochmals, dass sie ein Fan von mir sei. Manchmal reicht das schon aus und so bedankte ich mich nur und ging den Abend alleine zu Ende genießen.

Das schöne ist, dass mir in letzter Zeit wieder öfter solche Begegnungen passieren. Erst vor einer Woche wurde ich von einer Frau umarmt und links und rechts abgeknutscht, die anscheinend nur wegen mir die Kraft fand, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen. Eine Ex, die sich aus dem fernen Italien meldete, und mir Hilfe bei der Trauerbewältigung anbot. Eine andere Frau, die sich ebenso plötzlich nach Jahren wieder meldete und mich zu ihr einlud. Und noch eine Frau, die mir Dankte, weil ich ihr geholfen hatte. Eine gute alte Freundin, die sich entschuldigte, weil sie mich mal blöd in der Öffentlichkeit gedisst hatte – schon längst vergessen.

Es ist schön, wenn man weiß, dass man alles in allem positiv in den Köpfen anderer Menschen hängen bleibt und dass man zu denen gehört, denen man ohne Scham Danke oder Entschuldigung sagen kann. Ich bin Bushidos Plattenlabel!



Was hindert uns daran, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten?
April 4, 2012, 5:30 pm
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Diese Frage würde ich gerne in einer Art Diskussion beantworten. Also seid ihr alle herzlich dazu eingeladen, eure Meinung dazu zu schreiben.

Zunächst aber meine eigenen Überlegungen:

Was hindert uns daran, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten?

Bevor ich auf Hinderungsgründe eingehe, will ich versuchen, zu skizzieren, wie ich gerne behandelt werden möchte. Und ich denke, viele Menschen wollen ähnlich oder gleich behandelt werden.

Ich selbst möchte gut behandelt werden. Was heißt gut und warum gut?

Also mein Verständnis vom Sinn des Lebens ist, dass ich ein glückliches und zufriedenes Leben führe. Zum einen will ich, dass meine Grundbedürfnisse gestillt sind, zum anderen will ich dabei ein gutes Gefühl haben, also rundum glücklich sein.

Zu den Grundbedürfnissen gehören z.B. körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit und soziale Beziehungen. Körperliche Grundbedürfnisse sind banal gesehen die Atmung,Wärme, Trinken, Essen, Schlaf. Unter Sicherheit fallen Unterkunft, Gesundheit, Schutz vor Gefahren und Ordnung. Soziale Beziehung umfassen Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Nächstenliebe, Sexualität, Fürsorge und Kommunikation. In der Psychologie werden vier Grundbedürfnisse aufgezählt: Bindungsbedürfnis, Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, Bedürnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung. (Quelle: Wikipedia Grundbedürfnis)

Manche dieser Ziele kann ich natürlich ganz egoistisch im Alleingang erreichen. Dafür beschneide ich aber andere Grundbedürfnisse, die ich durch eine egoistische Bedürfnissstillung behindere. Einfach ausgedrückt, was habe ich von all dem Spaß, wenn ich ihn nicht mit jemandem teilen kann?

Ich unterteile deshalb in Glück und Zufriedenheit. Zufriedenheit sind all die Bedürfnisse, die ich auch egoistisch erreichen kann. Also körperliche Grundbedürnisse und Bedürfnisse der Sicherheit, bzw. das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und das Bedürfnis nach Selbstwertehöhung und Selbstwertschutz. Bei genauer Betrachtung stellt man aber bereits fest, dass selbst diese egoistischen Bedürfnisse nur durch Stillung der Glücks-Bedürfnisse zufriedenstellend sind. Wie soll ich in anbetracht psychosomatischer Auswirkungen körperlich zufrieden sein, wenn ich Stress mit anderen Menschen habe? Wie soll mein Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung gestillt sein, wenn ich weiß, dass ich Feinde habe? Wie soll ich volle Kontrolle erreichen, wenn ich weiß, dass es Leute gibt, die meine Kontrolle unterwandern?

Glück und Zufriedenheit geben sich also die Klinke in die Hand und sind voneinander abhängig. Aus eigener Erfahrung kann ich dies nur bestätigen.

Jetzt sieht man ja bereits, dass die eigenen Bedürfnisse von anderen abhängig sind. Was ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist, ist dass jeder Mensch solche Grundbedürfnisse hat und jeder diese Bedürfnisse stillen möchte.

Daraus ergeben sich einfache Verhaltensweisen, die uns Menschen auf Grund unserer evolutionären Entwicklung immanent sind. Interpretiert man zum Beispiel Teile der Bibel als sozialen Verhaltensratgeber, so könnte man die zehn Gebote als recht sinnvoll erachten. Andererseits sind diese sicherlich von damaligen Moralvorstellungen geprägt und lassen menschliche (animalistische) Bedürfnisse außer Acht. Solche Moralvorstellungen begegnen uns aber auch bei der heutigen Interpretation von Bedürfnissen. Hier ist ganz klar von erlernter und angeborener Moral zu unterscheiden. Hier ist zum Beispiel darauf hinzuweisen, dass bereits Kinder das Töten anderer nicht gut finden, oder dass Altruismus auch bei Tieren und Kleindkindern vorhanden ist.

Ich hoffe, ich konnte jetzt kurz, aber nachvollziehbar darstellen, warum die Stillung meiner Grundbedürfnisse in mir das einfache Bedürfnis erwecken, gut behandelt zu werden.

Nun dazu, wie man erreicht, gut behandelt zu werden. Wer ein Restaurant besucht oder eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, erwartet, gut behandelt zu werden. Aber auch bei alltäglichen Begegnungen mit Fremden, hat man solche Erwartungen.

Was ist eine gute Behandlung? Am einfachsten ist die Antwort wohl, wenn man die schlechten Behandlungsmöglichkeiten ausgrenzt. Will man angestresst werden? Will man einen unfreundlichen Blick kassieren? Will man beleidigt werden? Kurz, will man respektlos behandelt werden? Nein. Respektlos behandelt zu werden macht nicht glücklich. Will man belogen werden? Will man gespielte oder geheuchelte Sympathie ernten? Will man verarscht werden? Kurz, will man unehrlich behandelt werden? Nein, unehrlich behandelt zu werden macht ebenfalls nicht glücklich.

Fazit ist also, ich will respektvoll und ehrlich behandelt werden.

Ich muss also die Menschen in meinem Umfeld und auch Fremde dazu bringen, mich respektvoll und ehrlich zu behandeln. Die Ehrlichkeit setzt voraus, dass der Respekt nicht geheuchelt ist und der Respekt erfordert, mit Ehrlichkeit auf mich zuzugehen. Erzwungener Respekt und erzwungene Ehrlichkeit widersprechen also meiner Meinung nach den beiden Anforderungen, da sie sich gegenseitig einschließen. Respekt durch Terror zu erzwingen bedeutet, den anderen zum Lügner zu machen, weil der Respekt nicht auf ehrlicher Sympathie beruht, sondern auf Selbstschutz.

Ich kann wohl kaum davon ausgehen, dass mir Ehrlichkeit und Respekt entgegengebracht werden, wenn ich nicht ebenso Respekt und Ehrlichkeit entgegenbringe. Sowieso muss ich davon ausgehen, dass meine Mitmenschen auf mich reagieren. Am Beispiel des Restaurants würde man sagen, der Kellner war so unfreundlich, dass ich ihm kein oder wenig Trinkgeld gebe. Beziehungsweise, der Kellner war so super, dass ich gerne Trinkgeld gebe.

Denn wie bereits erläutert, stillt eine gute Behandlung die Grundbedürfnisse. Werden diese gestillt, nehmen Glück und Zufriedenheit zu. Ist man glücklich und zufrieden, strahlt man dieses auch nach außen aus. Wie wichtig diese Ausstrahlung ist, sieht man daran, dass allein die Kommunikation zwischen den Menschen größtenteils non-verbal funktioniert. Wie ich also den anderen gegenübertrete, wie ich sie behandle, ist ausschlaggebend dafür, wie sie mich wahrnehmen, ob sie sympathisieren oder meiner Person aus dem Weg gehen möchten, weil sie eine Störung ihrer eigenen Grundbedürfnisse fürchten.

Ein einfaches Beispiel für eine solche positive non-verbale Ausstrahlung ist das Lächeln. Lächeln macht glücklich. Wer dazu gerne mehr erfahren will, findet eine nette Zusammenstellung auf Brigitte.de! Hehe. Nicht umsonst wird Verkäufern gesagt, dass sie möglichst lächelnd kassieren sollen. Die Körpersprache ist aber nur ein Teil, wie man positiv mit anderen umgehen kann, um wiederum selbst gut behandelt zu werden. Je enger eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist, desto häufiger und expliziter müssen Respekt und Ehrlichkeit zum Ausdruck gebracht werden, um die Enge, das Vertrauen, aufrecht zu erhalten. Wird man also ständig nur beschimpft oder als Lügner bezeichnet, verliert man schnell die Lust, sich respektvoll und ehrlich zu verhalten.

So denke ich, müsste einfach ausgedrückt klar sein, warum es sinnvoll ist, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Was hindert und also daran? Warum behandeln manche Menschen andere schlecht? Worin liegt deren Motivation?

Zuerst muss man als Hindernis wohl Erkrankungen nennen. Diese können sowohl psychischer als auch physischer Art sein. Da solche Erkrankungen ein wenig mehr Platz in Anspruch nehmen, spare ich mir einzelne Aufzählungen und bleibe bei einem bekannten Beispiel. Wer einen Mangel in der Wahrnehmung hat, kann sich nicht sicher sein, woran er beim andern ist und wird deshalb seine Selbstschutzmechanismen nutzen. Dies ist bei Alkohol oft der Fall, der die Wahrnehmung stark verändert. Betrunkene reagieren oftmals überzogen auf Dinge, die sie verfälscht wahrnehmen und denen sie dann alkoholbedingt eine falsche Gewichtung zuordnen.

Psychologisch wichtig sind Traumata und Depressionen. Erlebnisse, die einschneidende Erfahrungen waren und nicht bewältigt wurden. Durch sie findet quasi eine Umgewichtung der Grundbedürfnisse statt. Daraus können also auch Erwartungen an soziale Grundbedürfnisse verzerrt werden. Erwartungen an die Mitmenschen, Toleranzen und Launen können verändert sein.

Zum zweiten hängt eine Schlechtbehandlung auch von Erziehung und Erfahrung ab. Uns wurden mit Sicherheit gewisse Maßstäbe beigebracht, an denen wir messen, ob wir jemanden respektieren sollen oder ob nicht. Hier spielen wieder Moralvorstellungen und Werte eine große Rolle. Jemand, der gelernt hat, dass das Dienstpersonal minderwertig ist, wird diesem schwerlich mit vollem Respekt gegenübertreten. Wer HartzIV-Empfänger für faul hält, wird sie nicht so respektieren, wie einen erfolgreichen Arbeitnehmer. So kann zum Beispiel die Bewertung einer Eigenschaft an der einen Person positiv und an einer anderen Person negativ stattfinden, obwohl die Eigenschaft vollkommen gleich ist und zudem nicht einmal Charakterbestimmend.

So!

Soviel mal vorerst zu meiner Meinung. Ich würde mich über andere Meinungen sehr freuen. Behandelt mich gut! Hehehe… Spaß, ich denke mein Karma-Konto sieht ganz gut aus. Auf das Thema bin ich übrigens durch Politik gestoßen.

Vielleicht bieten sich durch die Diskussion also auch Gedanken zur Überwindung solcher Hindernisse an. Utopie…?



Zufall vs Schicksal

Erneut ist mir aufgefallen, wie sehr Menschen ihr Leben als vom Schicksal vorherbestimmt sehen. Selbst nichtreligiöse Menschen und solche, die über Horoskope nur schmunzeln können.

Ich persönlich bevorzuge den Zufall, weil er Selbstmitleid und Schuldzuweisungen vermeidet. Anstatt den Grund bei sich oder jemandem/etwas zu suchen, ist die Antwort recht simpel: es war der reine Zufall!

Den Zufall anzuerkennen bedeutet nicht, sich ihm zu beugen. Man muss sich mit ihm arrangieren. Und sich damit zu arrangieren heißt, das Beste daraus zu machen. Zudem lässt sich der Zufall geplantermaßen verringern und beeinflussen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Schicksal hingegen, als metaphysische Fügung unterstützt die Suche nach Schuld und das Gefühl der Ausgeliefertheit. Da das Ungreifbare dann nicht nur Namen, sondern auch Macht besitzt, fügt man sich ungewollt, nimmt hin und resigniert.

Dieses Thema habe ich bereits mehrmals in meinem Blog aufgegriffen, denn für mich ist die Eigenverantwortlichkeit der Menschen und die Unabhängigkeit von Glaubensfragen sehr wichtig.

Zu den weiteren Artikeln:

Wie wahrscheinlich ist der Zufall

Glücklicher Zu(g)fall

Klarinettenkonzert in der City



Und wer hätte das gedacht…?

Da steht sie vor mir. Ich begreife nicht. Sie spricht die Wahrheit. Aber ich begreife nicht. Nicht jetzt. Nicht aus diesem Grund. Nicht jetzt. Wie als würde das noch irgendeine verdammt Rolle spielen!? Wie als hätte ich ihr noch nie gesagt, dass es gewisse Gründe gibt… Wie als hätte sie mich nicht wegen diesen Idealen geliebt?

Ich kann es nicht mehr gründlicher betrachten. Ich könnte. Ich muss nicht. Aber ich könnte. Und dann hebt sie die Hand. Tausende von Farben flattern an meinem Auge vorbei. Ein lauter Knall und ich folge ihren Fingern auf Schritt und Tritt! Und plötzlich steht sie da – mitten auf der Bühne zwischen all den glitzernden Farben, welche sich gerade in den Diamant gefressen haben, der inmitten meiner Brust verkrustet vor sich hin gammelt und jeden Riss fürchtet, wie ein Haitianer das Beben unter seinen Füßen.

Sie weicht aus wie ein Türsteher. Warum? „Ich diskutiere nicht mit dir!“. Warum diskutieren, wenn mich sowieso schon zu sehr fickt, was du als Grund für eine Trennung angibst! Hätte es nicht wenigstens mein Fehler sein können, muss es denn ausgerechnet an meinem Erscheinungsbild liegen!? Konnte ich dir nicht erklären, dass du mir gegenüber die scheißverfickte Wahrheit kunt tun kannst!? Habe ich dir nie die Ideale einer wertvollen Einigkeit namens ‚Liebe‘ erklärt – und hast du mir nie die Ideale einer wertvollen Einigkeit namens ‚Liebe‘ erklärt!?

Doch. Du hast! Sogar so gut, dass ich dich jetzt verstehe. Genau das war dein Grund: mein Erscheinungsbild. Dabei war ich mir doch so sicher, dass ich endlich das Glück gefunden hatte, eine Frau zu treffen, der mein Erscheinungsbild einfach nur am Arsch vorbei geht. Ich habe sie getroffen! Sie hat mich getroffen, geliebt, vermisst, gesehnt, geträumt und ich habe sie seit langem versäumt. Mein Bild hat nicht mehr in das ihre gepasst.

Que pasa? Crap… Immer wieder und wieder.  Und wieder und wieder. Und jedesmal so schön, dass ich es immer wieder und wieder erleben kann! Ich bin eben auch nur ein Mensch… Sorry! Wann soll ich sonst Mensch sein, wenn nicht heute!? Ich kämpfe nicht mehr um die Wahrheit. Das ist mir viel zu anstrengend. Denn die Wahrheit entspricht nicht der Vernunft. Denn die Vernunft ist ein philosophisches Konstrukt abseits der Realität.

Ich könnte mich gerne, gut und gerne darüber verrückt machen. Hinterfragen, längerfristig denken, meine Enkel und deren Enkel einbeziehen. Ich könnte Tag um Tag um Tag um Tag und noch einen ganzen Tag damit verbringen, mich zu entsinnen, warum die Todesstrafe nicht spätestens jetzt für Entsetzen und Protest in all der vernetzten Welt sorgt, und stattdessen lieber Kontakte gepflegt werden. Und du machst mit mir wegen meinen löchrigen T-Shirts schluss? Fuck You!

Aber nichts desto trotz… Es ist nicht deine Schuld und es war auch nicht das Schicksal, das uns zusammengeführt hat. Es lag nicht an dem Ding, dass fast so geschaut hat, wie der Hund deiner Nachbarin. Es waren einfach nur unsere Herzen. Das Gefühl, zu tun, was getan werden muss. Alles war so richtig. So frei. So rund und vollkommen. So vollkommen, ich hätte schwören können, ich hielte das Alpha und das Omega in meinen Händen. Es war in meinem Herz. In diesem Bereich, in dem mein Diamant anfing zu glitzern, wenn du ihn mit deinem Licht anstrahltest.

Heute bin ich schlau genug, um sagen zu können, dass ich mich nicht mehr in dich verlieben könnte. Dass ich meinen Diamant nicht mehr von dir blenden lassen würde. Dennoch falle ich dir immer wieder zum Opfer, weil du es so gut verstehst, deine charakterlichen Nuancen gegen mich auszuspielen. Auf immer wieder ein neues zu begeistern, zu motivieren, zu frieden zu stellen und zu lieben. Ja, ich bin auch schlauer geworden durch dich.

Sollte ich mich betrogen fühlen? Sollte ich wegen dir traurig sein? Ich sag mal ja – äh – nein – ich sag jein! Ich sag jein. Betrogen, weil du mir sagtest, du würdest die Dinge gleich sehen, wie ich; traurig, weil ich dir so sehr vertraut habe, dass ich dich nicht mehr erkannt habe, als du mir die Wahrheit sagtest. Nicht betrogen, weil du mir gegenüber den Mut aufgebracht hast, die Wahrheit beim Namen zu nennen, und nicht traurig, weil dies der Beweis dafür ist, dass wir niemals den Grund dafür und immer einen Grund dagegen gefunden hätten.

So dumm es sich anhören mag, aber wir finden uns schon noch zusammen. Und ganz am Ende werden wir froh sein, dass wir uns in manchen Momenten des Lebens bis auf den Tod nicht ausstehen konnten. Wir beide. Mann und Frau.



Motivation in der Produktion

Lange ist es her, da versuchte ich meine unfreiwillig entstandene Lücke zwischen Abitur und Berufsleben mit einem Job zu füllen. Ich arbeitete in einer großen Fabrik, die noch immer täglich versucht qualitativ hochwertige optische Geräte zu produzieren. Meine Mitarbeiterinnen, denn es waren zumeist die Damen, die diesen Laden produktiv am Laufen hielten, erklärten mir, dass ich aller Vernunft entgegen schwanger sein müsste, da ich täglich die sogenannte „Schwangerenschicht“ von 12 Uhr bis 20 Uhr arbeitete.

Ich verbrachte den Großteil meines Schwangerendaseins in einem Terminbüro im gehobeneren Viertel der Fabrikhalle. Dort flimmerten Aufträge und Bestellungen über die Bildschirme von netten Kaffeekranzdamen, die wiederum telefonisch und über Computer versuchten, den Handwerkern in der Halle klar zu machen, dass der Auftrag so schnell wie möglich durch tausende von Händen und hunderte Maschinen wandern musste.

Dreimal am Tag musste ich dann in einen Reinraum, mit weißem Overall, Haarnetz und Schutzüberschuhen, um dort Aufträge bzw. die Werkstücke zu finden, die gerade von einem der dortigen Maschinisten in eine Maschine gelegt wurden. Die Maschinisten, ein bunter Trupp von Frauen und Männern jeglichen Alters und jeglicher Herkunft, bereiteten die Werkstücke vor, legten sie in ihre Maschinen, bereiteten die nächsten Werkstücke vor, entnahmen die alten der Maschine, fütterten diese wieder mit den neuen Werkstücken und bereiteten die vorherigen auf die noch folgenden drei weiteren Maschinengänge in ihrer eigenen Maschine vor, bevor sie sie dann auf einem Wagen durch eine Schleuse aus dem Reinraum in die Hände der nächsten Maschinisten gaben. Alles in allem dauert der Aufenthalt eines Werkstücks an der Maschine immer rund 1,5 bis 3 Stunden, je nach Maschine und Werkstück. Nie weniger und selten mehr.

Nun musste ich also mit den eiligen Aufträgen, notiert auf einem Zettel in den Reinraum, zu den Maschinisten und ihnen sagen, dass der Auftrag zügig durchgehen sollte. Ich notierte mir die Zeit, die der Auftrag noch dauerte, aber meistens setzte ich ein „Hat sich erledigt“-Häkchen hinter die Auftragsnummer, da das Computersystem, welches die Position eines Werkstücks dank SAP minutengenau anzeigen sollte, nicht pünktlich war. Und da der Reinraum der letzte Bearbeitungsschritt vor Verpackung und Versand war, wurde nur dort den Aufträgen Beine gemacht.

Zu Beginn war ich sehr hektisch und planlos, da ich nach einmaliger Einarbeitung gleich selbst auf die Pirsch gehen musste. Ich hatte keine Ahnung, an welchen der unzähligen Maschinen welche Auftragsnummern bevorzugt zu finden sind, weil sie nur dort oder auch nur selten dort bearbeitet werden konnten. Zudem wollte ich mich nicht ablenken lassen und genausowenig die Maschinisten von ihrer Arbeit ablenken.

Schon bald kam ich bei meinen Rundgängen mit einigen der Maschinisten ins Gespräch. Entweder weil ich sie nach etwas Fragen musste oder weil sie mich anmaulten, weil schon wieder der „Typ vom Terminbüro“ da war. Denn im Gegensatz zu mir, wussten sie von Anfang meiner Arbeit an, dass alles Flehen und Betteln, jedes „Schnell-schnell-schnell“ und jedes „Wann-kommt’s-denn?“ nichts an der Arbeitsgeschwindigkeit der zeitangebenden Maschinen geändert hätte.

Aber schon bald hatte ich ihren Missmut mir gegenüber verstanden. So machte ich ihnen klar, dass ich diesen Job eben auch nur machen musste und dass ich sie nicht weiter unnötig stressen würde, weil ich nun auch ein „Wissender“ war. Ich begann die wechselnden Schichtarbeiter näher kennen zu lernen, mit ihnen zu plaudern und hatte schon schnell Freunde unter ihnen gefunden, die sich ebenso über mein Kommen freuten, wie ich. Im Terminbüro erzählte ich den Damen nur die Hälfte der Geschichte. Ich zeigte ihnen die vielen Häkchen auf meiner Liste und gab ihnen die vermutlichen Fertigstellungszeiten bekannt, die ich mittlerweile selbst berechnen konnte. Die Damen freuten sich und fühlten, dass ihre Arbeit belohnt wurde. Die Maschinisten fühlten sich durch mich verstanden und erlebten durch mein „Lob aus dem Terminbüro“, dass sie Teil eines wichtigen kundenorientierten Prozesses waren. Es lief alles wie am Schnürchen. Aber es wäre auch so gelaufen, wenn mein Job dort nicht gewesen wäre. Und tatsächlich erfuhr ich, dass nach mir diese Arbeitstelle weggekürzt wurde, um Sir SAP die volle Kontrolle zu überlassen.

Ich verstand schon damals, dass ich eine Schnittstelle zwischen zwei verschiedenen Schichten war. Aber ich verstand nicht, dass ich entgegen meiner eigenen Meinung und der Meinung der anderen nicht vollkommen unnötig war. Ich war das Feedback der einzelnen Arbeitsgruppen zueinander. Ich war der Mensch, der den Damen im Terminbüro und den Maschinisten im Reinraum das Gefühl gab, für die eine Sache, dass Produkt, gebraucht zu werden.

Und genau dieses Gebrauchtwerden ist das, was ich als sinnvollste Motivation in der Produktion und auch im Management ansehe. Vermittelt werden kann diese Motivation aber nur durch Zwischenmenschlichkeit. Also ist die Wahrung der Zwischenmenschlichkeit das Ziel. Bislang konnte ich in der maschinellen Produktion größtenteils nur den gegenteiligen Trend erkennen. Und dort, wo ich das beobachten konnte, waren Arbeitnehmer und Arbeitgeber so weit voneinander entfernt, wie der Status-Quo an Qualität vom utopischen Soll.