mal sehen


Eine Geschichte meines Großvaters

Als kleiner Junge sprach mein Opa sehr oft zu mir über sein Leben. Bevor mein Opa das Studium der evangelischen Glaubenslehre begann, war er Bomberpilot unter Adolf Hitler. Nach dem Krieg arbeitete er hier und dort, bis er sich im Klaren über seine Berufung war.

Während er mir Bilder seiner Dienstzeit, seines Flugzeugs und seiner Reisen zeigte, erzählte er mir seine erschreckenden Geschichten über den zweiten Weltkrieg. Eines Tages wurde ihm befohlen, mit seiner Manschaft einsatzbereit im Flugzeug zu warten, bis weitere Instruktionen folgen sollten. Er trommelte seine Männer zusammen, außer dem glücklichen Erwin, der für die Wartung der Fallschirme und die Sicherheit an Bord zuständig war, und zwei Tage zuvor seinen Fronturlaub angetreten hatte. Stattdessen meldete sich ein junger Gefreiter zu seinem ersten Einsatz. So gingen die Männer also zum Flugzeug und machten sich, jeder auf seinem zugeteilten Platz, bereit für den Abflug. Die Bomben mit den Sprengsätzen wurden von den Technikern an Bord gebracht. Ganze 14 Stunden mussten sie warten, bis der Befehl zum Abflug erteilt und das Ziel bekannt gegeben wurde. Es war kurz nach Mitternacht und draußen war es dunkel.

Mein Opa und die Mannschaft machten sich startklar. Dem jungen Gefreiten wurde befohlen, ruhig sitzen zu bleiben, da er die routinierten Männer nur aufhalten würde. Keine fünf Minuten nach Einsatzbefehl war die Maschine in der Luft, auf dem Weg zu einer Stadt im Osten Frankreichs. Während das Flugzeug dem Ziel näher kam, stieg die Nervosität an Bord. Zwar waren alle, bis auf den Gefreiten, schon viele solcher Einsätze geflogen, aber jeder der Männer, die im Krieg bereits starben, taten dem gleich. Können und Erfahrung waren nichts wert, wenn man unter starkem Abwehrbeschuss stand. Eine Kugel in den Tank reichte aus, um das Leben von mehreren Männern auszulöschen. Vorne im Cockpit konnte mein Opa die anderen hören, wie sie Gebete und sich gegenseitig Mut und Hoffnung zu sprachen. Dann sah er die Lichter der Stadt und die ersten Explosionen, verursacht von gleichgesinnten Bombern, die wie sie den gleichen Befehl erhielten. Der Lärm des Kampfes drang nun bereits bis zum Flugzeug und die Lichtblitze erhellten den Innenraum. Der Soldat am Maschinengewehr machte sich auf den Weg in die Kanzel am unteren Teil der Maschine. Die Männer, die für den Abwurf der Bomben zuständig waren, überprüften nochmals alle Rohre und Zündköpfe. Nur der junge Gefreite blieb regungslos auf seinem Platz und klammerte sich, schweißüberströmt, an den Sitz.

Die ersten Flakgeschosse brausten mit einem grellem Pfeifen vom Boden in den Himmel und hinterließen Rauchspuren, bis sie mit einer gewaltigen Wucht und einem hellen Feuerball in tausende Splitter zerfetzt wurden, die ihrerseits rasend schnell durch die Luft schnitten. Der Lärm war ohrenbetäubend. Über dem Ziel angekommen warfen die Männer die ersten Bomben ab. In der Maschinengewehrkanzel knatterte das MG ununterbrochen. Hektik und Geschrei brachen an Bord aus. Während mein Opa versuchte, die Flakstellungen am Boden ausfindig zu machen und zu umfliegen. Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Maschine erzitterte. Manche der Soldaten wurden zu Boden gerissen und das MG verstummte. Nach kurzer Zeit war klar, dass eine Flakrakete in der Nähe der Kanzel explodierte und den Soldaten darin in den Tod riss. Für die Besatzung ein Schock, aber nur ein kurzer, da der Einsatz und der Wille zu überleben wichtiger waren, als die sofortige Trauer um den Kameraden. Noch ein gewaltiger Knall und wieder erbebte das ganze Flugzeug. Während alle Männer zurück auf ihre Position sprangen, stand der junge Gefreite auf, ging zur Tür, riss sie auf und sprang aus dem Flugzeug heraus. Der plötzliche Druckabfall und der starke Wind im Innern der Maschine zwangen den Einsatz zu beenden. Mein Opa kehrte um. Hinter dem Sitz des Gefreiten hing noch immer dessen Fallschirm, den er nicht anlegte, weil der glückliche Erwin nicht an Bord war, um ihn einzuweisen. Ob sich der junge Mann bewusst darüber war, dass er den unausweichlichen Freitod wählte oder ob er dachte, er hätte einen Fallschirm am Rücken, weiß bis heute niemand.

Mein Opa starb vor vielen Jahren, aber viele seiner Geschichten sind mir im Kopf geblieben. Kurz nach seinem Tod träumte ich von ihm und wie wir zusammen, am Lagerfeuer sitzend, über unser Leben sprechen…

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30 ist das neue 20

Ich kann mich noch daran erinnern, als ich 25 Jahre alt wurde. Voller Freude schaute ich dem Älterwerden entgegen. Einer der herausragendsten Vorteile am „Vierteljahrhundert“ war für mich, dass ich das Gefühl hatte, mich nicht mehr mit den Problemen und Sorgen der Jugend beschäftigen zu müssen. Keine Charts mehr im Kopf haben zu müssen, keine angesagten Klamotten mehr tragen zu müssen, eine eigene und gefestigte Meinung zu haben und mich nicht mehr in Schlägereien verwickeln lassen zu müssen… Schön wär’s!

Viele Jahre, blaue Augen, TopTen-Hits und Lifestyle-Trends später muss ich feststellen, dass alles anders gekommen ist, als ich es mir beim Ausblasen der 25 Kerzen auf der Geburtstagstorte gewünscht hatte. Nicht nur, dass meine gleichaltrigen Freunde jeden Trend, der angesagt wird, mitmachen, nein, auch ich bin ein Trend-Opfer geblieben! Zwar kann ich voller Stolz behaupten, dass ich nicht in allen Bereichen dem Diktat der Mode folge, aber bei genauer Betrachtung muss ich zugeben, dass manche der Dinge, die ich mit 25 hinter mir lassen wollte, immernoch in meinem Repertoir zu finden sind.

Und dann sitze ich vor dem verhassten Fernseher, der uns eine konfliktbeladene Welt von hübschen Ellbogenträgern in ständigem Konkurrenzkampf vorspielt, und zweifle an dem Verstand meiner Mitmenschen. Bis ich merke, dass ich mich in dieser Welt befinde, ein Kind meiner Zeit und selbst nicht frei von Unterhaltungslust und Geltungsdrang bin. Als Mensch sollte ich mir keine Vorwürfe machen. Schließlich sind wir auf’s Überleben ausgerichtet. Mit Erfolg. Weltweit, egal ob Eis oder Wüste. Jede Konkurrenz stellt eine Gefahr für das eigene Leben dar und muss übertrumpft werden.

Und dennoch muss ich sagen, dass mir die Entwicklung schwer im Magen liegt. Ich habe das Gefühl, dass Äußerlichkeiten zunehmend im Vordergrund stehen. Nicht dass das schon immer so gewesen wäre, aber die Umgebungsfaktoren haben sich verändert. Früher wurde oberflächliche Attraktivität durch wenige Medien und mit wenigen Personen präsentiert. Heute ist das Internet voll von oberflächlichen Momentaufnahmen von Personen, die uns auf jeder beliebigen Homepage zeigen, wie Erfolg aussehen soll. In meiner Jugend gab es die wöchentlich erscheinende Bravo oder die POP-Rocky, in denen Stars gezeigt wurden, die größtenteils noch Inhalte transportieren wollten. Für die 68er oder gar unsere Großeltern muss auch das schon ein extremer Kontrast zu ihrer eigenen Jugend gewesen sein.

Jetzt kann ich, in Anbetracht der Elektrobewegung zwar verstehen, warum meine Oma Heavy Metal als Nichtmusik bezeichnete, aber andererseits verstehe ich meine gleichaltrigen Freunde nicht, die in den angesagtesten Klamotten aus dem angesagtesten Fitnessstudio kommen und Elektro als Nichtmusik bezeichnen. Diese Form der Engstirnigkeit ist mir ebenso fremd, wie das heuchlerische Eingeständnis, mich dennoch der Mode zu beugen und trotzdem auf meine Individualität zu pochen. Ich bin nicht bei Facebook. Das alleine ist für mich ein Ausdruck meiner Individualität, weil ich mich nicht in eine Timeline zwengen lasse.

Ich bin doch alt geworden und ich habe mich wohl mit 25 einfach überschätzt. Das Schöne ist, dass ich zu den Jungen sagen kann, dass ich meine eigene Jugend hatte und damals genauso geil auf Trends war, wie sie heute. Ob sie das verstehen, ist mir egal. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass ich älter geworden bin. Und dennoch folge ich den Trends, die für meine Altersgruppe entwickelt wurden. Solange sie bezahlbar bleiben… Aber ich spüre es: 30 ist das neue 20 und manchmal bin ich sogar gerne noch ein Kind!



Lindbergh überquert den Atlantik!

Rüdiger stand am Ende des Billardtisches und beobachtete die fremde Brünette am Kamin.

„Nun meine Dame, wollen sie mir denn nicht endlich ihren Namen nennen?“

Sie lächelte leicht.

„Nein mein Herr, ich habe mich ihnen bereits vorgestellt!“

Rüdiger wurde unruhiger. Er nahm eine Kugel vom Tisch und ballte eine Faust um sie. Er konnte sich nicht im Geringsten an die geheimnisvolle Frau erinnern, die da vor ihm stand. Seit Anbeginn des Abends verfolgte sie ihn auf Schritt und Tritt durch das Haus der Sternbergs. Egal ob in der großzügigen Lounge oder auf dem Weg zu einem der goldblau-gekachelten Bäder, mit wem er sich unterhielt oder einfach nur in der Menge der Gäste unterging, wann immer er den Kopf drehte, sah er sie in seinem Augenwinkel.

Da öffnete sich die Tür des Salons und Sven betrat schwungvoll die angespannte Szenerie. Er schloß die Tür mit einer adretten Drehung, blinzelte den beiden Anwesenden kurz zu, tänzelte leichtfüßig zum Kamin und blieb hinter der Dame stehen. Seine Hände umfassten ihre Hüften, die in ein rotes Abendkleid geschwungen waren und sein Mund küsste ihren Nacken.

„Rüdiger! So sieht man sich wieder. Gerade noch an der Bar und nun bei einer Partie Billard!“

„Ja richtig, so ist das wohl. Sven, entschuldigen sie, aber würden sie mir ihre freundliche Partnerin bitte vorstellen?“

„Nein Rüdiger! Warum sollte ich das tun?“

Die Dame gab ihm einen Kuss auf den Mund. Dann begab sie sich zum Billardtisch. Rüdiger trat einen Schritt zurück, wobei ihm leicht schwarz vor den Augen wurde. Er taumelte. Seine Hand ergriff die Lehne eines Sessels und er ließ sich fallen. Das alles war ein wenig zu viel für ihn. Noch vor drei Tagen hätte er nicht annähernd an seinem Verstand gezweifelt. Jetzt war er sich dabei aber gar nicht mehr so sicher. Die Ereignisse der letzten Tage vermochten ihn daran zu zweifeln.

„Sven, bitte! Was für ein Spiel wird hier gespielt?“

„Ach Rüdiger“, mischte sich die elegante Dame ein, „seit wann spielen wir den ein Spiel?“

„Dann bitte sagen sie mir doch endlich, woher wir uns kennen sollten! Ich versichere ihnen, sie noch nie zuvor gesehen zu haben.“

„Dämmert es ihnen den gar nicht, Rüdiger?“.

Sven sah ihn beinahe besorgt an. Mit einer weiteren Drehung und einem langsamen Ausfallschritt gleitete er zum Kamin. Dort ließ er seine Finger auf die schwere Marmorplatte trommeln. Und mit einem weiteren Tanz flog er weiter zu Rüdiger. Vor dem Sessel ging er in die Knie und fasste Rüdigers Arm.

„Erinnern sie sich denn wirklich an nichts? Rüdiger, sind sie den verrückt?“

„Nein, nein! Ich bin sehr wohl bei klarem Verstand! Aber selbst wenn, so sollten sie nun endlich ihre Geheimniskrämerei unterlassen!“

Es war am Mittwoch, da hatte Rüdiger zum ersten Mal den Zweifel, dass jemand ein Spiel mit ihm treibt. Der Morgen war bereits ganz gewöhnlich gewesen. Im Büro gab es keine Zwischenfälle und auf dem Weg zum Mittagessen im Jungen Bär begegneten ihm die üblichen Männer, die, wie er, um ein Uhr zu Mittag aßen. Erst beim Zahlen der Rechnung geschah etwas ungewöhnliches.

Der Kellner überbrachte das Tablett mit der Rechnung. Als Rüdiger den üblichen Betrag aus der Tasche holte, um das Essen zu bezahlen, stellte der Kellner jedoch fest, dass es zu viel Geld war. Zu zahlen war nur der Kaffee. Rüdiger nahm die Rechnung und tatsächlich war nur eine Tasse Kaffee aufgelistet. Keine Suppe, kein Mittagessen. Als er den Kellner auf die vergessenen Posten ansprach, antwortete dieser nur, dass der Gast des Herren bereits den Rest bezahlt hatte. Mit diesen Worten verschwand der Kellner und Rüdiger blieb verwundert zurück.

„Nun Rüdiger, warum erzählst du uns denn nicht, wer du wirklich bist?“.

Sven drückte Rüdigers Arm etwas fester.

„Wieso wer ich wirklich bin!? Ich verstehe nicht.“

„Siehst du nicht, dass der arme Rüdiger Angst hat?“

Die Dame lächelte süffisant und zwinkerte Sven schälmisch zu. Rüdiger hatte wirklich Angst. Seine Gedanken drehten sich im Kreise. Er war nicht mehr Herr seines Kopfes.

„Ich bin Rüdiger Meinert. Ich lebe in dieser Stadt seit 28 Jahren. Und ich kenne sie, Sven, seit ungefähr einem Jahr, aber ich habe keine Ahnung, wer die Dame ist, die mir den ganzen Abend nachstellt! Dabei kenne ich jedes Gesicht, mit dem ich jemals Kontakt hatte.“

„Pah! Ich denke nicht, dass ich dies als Kompliment verstehen kann.“

Die Dame wurde lauter. Rüdiger wollte aufstehen, aber Sven, der immernoch seine Hand auf seinem Arm hatte, drückte ihn zurück in den Sessel.

„Ich denke nicht, dass du in der richtigen Verfassung bist, um zu gehen. Außerdem sollten wir doch noch klären, was du am Donnerstag in der Straßenbahn andeutetest.“

„Am Donnerstag in der Straßenbahn? Ja, ich war an diesem Tag, wie an jedem Tag, in der Straßenbahn. Aber ich war wie immer alleine unterwegs und hatte keinerlei Begleitung! Ich habe nichts angedeutet! Keiner von euch war dort!“

Plötzlich fiel Rüdiger der zweite Vorfall ein, der ihn in dieser Woche stutzig werden ließ. Er bestieg die Straßenbahn und nahm einen freien Platz am Ende der Seitensitzreihe. Wie gewöhnlich laß er die Tageszeitung, um sich über die aktuellen Geschehnisse in der Welt zu informieren. Ein gewisser Charles Lindbergh war in New York gestartet, um als erster Mensch das Wagnis einer Atlantiküberquerung mit dem Flugzeug zu meistern. Rüdiger laß den Artikel sehr interessiert. Die Technik der Luftfahrt war fantastisch. Als er die Zeichnung mit der voraussichtlichen Flugroute Lindberghs betrachtete, wurde er von einer älteren Frau angesprochen.

„Darf ich neben ihnen Platz nehmen?“

„Natürlich, bitte nehmen sie doch Platz.“

„Vielen Dank. Ich dachte nur, falls ihre Frau das sieht. Nicht, dass ich in meinem Alter noch als Konkurrenz erscheinen werde.“

Für Rüdiger war diese Bemerkung nicht sehr außergewöhnlich, da ein Mann in seinem Alter normalerweise schon verheiratet war und Kinder hatte. Die meisten Fremden konnten nicht wissen, dass er bisher noch nicht das Glück hatte, eine Frau kennen zu lernen, die bei ihm bleiben wollte.

„Machen sie sich keine Sorgen, ich habe keine Frau.“

„Oh! Dann meine ich wohl ihre Verlobte. Eine hübsche Frau.“

„Wer ist eine hübsche Frau?“

„Ihre… Die Frau, die hier saß. Sie haben sich geküsst, also bin ich davon ausgegangen, dass sie ihre Ehefrau sein muss. Oder ihre Verlobte.“

„Ich habe die ganze Zeit diesen Artikel gelesen. Da war niemand. Entschuldigung, aber sie müssen irren.“

In diesem Moment hielt die Straßenbahn und Rüdiger musste aussteigen. Er verabschiedete sich von der älteren Dame, die verwundert den Kopf schüttelte und nicht antwortete. Für ihn war das Gespräch ebenso verwunderlich, aber er schob das Missverständnis auf das Alter der Dame und machte sich keine weiteren Gedanken darüber.

„Sven, ich bitte sie, beantworten sie mir die Frage, worauf wollen sie hinaus?“

„Worauf ich hinaus will, ist doch offensichtlich. Ich will wissen, wer sie wirklich sind. Womit wir es hier zu tun haben. Warum sie sich so seltsam verhalten. Warum sie sich nicht mehr erinnern können.“

„Aber ich kann es wirklich nicht! Und ich stelle mir die gleichen Fragen, bezüglich ihnen beiden!“

Die Dame trat neben Sven. Sie blickten sich kurz in die Augen und nickten einander zu. Svens Griff wurde lockerer. Rüdiger glaubte sich, diese Szene bereits in ähnlicher Form erlebt zu haben. Dann müsste er sich aber eingestehen, sie tatsächlich schon einmal gesehen zu haben. Er konnte nicht irren. Und wenn doch? Plötzlich kam ihm ein Gedankenblitz. Es sah Sven und die Dame. Sie hatte ein Messer in der Hand. Sven drückte ihn auf den Boden. Silvia war ihr Name! Rüdiger vermochte seinem eigenen Hirn nicht mehr zu trauen. War das ihr Name?

„Silvia?“

„Er kann sich erinnern!“

Noch bevor Silvia den Satz beendet hatte, packte Sven auch Rüdigers zweiten Arm. Er sprang ihm mit dem Knie auf den Brustkorb, so dass Rüdiger die Luft weg blieb. Silvia zog ein Messer aus ihrer Handtasche und rammte es dem Überwältigten in den Bauch. Dieser vernahm einen brennenden Schmerz, der sich von der Bauchdecke bis ins Rückenmark zog. Silvia zog das Messer nach oben zum Brustkorb. Rüdiger wurde schlagartig schwach und sackte auf dem Sessel zusammen. Der Schmerz schien unendlich weit weg zu sein.

Er beobachtete, wie Sven seine Hand in die offene Wunde steckte. Ihre Blicke trafen sich. Rüdiger konnte eine Träne in seinem Auge sehen. Dann zog Sven einen silbernen Quader aus der blutenden Wunde. Genau diesen Gegenstand hatte Silvia bei ihrer ersten Begegnung vor einem Jahr in der Hand. Als sie und Sven den Probanten auf den Boden seines Wohnzimmers dürckten, um ihm den Quader einzupflanzen.

„Es tut uns Leid, Rüdiger. Es tut uns Leid.“

„Sag Sternberg, er soll diesen Bereich des Hauses für die Party sperren. Der Reinigungstrupp wird in drei Stunden alles wieder entfernt haben.“

„Ich mochte Rüdiger. Zu Beginn schien er so vielversprechend. Er war so charmant und großzügig.“

„Silvia, das ist ein Job und keine Vergnügungsgesellschaft.“

„Habe ich Tränen in den Augen oder du?“

Rüdigers Sinne wurden schwächer bis er nur noch Dunkelheit und Stille warnahm.

„Um ein Haar hatte ich geglaubt, dass es endlich funktioniert.“



Maschinenstopp in Halle 7

Als Herr Schneider Halle 7, „Abteilung für dehnbare Kunststoffe“, betrat, leuchtete noch immer das rote Licht, welches den kompletten Produktionsstopp signalisierte. Für den gelernten Maschinenwart kein unbekanntes Signal, da er es schon etliche Male während seiner 38-jährigen Laufbahn mit störrischen, bockigen, kaputten und überalteten Maschinen zu tun hatte.

Er saß in seiner Werkstatt, bekam einen Anruf, eilte los und für gewöhnlich behob er den Schaden binnen weniger Minuten zur vollsten Zufriedenheit aller und seiner selbst. An jenem Tag jedoch bekam Herr Schneider keinen Anruf, sondern eine Statusmeldung auf seinem neuen Computer. Und weil das alles so neu war, entdeckte er die Meldung erst um 13:20 Uhr, also drei Minuten nach Maschinenausfall.

Erschrocken kleckerte er den Kaffee auf die Hose und die Marmelade seines Brotes auf die Schuhe. Beinahe wäre ihm der Werkzeugkasten heruntergefallen und beim Verlassen der Werkstatt musste er gerade wieder umdrehen, um noch einmal einen Blick auf den Monitor zu werfen, da ihm der Maschinenstandort entfallen war.

So kam es also, dass der Maschinenwart im Schein des Rotlichts beinahe kreideweiß zu sein schien, da sich die peinliche Röte seines Kopfes und die des Lichts gegenseitig aufhoben. Wohingegen die Gesichter der pausierenden Arbeiter wie rote Lampignons den Hallengang begleiteten. Hier und da konnte Herr Schneider ein „wie lange dauerts noch“, ein Räuspern oder das Ausatmen von Rauch hören.

Bei der ausgefallenen Maschine warteten bereits zwei Männer in Anzügen auf Herrn Schneider. Der eine war noch sehr jung und trug einen gepflegten Kurzhaarschnitt, der andere war bereits mittleren Alters und hatte gar keine Haare mehr auf dem Kopf. Die beiden schauten immer wieder nervös auf ihre Uhren. Als sie den heraneilenden Maschinenwart sahen, wurden sie noch hektischer und redeten gleichzeitig auf ihn ein.

„Wo bleiben Sie denn?“, „Wir müssen schnell das Problem lösen!“, „Haben Sie den keinen Computer?“, „Sie müssen das schleunigst reparieren!“. Herr Schneider ignorierte zunächst die Fremden, ging zur Maschine und begann die Ölstände zu prüfen. „Gestatten, Meier, Workflow-Management.“, stellte sich der ältere Herr vor, „Frankert mein Name“, sagte der Jüngere. Herr Schneider nahm indessen die Stromverbindungen unter die Lupe.

„Nun Herr Schneider, wir sind etwas besorgt, da diese Maschine wichtig für die gesamte Produktion dieser Halle ist. Wir wollen sicher sein, dass möglichst kein Ausfall mehr eintritt.“. Es lag weder am Öl, noch am Strom, also konnte nur noch ein mechanischer Getriebeschaden in Frage kommen. „Herr Schneider, warum schauen Sie denn nicht auf das Maschinenterminal? Es hat eine automatische Fehlererkennung.“.

Jetzt unterbrach Herr Schneider seinen Prüfvorgang, denn von einem Terminal hatte er noch nie gehört. Tatsächlich befanden sich an der Maschine ein Monitor und eine Tastatur. Er hatte wohl von gewissen Neuerungen erfahren, die die Wartung und Bedienung vereinfachen sollten. Aber noch gab es keine Schulung, in der dem Maschinenwart erklärt wurde, wie er damit zu arbeiten hatte.

„Frankert mein Name. Ich bin der Computerspezialist an Bord.“. „Aha“, sagte Schneider, „ein Computerspezialist!“. „Diplom Informatiker um genau zu sein.“. Herr Schneider fühlte sich ein bisschen übergangen und es verärgerte ihn, dass er nicht informiert wurde. „Also Herr Frankert, was sagt uns dieser Computer?“, meldete sich Herr Meier zu Wort. „Sehen Sie her. Um 13:17 Uhr exakt war Maschinenstopp. Die gelb leuchtenden Bereiche sind als mögliche Ursachenquellen gekennzeichnet.“.

Herr Schneider beobachtete die gelben Flecken auf einem groben Umrissplan der Maschine. Er erkannte die Ölleitungen und die Stromzufuhr wieder, die er ja bereits geprüft hatte. Zudem waren ein paar gelbe Flecken auf der Rotation und im hinteren Antrieb zu sehen. Er nahm sein Werkzeug und machte sich daran, die Rotation frei zu legen. „Herr Schneider, was machen Sie da?“, fragte Herr Meier.

„Ich prüfe die Rotation. Das gelbe Ding da auf dem Computer.“. „Aber Herr Schneider nun lassen Sie doch den Computer machen. Er wurde extra programmiert!“, gab Herr Frankert, ein bisschen enttäuscht, dazu. Schneider ging zurück zu den beiden Männern, die sich vor dem Monitor aufgebaut hatten und wie aufgeregte Schulkinder darauf warteten, noch mehr gelbe Flecken zu entdecken. Der Informatiker klapperte auf der Tastatur herum und Herr Meier nickte seinen Kopf dazu, wie bei einem Konzertbesuch.

Die drei Männer standen vor dem Terminal, beobachteten Tabellen, Schaltpläne, gelbe, grüne und blaue Flecken und Frankerts flinke Finger auf der Tastatur, die englische Begriffe und komische Abkürzungen auf den Monitor zauberten. „Sehen Sie, um 13:17 Uhr könnten folgende Faktoren für den Ausfall einschlägig sein.“. Eine Liste mit mindestens zehn Zeilen rollte über den Bildschirm. Herr Schneider wurde bereits ganz nervös, weil er die Rotation überprüfen wollte, aber nicht durfte.

Herr Meier kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Herr Frankert bemerkte, dass sogar andere Maschinen in den Ausfall einbezogen sein könnten, woraufhin Herr Meier ein Telefon aus der Tasche zückte und bei einem Herrn Scholarek anrief, welcher zwei Minuten später bei ihnen war und mit auf den Monitor starrte. „Nun meine Herren,“ sprach Herr Scholarek, „was wir bisher wissen ist, dass der Ausfall der Maschine, der Fehler quasi, von mehreren Faktoren abhängig sein kann und dass die Maschine immernoch still steht.“.

Die anderen Herren stimmten ihm zu. Herr Schneider wurde noch unruhiger, da er den Stillstand gerne behoben hätte. Während die drei anderen den Computer beobachteten, zündete er sich eine Zigarette an und ging ein paar Meter weiter zu einem der wartenden Arbeiter. „Was machen die Herren da?“, wollte der Maschinist vom Maschinenwart wissen. „Ich weiß es nicht, aber ich denke, sie machen eine Wissenschaft daraus. Ihr könntet schon lange wieder produzieren, wenn man mich nur an die Maschine lassen würde.“, erwiderte Herr Schneider.

„Und warum schickt man uns nicht einfach nach Hause?“. „Das ist unnötig, ich kann die Maschine reparieren, sobald die Herren dieses Computerding verstanden haben.“. Als die Zigarette zu Ende geraucht war, ging der Maschinenwart zurück zu den Herren Meier, Frankert und Scholarek. Diese notierten sich bereits irgendwelche Daten auf Zettel und stellten Rechnungen mit mehreren Unbekannten und Faktoren auf, die sie allesamt nicht sicher beantworten konnten.

„Nun meine Herren, was wäre wenn der ursächliche Zusammenhang für zukünftige Probleme der gleichen Art eben diese verhindern könnte und wir nun nicht wissen, wie sie lauten, nur, wann sie eingetreten sind? Das ist doch die Frage!“, stellte Herr Scholarek fest. „Richtig erkannt!“, stimmte ihm Herr Meier zu. „Herr Frankert, bitte fragen Sie den Computer, welche Fehlerquellen zu welchem Zeitpunkt ausschlaggebend waren und wie diese voneinander abhängig sind“.

Herr Frankert klapperte die Tasten der Tastatur rauf und runter, grübelte und dachte nach. Dann drückte er auf eine große rote  Taste und auf dem Monitor erschienen endlose Zeichenketten. Faktoren wurden genannt, zu anderen Faktoren in Verbindung gesetzt, Unbekannte hypotetisch bekannt und Ergebnisse zu weiteren Fragen formuliert. „Oh mein Gott, wir haben eine Endlosschleife hervorgerufen!“, rief Herr Frankert plötzlich.

Herr Schneider ging zur Maschine, schlug heftig gegen die Rotation und plötzlich setzte sich das Getriebe wieder in Gang und das Rotlicht der Produktionsstopplampen erlosch. Die Arbeiter in der Halle atmeten auf und machten sich an die Arbeit, wie als wäre nichts geschehen. Die drei Männer in ihren Anzügen schauten sprachlos zu Herrn Schneider.

„Als ich hier angefangen habe, hatten wir keine Computer. Ich kenne mich mit Maschinen aus. Ich repariere sie. Ich muss nicht wissen, warum etwas schief ging, sondern wie ich es wieder zum laufen bringe. Sonst sitzen wir noch morgen hier und niemand kann arbeiten.“. Mit diesen Worten verließ Herr Schneider die Gruppe und ging zufrieden wieder in seine Werkstatt um Kaffee zu trinken.



Accept The Difference

Heute hatte ich mal wieder eines dieser „philosophischen“ Gespräche. Noch vor wenigen Jahren habe ich mich darüber geärgert, wenn jemand solche Gespräche philosophisch genannt hätte, aber durch Diskussion zu einer Erkenntnis zu gelangen, ist wohl einfach nichts anderes. Egal, es geht ja um das Thema des Gesprächs.

Wir hatten es von Menschen, die nicht akzeptieren können, dass es Menschen gibt, die einfach unterschiedlich sind. Wenn wir mal genau hinschauen, dann können wir uns da auch an die eigene Nase fassen. Vorallem wenn es darum geht, dass andere Menschen andere Vorstellungen vom Glücklichsein haben.

In unserem Gespräch ging es darum, dass meiner Gesprächspartnerin nicht gegönnt wurde, dass sie ihr Glück auf die nicht ganz so konservative Art und Weise gefunden hat. Sie widerum konnte nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die einen konservativen Rahmen brauchen, um glücklich zu sein. Das macht keinen besser oder schlechter, klüger oder dümmer, dass zeigt lediglich, dass es unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnisschwerpunkten gibt.

Wenn wir auf jemanden wütend sind oder jemanden einfach nicht leiden können, dann fällt es uns schwer, demjenigen sein Glück zu gönnen, weil wir uns (un-)komischerweise besser fühlen, wenn es dieser Person schlecht geht. Manchmal ist es sogar so, dass wir am Glück der anderen zweifeln, obwohl es deutlich auf der Hand liegt, nur weil es nicht unserem Glücksempfinden entspricht.

Aber solange jemand glücklich ist, sollten wir das akzeptieren, da dieses Glück auch uns zu Gute kommen kann. Auch wenn man die Floskel „Accept the Difference“ weit verstehen kann, so sollten wir aber nicht jeden Unterschied einfach so hinnehmen. Schließlich gibt es Menschen, die Glück, oder nennen wir es Befriedigung, dadurch erreichen, dass sie anderen Menschen weh tun. Das geht nicht. Inakzeptabel.

Und da müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen, weil jeder von uns schon einmal inakzeptabel gehandelt hat. Bei kleinen Kindern sagt man noch, sie können so brutal sein und tolleriert es. Kinder sollen ja auch noch lernen und jeder soll die gleichen Chancen bekommen, seine eigenen Erkenntnisse aus seinen eigenen Erfahrungen machen zu dürfen. Aber als Erwachsene, als „vernünftige“ Erwachsene, sollten wir manchmal über unseren Schatten springen können, und anderen ihr Glück gönnen – andere als das akzeptieren, was sie sind: anders als wir selbst.

Für mich war das schon immer klar, für euch sicher auch. Wenn das mal nicht so klar ist, dann muss man es sich wieder in den Kopf rufen und akzeptieren, dass man selbst auch Fehler macht und dass andere das auch machen. Man akzeptiert andere nicht immer und man wird von anderen nicht immer akzeptiert. So what!? Kein Grund es bleiben zu lassen…



Mein Schwesterchen

Am Wochenende war ich mal wieder in einer alten Heimatstadt unterwegs. Ich traf mich mit guten alten Freunden in einer Kneipe und wir plauderten, tranken, kickerten und kicherten über die good old days. Nachdem wir all das getan hatten, entschieden wir uns, die nächste Location aufzusuchen, um gegen das verfassungswidrige Tanzverbot am Karfreitag zu verstoßen.

Ich huschte mehrmals über die Tanzfläche, wollte bei der seltsamen Musik aber nicht so richtig in Fahrt kommen. Während ich das Treiben also am Rande beobachtete, kam plötzlich eine gutaussehende Frau zu mir, umarmte mich und sagte: „Ich bin ein Fan von dir!“. Ich schaute sie verblüfft an, denn ich konnte sie einfach nicht einordnen. „Ich finde dich super, weil du immer so bist, wie du bist!“. Nach diesem Satz war ich echt erstaunt, zumal sie meinen Namen kannte, den ich hier natürlich ausspare.

„Ich fühle mich echt geschmeichelt und stell mich mal schnell da rüber ins Eck zum rot werden.“, war meine Antwort. Ich bin im Umgang mit Komplimenten sehr schlecht und ich wusste immer noch nicht, wie ich sie und ihre Worte einordnen sollte. Da kam eine Bekannte zu uns, die sich als gemeinsame Freundin entpuppte und erinnerte mich an die Geschichte, wie wir drei uns kennen lernten:

Ich war mal wieder on tour und meine Bewegungslust trieb mich in jene Absturzkneipe mit der unübersichtlichen Auffahrt, von der ich schon einmal berichtet habe. Aus den Lautsprechern schallte Reaggea-Musik und die freien Räume zwischen Theke, Toilette und Ausgang waren gefüllt mit tanzenden Party-People. Die meisten auf der Droge Alkohol, aber ein paar Mischkonsumenten waren auch dabei, denn die Augen gingen von ganz groß bis ganz klein. Natürlich fand ich mich sofort mitten auf dem Dancefloor und kreiste meine Hüften zu den kräftigen Rhythmen. Let it flow, swing it low!

Irgendwann muss auch ein Kamel zur Tränke und so kam auch ich denn an die Theke. Neben mir standen zwei Mädels und lächelten mich an. Da ich ja nichts Besseres zu tun hatte, startete ich das Gespräch. Kurze Zeit später drängelte sich so ein Zwei-Meter-Hüne an uns vorbei. Er gab mir kurz die Hand, da ich ihm schon mehrmals begegnet bin – diese Partytiere teilten sich schon einige Nächte den gleichen Tanzkäfig – und wendete sich dann zugleich den beiden Mädels zu.

Mir fiel auf, dass sein Selbstbewusstsein nicht seiner Körpergröße entsprach, denn seine Anmachsprüche waren erste Scheiße. So Zeug, was man Dorfischen zum Fasching auftischen kann, damit sie im Suff das Gefühl haben, begehrt zu sein. Ich war bedient und ging zurück auf den Dancefloor. Johnny T wäre stolz auf mich gewesen. So nach und nach wurde die Kneipe leerer, die Schatten auf der Tanzfläche kleiner und als mich das Licht direkt anstrahlte, entschied ich mich für ein weiteres Getränk.

An der Theke standen noch immer die beiden Mädels und der Riesentyp, dessen Anmache nun bereits handgreiflich wurde. Er begrabschte eine der beiden mit seinen großen Händen, schob seinen Oberschenkel gegen ihren Po und seine Hüfte gegen ihren Rücken. Sie war sichtlich bedrängt und ihr Gesichtsausdruck war alles andere als erfreut. Dennoch schien sie nicht den richtigen Dreh zu finden, um sich aus der misslichen Lage zu befreien.

Also ging ich zu ihr und sagte, „Hey Schwesterchen, alles ok?“. Nach diesem einleitenden Satz drehte ich mich zu dem Schrank und meinte, „Du Kollege, wie ich seh, gefällt dir meine Schwester. Ich hab sie heute mal mitgenommen, aber ich musste unserer Mom versprechen, dass ich auf sie aufpasse. Also du kannst ihr gerne sagen, dass sie dir gefällt, aber Fummeln geht nicht!“. Der Typ schaute mich mit großen Augen an und versprach mir, sich zurück zu nehmen, wobei er seine Hand wieder auf ihre Hüften legte. Ich packte die Hand, die so groß war wie mein Kopf und mich mit einem Schlag zu Bob Marley hätte schicken können. „Hey Kollege, ich mein’s ernst! Can’t touch this!“. Wenn man schon damit angefangen hat, muss man es eben auch zu Ende bringen. In der Zwischenzeit kam mein Getränk und ich war zufrieden. Da der Hüne auf mich hörte, drehte ich mich wieder um und widmete mich den restlichen Klängen der Musik.

Aber kaum drehte ich mich wieder – im Schwung einer Drehung – zur Theke, konnte ich sehen, wie der Riese wieder Hand anlegte. Ich ging zurück, quetschte meinen kleinen Körper zwischen die Hohlräume, die er noch frei lies, bevor er sie ganz besprungen hätte, schaute sie an und sagte, „Komm Schwesterchen, lass uns gehen.“. Sie war natürlich sofort dabei. Ihre Freundin ebenso. Und zum Glück war sie mit dem Auto da und konnte tatsächlich auch noch fahren.

Leider ließ sie mich nur einen halben Kilometer später wieder raus. Vermutlich war jegliche männliche Anwesenheit zu viel für sie an diesem Abend. Ich vernahm noch ein kurzes Dankeschön und dann nur noch die Musik aus meinem MP3-Spieler, die mich auf meinem anderthalbstündigen Heimweg begleitete.

Nachdem mir die Geschichte also wieder einfiel, konnte ich das Mädel wieder einordnen. Warum sie mich so toll fand, wurde mir dann auch klar. Und wie als hätte sie noch ein schlechtes Gewissen, gab sie mir einen Kuss auf die Wange und sagte nochmals, dass sie ein Fan von mir sei. Manchmal reicht das schon aus und so bedankte ich mich nur und ging den Abend alleine zu Ende genießen.

Das schöne ist, dass mir in letzter Zeit wieder öfter solche Begegnungen passieren. Erst vor einer Woche wurde ich von einer Frau umarmt und links und rechts abgeknutscht, die anscheinend nur wegen mir die Kraft fand, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen. Eine Ex, die sich aus dem fernen Italien meldete, und mir Hilfe bei der Trauerbewältigung anbot. Eine andere Frau, die sich ebenso plötzlich nach Jahren wieder meldete und mich zu ihr einlud. Und noch eine Frau, die mir Dankte, weil ich ihr geholfen hatte. Eine gute alte Freundin, die sich entschuldigte, weil sie mich mal blöd in der Öffentlichkeit gedisst hatte – schon längst vergessen.

Es ist schön, wenn man weiß, dass man alles in allem positiv in den Köpfen anderer Menschen hängen bleibt und dass man zu denen gehört, denen man ohne Scham Danke oder Entschuldigung sagen kann. Ich bin Bushidos Plattenlabel!



Freund und Helfer…

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir vor einigen Jahren passiert ist. Es war gut vier Uhr morgens und ich war ebenso gut mit Bier betankt. Am Ende meiner nächtlichen Tour besuchte ich noch eines dieser Lokale, die man nach vier nur noch über den Hintereingang betreten kann. Natürlich muss man dazu den Besitzer kennen, aber ich kenne eh jeden…

Mein Tunnelblick erfasste einige Gestalten, denen man besser nicht des Nachts begegnen möchte. Es waren die üblichen Alkis, Drogis und Crazys, die ich leider ebenso schon kannte. Wer Menschen liebt, scheut die heile Welt der wirklich Kranken. Aber nichts zum Thema „Heile Welt“ und deren Verlogenheit, da ich ja eine andere Geschichte erzählen möchte.

Nun, ich setzte mich an die Theke, plauderte mit Cheffe und seiner Angestellten und trank mein Feierabendbier. Nachdem mich die Müdigkeit dann doch überzeugt hatte, meinen anderthalbstündigen Abmarsch anzutreten, verabschiedete ich mich und ging nach draußen.

Ich muss kurz die Lage des Lokals beschreiben: Es befindet sich auf einer kleinen Anhöhe und ist direkt über eine steile und unüberschaubare Auffahrt mit der Hauptstraße verbunden. Ein Verkehrsspiegel ist zwar angebracht, aber selten in Benutzung… Zumindest könnte man das meinen, da an dieser Stelle immer wieder kleinere Unfälle passieren.

Mit lahmen Schritten ging ich also diese Auffahrt hinunter. Der Tag war bereits angebrochen und die Vögel zwitscherten energisch um die Wette: „ich bin der Vogelkönig, twiet twiet!“, „schnauze, ich bin der Vogelkönig, twiiiiet“ und so weiter. Als ich die Hauptstraße sehen konnte, bot sich mir ein Bild des Schreckens.

Ein Minivan mit Anhänger stand mitten auf der Straße, dahinter lag ein Mann auf dem Asphalt. Der Fahrer hatte eines dieser kabellosen Telefone in der Hand und redete aufgeregt hinein. Der regungslose Mann am Boden war ein stattbekannter Junky, der mich schon als Nazi, Hurensohn und was weiß ich beschimpft hat und aus Afrika stammt.

Ich scheue Unfälle, aber wenn man damit konfrontiert wird, muss man den Ekel überwinden und helfen. Also ging ich zu dem Afrikaner und schaute ihn an. Er blutete leicht an der Hand und am Kopf. Überwinde den Ekel! Ich beugte mich zu ihm runter um herauszufinden, ob er bei Bewusstsein war. Er atmete noch, aber er reagierte nicht auf mich.

Ich fürchtete das Schlimmste und da ich von Hans Meiser mit Horrorstories über innere Blutungen und Knochen- (Halswirbel-) brüchen indoktriniert wurde, wollte ich auf die Sanies warten, bevor ich womöglich noch etwas kaputt machen würde.

Derweil beendete der Fahrer sein Telefonat und kam zu mir. Er erklärte mir, dass der Afrikaner bereits auf dem Boden lag, als er mit dem Auto ankam. Wie als hätte dieser gehört, dass über ihn gesprochen wurde, stand er plötzlich kreuzfidel neben mir und hörte dem erschrockenen Fahrer aufmerksam zu. Ich denke, ich habe bei dieser positiven Überraschung genauso blöd aus der Wäsche geschaut wie der Fahrer.

Wir überredeten den Afrikaner, zu warten, bis die Polizei eintraf. Dies war nicht einfach, da er zwar deutsch sprach, aber trotzdem nicht verstand, warum der arme Fahrer total durch den Wind war. „Alles ok, alles ok! Ich geh in Stadt.“.

Währenddessen kam die Angestellte zum Feierabend die Auffahrt herunter und ließ sich von mir über alles aufklären. Sie ging nochmals zurück und holte Wasser für uns drei. Dann kam die Polizei. Die Polizei, das waren zwei Beamte mittleren Alters, kannte das vermeindliche Opfer bereits und befragte ihn zum Hergang des Geschehens. Dem Fahrer wurde versichert, dass er wegen nichts belangt werden konnte und sich keine Sorgen mehr machen musste.

Dann traten die Beamten auf mich zu. Sie erklärten mir, wo der Afrikaner seine Unterkunft hatte. Dann stiegen sie ins Auto ein und befahlen mir, den Mann gut nach Hause zu bringen. Mein Freund und Helfer fuhr einfach davon. What!? Das verstößt gegen die Regeln, meine Herren!

Der Afrikaner wollte partout nicht heim und mir war es ehrlich gesagt auch egal, da er wieder fit zu sein schien und ich derjenige war, der gerne heimwärts begleitet worden wäre. Also ging er weiter in die Stadt und ich begleitete ihn, bis sich unsere Wege trennten… Um auf dem langen Weg nicht einzuschlafen, rief ich mir immer wieder das verantwortungslose und regelwidrige Verhalten der Polizei in den Kopf. Sauerei, nicht wahr?



Die Strumpfhose
Februar 21, 2012, 4:31 pm
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Diese Geschichte handelt von einem Mädchen, welches sich in der Welt der Erwachsenen zurechtfinden muss, weil es nur noch eine kranke und schwache Mutter hat, die nicht mehr vor die Tür gehen kann. Also geht das Mädchen die Dinge erledigen, die so anfallen. Dabei erlebt sie den Ernst und die Zweckgerichtetheit der Erwachsenen.

Einmal muss sie für die Mutter eine neue Strumpfhose kaufen. Denn die Mutter hat einen alten Bekannten, der eine exquisite Damenboutique in der Innenstadt betreibt und immer die besten Strumphosen auf Lager hat. Kein „Zweimal-getragen-und-schon-sind-Laufmaschen-drinn“ -Scheiß. Gute Ware. Zwar nicht billig, aber auf Zeit rechnet sich der Kauf eben doch.

Die Mutter sagt ihr, welchen Bus sie nehmen und wohin sie gehen muss. Das Mädchen war aber schon einmal dort. Mit der Mutter, als diese noch gut auf den Beinen war. Aber die Mama macht sich eben Sorgen. Und sie ist unendlich dankbar und weiß um die Schwierigkeiten, die sie ihrer Tochter bereitet. Nun geht die Tochter also aus dem Haus und zur Bushaltestelle.

Auf dem Weg, den sie verantwortungsbewusst schnell und direkt geht, trifft sie eine Klassenkammeradin. Diese erzählt ihr, dass sie und andere Mädels spielen gehen werden. Eine Freundin habe ein Barbie-Haus geschenkt bekommen und sie hat auch voll viele Puppen und Zubehör. Es wird bestimmt viel Spaß machen. Das Mädchen aber weiß, dass sich die Mutter Sorgen machen würde, wäre sie nicht in einer halben Stunde wieder zuhause. Sie atmet einmal durch, erhebt den Kopf und sagt, dass es ihr leid täte, aber sie könne nicht mitkommen. Die Schulfreundin geht ohne sie weiter.

Das Mädchen kommt zur Bushaltestelle. Sie wartet ein paar Minuten. Kein Bus. Jetzt wartet sie noch einmal ein paar Minuten. Sie ist schon etwas ungeduldig und streckt den Kopf immer wieder in die Richtung, aus der der Bus kommen sollte. Aber es kommt kein Bus. Da kommt ein älterer Herr und fragt sie, auf welchen Bus sie warten würde. Das Mädchen antwortet mit der Liniennummer und der Uhrzeit, zu der der Bus kommen sollte. Der Mann schaut auf seine Uhr und zieht mitfühlend die Mundwinkel nach unten. Der Bus ist schon weg, es ist schon zehn Minuten später.

Das Mädchen merkt, dass es wohl zu lange mit der Schulfreundin gesprochen hat. Sie bekommt ein schlechtes Gewissen. Sie will nicht ohne Strumpfhose nach Hause kommen. Die arme Mutter hat ein großes Loch in der Verse der alten. Aber sie will auch nicht zu spät nach hause kommen. Mit dem Zeigefinger an der Unterlippe denkt sie nach. Der nächste Bus kommt laut Plan erst in 25 Minuten. Der Weg in die Stadt dauert zu Fuß ungefähr 15 Minuten. Sie denkt, wenn sie zu Fuß gehen würde, dann wäre sie auf jeden Fall schneller in der Stadt. Und dann könnte sie immernoch sehen, wann der Bus von dort zurück fährt. Eine durchweg logische Idee, die nur dem Faulen unlogisch erscheint. Sie will aber nicht faul sein, weil ihr der spätere Ärger bei der Mutter und das Ausredensuchen schwieriger scheinen, als der Fußweg in die Stadt. So läuft sie also schnellen Schrittes davon in Richtung Stadt.

Auf der Straße sieht sie einen kleinen roten Ball. Er liegt an der Kante des Bordsteins. Er muss wohl schon länger dort liegen, denn er ist schmutzig vom Staub den das Regenwasser auf ihn geschwemmt hat. Das Mädchen steigt auf die Straße, natürlich nicht, ohne zuvor nach rechts und links geschaut zu haben, so wie es ihr die Mutter bei früheren gemeinsamen Spaziergängen gesagt hatte. Das Mädchen nimmt den Ball und trippelt ihn ein paar Mal auf den Boden. Er springt super! Sie schaut sich noch einmal um, dann geht sie mit dem Ball trippelnd weiter.

Plötzlich schreit ihr eine aufgebrachte Stimme hinterher, sie solle den Ball sofort wieder zurück geben. Das Mädchen dreht sich herum und sieht eine Frau, die mit den Händen an der Hüfte und einem hochroten Kopf vor einem Gartentürchen steht und sie mit bösen Blicken mustert. Das Mädchen ist erschrocken und will die Situation erklären, aber die Frau strotzt nur so von Ungeduld und eilt auf das Mädchen zu. Sie packt ihren Arm, geift sie an und zieht sie mit sich mit. Unser Mädchen weiß gar nicht, wie ihr geschieht. Sie ist zu schwach um sich loszureißen. Und sie ist zu erschrocken um vernünftig zu reden. Die Frau geift weiter. Ihr Kopf sieht fast so aus, wie der kleine rote Ball, nur eben größer. Und mit Haaren dran. Sie sprüht, sie werde jetzt die Eltern informieren, was das kleine Mädchen doch für eine unartige Diebin sei.

Jetzt bekommt die kleine Angst. Ihre Mutter wäre unheimlich enttäuscht von ihr. Außerdem würde so doch herauskommen, dass sie nicht schnurstraks zum Bus ging, sondern noch geplaudert hatte. Ohne zu wissen warum, lässt sie den Ball einfach fallen und schreit. Aber es musste sein. Die Frau hält endlich still. Sie dreht sich erschrocken zu dem Mädchen, dann schaut sie sich um. Ein Nachbar ist auf sie aufmerksam geworden. Er sieht zu ihnen herüber. Die Frau bemerkt ihre Hand am Arm des Mädchens. Ihre gewaltvolle Reaktion auf die Tat. Sie lässt den Arm los. Das Mädchen, verängstigt und verwirrt, rennt so schnell sie kann davon. Sie rennt und rennt und schlägt den Weg in die Seitenstraße ein, der sich nach rechts eröffnet. Sie blickt nach hinten und sieht, dass ihr niemand gefolgt ist.

Sie rennt in den Eingang eines Mehrfamilienhauses und drückt sich an die Wand. Dann bricht es aus ihr heraus. Sie weint. Ihre Knie werden schwach und sie sackt zusammen auf den Boden. Dort kauert sie und weint. Die Zeit vergeht, aber die Zeit ist dem Mädchen nicht mehr wichtig. Sie fühlt eine große Ungerechtigkeit. Sie wollte nichts und niemandem etwas Böses. Aber sie werde diejenige sein, die für alles verantwortlich gemacht werden würde. Sie hat Angst vor der Mutter. Obwohl diese Angst sicherlich größtenteils unbegründet ist. Aber sie kann ihrer Mutter nicht in die Augen schauen, ohne die Strumpfhose zu haben.

Die Strumpfhose! Jetzt fällt dem Mädchen plötzlich wieder ein, was sie eigendlich wollte. Sie entdeckt eine Uhr im Treppengeschoss des Hauses. Zum Glück konnte sie seit einem halben Jahr die Zeiger einer Uhr lesen. Pech war nur, dass es schon viel zu spät war. Ihre Mutter würde sich auf jeden Fall schon große Sorgen machen. Wenn sie nun noch in die Stadt gehen würde, dann wäre sie sicher nicht vor Einbruch der Dunkelheit zuhause. Und das wäre das Schlimmste. Für ihre Mutter und auch für sie, weil sie Angst im Dunkeln bekam.

Also fasst sie eine sehr mutige Entscheidung. Sie wird heimgehen und ihrer Mutter sagen, dass sie den Bus verpasste, weil sie geschlendert hat. Und dass sie einfach so einen Ball genommen hat, von dem sie nicht wusste, wem er gehörte. Sie würde dafür morgen sofort nach den Schularbeiten losgehen. Kein Spielen, nichts! Sofort! Und für heute Abend würde sie der Mutter eine Strumpfhose von ihr anbieten. Auch wenn sie der Mutter vielleicht zu klein wären, aber man kann es ja probieren.

In Gedanken versunken bemerkt sie nun beinahe nicht, wie ein Mann den Hausflur betritt. Er schaut das kleine Mädchen an und nennt sie beim Namen. Julia. Sie schaut zu ihm und erkennt ihn als den Boutiquenbesitzer. Er weiß noch, wer sie ist, weil ihre Mutter schließlich eine treue Kundin war. Und weil er ein wenig überrascht ist, beugt er sich herunter und fragt, warum sie denn hier sei. Julia erzählt ihm die Geschichte. Alles. Von der Verspätung zum Bus, bis zum Ball und wie sie hier ins Haus gekommen ist. Auch, dass sie nun heimgehen wolle und erst morgen die Strumpfhose kaufen könne. Der Boutiquen-Besitzer streichelt ihr den Kopf und lächelt sie an. Er sagt, er habe eine große Überraschung für sie. Er werde jetzt mit ihr zur Boutique zurückfahren, eine der Strumpfhosen holen, die ihre Mutter bevorzugt und sie dann nach hause bringen. Das Mädchen freut sich wie eine Schneekönigin.

Und so, wie es der Mann versprochen hatte, geschieht es denn auch. Er parkt sogar direkt vor dem Geschäft, springt schnell hinein und kommt mit gleich zwei Packungen der feinsten Strumpfhosen wieder zurück. Der Mann gibt sie dem kleinen Mädchen, das sie ergreift und in den Schoß legt. Behütet wie einen kleinen Schatz. Jetzt strahlt ihr Gesicht vor Freude und Glück. Ihre kleinen Augen scheinen noch heller zu sein als die Scheinwerfer des Autos, welches seine Fahrt in der Dämmerung fortsetzt. Bei dem Mädchen zuhause angekommen will sie ihm das Geld geben, aber der Mann winkt ab und sagt, dass sie die Strumpfhosen als Geschenk bekommt. Und er kommt sogar noch mit an die Tür, um der Mutter zu erklären, wie das tapfere Mädchen alles richtig gemacht hatte. So endet also die Geschichte.



Tag Cloud

Neulich war ich auf einer Vernissage. So ein Treffen von In-Hippster-Hippies, die sich angeregt über AlkoholArt unterhielten. Glücklicherweise gab es neben „Kunst“ auch hiebfesten Alkohol. Nice. Wie es so meine Art ist, brauch ich im Suff Action, sonst schlaf ich ein oder mach selbst Action. Damit wollte ich die Leute nicht belästigen.

Draußen war es schon dunkel, aber eine Passantin auf dem Gehweg leuchtete so hell, dass ich nur noch Augen für sie hatte – ihre Augen, ihr Mund, ihr Hubba-Bubba platzte, „blog“ – und beinahe vor einen Bus gestolpert wäre.

Im Deutsch der Vernisage-Gäste wäre der Unfall dann vielleicht eine „Erfahrung“ gewesen – ganz wertungsfrei, aber immer in Erinnerung an den fatalen Fehler, den man begehen kann, wenn man einer besonderen Frau hinterherschaut.

Frauen„, sagte ein Freund einmal, „können schlechte Freunde sein.“. Bei diesem Gedanken musste ich kurz lächeln, denn da fiel mir eine Geschichte ein: Sie war das Glück meiner Jugend und aus irgendeinem Grund hielt sie beim Schulausflug ins Museum plötzlich meine Hand. In meiner Hilflosigkeit verhielt ich mich wie ein Freund. Lange ist es her, wir waren ja fast noch Kinder ohne Hintergedanken im Kopf und so wurden wir gute Freunde für’s Leben – nicht nur für die Liebe… Andere Geschichte.

Die Frau, die mir aber gerade fast das Leben genommen hatte, war mit Sicherheit keine Freundin – Devil in Disguise. Wie als hätte sie meinen beinahe Unfall genossen, zogen ihre zarten Lippen ein erregtes Lächeln hervor.

„Ja Lady, ich bin ein Mann und in erster Linie ein Mensch! Und es ist nicht cool, wenn Menschen wegen dir vom Bus überfahren werden.“. Das dachte ich mir zumindest bei meinem zögerlichen Weiterweg über die dunkle Straße.

Vor meiner Stammkneipe begegnete ich einem ehemaligen Mitarbeiter und wir rauchten noch schnell eine vor der Spelunke. Üble Spelunke. Von drinnen drang Live Musik an unsere Ohren. Also zogen wir die Zigaretten schnell runter und stürmten den Event.

Jetzt wird meine Erinnerung leider etwas lückenhaft, aber alles, was es nicht in die Top Ten geschafft hat, war sowieso nicht merkenswert. Das nenne ich Alkohol-Art!

Wir waren Backstage mit der Band und ich erzählte Gina (Bass) die Geschichte, wie ich beinahe Musiker geworden wäre. Sie erzählte auch viel und wir redeten die ganze Nacht. Um halb vier trennten sich unsere Wege und sie gab mir noch ihren Namen, ihre Nummer und ein Bier aus. Frauen können auch gute Freunde sein.

Der Morgen war im Anbruch und ich entschied mich für einen Spaziergang durch den Park. Volltrunken und happy beschloss ich, mich der Natur von meiner schönsten Seite zu zeigen – ich entblößte meinen alkoholgetränkten Körper und zog in aller Ruhe durch die Wildnis. Tarzan, der König des Urwalds, Janes Nummer im Gepäck und Cheetah im Kopf. Ua-a-a-ah!

Wie ich das Schicksal forderte, ging es mir am nächsten Tag natürlich nicht sonderlich. Und wieder einmal entging mir der Sinn an all dem Partygetue. Bin ich etwa Teil eines Systems, dass jeden Tag mit dem Tod rechnet und deshalb alles ausschöpft, bis ans absolute Limit – vor Geilheit ja sogar beinahe bis in den Verkehrsunfalltod? Wo bleibt die Vernunft!?

Von soviel gedanklicher Anstrengung überfordert, entschied ich mich für ein Video. Beim anschauen schlief ich ein und träumte ich wäre in einem Wald unter Wasser. Wie ein Fisch konnte ich durch die Bäume schwimmen, in ihnen verweilen und das saftige Moos vom Boden graßen.

Ein lautes Brummen riss mich gewaltig vom Moosboden weg, zurück in die reale Welt. Meine Türklingel! Ich rannte total benommen zur Tür und öffnete sie. „Hallo, ich bin ihre neue Nachbarin.“!

„Gina!?“, sagte ich. Es war Gina (Bass) von der Band. Hinter ihr mühte sich ein älterer Herr mit einem Bettpfosten die Treppe hoch. Sie war gerade dabei einzuziehen. Ich half ihr und ihren Eltern, die restlichen Möbel in die Wohnung zu bringen. Drei Stockwerke!

Für den Abend lud sie mich zu einem Bier ein und wir verbrachten wieder viel Zeit miteinander. Was für ein Zufall, nicht war!?

Ja so war das mit der Tag Cloud (siehe links; Stand: 20.2.2012)…



MP3-Spieler???

Vor ein paar Tagen war ich zu Gast in einem großen planetaren Elektro-Discounter, um mit einem Freund Lautsprecher für seinen PC zu kaufen.

Während er die Auswahl begutachtete, machte ich mich auf die Suche nach Abspielgeräten für MP3-Musik. Jetzt sind diese Discounter ja so rießig und verfügen über ein so breites Angebot, dass ich mir den Suchaufwand sparen und einen der kompetenten Verkaufsraummitarbeiter nach dem direkten Weg fragen wollte.

Gesagt getan ging ich zum Erstbesten hin und stellte ihn mit einem freundlichen „Entschuldigung, können Sie mir kurz sagen, wo ich MP3-Spieler finden kann“ zu Rede und Antwort. Der Mann war sofort bereit dazu, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. Jedoch bemerkte ich schon an einem Blick in seine knopfrunden Augen, dass sich bei meiner Anfrage nur ein Vakuum in seinem Kopf bildete.

Also wiederholte ich schnell meine Frage, um peinliche Stille und eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: „Wo sind denn die MP3-Spieler?“. Weiterhin verdutzt dreinblickend wiederholte er bruchstücksweise meine Anfrage: „MP3-Spieler?“. Woraufhin ich das Niveau unserer Konversation hielt, indem ich sagte: „Ja! MP3-Spieler.“ Sein Blick wurde jedoch keineswegs klarer. Seine Hände wurden feucht und sein Kopf begann, sich hilflos im Verkaufsraum zu orientieren. Ich wiederholte also nochmals das Schlagwort, in der Hoffnung, dass ihm dann die Erinnerung an diese kleinen, mysteriösen Geräte zum Abspielen von MP3-Dateien kommen würde.

Doch von Mal zu Mal schien er ahnungsloser. Was war los? Hatte ich etwa das unheimliche Glück, an einen Mitarbeiter zu geraten, der die letzten zehn Jahre verschlafen und die rasante Entwicklung auf dem Portable-Entertainment-Markt versäumt hatte? Aus reiner Selbstbescheidenheit heraus, begann ich den Fehler bei mir zu suchen. Und siehe da: Was, wenn ich das falsche Vokabular benutzt hatte? Sollte ich besser nach einem „MP3-Player“ fragen?

Also tat ich, wie mir mein Zweifel befahl und wiederholte die ganze Ansage noch einmal, dieses Mal aber, mit der englischen Bezeichnung für MP3-Spieler. Und siehe da, der überforderte Mitarbeiter begann sich zu beruhigen, sammelte sich und gab mir mit gestrecktem Zeigefinger und einem typisch überheblichen Verkäufer-Lächeln die Antwort: „Da hinten, gleich neben den Videokammeras!“.

Ich lies ihm den Triumpf und begab mich zu besagter Stelle, während er sich wieder, wie als wäre nichts geschehen, der stupiden Arbeit des Regaleeinräumens widmete. So lernte ich an diesem Tag im Elektro-Fach-Discounter zwei Dinge: A) Sender und Empfänger bedürfen des gleichen Codes und 2. Englisch sprechen und verstehen sind zweierlei Dinge und last-but-not-least IV. Der Service solcher Discounter ist, wie immer, nett, allumfassend und allwissend, wenn da nur die dumme Kundschaft nicht wäre.