mal sehen


Freunde verlieren
Oktober 8, 2012, 6:36 pm
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Manchmal verliert man Freunde ganz schlagartig, manchmal durch schrittweise Entfremdung. Beide Male ist es ein Verlust. Der plötzliche, ungeahnte Verlust ist schwer, weil von einem Moment auf den anderen alles Weg ist. Bei einer langsamen Entfremdung kann man quasi beobachten, wie es zerbröckelt.

Entweder steuert man dann dagegen oder man nimmt es hin. Das kommt ganz darauf an, wie wichtig einem diese Freundschaft ist. Freundschaften muss man pflegen, wie man so schön sagt. Und wenn die Motivation zur Pflege fehlt, dann stellt die Entfremdung keine wirkliche Last dar.

Beide Verlustmöglichkeiten sind Gang und Gäbe im Leben eines Menschen. Freunde kommen, Freunde gehen. Aber die, die man mal mochte, werden einem in Erinnerung bleiben. Die, die man nicht mochte, waren ohnehin nie richtige Freunde…

C’est la vie!



Sommerbrezel Macht Mir Ein Hochgefühl

Gerade gehe ich mit Taschen voller Gummibärchen und einem Golfschläger – ein Neunereisen – inkl. Ball und einem gemütlichen Cross-Golfgame durch die Nacht. Deutschland hat verloren, mir egal, hab eh nur drei Bier getrunken… Ich genieße den Abend und ich genieße es, allein genießen zu können. In der schwülen Sommernacht den Hauch der Geborgenheit zu spüren und mich von der warmen Luft gehn Himmel drücken zu lassen. Das Wetterleuchten zeigt mir den Weg zum Loch, indem es meine Umwelt in weiß umrissene Schatten taucht.

Zwei umtriebige Katzen tümmeln sich im Dunst der glänzenden Nacht. Sie tapsen den Ball über das Grün und machen mein eigentlich perfektes Spiel interessanter. Zuerst ein Schnurren, dann ein Fauchen und dann verschwinden sie wieder im Gebüsch. Mein Ball jedoch landet zwischen Bordstein und Opel. Ich habe und nehme mir die Freiheit, hebe ihn auf und stecke ihn in meine Tasche, bevor noch etwas zu Bruch geht. Zuhause angelangt, nehme ich den Ball aus der Tasche und suche ein geeignetes Plätzchen, wohin ich ihn rollfrei legen kann, während die feucht-warme Luft durch das Zimmer schwappt. Meine Haut fängt sie auf, wie die klebrige Fliegenfalle ein Insekt.

Ich habe einen sicheren Platz für den Ball gefunden. Ein Becher, in dem mir vor zwei Wochen, von einer Zirkusartistin ein Schwarztee gereicht wurde. Der Ball passt optimal hinein und kann so auch nicht davon rollen. Auf dem Becher steht mit Filzstift geschrieben: „Aus der Luft gegriffen – einfach so, weil es so schön ist“. Niemand ist da, der meine Geschichte hören kann, aber mir ist es der Moment einfach wert, ihn zu teilen und festzuhalten. Weil ich das Leben spüren kann – einfach so, weil es so schön ist.



Im Himmel

Ich wache auf und atme tief durch. Mein Blick schweift über saftig grüne Baumkronen. Ich liege auf weichem Waldboden. Die Vögel zwitschern und die Sonne blinzelt durch die Wipfel. Zwei Männer kommen auf mich zu.

„Willkommen Junge.“
„Wo bin ich?“
„Im Himmel. Willkommen im Himmel.“
„Ja. Hallo.“
„Möchtest du jemanden sehen Junge?“
„Ist das ein Witz?“
„Nein. Wenn du jemanden sehen möchtest, sag es einfach Junge.“
„Jetzt nicht, danke.“

Die beiden helfen mir auf die Beine. Sie lächeln die ganze Zeit. Mein Gott wie schlecht ist das!? Sie wollen mir sagen, ich wäre gerade aus dem Leben geschieden und lächeln dabei wie zwei Schuljungen am letzten Tag vor den Ferien. Soll ich das etwa glauben? Die beiden lassen mich einfach so im Wald stehen. Sie gehen und reden und lachen. Hier stehe ich nun… Ist das ein Traum? Ich höre Stimmen. Oh Gott! Eine Gruppe alter Menschen kommt singend und tanzend durch den Wald gesprungen.

„Ist das ein Traum?“
„Haha. Willkommen im Himmel Junge.“

Sie schlängeln sich durch die Bäume hinweg in die Ferne. Ein kleines Kind rennt an mir vorbei. Ist das ein Traum? Ich spüre den Waldboden unter meinen Füßen. Ich rieche den Duft der Bäume. Es tut weh, wenn ich mich kneife. Wenn ich gegen einen Baum spucke, tropft der Speichel davon herunter. Noch ein kleines Kind rennt vorbei.

„Hey Kleiner! Wie komme ich aus dem Wald?“
„Da drüben ist der Weg.“

Ich weiß nicht, wer mich hier verarschen will, aber das muss irgendwo ein Ende haben. Man kann ja unmöglich die ganze Welt dazu bringen, mich zu verarschen. Auch die Truman Show hatte ihre Grenze.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich gegangen bin, aber jetzt stehe ich auf einer Kreuzung. Es gibt einen Wegweiser, auf dem sechs Schilder angebracht sind, die auf sechs Wege in sechs verschiedene Richtungen weisen: Meer, Savanne, Steppe/Wüste, Gebirge, Tundra/Eis, Grasland. Na das erinnert mich doch zu sehr an den Erdkundeunterricht. Wollen wir doch mal sehen, ob sie es geschafft haben, gleich nach dem sommerlich grünen Wald eine winterlich öde Eislandschaft hinzuzaubern! Nach nur wenigen Schritten sehe ich vor mir das Ende der Baumreien. Dahinter ist es weiß. Schneeweiß.

Ich stehe mitten im Schnee. Einen Schritt zurück und ich stehe wieder im Wald. Wahnsinn! Aber der Schnee kann nicht echt sein. Mir ist nicht kalt. Ich empfinde noch die gleiche Temperatur wie im Wald. Egal ob ich nach links oder rechts schaue, die Grenze zwischen Wald und Schnee zieht sich endlos. Optische Tricks. Irgendwo muss das Ende sein. Eine Frau kommt auf mich zu. Ihren Augen nach, scheint sie asiatisch zu sein.

„Hallo Junge. Kommst du mit?“
„Wohin gehen wir?“
„Komm mit.“

Ich kann nicht sagen, wie lange ich mittlerweile schon hier bin. Aber ich habe alle Landschaften besucht. Ich war im Schnee und danach in der Wüste. Sie grenzen haarscharf und endlos aneinander. Danach bin ich zurück und durch den Schnee in den Wald und dann ans Meer. Vom Meer aus bin ich wieder in den Schnee, dieses mal aber ohne den Wald zu durchqueren. Als ich im Gebirge war, bin ich auf den höchsten Berg gestiegen. Ich war dort oben und habe das Ende des Gebirges gesucht, aber ich konnte es nirgends entdecken. Wenn ich querfeldein gehe, scheinen die Landschaften endlos zu sein. Wünsche ich mir jedoch, zurück auf den Weg zu kommen, dauert es keine 500 Schritte und ich stehe wieder auf einer Kreuzung. Von dort aus wiederum sind es keine 2000 Schritte und ich bin an der Grenze zweier Landschaften angelangt. Jede Landschaft scheint an jede andere zu grenzen, aber eine Verbindung existiert nur über den Weg. Das ist kein Trick und kein Traum.

Ich bin tot. Ich werde nicht mehr müde und ich habe keinen Hunger mehr. Ich kann essen was ich will. Ich kann von hohen Felsen auf den Boden springen, unter Wasser atmen – ich bin der Highlander. Der Unterschied zum Film ist, hier gibt es nicht nur einen einzigen, hier gibt es unendlich viele Unsterbliche – beziehungsweise Tote. Und alle scheinen glücklich zu sein. Sie reden miteinander und lächeln die ganze Zeit. Niemand pisst einander an und keiner wird wütend. Wenn ich die Menschen anspreche und ihnen Fragen stelle, dann sagen sie immer wieder das Gleiche: „Das ist der Himmel Junge. Hier hat man keine Sorgen.“.

Letztendlich habe ich mich für das Meer entschieden, weil ich das Meer liebe. Es beruhigt mich. Ich liege am Strand und gehe schwimmen. Ich schaue den Frauen zu, wie sie sich ohne Bekleidung in die mächtigen Wellen stürzen, vom Wasser verschluckt werden und nach wenigen Momenten lachend wieder auftauchen. Ich flirte mit ihnen und verliebe mich so oft. Aber bis jetzt hat sich noch keine wirklich auf mich eingelassen. Sie lächeln nur. Sie plaudern belangloses Zeug. Wenn ich sie streichle, streicheln sie mich auch. Dann stehen sie auf und gehen und wünschen mir einen wunderschönen Tag und lachen. Ich würde sie gerne küssen, aber sie lassen es nicht zu. Ich habe das Gefühl, sie weichen mir aus.

Wer weiß, wie lange ich schon hier bin… Ich habe meine Vorfahren getroffen. Sie scheinen alle so glücklich zu sein. Meine Oma versteht sich sogar wieder mit meiner Mutter, obwohl sie im Leben bis auf den Tod verstritten waren. Bis auf den Tod. Sagt man deshalb so? Ich habe mit alten Klassenkameraden gesprochen, die bei der Fahrt zurück von der Disko ums Leben kamen, weil der Fahrer mindestens so betrunken war, wie die anderen Insassen. Sie haben sich verziehen und lachen herzhaft, wenn sie an die alten Zeiten denken. Ich habe historische Persönlichkeiten getroffen, die allesamt glücklich und zufrieden waren. Ghandi wollte nichts mehr von Krieg und Indien wissen. Er sagte nur: „Junge mach dir keine Sorgen. Du bist im Himmel.“. Übrigens sprechen sie alle meine Sprache. Ich kann jeden treffen, an den ich denke, denn dann weiß ich, wo ich ihn finden kann. Natürlich habe ich Marilyn Monroe getroffen. Und all die anderen verstorbenen Schönheiten. Man könnte es sich hier so richtig gut gehen lassen, aber anscheinend bin ich der einzige, der noch menschliche Bedürfnisse hat. Ich zweifle oft, ob ich hier überhaupt sein sollte. Vielleicht war es ja auch nur ein bürokratischer Fehler. Vielleicht lebe ich noch, obwohl ich tot bin.

Seit einiger Zeit werde ich verfolgt. Ein alter Mann. Ich lasse es mir nicht anmerken, dass ich ihn entdeckt habe. Ich warte bis er mich aus den Augen lässt, dann schleiche ich mich von hinten an ihn heran.

„Hallo alter Mann!“
„Hallo Junge.“
„Warum verfolgst du mich?“
„Machst du dir Sorgen?“
„Ich – warum willst du das wissen alter Mann?“
„Komm mit Junge.“

Wir gehen in den Wald und verlassen dort den Weg.

„Wie heißt du Junge?“
„Markus. Und du?“
„Rea.“
„Rea?“
„Rea, ja Junge. Entschuldige, aber ich kann mir deinen Namen nicht merken. Ich habe aufgehört mir andere Namen zu merken.“
„Ok schon gut alter Mann, was willst du?“

Der alte Mann erzählt mir von seinen über 2000 Jahren im Himmel. Er erzählt mir von seinen ersten Tagen hier. Wie großartig alles war. Doch dann kam die Erkenntnis, dass es immer und immer so sein würde.

„Ja alter Mann. Alle sind glücklich. Immer! Hier gibt es eben keine Probleme.“
„Du hast es erfasst. Keine Probleme. Aber das Glück hier ist die reine Scheinheiligkeit. Das Schlimmste ist, dass du hier von Menschen angelächelt wirst, die hier nicht hergehören. Menschen, die viel Böses getan haben und dann doch noch zu Gott gefunden haben. Diebe, Betrüger, Kinderficker. Viele dieser gefickten Kinder sind nicht hier, weil sie im Leben keine Chance hatten, einen Glauben an das Gute zu finden. Verstehst du Junge? Hier ist alles so verdammt scheinheilig!“

Er erzählt mir, dass ich wie er einer der wenigen bin, die etwa alle eintausend Jahre mit einem genetischen Defekt auf die Welt kommen, der dazu führt, dass sie im Himmel noch immer die volle Bandbreite an Emotionen besitzen – dass sie nach dem Tod noch menschlich bleiben. Er erzählt mir von seiner großen Depression, die dazu führte, dass er die anderen anschrie und schlug. Aber sie lächelten weiter. Und er wurde plötzlich älter.

„Weil du die anderen geschlagen hast?“
„Ja Junge. Ich denke, dass war die Strafe. Als ich hier herkam, war ich so alt wie du. Dann habe ich auf einen alten Mann eingeschlagen und plötzlich wurde ich ein alter Mann!“
„Wer macht das? Gott?
„Ich weiß es nicht, aber pass auf dich auf Junge. Er wird dich nicht sterben lassen. Wenn dann schickt er dich in die Hölle.

Wir unterhalten uns noch sehr lange. Dann zieht er weiter. Er sagt, ich könne ihn oben in den Bergen finden. Er lebt dort alleine. So wie alle anderen auch, die denselben genetischen Defekt haben.

Im Himmel ist alles gut. Alle sind glücklich. Grundlos glücklich. Es gibt keine Anstrengung auf die Belohnung wartet. Es gibt keine Probleme, die zur Zufriedenheit gelöst werden können. Es gibt keine Furcht, die durch Geborgenheit bekämpft werden könnte. Es gibt keine gebrochenen Herzen, weil kein Herz mehr erobert werden kann. Es gibt keinen Hass, weil Liebe die Selbstverständlichkeit ist. Für manche ist das der Himmel. Für mich ist es die Hölle. Und ich warte bis in alle Ewigkeit in meinem Versteck tief unten im Meer.