mal sehen


Der Zaunkönig

Vor vielen Jahren bin ich mit einem Freund vom Skaten nach hause gegangen. Es ging einen langen Berg hoch und so konnten wir nicht rollen. Wären wir gerollt, hätten wir vermutlich nicht gehört, wie jemand leise nach Hilfe gerufen hatte. Aber da wir es hören konnten, blieben wir stehen und schauten uns um. Rechts von uns die Straße, die sich als Allee einen halben Kilometer den Berg hinaufzog. Links von uns Wohnhäuser mit großzügigen Abständen und Gärten. Auf der anderen Seite der Straße der Stadtwald.

Allerdings kamen die Rufe eindeutig von der linken Seite, so dass wir den Wald ausschlossen und uns die Häuser genauer anschauten. Zwischen zwei Grundstücken war ein ungefähr zwei Meter tiefer Graben, den wir von unserer Position nur schwer einschauen konnten. Also gingen wir dorthin und entdeckten die Quelle der Hilferufe. An der tiefsten Stelle des Grabens lag ein Mann auf dem Boden.

Der Mann steckte mit einem Bein in einer Masche des Grundstückzauns fest und konnte sich nicht befreien. Obendrein hatte er die Hosen unten. Und zwar alle! Wir stiegen leicht amüsiert zu ihm herab und begutachteten die Situation aus der Nähe. Der Mann – ein betrunkener Obdachloser – erklärte uns, dass er hier hinunter gestiegen sei, um sich zu erleichtern. Dabei sei er ausgerutscht und mit dem Fuß in den Zaun geraten. Im Liegen hat er sich dann auch erleichtert, was die Sache für uns nicht angenehmer machte.

Zu zweit schafften wir es, den Mann aus dem Zaun zu befreien. Er war unheimlich dankbar und wollte uns umarmen, was wir jedoch nicht so cool fanden und es bei einem Händedruck beließen. Als wir den Graben nach oben stiegen, kam auch schon die Polizei angefahren. Ein Anwohner, der die Hilferufe ebenfalls hörte, rief die Beamten herbei, um sich wieder beruhigt seinem Fußballspiel im Fernsehen widmen zu können.

Die Polizisten nahmen die Personalien des Obdachlosen auf und verfrachteten ihn in den Streifenwagen. Bevor sie losfuhren, erzählten sie uns noch, dass sie ihn in ein Heim bringen würden, welches ganz in der Nähe unserer Wohnungen lag. Wir fragten deshalb, ob sie uns mitnehmen könnten, was sie aber aus versicherungsrechtlichen Gründen ablehnten. Wir mussten also noch rund zwanzig Minuten gehen und ausharren, bis wir endlich unsere Hände waschen und unsere Pfadfindertat in vollen Zügen genießen konnten.

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Freund und Helfer…

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir vor einigen Jahren passiert ist. Es war gut vier Uhr morgens und ich war ebenso gut mit Bier betankt. Am Ende meiner nächtlichen Tour besuchte ich noch eines dieser Lokale, die man nach vier nur noch über den Hintereingang betreten kann. Natürlich muss man dazu den Besitzer kennen, aber ich kenne eh jeden…

Mein Tunnelblick erfasste einige Gestalten, denen man besser nicht des Nachts begegnen möchte. Es waren die üblichen Alkis, Drogis und Crazys, die ich leider ebenso schon kannte. Wer Menschen liebt, scheut die heile Welt der wirklich Kranken. Aber nichts zum Thema „Heile Welt“ und deren Verlogenheit, da ich ja eine andere Geschichte erzählen möchte.

Nun, ich setzte mich an die Theke, plauderte mit Cheffe und seiner Angestellten und trank mein Feierabendbier. Nachdem mich die Müdigkeit dann doch überzeugt hatte, meinen anderthalbstündigen Abmarsch anzutreten, verabschiedete ich mich und ging nach draußen.

Ich muss kurz die Lage des Lokals beschreiben: Es befindet sich auf einer kleinen Anhöhe und ist direkt über eine steile und unüberschaubare Auffahrt mit der Hauptstraße verbunden. Ein Verkehrsspiegel ist zwar angebracht, aber selten in Benutzung… Zumindest könnte man das meinen, da an dieser Stelle immer wieder kleinere Unfälle passieren.

Mit lahmen Schritten ging ich also diese Auffahrt hinunter. Der Tag war bereits angebrochen und die Vögel zwitscherten energisch um die Wette: „ich bin der Vogelkönig, twiet twiet!“, „schnauze, ich bin der Vogelkönig, twiiiiet“ und so weiter. Als ich die Hauptstraße sehen konnte, bot sich mir ein Bild des Schreckens.

Ein Minivan mit Anhänger stand mitten auf der Straße, dahinter lag ein Mann auf dem Asphalt. Der Fahrer hatte eines dieser kabellosen Telefone in der Hand und redete aufgeregt hinein. Der regungslose Mann am Boden war ein stattbekannter Junky, der mich schon als Nazi, Hurensohn und was weiß ich beschimpft hat und aus Afrika stammt.

Ich scheue Unfälle, aber wenn man damit konfrontiert wird, muss man den Ekel überwinden und helfen. Also ging ich zu dem Afrikaner und schaute ihn an. Er blutete leicht an der Hand und am Kopf. Überwinde den Ekel! Ich beugte mich zu ihm runter um herauszufinden, ob er bei Bewusstsein war. Er atmete noch, aber er reagierte nicht auf mich.

Ich fürchtete das Schlimmste und da ich von Hans Meiser mit Horrorstories über innere Blutungen und Knochen- (Halswirbel-) brüchen indoktriniert wurde, wollte ich auf die Sanies warten, bevor ich womöglich noch etwas kaputt machen würde.

Derweil beendete der Fahrer sein Telefonat und kam zu mir. Er erklärte mir, dass der Afrikaner bereits auf dem Boden lag, als er mit dem Auto ankam. Wie als hätte dieser gehört, dass über ihn gesprochen wurde, stand er plötzlich kreuzfidel neben mir und hörte dem erschrockenen Fahrer aufmerksam zu. Ich denke, ich habe bei dieser positiven Überraschung genauso blöd aus der Wäsche geschaut wie der Fahrer.

Wir überredeten den Afrikaner, zu warten, bis die Polizei eintraf. Dies war nicht einfach, da er zwar deutsch sprach, aber trotzdem nicht verstand, warum der arme Fahrer total durch den Wind war. „Alles ok, alles ok! Ich geh in Stadt.“.

Währenddessen kam die Angestellte zum Feierabend die Auffahrt herunter und ließ sich von mir über alles aufklären. Sie ging nochmals zurück und holte Wasser für uns drei. Dann kam die Polizei. Die Polizei, das waren zwei Beamte mittleren Alters, kannte das vermeindliche Opfer bereits und befragte ihn zum Hergang des Geschehens. Dem Fahrer wurde versichert, dass er wegen nichts belangt werden konnte und sich keine Sorgen mehr machen musste.

Dann traten die Beamten auf mich zu. Sie erklärten mir, wo der Afrikaner seine Unterkunft hatte. Dann stiegen sie ins Auto ein und befahlen mir, den Mann gut nach Hause zu bringen. Mein Freund und Helfer fuhr einfach davon. What!? Das verstößt gegen die Regeln, meine Herren!

Der Afrikaner wollte partout nicht heim und mir war es ehrlich gesagt auch egal, da er wieder fit zu sein schien und ich derjenige war, der gerne heimwärts begleitet worden wäre. Also ging er weiter in die Stadt und ich begleitete ihn, bis sich unsere Wege trennten… Um auf dem langen Weg nicht einzuschlafen, rief ich mir immer wieder das verantwortungslose und regelwidrige Verhalten der Polizei in den Kopf. Sauerei, nicht wahr?