mal sehen


Heimlich, still und leise…

Als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war, hatte ich einen guten Freund, dessen Familie und er in einem winzigen, heruntergekommenen Häuschen direkt an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung wohnten. Der Vater war starker Alkoholiker, Raucher und Waffennarr. An der Wohnzimmerwand hiengen allerlei Revolver, Vorderlader, Säbel und andere Waffen. Ob die Mutter auch trank, weiß ich heute zwar nicht mehr, aber ich gehe davon aus. Sie war ruhig und zurückhaltend, aber immer sehr nett zu mir. Ich kann auch nicht mehr sagen, ob die Eltern gearbeitet hatten.

Ich wusste schon damals, dass diese Familie zu den Ärmeren gehörte und ich fühlte mich oft ein bisschen fehl am Platz, da ich mir wie ein „Großkotz“ vorkam. Wobei man dazu sagen muss, dass meine alleinerziehende Mutter uns drei Kinder zu Anfang auch nur mit Sozialhilfe durchbrachte. Vielleicht war es aber allein die Liebe, die sie uns gab, die mich im Gegensatz zu dieser Familie reich erscheinen ließ.

Insgesamt waren es drei Geschwister. Die älteste Tochter, mein Freund und der kleinste, ich denke sein Name war Dennis. Alle drei lagen ungefähr ein Jahr auseinander und der Jüngste war damals ungefähr vier Jahre alt. Ein quicklebendiges Kerlchen mit großem runden Kopf, blonden Haaren und einem wirklich sehr ansteckenden Lachen.

Eines Tages war ich also bei meinem Freund und wir spielten mit den Dackelwelpen, die im Wohnzimmer gehalten wurden und deren Geruch, vermischt mit Zigarettenrauch und dem fahlen Gestank von Alkohol das ganze Haus einnahm. Es war wohl ungefähr zwei Uhr, als der Jüngste nach Hause kam. Der Vater begann sofort zu schimpfen: „Wo kommst du jetzt her?“. „Vom Kindergarten.“, antwortete der Kleine. Die Stimmung fiel plötzlich wie von Geisterhand gedrückt bis unter den Boden, obwohl niemand der sonstigen Anwesenden seine Handlungen unterbrach oder sich dem Streit zuwandte. Der Vater lies nicht locker und so stellte es sich dann heraus, dass der Kleine nach dem Kindergarten noch mit einem türkischen Freund spielen war, was dem Vater besonders übel aufstieß, „Ich habe dir gesagt, nicht mit dem Türken!“.

Als dieses Geständnis unter Tränen endlich raus und die Temperatur im Wohnzimmer und den Körpern der Anwesenden auf Minusgrade gesunken war, zog der Vater einen Bambusstock hinter dem Sofa hervor und befahl meinem Freund, mit mir in den oberen Stock zu verschwinden. Wir gingen hinauf und wandten uns anderen Dingen zu.

Von unten drangen Schreie nach oben. Schmerzen, zugeführt mit einem Bambusstock. Weinen. Gebrüll. Weitere Schreie. Mein Freund spielte weiter. Ich erinnere mich nur noch, dass ich verstört war und nicht anders reagieren konnte wie er, indem auch ich einfach unberührt weiter spielte. Ich weiß, dass wir beide nur „spielten“ weiterzuspielen. Ich habe nie jemandem davon erzählt!

Viele Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass der Vater gestorben war. Heimlich, still und leise hat sich der dumme rassistische Sack der Verantwortung entzogen. Genauso heimlich, still und leise habe ich nach diesem Erlebnis den Kontakt zu meinem Freund abgebrochen. Es war zu viel für mich. Zu viel von dem, was mir Angst machte. Zu viel Hilflosigkeit. Zu viele Schuldgefühle. Weil ich wusste, dass es falsch war, aber nicht wusste, was ich zu tun hatte.

Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte es daheim erzählen sollen. Ich hätte es melden sollen! Es ist zu spät für eine Entschuldigung.

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