mal sehen


Guck-Augen

Gerade war ich auf dem Heimweg, als ich in einer Seitenstraße einer älteren Dame mit Krücken begegnete, die sich die Giebel der alten Fachwerkhäußer ansah und vor sich hin sprach. Ich blickte ebenfalls nach oben, um zu sehen, was sie betrachtete. Dann sagte sie: „Das ist schön!“. Ich blieb stehen und pflichtete ihr freundlich bei.

Natürlich begann die Dame daraufhin ein Gespräch mit mir. Natürlich deshalb, weil sie als älteres Semester nicht nur redebedürftig, sondern vor allem noch gewohnt daran war, mit ihren Mitmenschen in Kontakt zu treten. Schließlich sind MP3-Spieler und Kopfhörer erst neuere Erfindungen.

Das Gespräch begann über das schöne hölzerne Fachwerk und die Erker sowie die vielen Fenster, die man leider auch putzen müsse, wobei sie erklärte, dass dieser Aspekt eher fraulicher Natur sei. Sofort mussten wir beide lachen. Dann erzählte sie mir, dass sie nicht von hier sei und nur für drei Wochen in einem Pflegeheim in dieser Straße untergebracht war, bis es ihr besser gehen würde. Sie ist Jahrgang 1925, was mich überraschte, da sie bis auf ihre Krücken einen sehr agilen Eindruck hinterließ. Die habe sie wegen ihrem Wirbelsäulenkrebs. Brustkrebs hatte sie auch schon.

Sie erzählte mir von ihrem Heimatdorf, von ihrem Kater Felix und von ihrem, vor drei Jahren verstorbenen Mann, den sie Papa nannte. Außerdem von ihren vier Kindern und ihren Enkelkindern. Alles nicht sehr ausführlich, aber dass musste auch nicht sein und war mir ebenso recht… Ich hörte ihr aber gerne zu. Ich kann sogar sagen, wieviel Rente sie monatlich erhält und dass die Kasse den Heimaufenthalt bezahlt.

Nachdem sie mir etwas über ihr Leben erzählt hatte, fing sie wieder von den schönen Häußern an. Es mache sie glücklich, solche Häußer zu sehen. Keine grauen Betonklötze. Bunte, verzierte, mit verschiedenen Materialien gebaute Häußer. Die grauen Blöcke töteten die Fantasie. Aber der Mensch brauche Fantasie. Und der Mensch brauche offene Augen, um das Schöne in der Welt zu sehen. „Guck-Augen“ nannte sie diese. „Sie haben auch Guck-Augen“, sagte sie zu mir. Das sei sehr wichtig. Einfach nur seinen Weg zu gehen, ohne zu sehen, dass sei traurig.

Genauso wichtig sei Freude. Freude trägt man in sich. „Sie haben auch Freude in sich“, stellte sie wieder fest, „Freude kann man nicht kaufen und Glück kann man auch nicht kaufen. Die sind unbezahlbar! Geld ist nur dazu da, um zu kaufen, aber nicht um glücklich zu sein.“. Sie habe die Freude von ihrer Mutter geerbt, die habe viel Freude gehabt und gesungen und gepfiffen. Meine Freude hätte ich wohl auch von jemandem geerbt. Das sähe sie in meinen Augen, dass ich ein freundlicher Mensch sei, dass ich Freude am Leben habe. Freude halte am Leben. Außerdem sagte sie, dass der richtige Partner entscheident sei. Man solle jemanden lieben, der einen glücklich macht. „Mein Mann hat mich glücklich gemacht!“, sagte sie.

Sie muss es ja wissen, mit 87 Jahren, einer Brustkrebsoperation und einem tödlichen Wirbelsäulenkrebs. Weil ich selbst gerne pfeife, dafür sogar bekannt bin, bat ich sie, mir ein Lied vorzupfeifen. Sie pfiff ein Stück, dass sie von ihrer Mutter gelernt hatte und danach war sie sehr glücklich. Noch bevor ich sagen musste, dass mir die Zeit eilt, verabschiedete sie sich von mir und wünschte mir weiterhin alles Gute und viel Freude im Leben. Ich tat das Gleiche und bedankte mich, dann ging ich weiter und lächelte, ohne zu wissen, warum. Vielen Dank für dieses tolle Gespräch!

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Der höchste Baum
Mai 23, 2012, 12:49 am
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Ein Männchen ging durch den Wald,
es wurde sehr mutig und bald
bestieg es den niedrigsten Baum,
um einfach nach Ausschau zu schaun.

Das Männchen erblickte nicht viel,
es kannte noch nichtmal sein Ziel.
Drum stieg es hinab auf den Boden
und kratzte sich erstmal am Hoden.

Da kam dann ein Mädchen daher,
es zog ihn und sprach: „Bittesehr,
begleite mich doch nur ein Stück!“.
Nicht lange verweilte dies Glück.

Ein Männchen geht weiter des Wegs,
noch immer kein Ziel und doch stets
besteigt es den nächsthöchsten Baum,
um weiter nach Ausschau zu schaun…



Stück für Stück für Stück
Mai 21, 2012, 12:25 am
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Wenn ein Gedanke dich verzehrt,
wenn nur ein Bild den Blick verwährt,
wenn jedes Wort ein Ziel nur kennt
und dieses Ziel die Zukunft hemmt.

Dann mach dich endlich auf den Weg,
lass hinter dir, wo Zukunft fehlt,
nimm nicht mehr mit, was sich bewegt,
was sich mit deinem Geist vermählt.

Denn wenn du kennst, was in dir schwelt,
was dich verbrennt, von innen quält,
der sinnlos langsame Gedanke,
der Blick zurück ins schon Bekannte.

All das, was als Sorge bleibt,
gehört nicht dir, gehört befreit,
ist eben nicht der Zukunft wert
und keine Straße, die man teert.

Schau mit den Augen, rede viel,
genieß die Schönheit, nicht das Ziel,
dann kommt das Leben schnell zurück,
die Liebe Stück für Stück für Stück.



Im C. Bechstein Centrum

In einer verlassenen Gegend in einem Randbezirk meiner Stadt gibt es ein C. Bechstein Centrum. Bechstein ist ein deutscher Hersteller, welcher seit 1853 hochwertige Flügel und Pianos baut. Jetzt kenne ich mich mit diesen Instrumenten genauso wenig aus, wie ich sie spielen kann. Aber der Klang eines Klaviers kann mich durchaus verzaubern und ich habe Respekt vor denen, die ihre linke Hand unabhängig von der rechten bewegen können.

Ich war also gerade in dieser verlassenen Gegend unterwegs und fand mich plötzlich vor dem C. Bechstein Centrum. Durch die Glasfasade konnte ich die schönen Flügel und Pianos sehen. Ich trat so nahe an die kalte Scheibe heran, bis mein Atem daran kondensierte und lies meinen Blick über die Ausstellungsstücke schweifen. Um dem Fensterputzer einen Gefallen zu tun, hörte ich auf zu atmen. Aber als mir dann schwindelig wurde, beschloss ich in das Geschäft zu gehen.

Absolute Stille und keine Menschenseele. Ich bestaunte einen pechschwarzen Flügel und versuchte, die Technik und die Arbeit, die hinter diesem Stück steckt, zu verstehen. Von weit hinten aus dem großen Raum kam, wie aus dem Nichts, ein Mann auf mich zu und stellte sich mir vor. Ich reichte ihm meine Hand, nannte meinen Namen und erklärte ihm, dass ich keinerlei Ahnung von diesen Instrumenten habe und mich deshalb einfach nur allgemein dafür interessiere. Der freundliche Mann erkannte die Gunst der Stunde und bot mir zur Abwechslung seines einsamen Daseins an, etwas für mich auf einem Flügel vorzuspielen. Ich nahm das Angebot natürlich ebenso erfreut an. Wann erhält der deutsche Michel sonst mal wieder so eine Chance!?

Der Verkäufer setzte sich an einen großen Flügel, erklärte mir kurz die Eigenschaften des Instruments und begann dann ein Stück zu spielen. Ich denke, es war Chopin. Jedoch behielt ich meine unfachmännische Ahnung für mich und lauschte einfach nur den Klängen. Es war sehr entspannend. So stand ich also in der städtischen Einöde in einem C. Bechstein Centrum und genoss die Ruhe, welche durch die Harmonie der einzelnen Töne vollendet wurde. Mein eigener Pianist ergab sich dem Spiel mit seiner ganzen Leidenschaft. Für die Dauer des Stücks waren wir der Nabel der Welt.

Er beendete sein Spiel und es kehrte wieder die graue Ruhe der Einöde ein. Ich bedankte mich und gab ihm meine Hand zum Abschied. Dann entdeckte ich hinten im Raum eine weitere Angestellte, die in einem vom Ausstellungsraum abgetrennten Büro Schreibkram erledigte. Der Mann bedankte sich auch bei mir und gab mir noch einen Plan der Konzerte für das kommende Jahr mit, deren Besuch er mir herzlich empfahl. Dann drehten wir uns um, ich ging zum Ausgang und er zurück zu seiner Kollegin.