mal sehen


MP3-Spieler???

Vor ein paar Tagen war ich zu Gast in einem großen planetaren Elektro-Discounter, um mit einem Freund Lautsprecher für seinen PC zu kaufen.

Während er die Auswahl begutachtete, machte ich mich auf die Suche nach Abspielgeräten für MP3-Musik. Jetzt sind diese Discounter ja so rießig und verfügen über ein so breites Angebot, dass ich mir den Suchaufwand sparen und einen der kompetenten Verkaufsraummitarbeiter nach dem direkten Weg fragen wollte.

Gesagt getan ging ich zum Erstbesten hin und stellte ihn mit einem freundlichen „Entschuldigung, können Sie mir kurz sagen, wo ich MP3-Spieler finden kann“ zu Rede und Antwort. Der Mann war sofort bereit dazu, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. Jedoch bemerkte ich schon an einem Blick in seine knopfrunden Augen, dass sich bei meiner Anfrage nur ein Vakuum in seinem Kopf bildete.

Also wiederholte ich schnell meine Frage, um peinliche Stille und eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: „Wo sind denn die MP3-Spieler?“. Weiterhin verdutzt dreinblickend wiederholte er bruchstücksweise meine Anfrage: „MP3-Spieler?“. Woraufhin ich das Niveau unserer Konversation hielt, indem ich sagte: „Ja! MP3-Spieler.“ Sein Blick wurde jedoch keineswegs klarer. Seine Hände wurden feucht und sein Kopf begann, sich hilflos im Verkaufsraum zu orientieren. Ich wiederholte also nochmals das Schlagwort, in der Hoffnung, dass ihm dann die Erinnerung an diese kleinen, mysteriösen Geräte zum Abspielen von MP3-Dateien kommen würde.

Doch von Mal zu Mal schien er ahnungsloser. Was war los? Hatte ich etwa das unheimliche Glück, an einen Mitarbeiter zu geraten, der die letzten zehn Jahre verschlafen und die rasante Entwicklung auf dem Portable-Entertainment-Markt versäumt hatte? Aus reiner Selbstbescheidenheit heraus, begann ich den Fehler bei mir zu suchen. Und siehe da: Was, wenn ich das falsche Vokabular benutzt hatte? Sollte ich besser nach einem „MP3-Player“ fragen?

Also tat ich, wie mir mein Zweifel befahl und wiederholte die ganze Ansage noch einmal, dieses Mal aber, mit der englischen Bezeichnung für MP3-Spieler. Und siehe da, der überforderte Mitarbeiter begann sich zu beruhigen, sammelte sich und gab mir mit gestrecktem Zeigefinger und einem typisch überheblichen Verkäufer-Lächeln die Antwort: „Da hinten, gleich neben den Videokammeras!“.

Ich lies ihm den Triumpf und begab mich zu besagter Stelle, während er sich wieder, wie als wäre nichts geschehen, der stupiden Arbeit des Regaleeinräumens widmete. So lernte ich an diesem Tag im Elektro-Fach-Discounter zwei Dinge: A) Sender und Empfänger bedürfen des gleichen Codes und 2. Englisch sprechen und verstehen sind zweierlei Dinge und last-but-not-least IV. Der Service solcher Discounter ist, wie immer, nett, allumfassend und allwissend, wenn da nur die dumme Kundschaft nicht wäre.

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Im C. Bechstein Centrum

In einer verlassenen Gegend in einem Randbezirk meiner Stadt gibt es ein C. Bechstein Centrum. Bechstein ist ein deutscher Hersteller, welcher seit 1853 hochwertige Flügel und Pianos baut. Jetzt kenne ich mich mit diesen Instrumenten genauso wenig aus, wie ich sie spielen kann. Aber der Klang eines Klaviers kann mich durchaus verzaubern und ich habe Respekt vor denen, die ihre linke Hand unabhängig von der rechten bewegen können.

Ich war also gerade in dieser verlassenen Gegend unterwegs und fand mich plötzlich vor dem C. Bechstein Centrum. Durch die Glasfasade konnte ich die schönen Flügel und Pianos sehen. Ich trat so nahe an die kalte Scheibe heran, bis mein Atem daran kondensierte und lies meinen Blick über die Ausstellungsstücke schweifen. Um dem Fensterputzer einen Gefallen zu tun, hörte ich auf zu atmen. Aber als mir dann schwindelig wurde, beschloss ich in das Geschäft zu gehen.

Absolute Stille und keine Menschenseele. Ich bestaunte einen pechschwarzen Flügel und versuchte, die Technik und die Arbeit, die hinter diesem Stück steckt, zu verstehen. Von weit hinten aus dem großen Raum kam, wie aus dem Nichts, ein Mann auf mich zu und stellte sich mir vor. Ich reichte ihm meine Hand, nannte meinen Namen und erklärte ihm, dass ich keinerlei Ahnung von diesen Instrumenten habe und mich deshalb einfach nur allgemein dafür interessiere. Der freundliche Mann erkannte die Gunst der Stunde und bot mir zur Abwechslung seines einsamen Daseins an, etwas für mich auf einem Flügel vorzuspielen. Ich nahm das Angebot natürlich ebenso erfreut an. Wann erhält der deutsche Michel sonst mal wieder so eine Chance!?

Der Verkäufer setzte sich an einen großen Flügel, erklärte mir kurz die Eigenschaften des Instruments und begann dann ein Stück zu spielen. Ich denke, es war Chopin. Jedoch behielt ich meine unfachmännische Ahnung für mich und lauschte einfach nur den Klängen. Es war sehr entspannend. So stand ich also in der städtischen Einöde in einem C. Bechstein Centrum und genoss die Ruhe, welche durch die Harmonie der einzelnen Töne vollendet wurde. Mein eigener Pianist ergab sich dem Spiel mit seiner ganzen Leidenschaft. Für die Dauer des Stücks waren wir der Nabel der Welt.

Er beendete sein Spiel und es kehrte wieder die graue Ruhe der Einöde ein. Ich bedankte mich und gab ihm meine Hand zum Abschied. Dann entdeckte ich hinten im Raum eine weitere Angestellte, die in einem vom Ausstellungsraum abgetrennten Büro Schreibkram erledigte. Der Mann bedankte sich auch bei mir und gab mir noch einen Plan der Konzerte für das kommende Jahr mit, deren Besuch er mir herzlich empfahl. Dann drehten wir uns um, ich ging zum Ausgang und er zurück zu seiner Kollegin.