mal sehen


Der höchste Baum
Mai 23, 2012, 12:49 am
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Ein Männchen ging durch den Wald,
es wurde sehr mutig und bald
bestieg es den niedrigsten Baum,
um einfach nach Ausschau zu schaun.

Das Männchen erblickte nicht viel,
es kannte noch nichtmal sein Ziel.
Drum stieg es hinab auf den Boden
und kratzte sich erstmal am Hoden.

Da kam dann ein Mädchen daher,
es zog ihn und sprach: „Bittesehr,
begleite mich doch nur ein Stück!“.
Nicht lange verweilte dies Glück.

Ein Männchen geht weiter des Wegs,
noch immer kein Ziel und doch stets
besteigt es den nächsthöchsten Baum,
um weiter nach Ausschau zu schaun…

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Der Zaunkönig

Vor vielen Jahren bin ich mit einem Freund vom Skaten nach hause gegangen. Es ging einen langen Berg hoch und so konnten wir nicht rollen. Wären wir gerollt, hätten wir vermutlich nicht gehört, wie jemand leise nach Hilfe gerufen hatte. Aber da wir es hören konnten, blieben wir stehen und schauten uns um. Rechts von uns die Straße, die sich als Allee einen halben Kilometer den Berg hinaufzog. Links von uns Wohnhäuser mit großzügigen Abständen und Gärten. Auf der anderen Seite der Straße der Stadtwald.

Allerdings kamen die Rufe eindeutig von der linken Seite, so dass wir den Wald ausschlossen und uns die Häuser genauer anschauten. Zwischen zwei Grundstücken war ein ungefähr zwei Meter tiefer Graben, den wir von unserer Position nur schwer einschauen konnten. Also gingen wir dorthin und entdeckten die Quelle der Hilferufe. An der tiefsten Stelle des Grabens lag ein Mann auf dem Boden.

Der Mann steckte mit einem Bein in einer Masche des Grundstückzauns fest und konnte sich nicht befreien. Obendrein hatte er die Hosen unten. Und zwar alle! Wir stiegen leicht amüsiert zu ihm herab und begutachteten die Situation aus der Nähe. Der Mann – ein betrunkener Obdachloser – erklärte uns, dass er hier hinunter gestiegen sei, um sich zu erleichtern. Dabei sei er ausgerutscht und mit dem Fuß in den Zaun geraten. Im Liegen hat er sich dann auch erleichtert, was die Sache für uns nicht angenehmer machte.

Zu zweit schafften wir es, den Mann aus dem Zaun zu befreien. Er war unheimlich dankbar und wollte uns umarmen, was wir jedoch nicht so cool fanden und es bei einem Händedruck beließen. Als wir den Graben nach oben stiegen, kam auch schon die Polizei angefahren. Ein Anwohner, der die Hilferufe ebenfalls hörte, rief die Beamten herbei, um sich wieder beruhigt seinem Fußballspiel im Fernsehen widmen zu können.

Die Polizisten nahmen die Personalien des Obdachlosen auf und verfrachteten ihn in den Streifenwagen. Bevor sie losfuhren, erzählten sie uns noch, dass sie ihn in ein Heim bringen würden, welches ganz in der Nähe unserer Wohnungen lag. Wir fragten deshalb, ob sie uns mitnehmen könnten, was sie aber aus versicherungsrechtlichen Gründen ablehnten. Wir mussten also noch rund zwanzig Minuten gehen und ausharren, bis wir endlich unsere Hände waschen und unsere Pfadfindertat in vollen Zügen genießen konnten.



Q-Cells – oder das globale Karma schlägt zurück.

Der Solaranlagenhersteller Q-Cells hat Insolvenz angemeldet. Als einer der Gründe für den Niedergang wird die Billigkonkurrenz aus China angeführt. Die Chinesen! Jesses, haben die denn keinen Respekt!? Sogar die Tagesschau titelt damit.

Dabei ist das alles doch garnicht so unmoralisch – zumindest, wenn man Deutschland als Maßstab für Wirtschaftsmoral hernimmt. Denn Deutschland gehört zu den Hauptexportländern dieser Welt. Es gibt Länder, auf der ganzen Welt, sogar mitten in Europa, die unter der Billigkonkurrenz aus Deutschland leiden und deren eigene Wirtschaftskraft deshalb kränkelt.

So gibt es europäische Länder, die unmengen eigenener, qualitativ hochwertiger Agrarprodukte wegwerfen müssen, weil deutsche Lebensmittel trotz Aus- und Einfuhrzöllen noch billiger sind, als die direkt vor Ort geernteten und produzierten Lebensmittel. Ganz zu schweigen von vielen afrikanischen Ländern, deren Bemühungen um eigene Landwirtschaft im Kern erstickt wird, weil kein Geld reinkommt, weil unsere deutsche Wirtschaft den Markt dort kontrolliert.

Damit die deutsche Landwirtschaft auch gewinnbringend den ausländischen Markt erobern kann, wird sie durch Subventionen von Vater Staat unterstützt. Dadurch werden Zölle bezahlbar. Um unseren Status einer Weltwirtschaftsmacht zu behaupten, nehmen wir gerne in Kauf, dass andere Länder abhängig bleiben. Nur so geht das. Jeder Dealer weiß das.

China – ein kommunistisches Land weit, weit weg von Deutschland und Europa, am jetzigen Tage. Um eigene Staatsmacht aufrecht zu erhalten, wurden neue Geldquellen erschlossen. Denn ohne Geld geht nichts. Der milliardengroße Markt verspricht Einnahmen in ungeahnter Höhe. Jeder Chinese braucht ein Mobile Phone, jeder braucht ein Auto, einen Fernseher, Kondome – bitte!

Deutschland hat großes Interesse an diesem Markt. Abkommen mit China wurden geschlossen, Zölle niedrig gehalten und Firmen nach Fernost verfrachtet. Da China eh auf alles scheißt – wer Menschenrechte missachtet, wird wohl kaum Wirtschaftsrechte achten – muss die deutsche Politik sorgsam mit dem mächtigen Partner umgehen. Damit Deutschland in China noch eine Zeit lang absahnen kann, wurde den Chinesen wiederrum erlaubt, auf dem deutschen Markt mitzumischen. Will man chinesische Produkte vom deutschen Markt fernhalten, würden die Chinesen ihrerseits sofort deutsche Produkte aus ihren Regalen verbannen. Das wär doch blöde.

Was hier also geschehen ist, ist mal wieder eine Ausformung der „What goes around, comes around“-Formel. Wie es in den Wald schreit, schreit es auch zurück.

Ich will niemand für Dumm verkaufen. Schon garnicht die Q-Cells Mitarbeiter, die jetzt wieder zur Zeitarbeit rennen dürfen. Ich will damit nur sagen, dass es zum Lauf der derzeitigen Dinge gehört und wir mit solchen Ergebnissen rechnen müssen. Und dass es meiner Meinung nach reiner Populismus ist, den bösen Chinesen die Schuld daran zu geben. Da war die Tagesschau mal wieder nicht sehr umsichtig.



Tag Cloud

Neulich war ich auf einer Vernissage. So ein Treffen von In-Hippster-Hippies, die sich angeregt über AlkoholArt unterhielten. Glücklicherweise gab es neben „Kunst“ auch hiebfesten Alkohol. Nice. Wie es so meine Art ist, brauch ich im Suff Action, sonst schlaf ich ein oder mach selbst Action. Damit wollte ich die Leute nicht belästigen.

Draußen war es schon dunkel, aber eine Passantin auf dem Gehweg leuchtete so hell, dass ich nur noch Augen für sie hatte – ihre Augen, ihr Mund, ihr Hubba-Bubba platzte, „blog“ – und beinahe vor einen Bus gestolpert wäre.

Im Deutsch der Vernisage-Gäste wäre der Unfall dann vielleicht eine „Erfahrung“ gewesen – ganz wertungsfrei, aber immer in Erinnerung an den fatalen Fehler, den man begehen kann, wenn man einer besonderen Frau hinterherschaut.

Frauen„, sagte ein Freund einmal, „können schlechte Freunde sein.“. Bei diesem Gedanken musste ich kurz lächeln, denn da fiel mir eine Geschichte ein: Sie war das Glück meiner Jugend und aus irgendeinem Grund hielt sie beim Schulausflug ins Museum plötzlich meine Hand. In meiner Hilflosigkeit verhielt ich mich wie ein Freund. Lange ist es her, wir waren ja fast noch Kinder ohne Hintergedanken im Kopf und so wurden wir gute Freunde für’s Leben – nicht nur für die Liebe… Andere Geschichte.

Die Frau, die mir aber gerade fast das Leben genommen hatte, war mit Sicherheit keine Freundin – Devil in Disguise. Wie als hätte sie meinen beinahe Unfall genossen, zogen ihre zarten Lippen ein erregtes Lächeln hervor.

„Ja Lady, ich bin ein Mann und in erster Linie ein Mensch! Und es ist nicht cool, wenn Menschen wegen dir vom Bus überfahren werden.“. Das dachte ich mir zumindest bei meinem zögerlichen Weiterweg über die dunkle Straße.

Vor meiner Stammkneipe begegnete ich einem ehemaligen Mitarbeiter und wir rauchten noch schnell eine vor der Spelunke. Üble Spelunke. Von drinnen drang Live Musik an unsere Ohren. Also zogen wir die Zigaretten schnell runter und stürmten den Event.

Jetzt wird meine Erinnerung leider etwas lückenhaft, aber alles, was es nicht in die Top Ten geschafft hat, war sowieso nicht merkenswert. Das nenne ich Alkohol-Art!

Wir waren Backstage mit der Band und ich erzählte Gina (Bass) die Geschichte, wie ich beinahe Musiker geworden wäre. Sie erzählte auch viel und wir redeten die ganze Nacht. Um halb vier trennten sich unsere Wege und sie gab mir noch ihren Namen, ihre Nummer und ein Bier aus. Frauen können auch gute Freunde sein.

Der Morgen war im Anbruch und ich entschied mich für einen Spaziergang durch den Park. Volltrunken und happy beschloss ich, mich der Natur von meiner schönsten Seite zu zeigen – ich entblößte meinen alkoholgetränkten Körper und zog in aller Ruhe durch die Wildnis. Tarzan, der König des Urwalds, Janes Nummer im Gepäck und Cheetah im Kopf. Ua-a-a-ah!

Wie ich das Schicksal forderte, ging es mir am nächsten Tag natürlich nicht sonderlich. Und wieder einmal entging mir der Sinn an all dem Partygetue. Bin ich etwa Teil eines Systems, dass jeden Tag mit dem Tod rechnet und deshalb alles ausschöpft, bis ans absolute Limit – vor Geilheit ja sogar beinahe bis in den Verkehrsunfalltod? Wo bleibt die Vernunft!?

Von soviel gedanklicher Anstrengung überfordert, entschied ich mich für ein Video. Beim anschauen schlief ich ein und träumte ich wäre in einem Wald unter Wasser. Wie ein Fisch konnte ich durch die Bäume schwimmen, in ihnen verweilen und das saftige Moos vom Boden graßen.

Ein lautes Brummen riss mich gewaltig vom Moosboden weg, zurück in die reale Welt. Meine Türklingel! Ich rannte total benommen zur Tür und öffnete sie. „Hallo, ich bin ihre neue Nachbarin.“!

„Gina!?“, sagte ich. Es war Gina (Bass) von der Band. Hinter ihr mühte sich ein älterer Herr mit einem Bettpfosten die Treppe hoch. Sie war gerade dabei einzuziehen. Ich half ihr und ihren Eltern, die restlichen Möbel in die Wohnung zu bringen. Drei Stockwerke!

Für den Abend lud sie mich zu einem Bier ein und wir verbrachten wieder viel Zeit miteinander. Was für ein Zufall, nicht war!?

Ja so war das mit der Tag Cloud (siehe links; Stand: 20.2.2012)…



Der betrunkene Bahnbeamte im Wald

Gestern ist mir mal wieder eine dieser Geschichten eingefallen, die mir vor ein paar Jahren passiert ist. Beim Joggen, mitten im Wald, begegnete ich einem volltrunkenen Mann, der anhand seiner Berufskleidung klar als Angestellter der Deutschen Bahn zu identifizieren war.

Ich habe ihn erst von weitem gesehen. Sein Gang war super ausfallend, wodurch er locker das dreifache der normalen Strecke zurücklegte. Rund um mich herum, wie gesagt, nur Wald. Also habe ich mein Lauftempo verringert und vorsichtshalber meine Reaktionsmöglichkeiten durchdacht, je nach dem, wie der Betrunkene drauf ist. Bei denen kann man ja nie wissen, was ich aus eigener Erfahrung mit und als Betrunkener weiß. Als er ungefähr fünf Meter von mir entfernt war, sprach ich ihn an, ob alles bei ihm ok sei. Eine rein rethorische Frage, aber ich denke, es ist so besser, als wie wenn ich ihm sage, dass bei ihm nichts mehr ok ist.

Er hat einen sehr gefassten Eindruck gemacht. Zumindest wusste er, dass er jenseits von Gut und Böse war. Ich fragte ihn, woher er kam und wohin er wollte. Das Woher habe ich nicht wirklich verstanden, weil er keinen Unterschied daraus zu machen schien, wo er wohnte, was sehr weit weg war und wo er sich so sehr die Kante gegeben hatte. Ich erfuhr aber zumindest, dass er im nächsten Dorf seine Frau anrufen wollte, damit sie ihn abholen konnte. Und dass er sich mit zwei Flaschen Wein und aus Frust bei der Arbeit besoffen gemacht hatte. Auf meine Frage, ob ich ihn begleiten sollte, sagte er lallend nein danke.

Ich ließ ihn ziehen, behielt ihn aber noch im Blick. Und tatsächlich, nachdem er stolpernd, schwankend, torkelnd immer wieder nur knapp dem harten Boden entgehen konnte, kam er doch noch seinem eigenen Bein in den Weg und fiel unsanft ins Gestrüpp. Also ging ich zu ihm, half ihm auf und entschied mich ihn bis zum nächsten Dorf zu beleiten. Die Entscheidung war sicherlich die Richtige, auch wenn es angenehmere Begleitpersonen gibt.

Er erzählte mir von seiner Arbeit und das er ständig unter Leistungsdruck stünde. Wohlgemerkt, er ist Bahnmitarbeiter und anscheinend arbeit er an einem Schalter in einem Bahnhof. Aber wer leidet heute denn eigendlich noch nicht unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen? Ob das so ist und warum das so ist (obgleich früher die Arbeitsbedingungen sicherlich härter waren), muss jetzt ungeklärt bleiben. Auf jeden Fall war dies der Grund für sein spontanes Besäufnis im Wald.

Ich musste ihn mit beiden Armen stützen, was sehr anstrengend war. Während ich mit ihm lief, bedankte er sich, entschuldigte er sich, bedauerte er die Situation und bewunderte meinen Einsatz fortwährend und beinahe im Sekundentakt. Einmal sagte er mir, er würde für mich beten wollen. Normalerweise reagiere ich auf so etwas grundsätzlich allergisch. Aber einem Besoffenen klar zu machen, dass er sich seine Religion sonst wo hinstecken könnte, ist nicht unbedingt das Beste.

Als wir dann, nach mehreren kurzen Pausen in dem Dorf und an der Telefonzelle angekommen sind, stellte sich uns das Problem, dass wir zusammen den Telefonaparat bedienen mussten, weil er alleine dazu nicht mehr in der Lage war. Zuerst zog er die falsche Telefonkarte aus dem Geldbeutel (Mitgliedsbonuskarte eines Supermarktes). Dann nuschelte er mir die Telefonnummer so undeutlich zu, dass ich mich prompt mehrmals verwählte. Als ich dann die richtige Nummer gewählt hatte, stellte sich heraus, dass seine Frau, bzw. niemand zu hause waren. Was nun? Gleich neben der Telefonzelle war ein Spielplatz mit einer Bank. Dorthin schleppte ich ihn.

Ich machte ihm klar, dass er es später noch einmal bei sich zuhause versuchen sollte. Ich gab ihm die Telefonkarte so, dass er sie ohne Probleme finden und sie nicht wieder mit einer anderen Karte verwechseln konnte. Dann versicherte ich mich noch seines Zustandes, der meines Erachtens nicht gefährlich war und gab ihm zu verstehen, dass ich jetzt gehen werde. Er war damit einverstanden, ließ mich aber erst gehen, nachdem er mir nochmals ca. 1000 Mal Danke sagte und mich umarmte.



Ein Traum

Wir stehen am Ufer eines Sees. Wir schauen aufs Wasser und ich halte deine Hand. Auf der gegenüberliegenden Uferseite ist ein Wald. Er ist grün. Es dämmert leicht und es ist angenehm warm. Ich halte deine Hand. Du stehst neben mir und hältst meine Hand. Es ist ruhig.

Ich sitze. In einem Raum mit Tischen und Stühlen. Die Wände und das Mobiliar sind aus Holz. Außer mir sitzen noch andere Menschen in diesem Raum. Es ist warm. Dich kann ich nicht sehen. Die Menschen reden miteinander. Sie reden auch mit mir. Ich kann sie nicht hören. Es ist ruhig.

Unsere Schritte führen uns um den See. Du gehst neben mir. Obwohl wir vorwärts kommen, kommen wir nirgendwo an. Wir gehen zusammen, Hand in Hand. Wenn ich zu dir sehe, dann lächelst du. Du bist Glücklich. Ich bin es auch. Es ist ruhig.

Viele Menschen stehen am Ufer. Ich stehe hinter ihnen. Als ich durch sie durchgehe, sehe ich dich. Alleine. Du stehst am Ufer und ich gehe zu dir. Ich nehme deine Hand und du lächelst mir zu. Die Menschen stehen hinter uns. Sie warten. Wir schauen auf den See. Es ist ruhig.

Immer noch gehen wir um den See. Hand in Hand. Ein warmer Wind strömt uns entgegen. Die Luft ist klar. Du lächelst. Mir geht es gut. Es ist ruhig.

Die Menschen in dem Raum reden ständig miteinander. Es sind viele. Ich suche dich, doch vermisse dich. Du bist nicht da. Ich bleibe auf dem Stuhl sitzen. Es ist ruhig.

Wir stehen am Ufer eines Sees. Wir schauen aufs Wasser und ich halte deine Hand. Auf der gegenüberliegenden Uferseite ist ein Wald. Er ist grün. Es dämmert leicht und es ist angenehm warm. Ich halte deine Hand. Du stehst neben mir und hältst meine Hand. Es ist ruhig.

Ich sitze. Es ist ein Raum mit Tischen und Stühlen. Die Wände und das Mobiliar sind aus Holz. Außer mir sitzen noch andere Menschen in diesem Raum. Es ist warm. Dich kann ich nicht sehen. Die Menschen reden miteinander. Sie reden auch mit mir. Ich kann sie nicht hören. Es ist ruhig.

Unsere Schritte führen uns um den See. Du gehst neben mir. Obwohl wir vorwärts kommen, kommen wir nirgendwo an. Wir gehen zusammen, Hand in Hand. Wenn ich zu dir sehe, dann lächelst du. Du bist Glücklich. Ich bin es auch. Es ist ruhig.

Viele Menschen stehen am Ufer. Ich stehe hinter ihnen. Als ich durch sie durchgehe, sehe ich dich. Alleine. Du stehst am Ufer und ich gehe zu dir. Ich nehme deine Hand und du lächelst mir zu. Die Menschen stehen hinter uns. Sie warten. Wir schauen auf den See. Es ist ruhig.

Immer noch gehen wir um den See. Immer noch Hand in Hand. Ein warmer Wind strömt uns entgegen. Die Luft ist klar. Du lächelst. Mir geht es gut. Es ist ruhig.

Die Menschen in dem Raum reden ständig miteinander. Es sind viele. Ich suche dich, doch vermisse dich. Du bist nicht da. Ich bleibe auf dem Stuhl sitzen. Es ist ruhig.

Viele Menschen stehen am Ufer. Ich stehe hinter ihnen. Als ich durch sie durchgehe, sehe ich dich. Alleine. Du stehst am Ufer und ich gehe zu dir. Ich nehme deine Hand und du lächelst mir zu. Die Menschen stehen hinter uns. Sie warten. Wir schauen auf den See. Es ist ruhig.

Unsere Schritte führen uns um den See. Du gehst neben mir. Obwohl wir vorwärts kommen, kommen wir nirgendwo an. Wir gehen zusammen, Hand in Hand. Wenn ich zu dir sehe, dann lächelst du. Du bist Glücklich. Ich bin es auch. Es ist ruhig.

Die Menschen in dem Raum reden ständig miteinander. Es sind viele. Ich suche dich, doch du bist nicht da. Ich bleibe auf dem Stuhl sitzen. Es ist ruhig.

Du gehst neben mir. Obwohl wir vorwärts kommen, kommen wir nirgendwo an. Wir gehen zusammen, Hand in Hand. Wenn ich zu dir sehe, dann lächelst du. Du bist Glücklich. Ich bin es auch. Es ist ruhig.

Wir stehen am Ufer eines Sees. Wir schauen aufs Wasser und ich halte deine Hand. Auf der gegenüberliegenden Uferseite ist ein Wald. Er ist grün. Es ist dunkel und die Sterne leuchten auf uns herab. Die Menschen hinter uns schauen zum Himmel. Du hältst meine Hand.

Plötzlich erscheinen zwei feuerrote chinesische Drachen am Himmel. Es wird wärmer. Sie fliegen über den See. Mal höher, mal tiefer. Ihr Bild spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Die Haare ihrer Löwenmähnen flattern durch die Luft. Ich höre es. Die Menschen hinter uns freuen sich. Ich höre es. Du atmest gleichmäßig. Ich höre dich.

Die chinesischen Drachen bewegen sich tanzend durch die Luft. Sie fliegen nebeneinander. Sie sind ein Paar. Direkt vor uns machen sie eine Wende und fliegen in den Wald. Sie verschwinden zusammen in der Dunkelheit. Du schaust zu mir und ich zu dir. Du lächelst. Du hältst meine Hand. Es ist warm. Und es ist ruhig.



Wie wahrscheinlich ist der Zufall?

Der Zufall! Ein sagenumwobener Begriff, der unterschiedlichste Empfindungen hervorrufen und dessen Herkunft oft zu weltbewegenden Diskussionen führen kann.

Da misch ich mal kurz ein. Welch Zufall! Nein, ich führte neulich eben eine solche Diskussion mit einem Freund und sitze nun geplanter Maßen vor dem Computer. Aber es war doch mehr oder weniger Zufall, wie diese Diskussion zum Laufen kam. Oder haben wir beide nicht auch mehr oder weniger durch die Themenauswahl beschlossen, zu dieser Frage zu gelangen? Quasi im Konsens auf beidseitiger Suche nach spannender Unterhaltung?

Es war der erste schöne Sonnentag dieses Februars und wie von oben strahlte uns auch die Sonne aus dem sprichwörtlichen Arsch. Die Luft war mit ersten Spuren des Frühlings vermischt und wir genossen den Moment im Wald auf einem Baumstamm sitzend. Wir genossen die gegenseitige Anwesenheit – und damit meine ich wohl so ziemlich alle Lebewesen, die an diesem Tag im sonnigen Wald entspannten.

Und all das wegen des Zufalls, dass die Sonne die hohe, ausgedünnte Wolkendecke beiseite drängen konnte und der Wind nicht mehr allzu stark geblasen hat. Klimatische Phänomene, die weltweit vernetzt (auch wireless) agieren und ziemlich akkurat aufeinander abgestimmt sind. Mafiöse Strukturen. Seit Anbeginn der Zeit. Sozusagen zurück bis zu dem Zeitpunkt, als die Erde als heißer Masseball ihre atmosphärefreundliche Position neben dem ultramassiven Stern namens Sonne fand und sich so sehr freute, dass sie anfing im Kreis zu tanzen, damit sie die Fliehkräfte geschickt gegen die Anziehungskräfte der Sonne ausspielen kann.

Und jetzt zoomen wir raus aus dem Bild und sehen viele solcher Sonnensysteme. Die verschwinden zu millionen in spiralförmigen Milchstraßen neben weiten Flächen ohne sichtbarer Materie. Zooooommmm. Stopp!

Da denkt man doch gleich an die Fraktalbilder an der Wand des Informatikstudenten. Mathematisch perfekte Endlossysteme. Naja, es besteht da eben nur der Unterschied der mathematischen Perfektion in Form von Fehlerlosigkeit. So harmonisch ist das Universum nicht aufgebaut.

Ein kleiner Fehler – oder Zufall – hat in diesem vernetzten System eventuell enorme Auswirkungen. Gehen wir ein paar Millionen Jahre zurück in der Zeit: Zwei frei herumschwirrende Massepäckchen prallen im Rausch der Geschwindigkeit gegeneinander und strahlen neben absoluter Ehrfurcht auch noch Energieschübe und Splitterbrocken ab, in der Größe von Kieselsteinchen und Feinstaub bis zum Wolkenkratzer und darüber hinaus, ganz zu schweigen von den beiden Massepäckchen, die total verwirrt auf neue Kollisionsbahnen gelenkt werden.

Zu selbiger Zeit herrschten gleich um die Ecke auf der Erde seit ca. 160 Millionen Jahren voll ungebremster Entwicklungsmöglichkeiten die Dinosaurier. Sie lebten im Gleichgewicht mit der Natur und erreichten dadurch enorme Entwicklungsstufen. Bis zu eben dem Tag, als ein T-Rex in einer Höhle mit seinen kurzen Stummelärmchen ein Bild von einem weiblichen T-Rex in schwarzen Strapsen an die Wand kritzelte und somit die Stufe der kulturellen Entwicklung des Spatzenhirns erreichte. Nun daraus wäre dann das Rad, die Waffe und irgendwann sicherlich die Entwicklung des Computers hervorgegangen, hätte sich gleich draußen ums Eck nicht bei einer Massekollision alles gegen die Dinos gewendet. Ba-Boom!

So besagt es die eine Theorie, aber was spielt das für eine Rolle? Klar ist doch, die Dinosaurier hatten keine Liste, auf der sie sehen konnten, dass sich der Mensch irgendwann die Erde untertan gemacht haben würde. Ohne Zufall wären sie noch heute da – wahrscheinlich recht dezimiert und auf der Suche nach genügend Energie, um ihren Fortschritt wirtschaftlich zu halten. Außer vielleicht, ihr Hirn hätte sich zu einem mit-dinosaurierachtenden Wunderwerk der Erkenntnisumsetzung entwickelt. Egal, denn jetzt sind wir dran. Wir haben PCs und Museen, in denen wir uns gelangweilt die Knochenreste solcher einstiger Überwesen anschauen können.

Der Zufall wollte es so. Alles muss sich dem Zufall beugen. Weil alles in Abhängigkeit steht, ob große Massen oder kleinste Teilchen bis hin zu bloßen Strahlen und tatsächlich auch der Krone der Schöpfung, nämlich uns.

Partypeople, das ist doch klar, dass wir schon allein wegen 7 Milliarden und sogar vernetzten Mitbewohnern mit jeweils unzähligen Hirnnerven, die alle mal einer Fehlfunktion unterlaufen können, nicht vor den Konsequenzen eines kleinen Zufalls gefeit sind. Und jeder kennt doch auch solche Momente: unabhäng gleiche Gedanken, ein Treffen, ein Unfall, ein guter Tipp, Glück und Pech. Moment. Sind Glück und Pech nicht eher Fragen des auch so ominösen Schicksals? Tritt da nicht der Masterplan auf die Bühne? Steckt da eventuell eine Metaphysik dahinter? Quasi absolut-dunkle Materie?

Oh Gott, was steckt da bloß dahinter? Panik!
Entwarnung!

Warum ist es denn bitte sehr so wichtig, was hinter all dem steckt oder ob es nämlich doch gar kein Zufall war, dass wir hier sind, bzw. das jeder Zufall einem Grund entspringt, den man erforschen könnte? Und das Ergebnis der Forschung ist dann wieder nur eine vieler Theorien über Naturwissenschaft oder Gott.

Was aber wiederum von keiner Seite anzuzweifeln sein sollte, ist die Tatsache, dass Teilchen zur Unordnung tendieren. Je nach Ordnungzustand geht das manchmal ziemlich schnell, wie auf meinem Schreibtisch, manchmal dauert das gerne mal eine Millionen Jahre, bis zwei verfestigte Ordnungsbollen auf ihrem geordneten Weg durchs Universum kollidieren und so eventuell das Aussterben einer Art auslösen. Es wird passieren. Irgendwo da draußen.

Und in der Größenordnung, in der wir uns, als kleinste Teilchen eines unbegreiflich großen Universums befinden, ist es doch so gesehen kein unbegründeter Zufall mehr, dass uns manchmal ein Zufall passiert. Der Auslöser in dieser Kettenreaktion ist der Hang zum Chaos. Zum Zerfall. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen. Und wehe dem, der danach sucht!

Ich fordere deshalb mindestens eine Stunde pro Tag, an der sich ein jeder dem Zufall hingeben sollte. Ich empfehle mit möglichst vielen Lebewesen und Gegenständen in einen Raum zu gehen, da dort die zufallsbegünstigende Unordnung in allen Ecken und Engen lungert.

Viel Spaß beim Zufallen!



Im Himmel

Ich wache auf und atme tief durch. Mein Blick schweift über saftig grüne Baumkronen. Ich liege auf weichem Waldboden. Die Vögel zwitschern und die Sonne blinzelt durch die Wipfel. Zwei Männer kommen auf mich zu.

„Willkommen Junge.“
„Wo bin ich?“
„Im Himmel. Willkommen im Himmel.“
„Ja. Hallo.“
„Möchtest du jemanden sehen Junge?“
„Ist das ein Witz?“
„Nein. Wenn du jemanden sehen möchtest, sag es einfach Junge.“
„Jetzt nicht, danke.“

Die beiden helfen mir auf die Beine. Sie lächeln die ganze Zeit. Mein Gott wie schlecht ist das!? Sie wollen mir sagen, ich wäre gerade aus dem Leben geschieden und lächeln dabei wie zwei Schuljungen am letzten Tag vor den Ferien. Soll ich das etwa glauben? Die beiden lassen mich einfach so im Wald stehen. Sie gehen und reden und lachen. Hier stehe ich nun… Ist das ein Traum? Ich höre Stimmen. Oh Gott! Eine Gruppe alter Menschen kommt singend und tanzend durch den Wald gesprungen.

„Ist das ein Traum?“
„Haha. Willkommen im Himmel Junge.“

Sie schlängeln sich durch die Bäume hinweg in die Ferne. Ein kleines Kind rennt an mir vorbei. Ist das ein Traum? Ich spüre den Waldboden unter meinen Füßen. Ich rieche den Duft der Bäume. Es tut weh, wenn ich mich kneife. Wenn ich gegen einen Baum spucke, tropft der Speichel davon herunter. Noch ein kleines Kind rennt vorbei.

„Hey Kleiner! Wie komme ich aus dem Wald?“
„Da drüben ist der Weg.“

Ich weiß nicht, wer mich hier verarschen will, aber das muss irgendwo ein Ende haben. Man kann ja unmöglich die ganze Welt dazu bringen, mich zu verarschen. Auch die Truman Show hatte ihre Grenze.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich gegangen bin, aber jetzt stehe ich auf einer Kreuzung. Es gibt einen Wegweiser, auf dem sechs Schilder angebracht sind, die auf sechs Wege in sechs verschiedene Richtungen weisen: Meer, Savanne, Steppe/Wüste, Gebirge, Tundra/Eis, Grasland. Na das erinnert mich doch zu sehr an den Erdkundeunterricht. Wollen wir doch mal sehen, ob sie es geschafft haben, gleich nach dem sommerlich grünen Wald eine winterlich öde Eislandschaft hinzuzaubern! Nach nur wenigen Schritten sehe ich vor mir das Ende der Baumreien. Dahinter ist es weiß. Schneeweiß.

Ich stehe mitten im Schnee. Einen Schritt zurück und ich stehe wieder im Wald. Wahnsinn! Aber der Schnee kann nicht echt sein. Mir ist nicht kalt. Ich empfinde noch die gleiche Temperatur wie im Wald. Egal ob ich nach links oder rechts schaue, die Grenze zwischen Wald und Schnee zieht sich endlos. Optische Tricks. Irgendwo muss das Ende sein. Eine Frau kommt auf mich zu. Ihren Augen nach, scheint sie asiatisch zu sein.

„Hallo Junge. Kommst du mit?“
„Wohin gehen wir?“
„Komm mit.“

Ich kann nicht sagen, wie lange ich mittlerweile schon hier bin. Aber ich habe alle Landschaften besucht. Ich war im Schnee und danach in der Wüste. Sie grenzen haarscharf und endlos aneinander. Danach bin ich zurück und durch den Schnee in den Wald und dann ans Meer. Vom Meer aus bin ich wieder in den Schnee, dieses mal aber ohne den Wald zu durchqueren. Als ich im Gebirge war, bin ich auf den höchsten Berg gestiegen. Ich war dort oben und habe das Ende des Gebirges gesucht, aber ich konnte es nirgends entdecken. Wenn ich querfeldein gehe, scheinen die Landschaften endlos zu sein. Wünsche ich mir jedoch, zurück auf den Weg zu kommen, dauert es keine 500 Schritte und ich stehe wieder auf einer Kreuzung. Von dort aus wiederum sind es keine 2000 Schritte und ich bin an der Grenze zweier Landschaften angelangt. Jede Landschaft scheint an jede andere zu grenzen, aber eine Verbindung existiert nur über den Weg. Das ist kein Trick und kein Traum.

Ich bin tot. Ich werde nicht mehr müde und ich habe keinen Hunger mehr. Ich kann essen was ich will. Ich kann von hohen Felsen auf den Boden springen, unter Wasser atmen – ich bin der Highlander. Der Unterschied zum Film ist, hier gibt es nicht nur einen einzigen, hier gibt es unendlich viele Unsterbliche – beziehungsweise Tote. Und alle scheinen glücklich zu sein. Sie reden miteinander und lächeln die ganze Zeit. Niemand pisst einander an und keiner wird wütend. Wenn ich die Menschen anspreche und ihnen Fragen stelle, dann sagen sie immer wieder das Gleiche: „Das ist der Himmel Junge. Hier hat man keine Sorgen.“.

Letztendlich habe ich mich für das Meer entschieden, weil ich das Meer liebe. Es beruhigt mich. Ich liege am Strand und gehe schwimmen. Ich schaue den Frauen zu, wie sie sich ohne Bekleidung in die mächtigen Wellen stürzen, vom Wasser verschluckt werden und nach wenigen Momenten lachend wieder auftauchen. Ich flirte mit ihnen und verliebe mich so oft. Aber bis jetzt hat sich noch keine wirklich auf mich eingelassen. Sie lächeln nur. Sie plaudern belangloses Zeug. Wenn ich sie streichle, streicheln sie mich auch. Dann stehen sie auf und gehen und wünschen mir einen wunderschönen Tag und lachen. Ich würde sie gerne küssen, aber sie lassen es nicht zu. Ich habe das Gefühl, sie weichen mir aus.

Wer weiß, wie lange ich schon hier bin… Ich habe meine Vorfahren getroffen. Sie scheinen alle so glücklich zu sein. Meine Oma versteht sich sogar wieder mit meiner Mutter, obwohl sie im Leben bis auf den Tod verstritten waren. Bis auf den Tod. Sagt man deshalb so? Ich habe mit alten Klassenkameraden gesprochen, die bei der Fahrt zurück von der Disko ums Leben kamen, weil der Fahrer mindestens so betrunken war, wie die anderen Insassen. Sie haben sich verziehen und lachen herzhaft, wenn sie an die alten Zeiten denken. Ich habe historische Persönlichkeiten getroffen, die allesamt glücklich und zufrieden waren. Ghandi wollte nichts mehr von Krieg und Indien wissen. Er sagte nur: „Junge mach dir keine Sorgen. Du bist im Himmel.“. Übrigens sprechen sie alle meine Sprache. Ich kann jeden treffen, an den ich denke, denn dann weiß ich, wo ich ihn finden kann. Natürlich habe ich Marilyn Monroe getroffen. Und all die anderen verstorbenen Schönheiten. Man könnte es sich hier so richtig gut gehen lassen, aber anscheinend bin ich der einzige, der noch menschliche Bedürfnisse hat. Ich zweifle oft, ob ich hier überhaupt sein sollte. Vielleicht war es ja auch nur ein bürokratischer Fehler. Vielleicht lebe ich noch, obwohl ich tot bin.

Seit einiger Zeit werde ich verfolgt. Ein alter Mann. Ich lasse es mir nicht anmerken, dass ich ihn entdeckt habe. Ich warte bis er mich aus den Augen lässt, dann schleiche ich mich von hinten an ihn heran.

„Hallo alter Mann!“
„Hallo Junge.“
„Warum verfolgst du mich?“
„Machst du dir Sorgen?“
„Ich – warum willst du das wissen alter Mann?“
„Komm mit Junge.“

Wir gehen in den Wald und verlassen dort den Weg.

„Wie heißt du Junge?“
„Markus. Und du?“
„Rea.“
„Rea?“
„Rea, ja Junge. Entschuldige, aber ich kann mir deinen Namen nicht merken. Ich habe aufgehört mir andere Namen zu merken.“
„Ok schon gut alter Mann, was willst du?“

Der alte Mann erzählt mir von seinen über 2000 Jahren im Himmel. Er erzählt mir von seinen ersten Tagen hier. Wie großartig alles war. Doch dann kam die Erkenntnis, dass es immer und immer so sein würde.

„Ja alter Mann. Alle sind glücklich. Immer! Hier gibt es eben keine Probleme.“
„Du hast es erfasst. Keine Probleme. Aber das Glück hier ist die reine Scheinheiligkeit. Das Schlimmste ist, dass du hier von Menschen angelächelt wirst, die hier nicht hergehören. Menschen, die viel Böses getan haben und dann doch noch zu Gott gefunden haben. Diebe, Betrüger, Kinderficker. Viele dieser gefickten Kinder sind nicht hier, weil sie im Leben keine Chance hatten, einen Glauben an das Gute zu finden. Verstehst du Junge? Hier ist alles so verdammt scheinheilig!“

Er erzählt mir, dass ich wie er einer der wenigen bin, die etwa alle eintausend Jahre mit einem genetischen Defekt auf die Welt kommen, der dazu führt, dass sie im Himmel noch immer die volle Bandbreite an Emotionen besitzen – dass sie nach dem Tod noch menschlich bleiben. Er erzählt mir von seiner großen Depression, die dazu führte, dass er die anderen anschrie und schlug. Aber sie lächelten weiter. Und er wurde plötzlich älter.

„Weil du die anderen geschlagen hast?“
„Ja Junge. Ich denke, dass war die Strafe. Als ich hier herkam, war ich so alt wie du. Dann habe ich auf einen alten Mann eingeschlagen und plötzlich wurde ich ein alter Mann!“
„Wer macht das? Gott?
„Ich weiß es nicht, aber pass auf dich auf Junge. Er wird dich nicht sterben lassen. Wenn dann schickt er dich in die Hölle.

Wir unterhalten uns noch sehr lange. Dann zieht er weiter. Er sagt, ich könne ihn oben in den Bergen finden. Er lebt dort alleine. So wie alle anderen auch, die denselben genetischen Defekt haben.

Im Himmel ist alles gut. Alle sind glücklich. Grundlos glücklich. Es gibt keine Anstrengung auf die Belohnung wartet. Es gibt keine Probleme, die zur Zufriedenheit gelöst werden können. Es gibt keine Furcht, die durch Geborgenheit bekämpft werden könnte. Es gibt keine gebrochenen Herzen, weil kein Herz mehr erobert werden kann. Es gibt keinen Hass, weil Liebe die Selbstverständlichkeit ist. Für manche ist das der Himmel. Für mich ist es die Hölle. Und ich warte bis in alle Ewigkeit in meinem Versteck tief unten im Meer.



Die Katze in der Konservendose

Während meiner Zeit in der Oberstufe fuhr ich immer mit dem Fahrrad zur Schule durch den Stadtwald, vorbei am großen Fußballstadion und dem städtischen Waldfriedhof. Eines Tages, ich war mal wieder zu spät dran, entdeckte ich ein merkwürdig-futuristisches Tier auf der Straße zwischen Stadion und Friedhof, dass wie eine Mischung aus Robocop und Katze aussah und von Bordstein zu Bordstein torkelte. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass es tatsächlich eine Katze war, die mit dem Kopf bis zu den Schultern in einer Konservendose gefangen war.

Jedesmal, wenn sie am Straßenrand angelangt war, stieß sie mit der Dose gegen den Bordstein und rammte sie somit stärker auf ihren Körper. Es war ein seltsamer Anblick. Ich versuchte sie einzufangen, aber ihre Ohren funktionierten noch so gut, dass sie meinen Versuchen auswich und sodann wieder gegen den Bordstein rammte. Verzweifelt wusste ich nicht weiter. Ich erblickte weit und breit keine Person, die mir helfen konnte, also fuhr ich zur Schule. Dort angelangt musste ich mich für meine Verspätung entschuldigen. Ich fragte die Lehrerin, ob es so etwas wie einen veterinären Notfalldienst gäbe und erklärte meine Frage mit dem soeben Erlebten. Sie verneinte und fuhr mit ihrem Unterricht fort. Mein Gewissen trieb mich um und so hielt ich es kaum noch auf meinem Stuhl aus.

Plötzlich meldete sich eine Mitschülerin und bot an, mit mir in ihrem Auto zu der Stelle im Wald zu fahren und die Katze zu suchen. Ich sprang sofort auf und ging zur Tür, noch ehe die Lehrerin ihre Erlaubnis dazu gegeben hatte. Aber da wir schon alle über 18 Jahre alt waren, hätten wir ohnehin getan, was wir für nötig befanden. Also fuhren wir zu zweit in den Wald, um die hilflose Katze zu suchen. Aus dem Kofferraum ihres Autos nahmen wir einen Wäschekorb mit, den ich aus sicherer Entfernung über die Katze werfen wollte.

Nach wenigen Minuten fanden wir das arme Tier, noch immer den Kopf in der Dose. Das Fell an ihren Schultern war feucht und schimmerte rötlich vom Blut, welches durch die scharfen Kanten der Dose aus ihrem Hals geschnitten wurde. Wie geplant stellte sich meine Mitschülerin vor die Katze, um sie abzulenken, damit ich von hinten den Korb über sie werfen konnte. Nachdem diese Aktion schnell und unspektakulär von Statten ging, suchten wir nach einem Gegenstand, um die Dose zu entfernen. Wir fanden nichts passendes. Ich dachte nach und sagte meiner Mitschülerin, dass ich auf dem Friedhof versuchen wollte, ob ich einen Hausmeister oder ähnliches finden könnte, der eventuell eine Gartenschere hätte.

Tatsächlich fand ich einen Friedhofsgärtner, der mir sogleich seine Mithilfe anbot. Also gingen wir zu der Katze in ihrem Korb, mit der Konservendose auf dem Kopf. Entgegen den wohlgemeinten Ratschlägen meiner Mithelfer nahm ich die Katze  – auf die Gefahr hin, mit ihren spitzen Krallen Bekanntschaft zu schließen – mit bloßen Händen aus dem Korb und hielt sie dem Gärtner hin, der sogleich mit der scharfen Gartenschere die Dose aufschnitt. Kaum war die Katze befreit, blickte sie mir mit ihren weit aufgerissenen Knopfaugen in die meinen, schüttelte sich so sehr, dass ich sie nicht mehr halten konnte und rannte von Dannen in den Wald. Erleichtert und Fröhlich bedankte ich mich im Namen der Katze bei allen beteiligten und wir kehrten stolz in den Unterricht zurück.

Meine hilfsbereite Mitschülerin wurde kurz nach dem Abitur schwanger, fuhr ohne Gurt zu schnell in eine Kurve und verlor ihre beiden Leben ungefähr zehn Meter vom Auto entfernt, aus dem sie ungebremst durch die Frontschutzscheibe geschleudert wurde. Das ist nun schon zwölf Jahre her. In meinem und im Namen der Katze möchte ich mich nochmals von ganzem Herzen bei ihr bedanken.