mal sehen


Tag Cloud

Neulich war ich auf einer Vernissage. So ein Treffen von In-Hippster-Hippies, die sich angeregt über AlkoholArt unterhielten. Glücklicherweise gab es neben „Kunst“ auch hiebfesten Alkohol. Nice. Wie es so meine Art ist, brauch ich im Suff Action, sonst schlaf ich ein oder mach selbst Action. Damit wollte ich die Leute nicht belästigen.

Draußen war es schon dunkel, aber eine Passantin auf dem Gehweg leuchtete so hell, dass ich nur noch Augen für sie hatte – ihre Augen, ihr Mund, ihr Hubba-Bubba platzte, „blog“ – und beinahe vor einen Bus gestolpert wäre.

Im Deutsch der Vernisage-Gäste wäre der Unfall dann vielleicht eine „Erfahrung“ gewesen – ganz wertungsfrei, aber immer in Erinnerung an den fatalen Fehler, den man begehen kann, wenn man einer besonderen Frau hinterherschaut.

Frauen„, sagte ein Freund einmal, „können schlechte Freunde sein.“. Bei diesem Gedanken musste ich kurz lächeln, denn da fiel mir eine Geschichte ein: Sie war das Glück meiner Jugend und aus irgendeinem Grund hielt sie beim Schulausflug ins Museum plötzlich meine Hand. In meiner Hilflosigkeit verhielt ich mich wie ein Freund. Lange ist es her, wir waren ja fast noch Kinder ohne Hintergedanken im Kopf und so wurden wir gute Freunde für’s Leben – nicht nur für die Liebe… Andere Geschichte.

Die Frau, die mir aber gerade fast das Leben genommen hatte, war mit Sicherheit keine Freundin – Devil in Disguise. Wie als hätte sie meinen beinahe Unfall genossen, zogen ihre zarten Lippen ein erregtes Lächeln hervor.

„Ja Lady, ich bin ein Mann und in erster Linie ein Mensch! Und es ist nicht cool, wenn Menschen wegen dir vom Bus überfahren werden.“. Das dachte ich mir zumindest bei meinem zögerlichen Weiterweg über die dunkle Straße.

Vor meiner Stammkneipe begegnete ich einem ehemaligen Mitarbeiter und wir rauchten noch schnell eine vor der Spelunke. Üble Spelunke. Von drinnen drang Live Musik an unsere Ohren. Also zogen wir die Zigaretten schnell runter und stürmten den Event.

Jetzt wird meine Erinnerung leider etwas lückenhaft, aber alles, was es nicht in die Top Ten geschafft hat, war sowieso nicht merkenswert. Das nenne ich Alkohol-Art!

Wir waren Backstage mit der Band und ich erzählte Gina (Bass) die Geschichte, wie ich beinahe Musiker geworden wäre. Sie erzählte auch viel und wir redeten die ganze Nacht. Um halb vier trennten sich unsere Wege und sie gab mir noch ihren Namen, ihre Nummer und ein Bier aus. Frauen können auch gute Freunde sein.

Der Morgen war im Anbruch und ich entschied mich für einen Spaziergang durch den Park. Volltrunken und happy beschloss ich, mich der Natur von meiner schönsten Seite zu zeigen – ich entblößte meinen alkoholgetränkten Körper und zog in aller Ruhe durch die Wildnis. Tarzan, der König des Urwalds, Janes Nummer im Gepäck und Cheetah im Kopf. Ua-a-a-ah!

Wie ich das Schicksal forderte, ging es mir am nächsten Tag natürlich nicht sonderlich. Und wieder einmal entging mir der Sinn an all dem Partygetue. Bin ich etwa Teil eines Systems, dass jeden Tag mit dem Tod rechnet und deshalb alles ausschöpft, bis ans absolute Limit – vor Geilheit ja sogar beinahe bis in den Verkehrsunfalltod? Wo bleibt die Vernunft!?

Von soviel gedanklicher Anstrengung überfordert, entschied ich mich für ein Video. Beim anschauen schlief ich ein und träumte ich wäre in einem Wald unter Wasser. Wie ein Fisch konnte ich durch die Bäume schwimmen, in ihnen verweilen und das saftige Moos vom Boden graßen.

Ein lautes Brummen riss mich gewaltig vom Moosboden weg, zurück in die reale Welt. Meine Türklingel! Ich rannte total benommen zur Tür und öffnete sie. „Hallo, ich bin ihre neue Nachbarin.“!

„Gina!?“, sagte ich. Es war Gina (Bass) von der Band. Hinter ihr mühte sich ein älterer Herr mit einem Bettpfosten die Treppe hoch. Sie war gerade dabei einzuziehen. Ich half ihr und ihren Eltern, die restlichen Möbel in die Wohnung zu bringen. Drei Stockwerke!

Für den Abend lud sie mich zu einem Bier ein und wir verbrachten wieder viel Zeit miteinander. Was für ein Zufall, nicht war!?

Ja so war das mit der Tag Cloud (siehe links; Stand: 20.2.2012)…



Wie wahrscheinlich ist der Zufall?

Der Zufall! Ein sagenumwobener Begriff, der unterschiedlichste Empfindungen hervorrufen und dessen Herkunft oft zu weltbewegenden Diskussionen führen kann.

Da misch ich mal kurz ein. Welch Zufall! Nein, ich führte neulich eben eine solche Diskussion mit einem Freund und sitze nun geplanter Maßen vor dem Computer. Aber es war doch mehr oder weniger Zufall, wie diese Diskussion zum Laufen kam. Oder haben wir beide nicht auch mehr oder weniger durch die Themenauswahl beschlossen, zu dieser Frage zu gelangen? Quasi im Konsens auf beidseitiger Suche nach spannender Unterhaltung?

Es war der erste schöne Sonnentag dieses Februars und wie von oben strahlte uns auch die Sonne aus dem sprichwörtlichen Arsch. Die Luft war mit ersten Spuren des Frühlings vermischt und wir genossen den Moment im Wald auf einem Baumstamm sitzend. Wir genossen die gegenseitige Anwesenheit – und damit meine ich wohl so ziemlich alle Lebewesen, die an diesem Tag im sonnigen Wald entspannten.

Und all das wegen des Zufalls, dass die Sonne die hohe, ausgedünnte Wolkendecke beiseite drängen konnte und der Wind nicht mehr allzu stark geblasen hat. Klimatische Phänomene, die weltweit vernetzt (auch wireless) agieren und ziemlich akkurat aufeinander abgestimmt sind. Mafiöse Strukturen. Seit Anbeginn der Zeit. Sozusagen zurück bis zu dem Zeitpunkt, als die Erde als heißer Masseball ihre atmosphärefreundliche Position neben dem ultramassiven Stern namens Sonne fand und sich so sehr freute, dass sie anfing im Kreis zu tanzen, damit sie die Fliehkräfte geschickt gegen die Anziehungskräfte der Sonne ausspielen kann.

Und jetzt zoomen wir raus aus dem Bild und sehen viele solcher Sonnensysteme. Die verschwinden zu millionen in spiralförmigen Milchstraßen neben weiten Flächen ohne sichtbarer Materie. Zooooommmm. Stopp!

Da denkt man doch gleich an die Fraktalbilder an der Wand des Informatikstudenten. Mathematisch perfekte Endlossysteme. Naja, es besteht da eben nur der Unterschied der mathematischen Perfektion in Form von Fehlerlosigkeit. So harmonisch ist das Universum nicht aufgebaut.

Ein kleiner Fehler – oder Zufall – hat in diesem vernetzten System eventuell enorme Auswirkungen. Gehen wir ein paar Millionen Jahre zurück in der Zeit: Zwei frei herumschwirrende Massepäckchen prallen im Rausch der Geschwindigkeit gegeneinander und strahlen neben absoluter Ehrfurcht auch noch Energieschübe und Splitterbrocken ab, in der Größe von Kieselsteinchen und Feinstaub bis zum Wolkenkratzer und darüber hinaus, ganz zu schweigen von den beiden Massepäckchen, die total verwirrt auf neue Kollisionsbahnen gelenkt werden.

Zu selbiger Zeit herrschten gleich um die Ecke auf der Erde seit ca. 160 Millionen Jahren voll ungebremster Entwicklungsmöglichkeiten die Dinosaurier. Sie lebten im Gleichgewicht mit der Natur und erreichten dadurch enorme Entwicklungsstufen. Bis zu eben dem Tag, als ein T-Rex in einer Höhle mit seinen kurzen Stummelärmchen ein Bild von einem weiblichen T-Rex in schwarzen Strapsen an die Wand kritzelte und somit die Stufe der kulturellen Entwicklung des Spatzenhirns erreichte. Nun daraus wäre dann das Rad, die Waffe und irgendwann sicherlich die Entwicklung des Computers hervorgegangen, hätte sich gleich draußen ums Eck nicht bei einer Massekollision alles gegen die Dinos gewendet. Ba-Boom!

So besagt es die eine Theorie, aber was spielt das für eine Rolle? Klar ist doch, die Dinosaurier hatten keine Liste, auf der sie sehen konnten, dass sich der Mensch irgendwann die Erde untertan gemacht haben würde. Ohne Zufall wären sie noch heute da – wahrscheinlich recht dezimiert und auf der Suche nach genügend Energie, um ihren Fortschritt wirtschaftlich zu halten. Außer vielleicht, ihr Hirn hätte sich zu einem mit-dinosaurierachtenden Wunderwerk der Erkenntnisumsetzung entwickelt. Egal, denn jetzt sind wir dran. Wir haben PCs und Museen, in denen wir uns gelangweilt die Knochenreste solcher einstiger Überwesen anschauen können.

Der Zufall wollte es so. Alles muss sich dem Zufall beugen. Weil alles in Abhängigkeit steht, ob große Massen oder kleinste Teilchen bis hin zu bloßen Strahlen und tatsächlich auch der Krone der Schöpfung, nämlich uns.

Partypeople, das ist doch klar, dass wir schon allein wegen 7 Milliarden und sogar vernetzten Mitbewohnern mit jeweils unzähligen Hirnnerven, die alle mal einer Fehlfunktion unterlaufen können, nicht vor den Konsequenzen eines kleinen Zufalls gefeit sind. Und jeder kennt doch auch solche Momente: unabhäng gleiche Gedanken, ein Treffen, ein Unfall, ein guter Tipp, Glück und Pech. Moment. Sind Glück und Pech nicht eher Fragen des auch so ominösen Schicksals? Tritt da nicht der Masterplan auf die Bühne? Steckt da eventuell eine Metaphysik dahinter? Quasi absolut-dunkle Materie?

Oh Gott, was steckt da bloß dahinter? Panik!
Entwarnung!

Warum ist es denn bitte sehr so wichtig, was hinter all dem steckt oder ob es nämlich doch gar kein Zufall war, dass wir hier sind, bzw. das jeder Zufall einem Grund entspringt, den man erforschen könnte? Und das Ergebnis der Forschung ist dann wieder nur eine vieler Theorien über Naturwissenschaft oder Gott.

Was aber wiederum von keiner Seite anzuzweifeln sein sollte, ist die Tatsache, dass Teilchen zur Unordnung tendieren. Je nach Ordnungzustand geht das manchmal ziemlich schnell, wie auf meinem Schreibtisch, manchmal dauert das gerne mal eine Millionen Jahre, bis zwei verfestigte Ordnungsbollen auf ihrem geordneten Weg durchs Universum kollidieren und so eventuell das Aussterben einer Art auslösen. Es wird passieren. Irgendwo da draußen.

Und in der Größenordnung, in der wir uns, als kleinste Teilchen eines unbegreiflich großen Universums befinden, ist es doch so gesehen kein unbegründeter Zufall mehr, dass uns manchmal ein Zufall passiert. Der Auslöser in dieser Kettenreaktion ist der Hang zum Chaos. Zum Zerfall. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen. Und wehe dem, der danach sucht!

Ich fordere deshalb mindestens eine Stunde pro Tag, an der sich ein jeder dem Zufall hingeben sollte. Ich empfehle mit möglichst vielen Lebewesen und Gegenständen in einen Raum zu gehen, da dort die zufallsbegünstigende Unordnung in allen Ecken und Engen lungert.

Viel Spaß beim Zufallen!



Im Himmel

Ich wache auf und atme tief durch. Mein Blick schweift über saftig grüne Baumkronen. Ich liege auf weichem Waldboden. Die Vögel zwitschern und die Sonne blinzelt durch die Wipfel. Zwei Männer kommen auf mich zu.

„Willkommen Junge.“
„Wo bin ich?“
„Im Himmel. Willkommen im Himmel.“
„Ja. Hallo.“
„Möchtest du jemanden sehen Junge?“
„Ist das ein Witz?“
„Nein. Wenn du jemanden sehen möchtest, sag es einfach Junge.“
„Jetzt nicht, danke.“

Die beiden helfen mir auf die Beine. Sie lächeln die ganze Zeit. Mein Gott wie schlecht ist das!? Sie wollen mir sagen, ich wäre gerade aus dem Leben geschieden und lächeln dabei wie zwei Schuljungen am letzten Tag vor den Ferien. Soll ich das etwa glauben? Die beiden lassen mich einfach so im Wald stehen. Sie gehen und reden und lachen. Hier stehe ich nun… Ist das ein Traum? Ich höre Stimmen. Oh Gott! Eine Gruppe alter Menschen kommt singend und tanzend durch den Wald gesprungen.

„Ist das ein Traum?“
„Haha. Willkommen im Himmel Junge.“

Sie schlängeln sich durch die Bäume hinweg in die Ferne. Ein kleines Kind rennt an mir vorbei. Ist das ein Traum? Ich spüre den Waldboden unter meinen Füßen. Ich rieche den Duft der Bäume. Es tut weh, wenn ich mich kneife. Wenn ich gegen einen Baum spucke, tropft der Speichel davon herunter. Noch ein kleines Kind rennt vorbei.

„Hey Kleiner! Wie komme ich aus dem Wald?“
„Da drüben ist der Weg.“

Ich weiß nicht, wer mich hier verarschen will, aber das muss irgendwo ein Ende haben. Man kann ja unmöglich die ganze Welt dazu bringen, mich zu verarschen. Auch die Truman Show hatte ihre Grenze.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich gegangen bin, aber jetzt stehe ich auf einer Kreuzung. Es gibt einen Wegweiser, auf dem sechs Schilder angebracht sind, die auf sechs Wege in sechs verschiedene Richtungen weisen: Meer, Savanne, Steppe/Wüste, Gebirge, Tundra/Eis, Grasland. Na das erinnert mich doch zu sehr an den Erdkundeunterricht. Wollen wir doch mal sehen, ob sie es geschafft haben, gleich nach dem sommerlich grünen Wald eine winterlich öde Eislandschaft hinzuzaubern! Nach nur wenigen Schritten sehe ich vor mir das Ende der Baumreien. Dahinter ist es weiß. Schneeweiß.

Ich stehe mitten im Schnee. Einen Schritt zurück und ich stehe wieder im Wald. Wahnsinn! Aber der Schnee kann nicht echt sein. Mir ist nicht kalt. Ich empfinde noch die gleiche Temperatur wie im Wald. Egal ob ich nach links oder rechts schaue, die Grenze zwischen Wald und Schnee zieht sich endlos. Optische Tricks. Irgendwo muss das Ende sein. Eine Frau kommt auf mich zu. Ihren Augen nach, scheint sie asiatisch zu sein.

„Hallo Junge. Kommst du mit?“
„Wohin gehen wir?“
„Komm mit.“

Ich kann nicht sagen, wie lange ich mittlerweile schon hier bin. Aber ich habe alle Landschaften besucht. Ich war im Schnee und danach in der Wüste. Sie grenzen haarscharf und endlos aneinander. Danach bin ich zurück und durch den Schnee in den Wald und dann ans Meer. Vom Meer aus bin ich wieder in den Schnee, dieses mal aber ohne den Wald zu durchqueren. Als ich im Gebirge war, bin ich auf den höchsten Berg gestiegen. Ich war dort oben und habe das Ende des Gebirges gesucht, aber ich konnte es nirgends entdecken. Wenn ich querfeldein gehe, scheinen die Landschaften endlos zu sein. Wünsche ich mir jedoch, zurück auf den Weg zu kommen, dauert es keine 500 Schritte und ich stehe wieder auf einer Kreuzung. Von dort aus wiederum sind es keine 2000 Schritte und ich bin an der Grenze zweier Landschaften angelangt. Jede Landschaft scheint an jede andere zu grenzen, aber eine Verbindung existiert nur über den Weg. Das ist kein Trick und kein Traum.

Ich bin tot. Ich werde nicht mehr müde und ich habe keinen Hunger mehr. Ich kann essen was ich will. Ich kann von hohen Felsen auf den Boden springen, unter Wasser atmen – ich bin der Highlander. Der Unterschied zum Film ist, hier gibt es nicht nur einen einzigen, hier gibt es unendlich viele Unsterbliche – beziehungsweise Tote. Und alle scheinen glücklich zu sein. Sie reden miteinander und lächeln die ganze Zeit. Niemand pisst einander an und keiner wird wütend. Wenn ich die Menschen anspreche und ihnen Fragen stelle, dann sagen sie immer wieder das Gleiche: „Das ist der Himmel Junge. Hier hat man keine Sorgen.“.

Letztendlich habe ich mich für das Meer entschieden, weil ich das Meer liebe. Es beruhigt mich. Ich liege am Strand und gehe schwimmen. Ich schaue den Frauen zu, wie sie sich ohne Bekleidung in die mächtigen Wellen stürzen, vom Wasser verschluckt werden und nach wenigen Momenten lachend wieder auftauchen. Ich flirte mit ihnen und verliebe mich so oft. Aber bis jetzt hat sich noch keine wirklich auf mich eingelassen. Sie lächeln nur. Sie plaudern belangloses Zeug. Wenn ich sie streichle, streicheln sie mich auch. Dann stehen sie auf und gehen und wünschen mir einen wunderschönen Tag und lachen. Ich würde sie gerne küssen, aber sie lassen es nicht zu. Ich habe das Gefühl, sie weichen mir aus.

Wer weiß, wie lange ich schon hier bin… Ich habe meine Vorfahren getroffen. Sie scheinen alle so glücklich zu sein. Meine Oma versteht sich sogar wieder mit meiner Mutter, obwohl sie im Leben bis auf den Tod verstritten waren. Bis auf den Tod. Sagt man deshalb so? Ich habe mit alten Klassenkameraden gesprochen, die bei der Fahrt zurück von der Disko ums Leben kamen, weil der Fahrer mindestens so betrunken war, wie die anderen Insassen. Sie haben sich verziehen und lachen herzhaft, wenn sie an die alten Zeiten denken. Ich habe historische Persönlichkeiten getroffen, die allesamt glücklich und zufrieden waren. Ghandi wollte nichts mehr von Krieg und Indien wissen. Er sagte nur: „Junge mach dir keine Sorgen. Du bist im Himmel.“. Übrigens sprechen sie alle meine Sprache. Ich kann jeden treffen, an den ich denke, denn dann weiß ich, wo ich ihn finden kann. Natürlich habe ich Marilyn Monroe getroffen. Und all die anderen verstorbenen Schönheiten. Man könnte es sich hier so richtig gut gehen lassen, aber anscheinend bin ich der einzige, der noch menschliche Bedürfnisse hat. Ich zweifle oft, ob ich hier überhaupt sein sollte. Vielleicht war es ja auch nur ein bürokratischer Fehler. Vielleicht lebe ich noch, obwohl ich tot bin.

Seit einiger Zeit werde ich verfolgt. Ein alter Mann. Ich lasse es mir nicht anmerken, dass ich ihn entdeckt habe. Ich warte bis er mich aus den Augen lässt, dann schleiche ich mich von hinten an ihn heran.

„Hallo alter Mann!“
„Hallo Junge.“
„Warum verfolgst du mich?“
„Machst du dir Sorgen?“
„Ich – warum willst du das wissen alter Mann?“
„Komm mit Junge.“

Wir gehen in den Wald und verlassen dort den Weg.

„Wie heißt du Junge?“
„Markus. Und du?“
„Rea.“
„Rea?“
„Rea, ja Junge. Entschuldige, aber ich kann mir deinen Namen nicht merken. Ich habe aufgehört mir andere Namen zu merken.“
„Ok schon gut alter Mann, was willst du?“

Der alte Mann erzählt mir von seinen über 2000 Jahren im Himmel. Er erzählt mir von seinen ersten Tagen hier. Wie großartig alles war. Doch dann kam die Erkenntnis, dass es immer und immer so sein würde.

„Ja alter Mann. Alle sind glücklich. Immer! Hier gibt es eben keine Probleme.“
„Du hast es erfasst. Keine Probleme. Aber das Glück hier ist die reine Scheinheiligkeit. Das Schlimmste ist, dass du hier von Menschen angelächelt wirst, die hier nicht hergehören. Menschen, die viel Böses getan haben und dann doch noch zu Gott gefunden haben. Diebe, Betrüger, Kinderficker. Viele dieser gefickten Kinder sind nicht hier, weil sie im Leben keine Chance hatten, einen Glauben an das Gute zu finden. Verstehst du Junge? Hier ist alles so verdammt scheinheilig!“

Er erzählt mir, dass ich wie er einer der wenigen bin, die etwa alle eintausend Jahre mit einem genetischen Defekt auf die Welt kommen, der dazu führt, dass sie im Himmel noch immer die volle Bandbreite an Emotionen besitzen – dass sie nach dem Tod noch menschlich bleiben. Er erzählt mir von seiner großen Depression, die dazu führte, dass er die anderen anschrie und schlug. Aber sie lächelten weiter. Und er wurde plötzlich älter.

„Weil du die anderen geschlagen hast?“
„Ja Junge. Ich denke, dass war die Strafe. Als ich hier herkam, war ich so alt wie du. Dann habe ich auf einen alten Mann eingeschlagen und plötzlich wurde ich ein alter Mann!“
„Wer macht das? Gott?
„Ich weiß es nicht, aber pass auf dich auf Junge. Er wird dich nicht sterben lassen. Wenn dann schickt er dich in die Hölle.

Wir unterhalten uns noch sehr lange. Dann zieht er weiter. Er sagt, ich könne ihn oben in den Bergen finden. Er lebt dort alleine. So wie alle anderen auch, die denselben genetischen Defekt haben.

Im Himmel ist alles gut. Alle sind glücklich. Grundlos glücklich. Es gibt keine Anstrengung auf die Belohnung wartet. Es gibt keine Probleme, die zur Zufriedenheit gelöst werden können. Es gibt keine Furcht, die durch Geborgenheit bekämpft werden könnte. Es gibt keine gebrochenen Herzen, weil kein Herz mehr erobert werden kann. Es gibt keinen Hass, weil Liebe die Selbstverständlichkeit ist. Für manche ist das der Himmel. Für mich ist es die Hölle. Und ich warte bis in alle Ewigkeit in meinem Versteck tief unten im Meer.



Kommt euch das bekannt vor?

Also Leute, meine Rede: „Das was das Leben so schön macht, ist das Leben an sich und nicht das, was danach kommt!

Es gibt zwei Wege, unsterblich zu werden. Den Weg der guten und den Weg der schlechten Erinnerung an einen. Den schlechten Weg zu gehen ist ganz einfach und geht rasend schnell. Hass und Abscheu sind relativ einfach zu erregen und haben eine verdammt lange Lebensdauer. Aber wer damit Leben will, wird nicht glücklich im Leben sein. Im schlechtesten Fall entsteht aus der erzeugten Isolation ein Wahnsinn um die fehlende Zwischenmenschlichkeit zu kompensieren. Und dann? Dann kann gehofft werden, dass es höchstens nur eines Opfers bedarf, um dem Wahnsinn ein Ende zu machen. Dennoch ist die Verlockung groß, denn Anti-Helden haben große Attraktivität – zu jeder Zeit, noch bis Zufriedenheit gerecht verteilt ist (womit mit Sicherheit keine abstruße Utopie gemeint wäre). Charly Manson, Adolf Hitler, Che… Alle haben andere Menschen auf dem Gewissen. Jeder hat seinen Fan-Club. Besonders die, deren Ideen von ihren Fans als sehr ‚human‘ bezeichnet werden. Haha, ihr Spaßvögel… ‚Normalhumandenkende‘ werden sie jedoch für immer mit Hass und Abscheu belegen.

In guter Erinnerung zu bleiben, ist hingegen verdammt anstrengend und oftmals sinndienlicherweise nur selten von Aufmerksamkeit verfolgt. Aber es ist der Weg zur Zufriedenheit. Im Leben. Nicht erst mit Eintritt der ewigen Ruhe. Wie denn nun der Weg der guten Erinnerung ausschaut? Das weiß doch jeder. Wurde doch schon so viel drüber geschrieben. Wer noch nie was darüber gelesen hat, kann sich ja mal Gedanken machen. Oder mal was lesen oder besser noch mit anderen darüber reden.

Und jetzt der Clou am ganzen Leben: Jeden Tag, ohne Grund, ohne Zögern kann zwischen den Wegen geswitcht werden. Das gilt für alle und ist auch von allen machbar. Wie ihr euch entscheidet ist leider eure Sache, aber behauptet später nicht, ihr hättet nie die Wahl gehabt oder nie die Chance bekommen, euch zu ändern! Denn davon könnt ihr euch danach auch nichts mehr kaufen…

Und wer mir jetzt vorwirft, ich würde große Töne kotzen, weil das alles gar nicht so einfach sei, der sollte sich mal anschauen auf seinem Thron der Einsamkeit und raffen, dass es das Leben so verdammt wert ist, dafür ohne Unterlass zu kämpfen! Leute, wer vom Pferd gefallen ist, der klopft sich den Dreck vom Rücken und vom Arsch, schaut dem Pferd tief in die Augen, steigt wieder auf und schreit, ‚jetzt erst recht!‘. Und Leute, wenn ihr nicht wisst, wie man ‚reitet‘ dann fragt einen der sieben Milliarden anderen Menschen, die größtenteils auch schon Zig-Mal vom Pferd gefallen sind. Ihr wisst ja – Zwischenmenschlichkeit! Und keiner beißt euch den Kopf ab…

So, und wer mir noch vorwerfen will, dass ich ein romantischer Arschkriecher mit utopischen Vorstellungen und übertolleranter Anschauung bin, weil ich jedem die Chance zuspreche, sich zu ändern, der sollte nochmals darüber nachdenken, wie einfach Hass zu empfinden ist, und dass auch ich Hass für die empfinde, die mir schuldhaft weh getan haben. Das haben sie verdient. Ich belege solche Leute dann mit dem, was sie wirklich straft – ich belege sie mit Vergessenheit. Nicht ihre Taten, aber ihre Person. Die Taten, die Empfindungen dadurch werden bleiben. Sie sollen mahnen. Wer einem anderen Menschen schuldhaft weh tut, wird sich so eine weitere Chance verbauen, ewig in Erinnerung zu bleiben – ‚unsterblich‘ zu werden.“.

Das war meine Rede. Ich weiß, es kommt einem irgendwie bekannt vor. Wurde ja aber echt schon tausendmal gesagt. Die meisten haben aus dem ganzen – trotz Abraten – einen Kult gemacht. Viele denken sogar, es wäre allein der Kult, der das ganze Leben besser macht. Aber wir haben doch nur eines! Kein Buch der Welt kann es uns zurück geben, wenn es dann zu spät ist.



Ein schönes Lob!

Neulich betrat ich meine Stammkneipe, begrüßte den Chef und die Angestellten, meine Freunde und meine Feinde. Für diesen Abend war ein Konzert angesagt, aber die Headliner konnten aus irgendeinem Grund nicht auftreten und so blieb nur noch die Vor-Band, bestehend aus einem einzelnen Künstler, übrig.

Dem entsprechend war auch nicht viel los in der Kneipe. Leider. Der alleinige Unterhalter in Sachen Musik hatte keine andere Wahl, als dennoch auf die Bühne zu treten und mit der Gitarre in der Hand seine selbstgeschriebenen Songs zu performen. Der Name des Herrn ist Tom Mess und da ich ihn vom ersten Anblick an sympatisch fand, dachte ich mir, ich höre mir mal an, was er so zu sagen hat. Vor der Bühne war gähnende Leere. Die Musik, die er spielte war nicht unbedingt sehr tanzbar. Also saßen die wenigen, die da waren nur auf ihren Stühlen und lauschten oder unterhielten sich. Ich setzte mich auf die Treppenstufen gleich vor der Bühne und hörte zu. Mit Gitarre und Stimme schaffte es Tom Mess, eine gute Show abzuliefern. Sich seiner Situation bewusst, lies er es zu, die wenigen Zuschauer neben sich stehen zu lassen, anstatt sich arrogant abzuheben, wie es viele Musiker und Künstler leider sonst machen. So erhielten wir ein privates und sehr persönliches Konzert mit genügend Ruhe, die Wirkung der Musik und der Texte spüren zu können. Ein Freund von mir, der kurz die Zeit gefunden hatte, sich vom Tischkicker und seinem Bier zu entfernen, um sich mal anzuschauen, woher denn die Musik kam, legte mir meine Aufmerksamkeit für diese als schlechte Laune und Stimmungstief aus.

Zwei Wochen später erfuhr ich, dass Tom Mess an diesem Abend so gut wie keine Lust hatte, überhaupt aufzutreten. Verständlich, denn die leere Kneipe, der fehlende Headliner und die große Lust einfach nichts zu tun und unauffällig Bier zu trinken trugen sicherlich zu seiner Demotivation bei. Nach dem Konzert unterhielt er sich mit einer Freundin von mir und sagte ihr, dass es ihn aufgebaut und gefreut hätte, weil ich mir die Ruhe und die Zeit genommen hatte, ihm zuzuhören und ihm allein dadurch positives Feedback zu geben. Sie gab mir dieses Lob weiter. Für mich ist es ein Lob, denn es zeigt mir, dass ich etwas richtig getan hatte. Und ich empfinde es als doppeltes Lob, weil es mir durch eine dritte Person weitergegeben wurde, was leider auch nicht mehr so selbstverständlich ist. Vielen Dank!

Tom Mess ist bei MySpace.



An die, die es angeht!
Dezember 2, 2009, 10:37 pm
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Nachdenken darf – und sollte – Zeit in Anspruch nehmen.
Wir sind doch nicht auf der Flucht vor der Vernunft! Oder!?  😉