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Maschinenstopp in Halle 7

Als Herr Schneider Halle 7, „Abteilung für dehnbare Kunststoffe“, betrat, leuchtete noch immer das rote Licht, welches den kompletten Produktionsstopp signalisierte. Für den gelernten Maschinenwart kein unbekanntes Signal, da er es schon etliche Male während seiner 38-jährigen Laufbahn mit störrischen, bockigen, kaputten und überalteten Maschinen zu tun hatte.

Er saß in seiner Werkstatt, bekam einen Anruf, eilte los und für gewöhnlich behob er den Schaden binnen weniger Minuten zur vollsten Zufriedenheit aller und seiner selbst. An jenem Tag jedoch bekam Herr Schneider keinen Anruf, sondern eine Statusmeldung auf seinem neuen Computer. Und weil das alles so neu war, entdeckte er die Meldung erst um 13:20 Uhr, also drei Minuten nach Maschinenausfall.

Erschrocken kleckerte er den Kaffee auf die Hose und die Marmelade seines Brotes auf die Schuhe. Beinahe wäre ihm der Werkzeugkasten heruntergefallen und beim Verlassen der Werkstatt musste er gerade wieder umdrehen, um noch einmal einen Blick auf den Monitor zu werfen, da ihm der Maschinenstandort entfallen war.

So kam es also, dass der Maschinenwart im Schein des Rotlichts beinahe kreideweiß zu sein schien, da sich die peinliche Röte seines Kopfes und die des Lichts gegenseitig aufhoben. Wohingegen die Gesichter der pausierenden Arbeiter wie rote Lampignons den Hallengang begleiteten. Hier und da konnte Herr Schneider ein „wie lange dauerts noch“, ein Räuspern oder das Ausatmen von Rauch hören.

Bei der ausgefallenen Maschine warteten bereits zwei Männer in Anzügen auf Herrn Schneider. Der eine war noch sehr jung und trug einen gepflegten Kurzhaarschnitt, der andere war bereits mittleren Alters und hatte gar keine Haare mehr auf dem Kopf. Die beiden schauten immer wieder nervös auf ihre Uhren. Als sie den heraneilenden Maschinenwart sahen, wurden sie noch hektischer und redeten gleichzeitig auf ihn ein.

„Wo bleiben Sie denn?“, „Wir müssen schnell das Problem lösen!“, „Haben Sie den keinen Computer?“, „Sie müssen das schleunigst reparieren!“. Herr Schneider ignorierte zunächst die Fremden, ging zur Maschine und begann die Ölstände zu prüfen. „Gestatten, Meier, Workflow-Management.“, stellte sich der ältere Herr vor, „Frankert mein Name“, sagte der Jüngere. Herr Schneider nahm indessen die Stromverbindungen unter die Lupe.

„Nun Herr Schneider, wir sind etwas besorgt, da diese Maschine wichtig für die gesamte Produktion dieser Halle ist. Wir wollen sicher sein, dass möglichst kein Ausfall mehr eintritt.“. Es lag weder am Öl, noch am Strom, also konnte nur noch ein mechanischer Getriebeschaden in Frage kommen. „Herr Schneider, warum schauen Sie denn nicht auf das Maschinenterminal? Es hat eine automatische Fehlererkennung.“.

Jetzt unterbrach Herr Schneider seinen Prüfvorgang, denn von einem Terminal hatte er noch nie gehört. Tatsächlich befanden sich an der Maschine ein Monitor und eine Tastatur. Er hatte wohl von gewissen Neuerungen erfahren, die die Wartung und Bedienung vereinfachen sollten. Aber noch gab es keine Schulung, in der dem Maschinenwart erklärt wurde, wie er damit zu arbeiten hatte.

„Frankert mein Name. Ich bin der Computerspezialist an Bord.“. „Aha“, sagte Schneider, „ein Computerspezialist!“. „Diplom Informatiker um genau zu sein.“. Herr Schneider fühlte sich ein bisschen übergangen und es verärgerte ihn, dass er nicht informiert wurde. „Also Herr Frankert, was sagt uns dieser Computer?“, meldete sich Herr Meier zu Wort. „Sehen Sie her. Um 13:17 Uhr exakt war Maschinenstopp. Die gelb leuchtenden Bereiche sind als mögliche Ursachenquellen gekennzeichnet.“.

Herr Schneider beobachtete die gelben Flecken auf einem groben Umrissplan der Maschine. Er erkannte die Ölleitungen und die Stromzufuhr wieder, die er ja bereits geprüft hatte. Zudem waren ein paar gelbe Flecken auf der Rotation und im hinteren Antrieb zu sehen. Er nahm sein Werkzeug und machte sich daran, die Rotation frei zu legen. „Herr Schneider, was machen Sie da?“, fragte Herr Meier.

„Ich prüfe die Rotation. Das gelbe Ding da auf dem Computer.“. „Aber Herr Schneider nun lassen Sie doch den Computer machen. Er wurde extra programmiert!“, gab Herr Frankert, ein bisschen enttäuscht, dazu. Schneider ging zurück zu den beiden Männern, die sich vor dem Monitor aufgebaut hatten und wie aufgeregte Schulkinder darauf warteten, noch mehr gelbe Flecken zu entdecken. Der Informatiker klapperte auf der Tastatur herum und Herr Meier nickte seinen Kopf dazu, wie bei einem Konzertbesuch.

Die drei Männer standen vor dem Terminal, beobachteten Tabellen, Schaltpläne, gelbe, grüne und blaue Flecken und Frankerts flinke Finger auf der Tastatur, die englische Begriffe und komische Abkürzungen auf den Monitor zauberten. „Sehen Sie, um 13:17 Uhr könnten folgende Faktoren für den Ausfall einschlägig sein.“. Eine Liste mit mindestens zehn Zeilen rollte über den Bildschirm. Herr Schneider wurde bereits ganz nervös, weil er die Rotation überprüfen wollte, aber nicht durfte.

Herr Meier kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Herr Frankert bemerkte, dass sogar andere Maschinen in den Ausfall einbezogen sein könnten, woraufhin Herr Meier ein Telefon aus der Tasche zückte und bei einem Herrn Scholarek anrief, welcher zwei Minuten später bei ihnen war und mit auf den Monitor starrte. „Nun meine Herren,“ sprach Herr Scholarek, „was wir bisher wissen ist, dass der Ausfall der Maschine, der Fehler quasi, von mehreren Faktoren abhängig sein kann und dass die Maschine immernoch still steht.“.

Die anderen Herren stimmten ihm zu. Herr Schneider wurde noch unruhiger, da er den Stillstand gerne behoben hätte. Während die drei anderen den Computer beobachteten, zündete er sich eine Zigarette an und ging ein paar Meter weiter zu einem der wartenden Arbeiter. „Was machen die Herren da?“, wollte der Maschinist vom Maschinenwart wissen. „Ich weiß es nicht, aber ich denke, sie machen eine Wissenschaft daraus. Ihr könntet schon lange wieder produzieren, wenn man mich nur an die Maschine lassen würde.“, erwiderte Herr Schneider.

„Und warum schickt man uns nicht einfach nach Hause?“. „Das ist unnötig, ich kann die Maschine reparieren, sobald die Herren dieses Computerding verstanden haben.“. Als die Zigarette zu Ende geraucht war, ging der Maschinenwart zurück zu den Herren Meier, Frankert und Scholarek. Diese notierten sich bereits irgendwelche Daten auf Zettel und stellten Rechnungen mit mehreren Unbekannten und Faktoren auf, die sie allesamt nicht sicher beantworten konnten.

„Nun meine Herren, was wäre wenn der ursächliche Zusammenhang für zukünftige Probleme der gleichen Art eben diese verhindern könnte und wir nun nicht wissen, wie sie lauten, nur, wann sie eingetreten sind? Das ist doch die Frage!“, stellte Herr Scholarek fest. „Richtig erkannt!“, stimmte ihm Herr Meier zu. „Herr Frankert, bitte fragen Sie den Computer, welche Fehlerquellen zu welchem Zeitpunkt ausschlaggebend waren und wie diese voneinander abhängig sind“.

Herr Frankert klapperte die Tasten der Tastatur rauf und runter, grübelte und dachte nach. Dann drückte er auf eine große rote  Taste und auf dem Monitor erschienen endlose Zeichenketten. Faktoren wurden genannt, zu anderen Faktoren in Verbindung gesetzt, Unbekannte hypotetisch bekannt und Ergebnisse zu weiteren Fragen formuliert. „Oh mein Gott, wir haben eine Endlosschleife hervorgerufen!“, rief Herr Frankert plötzlich.

Herr Schneider ging zur Maschine, schlug heftig gegen die Rotation und plötzlich setzte sich das Getriebe wieder in Gang und das Rotlicht der Produktionsstopplampen erlosch. Die Arbeiter in der Halle atmeten auf und machten sich an die Arbeit, wie als wäre nichts geschehen. Die drei Männer in ihren Anzügen schauten sprachlos zu Herrn Schneider.

„Als ich hier angefangen habe, hatten wir keine Computer. Ich kenne mich mit Maschinen aus. Ich repariere sie. Ich muss nicht wissen, warum etwas schief ging, sondern wie ich es wieder zum laufen bringe. Sonst sitzen wir noch morgen hier und niemand kann arbeiten.“. Mit diesen Worten verließ Herr Schneider die Gruppe und ging zufrieden wieder in seine Werkstatt um Kaffee zu trinken.



Was hindert uns daran, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten?
April 4, 2012, 5:30 pm
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Diese Frage würde ich gerne in einer Art Diskussion beantworten. Also seid ihr alle herzlich dazu eingeladen, eure Meinung dazu zu schreiben.

Zunächst aber meine eigenen Überlegungen:

Was hindert uns daran, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten?

Bevor ich auf Hinderungsgründe eingehe, will ich versuchen, zu skizzieren, wie ich gerne behandelt werden möchte. Und ich denke, viele Menschen wollen ähnlich oder gleich behandelt werden.

Ich selbst möchte gut behandelt werden. Was heißt gut und warum gut?

Also mein Verständnis vom Sinn des Lebens ist, dass ich ein glückliches und zufriedenes Leben führe. Zum einen will ich, dass meine Grundbedürfnisse gestillt sind, zum anderen will ich dabei ein gutes Gefühl haben, also rundum glücklich sein.

Zu den Grundbedürfnissen gehören z.B. körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit und soziale Beziehungen. Körperliche Grundbedürfnisse sind banal gesehen die Atmung,Wärme, Trinken, Essen, Schlaf. Unter Sicherheit fallen Unterkunft, Gesundheit, Schutz vor Gefahren und Ordnung. Soziale Beziehung umfassen Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Nächstenliebe, Sexualität, Fürsorge und Kommunikation. In der Psychologie werden vier Grundbedürfnisse aufgezählt: Bindungsbedürfnis, Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, Bedürnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung. (Quelle: Wikipedia Grundbedürfnis)

Manche dieser Ziele kann ich natürlich ganz egoistisch im Alleingang erreichen. Dafür beschneide ich aber andere Grundbedürfnisse, die ich durch eine egoistische Bedürfnissstillung behindere. Einfach ausgedrückt, was habe ich von all dem Spaß, wenn ich ihn nicht mit jemandem teilen kann?

Ich unterteile deshalb in Glück und Zufriedenheit. Zufriedenheit sind all die Bedürfnisse, die ich auch egoistisch erreichen kann. Also körperliche Grundbedürnisse und Bedürfnisse der Sicherheit, bzw. das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und das Bedürfnis nach Selbstwertehöhung und Selbstwertschutz. Bei genauer Betrachtung stellt man aber bereits fest, dass selbst diese egoistischen Bedürfnisse nur durch Stillung der Glücks-Bedürfnisse zufriedenstellend sind. Wie soll ich in anbetracht psychosomatischer Auswirkungen körperlich zufrieden sein, wenn ich Stress mit anderen Menschen habe? Wie soll mein Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung gestillt sein, wenn ich weiß, dass ich Feinde habe? Wie soll ich volle Kontrolle erreichen, wenn ich weiß, dass es Leute gibt, die meine Kontrolle unterwandern?

Glück und Zufriedenheit geben sich also die Klinke in die Hand und sind voneinander abhängig. Aus eigener Erfahrung kann ich dies nur bestätigen.

Jetzt sieht man ja bereits, dass die eigenen Bedürfnisse von anderen abhängig sind. Was ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist, ist dass jeder Mensch solche Grundbedürfnisse hat und jeder diese Bedürfnisse stillen möchte.

Daraus ergeben sich einfache Verhaltensweisen, die uns Menschen auf Grund unserer evolutionären Entwicklung immanent sind. Interpretiert man zum Beispiel Teile der Bibel als sozialen Verhaltensratgeber, so könnte man die zehn Gebote als recht sinnvoll erachten. Andererseits sind diese sicherlich von damaligen Moralvorstellungen geprägt und lassen menschliche (animalistische) Bedürfnisse außer Acht. Solche Moralvorstellungen begegnen uns aber auch bei der heutigen Interpretation von Bedürfnissen. Hier ist ganz klar von erlernter und angeborener Moral zu unterscheiden. Hier ist zum Beispiel darauf hinzuweisen, dass bereits Kinder das Töten anderer nicht gut finden, oder dass Altruismus auch bei Tieren und Kleindkindern vorhanden ist.

Ich hoffe, ich konnte jetzt kurz, aber nachvollziehbar darstellen, warum die Stillung meiner Grundbedürfnisse in mir das einfache Bedürfnis erwecken, gut behandelt zu werden.

Nun dazu, wie man erreicht, gut behandelt zu werden. Wer ein Restaurant besucht oder eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, erwartet, gut behandelt zu werden. Aber auch bei alltäglichen Begegnungen mit Fremden, hat man solche Erwartungen.

Was ist eine gute Behandlung? Am einfachsten ist die Antwort wohl, wenn man die schlechten Behandlungsmöglichkeiten ausgrenzt. Will man angestresst werden? Will man einen unfreundlichen Blick kassieren? Will man beleidigt werden? Kurz, will man respektlos behandelt werden? Nein. Respektlos behandelt zu werden macht nicht glücklich. Will man belogen werden? Will man gespielte oder geheuchelte Sympathie ernten? Will man verarscht werden? Kurz, will man unehrlich behandelt werden? Nein, unehrlich behandelt zu werden macht ebenfalls nicht glücklich.

Fazit ist also, ich will respektvoll und ehrlich behandelt werden.

Ich muss also die Menschen in meinem Umfeld und auch Fremde dazu bringen, mich respektvoll und ehrlich zu behandeln. Die Ehrlichkeit setzt voraus, dass der Respekt nicht geheuchelt ist und der Respekt erfordert, mit Ehrlichkeit auf mich zuzugehen. Erzwungener Respekt und erzwungene Ehrlichkeit widersprechen also meiner Meinung nach den beiden Anforderungen, da sie sich gegenseitig einschließen. Respekt durch Terror zu erzwingen bedeutet, den anderen zum Lügner zu machen, weil der Respekt nicht auf ehrlicher Sympathie beruht, sondern auf Selbstschutz.

Ich kann wohl kaum davon ausgehen, dass mir Ehrlichkeit und Respekt entgegengebracht werden, wenn ich nicht ebenso Respekt und Ehrlichkeit entgegenbringe. Sowieso muss ich davon ausgehen, dass meine Mitmenschen auf mich reagieren. Am Beispiel des Restaurants würde man sagen, der Kellner war so unfreundlich, dass ich ihm kein oder wenig Trinkgeld gebe. Beziehungsweise, der Kellner war so super, dass ich gerne Trinkgeld gebe.

Denn wie bereits erläutert, stillt eine gute Behandlung die Grundbedürfnisse. Werden diese gestillt, nehmen Glück und Zufriedenheit zu. Ist man glücklich und zufrieden, strahlt man dieses auch nach außen aus. Wie wichtig diese Ausstrahlung ist, sieht man daran, dass allein die Kommunikation zwischen den Menschen größtenteils non-verbal funktioniert. Wie ich also den anderen gegenübertrete, wie ich sie behandle, ist ausschlaggebend dafür, wie sie mich wahrnehmen, ob sie sympathisieren oder meiner Person aus dem Weg gehen möchten, weil sie eine Störung ihrer eigenen Grundbedürfnisse fürchten.

Ein einfaches Beispiel für eine solche positive non-verbale Ausstrahlung ist das Lächeln. Lächeln macht glücklich. Wer dazu gerne mehr erfahren will, findet eine nette Zusammenstellung auf Brigitte.de! Hehe. Nicht umsonst wird Verkäufern gesagt, dass sie möglichst lächelnd kassieren sollen. Die Körpersprache ist aber nur ein Teil, wie man positiv mit anderen umgehen kann, um wiederum selbst gut behandelt zu werden. Je enger eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist, desto häufiger und expliziter müssen Respekt und Ehrlichkeit zum Ausdruck gebracht werden, um die Enge, das Vertrauen, aufrecht zu erhalten. Wird man also ständig nur beschimpft oder als Lügner bezeichnet, verliert man schnell die Lust, sich respektvoll und ehrlich zu verhalten.

So denke ich, müsste einfach ausgedrückt klar sein, warum es sinnvoll ist, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Was hindert und also daran? Warum behandeln manche Menschen andere schlecht? Worin liegt deren Motivation?

Zuerst muss man als Hindernis wohl Erkrankungen nennen. Diese können sowohl psychischer als auch physischer Art sein. Da solche Erkrankungen ein wenig mehr Platz in Anspruch nehmen, spare ich mir einzelne Aufzählungen und bleibe bei einem bekannten Beispiel. Wer einen Mangel in der Wahrnehmung hat, kann sich nicht sicher sein, woran er beim andern ist und wird deshalb seine Selbstschutzmechanismen nutzen. Dies ist bei Alkohol oft der Fall, der die Wahrnehmung stark verändert. Betrunkene reagieren oftmals überzogen auf Dinge, die sie verfälscht wahrnehmen und denen sie dann alkoholbedingt eine falsche Gewichtung zuordnen.

Psychologisch wichtig sind Traumata und Depressionen. Erlebnisse, die einschneidende Erfahrungen waren und nicht bewältigt wurden. Durch sie findet quasi eine Umgewichtung der Grundbedürfnisse statt. Daraus können also auch Erwartungen an soziale Grundbedürfnisse verzerrt werden. Erwartungen an die Mitmenschen, Toleranzen und Launen können verändert sein.

Zum zweiten hängt eine Schlechtbehandlung auch von Erziehung und Erfahrung ab. Uns wurden mit Sicherheit gewisse Maßstäbe beigebracht, an denen wir messen, ob wir jemanden respektieren sollen oder ob nicht. Hier spielen wieder Moralvorstellungen und Werte eine große Rolle. Jemand, der gelernt hat, dass das Dienstpersonal minderwertig ist, wird diesem schwerlich mit vollem Respekt gegenübertreten. Wer HartzIV-Empfänger für faul hält, wird sie nicht so respektieren, wie einen erfolgreichen Arbeitnehmer. So kann zum Beispiel die Bewertung einer Eigenschaft an der einen Person positiv und an einer anderen Person negativ stattfinden, obwohl die Eigenschaft vollkommen gleich ist und zudem nicht einmal Charakterbestimmend.

So!

Soviel mal vorerst zu meiner Meinung. Ich würde mich über andere Meinungen sehr freuen. Behandelt mich gut! Hehehe… Spaß, ich denke mein Karma-Konto sieht ganz gut aus. Auf das Thema bin ich übrigens durch Politik gestoßen.

Vielleicht bieten sich durch die Diskussion also auch Gedanken zur Überwindung solcher Hindernisse an. Utopie…?



Im Himmel

Ich wache auf und atme tief durch. Mein Blick schweift über saftig grüne Baumkronen. Ich liege auf weichem Waldboden. Die Vögel zwitschern und die Sonne blinzelt durch die Wipfel. Zwei Männer kommen auf mich zu.

„Willkommen Junge.“
„Wo bin ich?“
„Im Himmel. Willkommen im Himmel.“
„Ja. Hallo.“
„Möchtest du jemanden sehen Junge?“
„Ist das ein Witz?“
„Nein. Wenn du jemanden sehen möchtest, sag es einfach Junge.“
„Jetzt nicht, danke.“

Die beiden helfen mir auf die Beine. Sie lächeln die ganze Zeit. Mein Gott wie schlecht ist das!? Sie wollen mir sagen, ich wäre gerade aus dem Leben geschieden und lächeln dabei wie zwei Schuljungen am letzten Tag vor den Ferien. Soll ich das etwa glauben? Die beiden lassen mich einfach so im Wald stehen. Sie gehen und reden und lachen. Hier stehe ich nun… Ist das ein Traum? Ich höre Stimmen. Oh Gott! Eine Gruppe alter Menschen kommt singend und tanzend durch den Wald gesprungen.

„Ist das ein Traum?“
„Haha. Willkommen im Himmel Junge.“

Sie schlängeln sich durch die Bäume hinweg in die Ferne. Ein kleines Kind rennt an mir vorbei. Ist das ein Traum? Ich spüre den Waldboden unter meinen Füßen. Ich rieche den Duft der Bäume. Es tut weh, wenn ich mich kneife. Wenn ich gegen einen Baum spucke, tropft der Speichel davon herunter. Noch ein kleines Kind rennt vorbei.

„Hey Kleiner! Wie komme ich aus dem Wald?“
„Da drüben ist der Weg.“

Ich weiß nicht, wer mich hier verarschen will, aber das muss irgendwo ein Ende haben. Man kann ja unmöglich die ganze Welt dazu bringen, mich zu verarschen. Auch die Truman Show hatte ihre Grenze.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich gegangen bin, aber jetzt stehe ich auf einer Kreuzung. Es gibt einen Wegweiser, auf dem sechs Schilder angebracht sind, die auf sechs Wege in sechs verschiedene Richtungen weisen: Meer, Savanne, Steppe/Wüste, Gebirge, Tundra/Eis, Grasland. Na das erinnert mich doch zu sehr an den Erdkundeunterricht. Wollen wir doch mal sehen, ob sie es geschafft haben, gleich nach dem sommerlich grünen Wald eine winterlich öde Eislandschaft hinzuzaubern! Nach nur wenigen Schritten sehe ich vor mir das Ende der Baumreien. Dahinter ist es weiß. Schneeweiß.

Ich stehe mitten im Schnee. Einen Schritt zurück und ich stehe wieder im Wald. Wahnsinn! Aber der Schnee kann nicht echt sein. Mir ist nicht kalt. Ich empfinde noch die gleiche Temperatur wie im Wald. Egal ob ich nach links oder rechts schaue, die Grenze zwischen Wald und Schnee zieht sich endlos. Optische Tricks. Irgendwo muss das Ende sein. Eine Frau kommt auf mich zu. Ihren Augen nach, scheint sie asiatisch zu sein.

„Hallo Junge. Kommst du mit?“
„Wohin gehen wir?“
„Komm mit.“

Ich kann nicht sagen, wie lange ich mittlerweile schon hier bin. Aber ich habe alle Landschaften besucht. Ich war im Schnee und danach in der Wüste. Sie grenzen haarscharf und endlos aneinander. Danach bin ich zurück und durch den Schnee in den Wald und dann ans Meer. Vom Meer aus bin ich wieder in den Schnee, dieses mal aber ohne den Wald zu durchqueren. Als ich im Gebirge war, bin ich auf den höchsten Berg gestiegen. Ich war dort oben und habe das Ende des Gebirges gesucht, aber ich konnte es nirgends entdecken. Wenn ich querfeldein gehe, scheinen die Landschaften endlos zu sein. Wünsche ich mir jedoch, zurück auf den Weg zu kommen, dauert es keine 500 Schritte und ich stehe wieder auf einer Kreuzung. Von dort aus wiederum sind es keine 2000 Schritte und ich bin an der Grenze zweier Landschaften angelangt. Jede Landschaft scheint an jede andere zu grenzen, aber eine Verbindung existiert nur über den Weg. Das ist kein Trick und kein Traum.

Ich bin tot. Ich werde nicht mehr müde und ich habe keinen Hunger mehr. Ich kann essen was ich will. Ich kann von hohen Felsen auf den Boden springen, unter Wasser atmen – ich bin der Highlander. Der Unterschied zum Film ist, hier gibt es nicht nur einen einzigen, hier gibt es unendlich viele Unsterbliche – beziehungsweise Tote. Und alle scheinen glücklich zu sein. Sie reden miteinander und lächeln die ganze Zeit. Niemand pisst einander an und keiner wird wütend. Wenn ich die Menschen anspreche und ihnen Fragen stelle, dann sagen sie immer wieder das Gleiche: „Das ist der Himmel Junge. Hier hat man keine Sorgen.“.

Letztendlich habe ich mich für das Meer entschieden, weil ich das Meer liebe. Es beruhigt mich. Ich liege am Strand und gehe schwimmen. Ich schaue den Frauen zu, wie sie sich ohne Bekleidung in die mächtigen Wellen stürzen, vom Wasser verschluckt werden und nach wenigen Momenten lachend wieder auftauchen. Ich flirte mit ihnen und verliebe mich so oft. Aber bis jetzt hat sich noch keine wirklich auf mich eingelassen. Sie lächeln nur. Sie plaudern belangloses Zeug. Wenn ich sie streichle, streicheln sie mich auch. Dann stehen sie auf und gehen und wünschen mir einen wunderschönen Tag und lachen. Ich würde sie gerne küssen, aber sie lassen es nicht zu. Ich habe das Gefühl, sie weichen mir aus.

Wer weiß, wie lange ich schon hier bin… Ich habe meine Vorfahren getroffen. Sie scheinen alle so glücklich zu sein. Meine Oma versteht sich sogar wieder mit meiner Mutter, obwohl sie im Leben bis auf den Tod verstritten waren. Bis auf den Tod. Sagt man deshalb so? Ich habe mit alten Klassenkameraden gesprochen, die bei der Fahrt zurück von der Disko ums Leben kamen, weil der Fahrer mindestens so betrunken war, wie die anderen Insassen. Sie haben sich verziehen und lachen herzhaft, wenn sie an die alten Zeiten denken. Ich habe historische Persönlichkeiten getroffen, die allesamt glücklich und zufrieden waren. Ghandi wollte nichts mehr von Krieg und Indien wissen. Er sagte nur: „Junge mach dir keine Sorgen. Du bist im Himmel.“. Übrigens sprechen sie alle meine Sprache. Ich kann jeden treffen, an den ich denke, denn dann weiß ich, wo ich ihn finden kann. Natürlich habe ich Marilyn Monroe getroffen. Und all die anderen verstorbenen Schönheiten. Man könnte es sich hier so richtig gut gehen lassen, aber anscheinend bin ich der einzige, der noch menschliche Bedürfnisse hat. Ich zweifle oft, ob ich hier überhaupt sein sollte. Vielleicht war es ja auch nur ein bürokratischer Fehler. Vielleicht lebe ich noch, obwohl ich tot bin.

Seit einiger Zeit werde ich verfolgt. Ein alter Mann. Ich lasse es mir nicht anmerken, dass ich ihn entdeckt habe. Ich warte bis er mich aus den Augen lässt, dann schleiche ich mich von hinten an ihn heran.

„Hallo alter Mann!“
„Hallo Junge.“
„Warum verfolgst du mich?“
„Machst du dir Sorgen?“
„Ich – warum willst du das wissen alter Mann?“
„Komm mit Junge.“

Wir gehen in den Wald und verlassen dort den Weg.

„Wie heißt du Junge?“
„Markus. Und du?“
„Rea.“
„Rea?“
„Rea, ja Junge. Entschuldige, aber ich kann mir deinen Namen nicht merken. Ich habe aufgehört mir andere Namen zu merken.“
„Ok schon gut alter Mann, was willst du?“

Der alte Mann erzählt mir von seinen über 2000 Jahren im Himmel. Er erzählt mir von seinen ersten Tagen hier. Wie großartig alles war. Doch dann kam die Erkenntnis, dass es immer und immer so sein würde.

„Ja alter Mann. Alle sind glücklich. Immer! Hier gibt es eben keine Probleme.“
„Du hast es erfasst. Keine Probleme. Aber das Glück hier ist die reine Scheinheiligkeit. Das Schlimmste ist, dass du hier von Menschen angelächelt wirst, die hier nicht hergehören. Menschen, die viel Böses getan haben und dann doch noch zu Gott gefunden haben. Diebe, Betrüger, Kinderficker. Viele dieser gefickten Kinder sind nicht hier, weil sie im Leben keine Chance hatten, einen Glauben an das Gute zu finden. Verstehst du Junge? Hier ist alles so verdammt scheinheilig!“

Er erzählt mir, dass ich wie er einer der wenigen bin, die etwa alle eintausend Jahre mit einem genetischen Defekt auf die Welt kommen, der dazu führt, dass sie im Himmel noch immer die volle Bandbreite an Emotionen besitzen – dass sie nach dem Tod noch menschlich bleiben. Er erzählt mir von seiner großen Depression, die dazu führte, dass er die anderen anschrie und schlug. Aber sie lächelten weiter. Und er wurde plötzlich älter.

„Weil du die anderen geschlagen hast?“
„Ja Junge. Ich denke, dass war die Strafe. Als ich hier herkam, war ich so alt wie du. Dann habe ich auf einen alten Mann eingeschlagen und plötzlich wurde ich ein alter Mann!“
„Wer macht das? Gott?
„Ich weiß es nicht, aber pass auf dich auf Junge. Er wird dich nicht sterben lassen. Wenn dann schickt er dich in die Hölle.

Wir unterhalten uns noch sehr lange. Dann zieht er weiter. Er sagt, ich könne ihn oben in den Bergen finden. Er lebt dort alleine. So wie alle anderen auch, die denselben genetischen Defekt haben.

Im Himmel ist alles gut. Alle sind glücklich. Grundlos glücklich. Es gibt keine Anstrengung auf die Belohnung wartet. Es gibt keine Probleme, die zur Zufriedenheit gelöst werden können. Es gibt keine Furcht, die durch Geborgenheit bekämpft werden könnte. Es gibt keine gebrochenen Herzen, weil kein Herz mehr erobert werden kann. Es gibt keinen Hass, weil Liebe die Selbstverständlichkeit ist. Für manche ist das der Himmel. Für mich ist es die Hölle. Und ich warte bis in alle Ewigkeit in meinem Versteck tief unten im Meer.



Kommt euch das bekannt vor?

Also Leute, meine Rede: „Das was das Leben so schön macht, ist das Leben an sich und nicht das, was danach kommt!

Es gibt zwei Wege, unsterblich zu werden. Den Weg der guten und den Weg der schlechten Erinnerung an einen. Den schlechten Weg zu gehen ist ganz einfach und geht rasend schnell. Hass und Abscheu sind relativ einfach zu erregen und haben eine verdammt lange Lebensdauer. Aber wer damit Leben will, wird nicht glücklich im Leben sein. Im schlechtesten Fall entsteht aus der erzeugten Isolation ein Wahnsinn um die fehlende Zwischenmenschlichkeit zu kompensieren. Und dann? Dann kann gehofft werden, dass es höchstens nur eines Opfers bedarf, um dem Wahnsinn ein Ende zu machen. Dennoch ist die Verlockung groß, denn Anti-Helden haben große Attraktivität – zu jeder Zeit, noch bis Zufriedenheit gerecht verteilt ist (womit mit Sicherheit keine abstruße Utopie gemeint wäre). Charly Manson, Adolf Hitler, Che… Alle haben andere Menschen auf dem Gewissen. Jeder hat seinen Fan-Club. Besonders die, deren Ideen von ihren Fans als sehr ‚human‘ bezeichnet werden. Haha, ihr Spaßvögel… ‚Normalhumandenkende‘ werden sie jedoch für immer mit Hass und Abscheu belegen.

In guter Erinnerung zu bleiben, ist hingegen verdammt anstrengend und oftmals sinndienlicherweise nur selten von Aufmerksamkeit verfolgt. Aber es ist der Weg zur Zufriedenheit. Im Leben. Nicht erst mit Eintritt der ewigen Ruhe. Wie denn nun der Weg der guten Erinnerung ausschaut? Das weiß doch jeder. Wurde doch schon so viel drüber geschrieben. Wer noch nie was darüber gelesen hat, kann sich ja mal Gedanken machen. Oder mal was lesen oder besser noch mit anderen darüber reden.

Und jetzt der Clou am ganzen Leben: Jeden Tag, ohne Grund, ohne Zögern kann zwischen den Wegen geswitcht werden. Das gilt für alle und ist auch von allen machbar. Wie ihr euch entscheidet ist leider eure Sache, aber behauptet später nicht, ihr hättet nie die Wahl gehabt oder nie die Chance bekommen, euch zu ändern! Denn davon könnt ihr euch danach auch nichts mehr kaufen…

Und wer mir jetzt vorwirft, ich würde große Töne kotzen, weil das alles gar nicht so einfach sei, der sollte sich mal anschauen auf seinem Thron der Einsamkeit und raffen, dass es das Leben so verdammt wert ist, dafür ohne Unterlass zu kämpfen! Leute, wer vom Pferd gefallen ist, der klopft sich den Dreck vom Rücken und vom Arsch, schaut dem Pferd tief in die Augen, steigt wieder auf und schreit, ‚jetzt erst recht!‘. Und Leute, wenn ihr nicht wisst, wie man ‚reitet‘ dann fragt einen der sieben Milliarden anderen Menschen, die größtenteils auch schon Zig-Mal vom Pferd gefallen sind. Ihr wisst ja – Zwischenmenschlichkeit! Und keiner beißt euch den Kopf ab…

So, und wer mir noch vorwerfen will, dass ich ein romantischer Arschkriecher mit utopischen Vorstellungen und übertolleranter Anschauung bin, weil ich jedem die Chance zuspreche, sich zu ändern, der sollte nochmals darüber nachdenken, wie einfach Hass zu empfinden ist, und dass auch ich Hass für die empfinde, die mir schuldhaft weh getan haben. Das haben sie verdient. Ich belege solche Leute dann mit dem, was sie wirklich straft – ich belege sie mit Vergessenheit. Nicht ihre Taten, aber ihre Person. Die Taten, die Empfindungen dadurch werden bleiben. Sie sollen mahnen. Wer einem anderen Menschen schuldhaft weh tut, wird sich so eine weitere Chance verbauen, ewig in Erinnerung zu bleiben – ‚unsterblich‘ zu werden.“.

Das war meine Rede. Ich weiß, es kommt einem irgendwie bekannt vor. Wurde ja aber echt schon tausendmal gesagt. Die meisten haben aus dem ganzen – trotz Abraten – einen Kult gemacht. Viele denken sogar, es wäre allein der Kult, der das ganze Leben besser macht. Aber wir haben doch nur eines! Kein Buch der Welt kann es uns zurück geben, wenn es dann zu spät ist.